Johannes 1,19
Andachten
Die Juden sandten von Jerusalem Priester und Leviten, dass sie Johannes fragten: Wer bist Du?
Die Frage des heutigen Evangeliums: „Wer bist du?“ ist offenbar die wichtigste an uns selbst, die wahre Advents- und Rüstfrage auf Weihnachten. Johannes, der größte Mensch unter allen, die vom Weibe geboren, antwortet: „Ich bin nicht Christus, ich bin nicht wert, Ihm die Schuhriemen aufzulösen, ich bin nur die Stimme des Predigers in der Wüste. Er ist das Wort, ich bin nur die Stimme des Worts. Er ist der Erlöser, ich bin nur ein armer Sünder. Er ist von oben her, ich bin von unten. Er muss wachsen, ich muss abnehmen.“ Ist das nicht auch unser Bekenntnis, wenn wir wahrhaft uns selbst prüfen? Und kommt uns dies Bekenntnis nicht lebendig zum Bewusstsein, wenn wir uns gegen Christum halten? Wie Feuer und Wasser, wie innere Reinigung von den Schlacken und äußere Reinigung vom Schmutz sich unterscheiden: so unterscheidet sich Sein Werk von unserm Werk. Wir können nur erquicken, Er aber heilt. Und wie Gott und Mensch, der Heilige und der Sünder, der Ewige und der Sterbliche sich unterscheiden, so unterscheidet sich Christi Person und unsere Person. Er ist der Ewige, der nach Johannes kam und doch vor ihm gewesen ist, der da war, ehe Abraham war, der als das Wort unbekannt das Licht und Leben der Menschen war in der alten Zeit, der von Ewigkeit her bei Gott war und Gott war; Er ist der Heilige, den die Cherubim und Engel allein würdig loben, - und wir sind befleckte Sünder, Kinder der Finsternis und des Verderbens, unfähig Ihm den geringsten Dienst zu leisten, ja nicht wert, dass Er uns Festtage beschert und in unseren Herzen seine Wohnung aufschlagen will. Wir sind nicht Christus, nicht unsere Selbsterlöser: aber Gottlob! - wir kennen Ihn, der mitten unter uns getreten ist, kennen seine Person, den Zweck seiner Ankunft, seine Erlösung und Erhöhung. Wie das die größte Niedrigkeit für den Menschen ist, Christum nicht zu kennen, und Sünde, Weltsinn, Leichtsinn nicht so tief erniedrigt, als solche Unwissenheit: so ist das unsere wahrhafte Erhöhung und Beseligung, von Ihm zu wissen und mit Ihm in Gemeinschaft zu stehen; ja, das der wahre Adel und die höchste Würde unserer Natur. Und haben wir Ihn erst erkannt, so ist unseres Lebens Aufgabe auch klar und nahe, es ist die, Ihm den Weg zu bereiten, sowohl zu uns als zu Andern! Und zwar durch Buße, Glauben und völlige Hingebung. Haben wir das getan und tun wir das heute und morgen immer gründlicher: dann brich an, heilige Nacht; dann singet ihr Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe!“ und du, Gemeinde: „Hosianna dem Sohne Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ (Friedrich Arndt)
Auch an dich ergehen die zwei wichtigen Fragen: wer bist du? wer ist Christus? sei es, dass Menschen oder der Teufel oder Gott selber dich fragt. Was willst du antworten? Entweder bist du ohne Christus, dann ist dein Zustand der Zustand ohne Gnade, außerhalb des Gnadenstandes, der Zustand eines toten und verlorenen Menschen, der so lange bleibt, so lange du dich nicht zu Christo bekehrst und die drei Schritte der Abkehr von der Sünde, der Umkehr zu dem einzigen Heiland, und der Einkehr in seine versöhnende, vergebende und heilende Gnade nicht tust. Oder aber, du hast diese drei Schritte getan und stehest durch Sinnesänderung und Glauben in einer persönlichen Herzensverbindung mit Christo, und bist durch die Wiedergeburt in Ihn eingepflanzt: wer bist du dann? Dann bist du Einer von denen, welche der Mund des Herrn also anredet: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben; wer in mir bleibet und ich in ihm, der bringet so viele Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Da ist dann ein fester Grund in dir gelegt, der da besteht und dieses Siegel hat: „Der Herr kennet die Seinen;“ und das andere: „Es trete ab von der Ungerechtigkeit, wer den Namen Christi nennet.“ Dieses Doppelsiegel ist das doppelte Kennzeichen, aber auch die doppelte Bestätigung, dass du fest in Christo gegründet bist. Es besteht darin: 1) dass dich der Herr durch den zueignenden Glauben als sein Eigentum anerkennt und dir die Gewissheit schenkt, dass du sein bist und Er dein ist, 2) dass du aber auch von aller wissentlichen Ungerechtigkeit abtretest, welche Ungerechtigkeit in der Lehre Irrlehre heißt, im Wandel aber ein Irrweg ist. Daran erkenne dich als fest in Gott gegründet. Dann wirst du aber auch von dir immer demütiger, von Christo immer höher denken und zeugen; du immer mehr Nichts, Er dir immer mehr Alles werden. O Herr Jesu, lass mich alle Selbsterhöhung fliehen und in Geduld warten, bis Du mich selbst, wenn es Dir gefällig ist, suchen, erhöhen und in Deine ewigen Hütten einführen wirst. Amen. (Friedrich Arndt)
Der Herr war dem Johannes nahe, als diese Frage an ihn gerichtet wurde. Auch uns ist er nahe. Der Herr ist nahe. Er ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende. Sein Fest ist vor der Tür. Vor seinem Angesicht wird denn auch die Frage an uns gerichtet: „Wer bist du?“ Geht ihr nicht aus dem Weg! Sagt nicht in Bescheidenheit: „Da mögen Andere urteilen.“ Nein, du sollst selbst urteilen. Wenn du Andern das Urteil zuschiebst, liegt schon der verborgene Wunsch darinnen, dass du von ihnen gern auf eine hohe Stufe gestellt sein möchtest. Andere können über dich nicht urteilen, weil Keiner von ihnen dein innerstes Wesen kennt. Wer bist du? Hast du auch den Mut zur Demut des Johannes? Willst du auch so von Stufe zu Stufe heruntersteigen? Dass du nicht Christus, nicht Elias und kein Prophet bist, brauchen wir nicht zu erwähnen. Bei uns muss das Kleinwerden in einer andern Weise vor sich gehen. So stelle dem Herrn dein Herz vor. Mal es ihm nicht in Goldfarben. Es sind doch nur Farben der Abendröte, die bald der Nacht weichen müssen. Die Schafskleider zieht er den Pharisäern aus. Die schöne Tünche von den Totengräbern spült die Zeit ab. Schlangen und Ottern müssen alle Jahre ihre Haut abwerfen. Glaube ja nicht, dass du den Herrn damit lockst, dass du dich ihm selbst vorrühmst. Tritt ihm entgegen wie du bist.
Herr Herr, alle Gerechtigkeit und Seligkeit, welche du uns schenken willst, hast du angeknüpft an die Demut. Selig sind, die geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Herr, du zeigst uns dies in deinem Wort, du zeigst uns dies in der Natur. Du machst alle ihre Herrlichkeit zu Staub, ehe dein Gnadentag, unser und auch ihr Verklärungstag kommt. Ach, lass uns doch das verstehen! lass uns in uns gehen! Wir nichts und du Alles! Wir in aller unserer Herrlichkeit so vergänglich wie die Blumen auf dem Felde; und du in deiner Niedrigkeit, in deiner Krippe doch ein König der Ehren! Lass uns vor dir unsere Sünde und Armut bekennen, auf dass du dich mit deiner Gnade und deinem Reichtum zu uns bekennen kommst. Amen. (Fr. Ahlfeld)
Und dies ist das Zeugnis Johannis, da die Juden sandten von Jerusalem Priester und Leviten, dass sie ihn fragten: Wer bist Du? Und er bekannte und leugnete nicht. Und er bekannte: Ich bin nicht Christus! Und sie fragten ihn: Was denn? bist Du Elias? Er sprach: Ich bin es nicht! Bist Du ein Prophet? und er antwortete: Nein! - Da sprachen sie zu ihm: Was bist Du denn? dass wir Antwort geben denen, die uns gesandt haben. Was sagst Du von dir selbst? Er sprach: Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Richtet den Weg des Herrn! wie der Prophet Jesaias gesagt hat.
Welch' eine Klarheit der Selbsterkenntnis! Da steht er, der Gewaltige, in Kamelhaaren gekleidet, - ein hoher Fels ist seine Kanzel, das Jordantal gefüllt von seinen Hörern! seit Eliä Zeiten, der Feuer vom Himmel betete, ist desgleichen nicht dagewesen. Die Obersten in Israel können eine so mächtige Erscheinung nicht übersehen, sie müssen wissen, in wessen Kraft und Geist der Mann einhergeht! - Welch' eine Versuchung, sich selbst groß zu machen! ist er denn nicht der Engel des Bundes, von welchem der Prophet Maleachi geweissagt hat? Warum denn nicht ein solches Bekenntnis? - statt dessen zuerst lauter Nichts! nicht Christus nicht Elias nicht ein Prophet! was denn? - eine Stimme eines Predigers in der Wüste! welch' eine Selbstlosigkeit! nur eine Stimme, nicht die Stimme, eine beliebige nur, frei gewählt, ohne Verdienst und Würdigkeit! und nur eine Stimme! nicht der Redende selbst! ein willenloses Werkzeug, nicht der Werkmeister! Desgleichen ist noch nie dagewesen von Selbstentäußerung! wie ist das möglich bei dem von Natur so hoffärtigen Menschenwesen? es ist möglich, weil die Strahlen Dessen, der nach ihm kommen wird, auch rückwärts fallen. Der Bahnbrecher und Wegbereiter Dessen, welcher, ob Er wohl in göttlicher Gestalt war, es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst, und nahm Knechtsgestalt an, der kann und darf nichts Anderes sein als eine Stimme! Und nun siehe! die Christen-Gemeinde ist voll von dem Glanze des Adventskönigs, der daher kommt auf einem Esel und auf dem Füllen der lastbaren Eselin, ohne Gestalt und Schöne, sanftmütig und von Herzen demütig! lass Seiner Demut Glanz und Seiner Sanftmut Schein auf Dich fallen, dann bricht alles Hohe zusammen, alles Harte wird weich, alles Prunken, Prangen, Bochen wird zuschanden und es bleibt nichts von Dir übrig als eine Stimme, die ruft flehentlich:
Deiner Sanftmut Schild,
Deiner Demut Bild
An mich lege,
Dass nicht Zorn noch Stolz sich rege,
Vor Dir sonst nichts gilt
Als Dein eigen Bild!
In mich präge! (Nikolaus Fries)