1. Timotheus 1,13
Andachten
Mir ist Barmherzigkeit widerfahren.
Paulus schrieb diese Worte, als er sich erinnert hatte, dass er ehemals ein Lästerer und ein Verfolger und ein Schmäher gewesen sei, und wiederholt sie V. 16., nachdem er gesagt hatte, dass er unter den Sündern, das ist, unter den schlimmen und schädlichen Menschen, die seit der Himmelfahrt Christi begnadigt worden, der fürnehmste oder erste sei. Es gibt Leute, die sich so brüsten und gefallen, dass es scheint, sie warten zum Seligwerden auf etwas Anderes, als auf Barmherzigkeit. Ihrem Bedünken nach widerführe ihnen ein großes Unrecht, wenn sie verdammt würden. Mit solchen Leuten aber kann sich Gott nicht gnädiglich einlassen, bis sie durch innerliche und äußerliche Schläge gedemütigt sind. Viele verlangen Barmherzigkeit von Gott, aber nur in der Absicht auf ihre äußerlichen Umstände. Allein die äußerlichen Umstände Pauli wurden schwerer, da er ein Christ und ein Apostel worden war: denn vorher war er ein bei den jüdischen Hohenpriestern beliebter Eiferer, und hatte sich durch den emsigen Dienst, den er ihnen bei der Verfolgung der Christen leistete, den Weg zu Ehrenstellen gebahnt; nachdem er aber in den Dienst des HErrn Jesu getreten war, erfuhr er Schmach, Armut, Nachstellungen, und eine sehr lange Reihe von Leiden. Und doch sagte er: mir ist Barmherzigkeit widerfahren. Ängstliche Leute, welche ihre große Verschuldung vor Gott einsehen, ihre Sündenlast fühlen, und ihre Untüchtigkeit zu allem Guten empfinden, wollen sich allzulang nicht zum Glauben erwecken und reizen lassen. Allein sie sollen bedenken, durch was ihnen geholfen werden soll, nämlich durch Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit aber ist ein Wohlwollen gegen die Elenden, eine Zuneigung zu den Unwürdigen. Gott sagt: Ich sehe an den Elenden, und der zerbrochenen Geistes ist, und der sich fürchtet vor Meinem Wort Jes. 66,2. dieses gnädige und erquickliche Ansehen ist Barmherzigkeit.
Die Barmherzigkeit, von welcher Paulus rühmet, dass sie ihm widerfahren sei, bestand nach V. 14. darin, dass ihm Gnade widerfuhr, und dass in sein ungläubiges Herz der Glaube und in sein feindseliges Herz die Liebe, die in Christo Jesu ist, gepflanzt wurde. Er stand also hernach nicht mehr unter dem Zorn Gottes, weil ihm Gnade widerfahren war. Er war nicht mehr unwissend und ungläubig, weil er an den HErr Jesum gläubig worden war. Er war auch kein Lästerer und Verfolger und Schmäher mehr, sondern liebte die Heiligen in Christo Jesu. Und so war sein ganzer Zustand geändert und gebessert. Überdies machte ihn unser HErr Christus Jesus stark, und vertraute ihm etwas Großes an, indem Er ihn in das Apostelamt setzte V. 12. Dieser Barmherzigkeit war sich Paulus bewusst, und deswegen konnte er freimütig und ohne Furcht und Zweifel schreiben: mir ist Barmherzigkeit widerfahren.
Wer noch nicht genug Freudigkeit hat, Paulo diese Worte nachzusprechen, oder wer sein Elend fühlt, und nach einer weiteren Erfahrung der göttlichen Barmherzigkeit begierig ist, kann mit David beten: Gott sei mir gnädig nach Deiner Güte, und tilge meine Sünden nach Deiner großen Barmherzigkeit Ps. 51,3. Gedenke meiner nach Deiner Barmherzigkeit Ps. 25,7. Wende Dich zu mir nach Deiner Barmherzigkeit Ps. 69,17. Lass mir Barmherzigkeit widerfahren, dass ich lebe, denn ich habe Lust zu Deinem Gesetz Ps. 119,77. Doch wenn dies Verlangen und Bitten ernstlich und anhaltend, und der Geist dabei ohne Falsch ist: so schenkt Gott Stunden und Tage, da die Seele mit Freuden empfindet, dass ihr Barmherzigkeit widerfahren sei. (Magnus Friedrich Roos)
Mir ist Barmherzigkeit widerfahren; denn ich habe es unwissend getan im Unglauben.
Damals, als Paulus den Kampf gegen die Christenheit führte, hieß das, was er dachte, seine völlig gewisse Erkenntnis und meinte, seine Überzeugungen seien unangreifbar, da die klaren Aussagen der Schrift sie begründeten. Jetzt aber nennt er alles, was er damals dachte, Unwissenheit. Von allem machte er sich ein völlig falsches Bild, von dem, was die Judenschaft war und mit ihrem Gottesdienst erreichte, von dem, was Jesus war und an seinem Kreuz geschaffen hat, von dem, was die Jünger Jesu waren und in ihrer neuen Gemeinde taten. Alles stellte er sich anders vor, als es war, alles so, wie es zu seinem eigenen Willen passte. Aus der Unwissenheit können aber nur verkehrte Schritte entstehen; sie führt zur Verdammung der Gerechten, zum wahnsinnigen Wagen, das Gottes Werk stören will. Paulus hat aber im Rückblick auf das, was er einst getan hat, nicht nur von seiner Unwissenheit gesprochen, sondern sich auch ungläubig genannt. Hätte er nur in Unwissenheit gehandelt, so diente ihm das zur Entschuldigung. Dann bedurfte er nur das, dass ihm zur Erkenntnis geholfen wurde. In der Tat war er dessen bedürftig, der den Nebel seiner blinden Gedanken verscheuchte und ihm die Wahrheit enthüllte. Er brauchte aber eine noch größere Gabe als Unterricht, nämlich Vergebung, weil er nicht nur aus Unwissenheit, sondern aus Unglauben gehandelt hat. Es gab auch in der Zeit, da er Verfolger war, Stunden, in denen die Decke riss, die seine wirren Gedanken über die Dinge bereiteten, in denen die Schrift so zu ihm sprach, dass sie das Wort Jesu bestätigte, und er der herrlichen Heiligkeit Jesu nicht widersprechen konnte und das Bekenntnis der Jünger an ihm seine Wahrheitsmacht bewährte. Solche Stunden, in denen ein Lichtstrahl zwischen unsere eigenen dunklen Gedanken hineinfällt und uns die Dinge anders zeigt, als wir meinen, tragen den Ernst der Entscheidung in sich. Dann ringen Wahrheit und Unwissenheit in uns miteinander und es kommt ans Licht, wohin unser Wille strebt, woran wir unsere Liebe hängen. Unsere Unwissenheit und unser Unglaube stützen sich gegenseitig. Unsere verkehrten Gedanken widersetzen sich dem Glauben, den wir der Wahrheit schulden, und unser Unglaube, der ihr nicht gehorchen mag, macht unsere törichten Gedanken in uns fest. Wir durchschauen das, was in uns geschieht, nie ganz und können darum uns und die anderen weder entschuldigen noch beschuldigen. Aber keiner von uns urteilt redlich, wenn er nur seine Unwissenheit sich zum Schutze geltend macht. Sie hat immer ihren Bundesgenossen in unserem Unglauben, und deshalb gibt es keinen, der nicht das bedurfte, was Paulus als Jesu große Gabe preist, die Barmherzigkeit, die uns vergibt.
Nicht aus dem, was mir fehlt, entsteht, mein Herr und Gott, meine schwere Not, sondern aus dem, was Du mir gabst und ich nicht schätzte und wegstieß. Ich fühle freilich beständig die dunkle Beschattung und enge Begrenzung meines Blicks; aber die Klage, vor der es keine Rechtfertigung gibt, entsteht aus dem, was ich vergeblich weiß, aus der Erkenntnis, die unfruchtbar bleibt, weil ich inwendig ihr Gegner bleibe. Darum ist das Wort vom Kreuz in seiner Torheit mein Heil, weil ich für meinen Unglauben Dein Vergeben brauche und es empfange am Kreuz Deines Sohnes, unseres Herrn. Amen. (Adolf Schlatter)