Johannes 17,20
Andachten
“Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden.“
Da haben wir eine Fürbitte Jesu für uns, weil wir ja auch zu denen gehören, die durch das Wort der Apostel an ihn gläubig geworden sind. Wenn ein Mensch, den wir lieben und von dessen Glaubensstellung wir überzeugt sind, uns versichert, dass er für uns betet, so kann in dunklen Stunden und schweren Versuchungen die bloße Erinnerung an solche Fürbitte uns eine gewaltige Stütze und Hilfe sein. Oder man könnte auch sagen, dass in solcher Erinnerung uns die Kraft und die Erhörung der Fürbitte spürbar wird. Sollte das nicht in noch ganz anderer Weise der Fall sein, wenn wir uns des Fürsprechers beim Vater erinnern, der uns vertritt mit unaussprechlichem Seufzen! Mir ist wiederholt in besonderen Zeiten geistlicher Not diese Steigerung lebendig geworden; zuerst fiel mir ein, wie dieser und jener meiner Freunde für mich bete, und das fing an, mich aus meiner verzagten Stimmung herauszuheben; im nächsten Augenblick dachte ich an Jesu Fürbitte, und da war das stärkende Vertrauen wieder hergestellt, und der nächste und letzte Absatz war dann das Bewusstsein seiner Nähe. Die Dankbarkeit für das neue Erfahren der alten Treue Gottes strahlte über meinem Erdentag.
Herr Jesus, ich danke dir, dass du mich nicht hast versinken lassen, wenn ich in der größten Schwachheit meines Glaubens steckte. Stärke mir durch solche Erfahrungen den Glauben und bringe mich endlich heim ins Land ohne Versuchungen. Amen. (Samuel Keller)
Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an Mich glauben werden.
Es ist etwas sehr Erfreuliches für uns, dass der HErr Jesus auch für diejenigen gebeten hat, die durch das Wort Seiner Apostel an Ihn glauben würden: denn fürwahr, Er ist der Sohn Gottes, den der Vater allezeit hört, Joh. 11,42. Was begehrte Er aber, da Er für sie betete? Er sagte zu Seinem Vater: Ich begehre, dass sie Alle Eines seien, gleichwie Du Vater in Mir, und Ich in Dir, dass auch sie in Uns Eines seien, auf dass die Welt glaube, Du hast Mich gesandt. Dieses Eines sein muss etwas sehr Großes sein, und die ganze Seligkeit in sich fassen, weil der Heiland für die Gläubigen sonst nichts als dieses begehrt hat. Er hatte Seinen himmlischen Vater V. 3. dadurch geehrt, dass Er Ihn den einigen wahren Gott nannte, und nun begehrte Er, dass die Gläubigen auch Eines, das ist Eine Herde, Ein Volk, Ein Leib, Eine Braut, übrigens aber von der Welt geschieden sein sollen, V. 16. Er begehrte, dass sie Alle Eines sein sollen, gleichwie der Vater in Ihm, und Er in dem Vater sei, oder wie Er und der Vater Eines seien, wie Er V. 22. redet. Der Vater und Sohn sind also nicht nur wegen der Übereinstimmung des Willens Eins; denn wenn Zwei einstimmig denken und wollen, so sagt man deswegen nicht, dass Einer in dem Anderen sei. Auch wird von den Gläubigen nicht gesagt, dass Einer in dem Anderen sein müsse, gleichwie der Vater in dem Sohn, und der Sohn in dem Vater ist, sondern Christus sagt nur, sie sollen Eines sein, gleichwie der Vater in Ihm sei, und Er in dem Vater. Der Vater und der Sohn sind also auf eine höhere Art Eins, als die Gläubigen unter sich sein können: doch sollen auch diese Alle Eins sein auf eine niedrigere Weise, wie der Vater und Sohn auf eine höhere Art Eines sind. Sie sollen in dem Vater und Sohn Eins sein. Alle und ein Jeder für sich sollen mit dem Vater und Sohn Gemeinschaft haben, Alle sollen den Geist des Vaters und des Sohnes empfangen haben, und dadurch mit dem Vater und Sohn vereinigt sein. Alle sollen des Vaters Kinder, des Sohnes Glieder, und Tempel des Heiligen Geistes sein. Bei Allen sollen alle die Gründe der Geistes-Einigkeit vorhanden sein, die Eph. 4,4.5.6. angeführt werden. Ob also gleich die Einigkeit der Gläubigen unter sich nicht an die Einigkeit des Vaters und des Sohnes heranreicht, so reicht sie doch weit über den Gedanken von Freundschaft und Übereinstimmung im Denken und Wollen hinaus. Ein göttlicher Geist ist nach Seinem Wesen in Allen, Ein HErr sieht Alle als Sein Eigentum an, Ein Gott und Vater ist über Allen, durch Alle und in Allen. Ob sie also gleich nicht Einen Menschen miteinander ausmachen, gleichwie die drei göttlichen Personen Ein Gott sind, so werden sie doch durch das einige göttliche Wesen zusammen gehalten und miteinander verbunden. So lange die Sünde nicht ganz vertilgt, und die Heiligen nicht ganz verklärt und über alles Stückwerk der Erkenntnis erhöht sind, kann diese Einigkeit noch nicht vollkommen sein. Sie werden aber einmal vollendet werden in Eines, Joh. 17,23., das ist, sie werden so vollendet werden, dass sie im höchsten Grad, dessen die menschliche Natur fähig ist, in Gott Eine, folglich auch in der Liebe des einigen Gottes ewiglich und völlig vergnügt sein werden. An diesem Allen haben wir vermöge der Fürbitte Jesu Anteil, wenn wir durch das Wort der Apostel an Ihn glauben. (Magnus Friedrich Roos)
Ich bitte nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, auf dass sie alle eins seien, gleich wie der du, Vater, in mir und ich in dir, dass auch sie eins seien, auf dass die Welt glaube, du habest mich gesandt.
Gott einigt uns. Wer sich von Gott löst und sich selbst zum Herrn über sein Leben macht, ist mit niemand mehr eins. Nun misst er alle Dinge nach seinem eigenen Maß, sieht nur auf seine Zwecke, arbeitet, wirbt und kämpft für sich. Da dies die anderen ebenso tun, ist der Streit da. Wir machen den Versuch, ihn dadurch zu verhüten, dass der eine den anderen unterjocht. So entsteht eine um ihn gescharte Gruppe, die ihm dienen muss. Aber Einigung ist das nicht; denn Einigung gibt es nur zwischen Freien. Die Natur kommt uns zu Hilfe, weil sie uns die anderen unentbehrlich macht. Sie zwingt uns, Frieden zu halten, weil wir uns selbst zerstören, wenn wir die anderen verderben. Aber auch dieser erzwungene Friede ist noch nicht Einigung. Gott dagegen einigt uns; denn er ist derselbe für uns alle und macht uns von uns selber frei. Weil Gott uns einigt, macht Jesus aus der Einheit der Seinen seine Bitte. Sie muss erbeten sein, weil Gott sie wirkt. Solange wir mit unseren eigensüchtigen Gedanken ausgefüllt sind, wissen wir nicht einmal, was Einheit ist. Deshalb zeigt sie uns Jesus an seiner Verbundenheit mit dem Vater. „Du Vater, in mir und ich in dir.“ Das war nicht Unterjochung, sondern Geeintheit in der Gemeinsamkeit des Willens. Der Vater steht in seiner herrlichen Einzigkeit auch über dem Sohn und der Sohn steht in seiner eigenen Lebendigkeit vor dem Vater. Dies trennt sie aber nicht, der Vater ist der im Sohn Redende und Wirkende und der Sohn ist mit allem, was er will und tut, in die gebende Gegenwart des Vaters hineingestellt. Diese Einheit ist das Vorbild für die, die nun Jesus für seine Gemeinde erbittet und für sie empfängt. Sie kann ihren Beruf nicht erfüllen, wenn sie in eine gegeneinander kämpfende Schar zerbricht. Sie soll der Menschheit zeigen, dass ihr Herr die Sendung vom Vater empfangen hat, die ihn zum Schöpfer und Herrn der in Gott geeinten Gemeinde macht. Sie ist aber keine Gemeinde, wenn sie die Einheit verliert. So gleicht sie der Welt, in der jeder gegen den anderen sich wehrt, und hat die Kraft verloren, die die Welt zum Glauben führt.
O barmherziger Gott, mache uns eins. Wir finden den Weg zueinander nicht, weil wir das Unsrige suchen. Aber Du vergibst Deiner Christenheit alle ihre Eigensucht und machst uns Deinen Namen groß, der uns von ihr befreit. Um dieses Wunder deiner allmächtigen Barmherzigkeit bitte ich Dich. Amen. (Adolf Schlatter)
Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden; auf dass sie alle Eins seien, wie du, Vater, in mir und ich in dir; dass auch sie in uns Eins seien, auf dass die Welt glaube, du habest mich gesandt.
Der Herr bittet nicht für die Welt; sein Gebet gilt seiner Gemeinde. Aber könnte man nicht sagen: gerade die Welt bedarf dieser Bitte, aber nicht seine Gemeinde? Kann denn da die Eintracht und die Einheit fehlen, wo man ihm gehuldigt und wo er gesprochen hat: Friede sei mit euch? Kann unter denen Streit und Zwietracht sein, die unter seinem Kreuze knien und weinen und danken? Können die einander Feind sein, die mit einander das höchste und seligste Wort können aussprechen: Herr Jesu, wir haben dich lieb? Gibt der Herr nicht allen, die an seinen Namen glauben, das Recht, Gottes Kinder zu heißen, und hört nicht da, wo die Kindschaft Gottes anfängt, alle Scheidung und Trennung unter den Menschen auf? Ist die Gemeinde Gottes nicht notwendig und überall eine Brüdergemeinde? Auf alle diese Fragen müssen wir Ja antworten, und welch ein seliges, himmlisches Ja würde das sein, wenn wir es sagen dürften, ohne zu erröten, ohne uns zu schämen, ohne zu fühlen, dass dieses Ja eine laute Klage und Anklage derer ist, die es sprechen sollten und es nicht sprechen können. Selbst die Welt klagt uns an, dass gerade nirgends mehr Zwietracht herrscht als da, wo die Eintracht sein sollte, nirgends mehr Streit als da, wo es Friede sein müsste auf Erden, nirgends mehr Parteiwesen als da, wo man die Einheit eines Leibes und eines Volkes finden sollte, weil man sich eines Hauptes und eines Königs rühmt. Ach, das Fleisch und des Fleisches Herrschaft ist in das Land und Volk Immanuels eingedrungen und widersteht in seiner Gemeinde seinem Gebete bis auf den heutigen Tag. Oder sollte der Herr die Einheit nur für eine zukünftige Zeit oder für die Auserwählten unter seinen Gläubigen oder für die vollendeten Heiligen erbeten haben? Wie dürfen wir seine Bitte so einschränken? Er zieht mit ihr einen weiten, großen Kreis, in dem alle Raum haben, die seinen Namen anrufen, um selig zu werden, alle, die sich ihm ergeben haben, um ewig ihm anzugehören, alle, die ihm auf tausend nicht eins antworten, die ihm aber sagen können: aufs Wort deiner Apostel haben wir an dich geglaubt. Diese alle schließt der Herr in seine Bitte ein, diese alle kann er einmal fragen: warum habt ihr mein Gebet nicht gehört, warum habt ihr ihm das Herz verschlossen? Hier stehen all die Namen der Männer und Frauen, der Gelehrten und Ungelehrten, der Erwachsenen und der Kinder, die da sagen können: wir glauben, dass Jesus ist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, unser Heiland und unser Herr; alle, die vom Weibe geboren und die aus Gott geboren sind und geboren werden bis an den jüngsten Tag; alle, die in Jesu Herz und im Buch des ewigen Lebens geschrieben stehen. Auch wir gehören dazu; uns alle hat der Herr eingeschlossen in dieses sein heiliges, tiefes Herzensgebet: „auf dass sie alle Eins seien.“
Ach, dass wir seine Stimme hörten und ihr folgten und keiner Stimme, die ihr widerspricht, von wem sie auch komme, wie schön sie auch laute. Ach, dass unser ganzes Herz und Leben davon Zeugnis gäbe, dass wir sein Gebet gehört und Amen dazu gesagt haben! (Friedrich Mallet.)