Johannes 21,16
Andachten
„Simon Johanna, hast du mich lieb?“
Hier finden wir kein Wort, das an des Jüngers Treulosigkeit erinnerte; seine strafwürdige Feigheit, seine schändliche Verleugnung, seine Flüche und seine Schwüre, seine verräterische Abtrünnigkeit, es wird nichts davon. erwähnt! Die Erinnerung an die dreifache Verleugnung wird ihm nur durch die dreifache, unaussprechlich liebevolle Frage: „Simon Johanna, hast du mich lieb?“ vor die Seele geführt. Als Jesus Seine Jünger am Tore Gethsemanes schlafend antrifft, tadelt Er sie; doch wie verliert der Tadel seine Schärfe durch die hinzugefügte Entschuldigung, „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!“ Wie ganz verschieden von ihren ungerechten Voraussetzungen in Bezug auf Ihn, als Er im Schiffe auf dem See Tiberias schlief, „Meister, fragst du nichts danach, dass wir verderben!“ Das samaritische Weib ist von Sinnlichkeit erfüllt; doch wie sanft redet der Heiland mit ihr, wie schonend und doch mit welcher Treue überzeugt Er jenes verhärtete Gewissen, bis Er es überwunden zu Seinen Füßen sieht! „Wahrlich, das zerstoßene Rohr wird Er nicht zerbrechen und das glimmende Docht wird Er nicht auslöschen.“ „Durch Gottes Güte will Er zur Buße leiten.“ Wenn Andere von unbarmherziger Gewalt sprechen, kann Jesus den größten Übeltäter mit den Worten entlassen: „So verdamme ich dich auch nicht. Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.“
Wie Vielen gewährt es eine unheilige Freude, des Bruders Unrecht zu entdecken, seine Fehler bekannt zu machen, ihm mit herber und ungeduldiger, Strenge, anstatt mit sanfter Schonung und freundlicher Auseinandersetzung, einen Verweis zu erteilen! Wie schön wusste Jesus die größte Empfindlichkeit gegen die Sünde mit dem liebevollsten Mitleiden für den Sünder zu vereinigen, weil er kennt, „was für ein Gemächte wir sind!“ Bei gar manchem Schüler muss man Sanftmut mit der Züchtigung verbinden. Das Gegenteil würde ein empfindendes Gemüt zermalmen oder es zur Verzweiflung treiben. Jesus nimmt auf die zärtlichste Weise Rücksicht auf Seine Jünger, die Schwachen Seiner Herde „in Seinem Busen tragend.“ Durch das Bild eines guten Hirten, der Sein verirrtes Schaf heimträgt, erklärt Er im Gleichnis, was Er so oft durch Sein eigenes Beispiel gelehrt. Er äußert gegen den Verirrten kein Wort unnötiger Härte! In stummer Liebe „legt Er es auf Seine Achseln mit Freuden.“
Leser! trachte danach, Sanftmut mit deinem Tadel zu verbinden; ertrage die Schwächen Anderer; übersehe angeborene Gebrechen; gebrauche nicht Härte, wo Güte hinreicht; verwunde nicht unnötig durch die Erinnerung an frühere Vergehen. Wir sollten, indem wir einen Andern tadeln, lieber fühlen, wie sehr wir selbst den Tadel brauchen. Siehe auf dich selbst,“ ist ein tiefgreifendes Wort der Schrift bei dem Verfahren mit einem irrenden Bruder. Vergiss nicht die Art und Weise, wie dein Herr die ungestüme Anklage zum Schweigen brachte: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Auch sind Zorn und Strenge selten von gutem Erfolg zur Zurückführung des Abgewichenen, oder zur Überwindung des Verstockten. Wie die Kieselsteine, mit welchen David den Riesen erschlug, so sind gewöhnlich sanfte Verweise die mächtigsten. Die Moral der alten Geschichte des Reisenden und seines Mantels gilt hier wie in anderen Fällen. Dem freundlichen Sonnenschein wird es leichter den Mantel zu entfernen, als es dem rauen Sturme war. Es wurde von einem frommen alten Bischof gesagt, „dass er Fehler mit solcher Milde tadelte, dass sie nie wiederholt wurden, nicht weil die Ermahnten sich fürchteten, sondern weil sie sich schämten.“ (John Ross MacDuff)
Simon, Johanna, hast du mich lieb?
Wer ein Diener Christi und ein Haushalter über Gottes Geheimnisse sein will, den fragt der Heiland vor allen Dingen, wie er den Simon Petrus gefragt hat: Hast du mich lieb? Die Frage soll wie ein schneidendes Schwert dem in die Seele dringen, dem der Herr das Hirtenamt auf die Schulter gelegt hat. Hast du mich lieb? Die Frage soll wie ein Weckruf Jeden aus dem Schlafe rütteln, der sich müde hingelegt hat, und unser Heiland hat ihm seine Erlösten auf das Gewissen gebunden. Hast du mich lieb und nicht zuerst dich selbst? Das soll wie das Mahnen eines lieben Freundes Jedem an die Seele dringen, der das Reich Gottes mitbauen will. Wer den Andern sagen will, wie freundlich das Herz Jesu dem Sünder entgegenschlägt, der muss auch diesen Herzschlag selbst gehört haben. Wer den Andern sagen will, wie selig Jesu Auge auf die Seinen niederschaut, der muss auch wirklich einmal das Heilandsauge gesehen haben. Wer die Andern hinführen will in das Wunderland der Erlösung und Bekehrung, der muss selbst in diesem Lande zu Hause sein sonst ist er wie ein tönend Erz und eine klingende Schelle. Diese Frage: Hast du mich lieb? ist aber auch die Adventsfrage an die Gemeinde und an jeden Einzelnen. Jedes Mal, wenn das Geheimnis der Sünde und der Erlösung und der Bekehrung aufs Neue gepredigt wird, jedes Mal dann, wenn Advent wieder kommt, und der liebe Heiland geht seinen neuen Gang durch die Gemeinde und durch die Häuser und zu den Herzen, jedes Mal dann erwacht es wie ein neuer Frühlingsruf: Hast du mich lieb? Und das ganze Werk, das unser treuer Heiland durch sein Wort und durch sein Sakrament an uns vollbringen will, ist zuletzt in der Einen Frage beschlossen: Hast du mich lieb? Es ist ein liebliches Rüsten auf Weihnachten, wenn wir uns recht treulich und ernstlich die Frage Jesu ins Herz schreiben: Hast du mich lieb?
Lasst uns beten: Herr Gott, Du Vater der Liebe, wir bitten Dich, gib uns immer mehr Diener Deines Wortes, die Dich von Herzen lieb haben, und die auf Deine Frage: Hast du mich lieb? auch treulich und ehrlich antworten können: Herr, Du weißt, dass ich Dich lieb habe. Lege Du es aber auch uns allen in das Herz hinein, dass die große Frage Jesu für jedes Menschenherz heißt: Hast du mich lieb? Lass uns in dieser Liebe Dein Geheimnis der Erlösung recht aufnehmen und bewahren. Schenke Du Deine heilige Liebeskraft uns allen in Haus und Werk hinein. Lass auch den heutigen Tag die Macht Deiner Liebe in uns wohnen und gib, dass wir in dieser Liebe dem Weihnachtsfest entgegen warten und unsre Adventslieder erschallen lassen. Amen. (Wilhelm Hunzinger)