Römer 15,1
Andachten
In diesem Kapitel ermahnt Paulus weiter die Christen zu Rom zur geduldigen, demütig tragenden, einigenden Liebe in Nachahmung des Hauptexempels Christi, der sich aller zusammen, Juden wie Heiden, in tiefster Selbsterniedrigung angenommen hat. V. 1-13. Dann verantwortet er sich, dass er als Heidenapostel auch an die Römer geschrieben habe, und drückt abermals seine Wünsche und Hoffnungen aus, dass er nun selbst bald persönlich zu ihnen kommen werde V. 14-24. Endlich meldet er, dass er den Weg über Jerusalem nehme, empfiehlt ihrer Liebessorge gar zart die dürftigen Judenchristen daselbst und ihrem Gebet empfiehlt er sich selbst V. 25-33. Dies der Hauptinhalt dieses Kapitels. Ich nehme mir insbesondere aus demselben aber den 13ten Vers heraus: Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Friede im Glauben, dass ihr völlige Hoffnung habt durch die Kraft des Heiligen Geistes. Ohne Glauben gibt es allerdings für das Herz weder wahre noch bleibende Freude noch Frieden. Der Ungläubige hat auch seinen Frieden, seine Freuden aber sie sind nur Schein und von kurzer Dauer. Durch den Glauben hingegen kann Gott Alles zur Freude und zum Frieden machen, Tod und Leben, gute und böse Tage, Einsamkeit und Gemeinschaft. Ist die Freude und der Friede aber so ergriffen worden, dann haben wir auch völlige Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. Die Hoffnung, die aus der Welt geschöpft wird, ist nie eine völlige und täuscht zuletzt immer, sie behält allezeit einen gewissen Grad von Ängstlichkeit und Ungewissheit. Nur was Gott gibt, ist etwas Völliges; solche Hoffnung ist dann auch eine Kraft, die auffahren lässt mit Flügeln wie Adler. In dieser Hoffnung ist der lebendige Tröster verborgen, der Heilige Geist, der, wie er unsere Gegenwart mit aller Freude und Friede erfüllt durch den Glauben, auch unsere Zukunft uns so öffnet und nahe stellt, dass, was wir vor uns sehen, uns eben so erfüllt und eben so unser wird auf ewige Zeit, als die kurze Gegenwart. Wie viele Wahrheiten in wenigen Worten! Lass sie auch bei mir Kraft und Leben werde. Amen. (Friedrich Arndt)
Wir aber, die wir stark sind, sollen die Gebrechlichkeit der Schwachen tragen.
Einer trage des andern Last. Galater 6,2.
Seid aber unter einander freundlich, herzlich, und vergebt einander, so wie euch Gott vergeben hat in Christo. Epheser 4,32.
Welche Lasten haben wir unserm Heilande aufgelegt - „fürwahr, er trug unsere Krankheit - Gott warf all unsre Sünden auf ihn -“ und wie sanft, wie stille ging das Lamm unter unsrer Last, ohne seinen Mund aufzutun. Er sagt wohl: Du hast mir Arbeit gemacht mit deinen Sünden, du hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten - aber nicht, um sich zu beklagen oder zu beschweren, oder uns Vorwürfe zu machen - denn er setzt gleich bei: - Ich, ich tilge deine Übertretung um meinetwillen, und gedenke deiner Sünden nicht. Jesaja 43, 24.25. Er will uns also nur zeigen, wie auch wir die Arbeit, Mühe und Last, die uns andere mit ihren Gebrechen auflegen, stillschweigend tragen und ihrer gar nicht gedenken, alle Beleidigungen vergessen und vergeben sollen. Oder wollten wir Vergebung von ihm nehmen, und unsern Brüdern ihre Sünden behalten? Würde er uns nicht machen, wie dem Knecht im Evangelio? Matthäus 18,33.34. Wem die Last, die ihm andere auflegen, zu schwer wird, der sehe auf den Rücken des Lammes Gottes, und frage: Wer hat dir diese schwere Bürde aufgelegt? Wer hat dich so geschlagen? verwundet? getötet? und warum schweigst du so stille und leidest so geduldig? - Die Antwort wird sich dann von selbst geben. (Johannes Evangelista Gossner)
Wir aber, die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen und nicht Gefallen an uns selber haben.
Soll unser Glaube, dass der HErr gekommen ist als der Heiland der Welt, und unsere Hoffnung, dass Er wiederkommen und alles neu machen wird, voll Kraft des Trostes und des Lebens für uns sein, so muss der HErr in Seinem Geist und Worte zu uns kommen, und wir im Geist und Glauben zu Ihm, dass wir in einer lebendigen Gemeinschaft mit Ihm stehen. Die Gemeinde, die Seiner wartet, muss die Adventsgestalt an sich tragen, und welches sie ist, davon zeigt der Apostel ein wesentliches Stück, wenn er sagt, dass die Starken der Schwachen Gebrechlichkeit tragen und nicht Gefallen an ihnen selber haben sollen. Es sind aber die Starken nicht solche, die sich der Welt gleich stellen und doch meinen, gute Christen zu sein, ja wohl gar ihre christliche Freiheit dahin ausdehnen, dass sie immer dem eigenen Sinne folgen und sich aus nichts ein Gewissen machen. Und die Schwachen sind nicht diejenigen, die alle ihre Gleichgültigkeit und Leichtfertigkeit mit der menschlichen Schwachheit zudecken und dabei wissentlich in Sünden leben, ohne dagegen zu kämpfen. Sondern beide, Starke und Schwache, leben dem HErrn, und nur das ist der Unterschied, dass die einen tragen können, was die andern noch nicht zu tragen vermögen, weil sie ängstlich wandeln und in ihrem Gewissen befangen sind. Man soll das nicht verachten, sondern mit Geduld und Langmütigkeit, mit schonender Rücksicht und mit Selbstverleugnung tragen. Es dürfte ein solcher Schwacher dem Herzen Gottes näher stehen, als mancher, der sich für stark hält. Wer Gott gefallen und des Heilandes warten will, darf an sich selber keinen Gefallen haben, der Hochmut hat keinen Heiland. Wer aber sich selbst missfällt, der wird auch die Schwachheit anderer tragen können.
Lieber HErr JEsu, behüte uns vor allem Stolz und Übermut und lass es uns immer recht bedenken, dass Du unsere eigene Schwachheit mit großer Geduld trägst, und dass Du uns immer wieder Dein freundliches Angesicht sehen lässt trotz unserer vielen Gebrechen, damit wir an den Brüdern tun, was Du an uns tust, und Du Deine Jünger in uns erkennen kannst; denn Du nimmst keinen an als Deinen Jünger, der Dir nicht in seinen Brüdern dient. Wir wollen es auch, aber wie wenig vollbringen wir es! Darum hilf, o HErr, mit Dir nur kann's gelingen. Amen. (Hermann Haccius)