Johannes 10,14
Andachten
Ich bin ein guter Hirte, und er kenne die Meinen, und bin bekannt den Meinen.
Der Herr kennt dich, kennt deinen Namen, deine Kämpfe, dein ganzes Leben. Er weiß, was dir fehlt, was du bedarfst. Und er weiß es nicht bloß, er will dich versorgen mit Allem, was du bedarfst. Dir soll bei ihm nichts mangeln. Die Welt lässt darben. Wie viel sie dir auch geben mag, dein Herz bleibt doch unbefriedigt und leer. Das hat noch Keiner sagen können, der in der Welt sein Genüge suchte: „Mir mangelt nichts.“ Aber ist der Herr mein Hirt, dann wird mir nichts mangeln. Denn er kennt die Seinen, und er versorgt die Seinen aufs Beste. Ich erkenne die Meinen, und bin bekannt den Meinen.“ Daran merke, ob du zu den Seinen gehörst. Ist er dir wahrhaftig bekannt? Hast du seine Kraft und Gnade erfahren? Hast du ihn in wahrhaftigem Glauben aufgenommen in dein Herz? Es ist die treuste Liebe, die zu dir spricht: „Ich bin ein guter Hirte, und ich erkenne die Meinen.“ Und es ist die Wahrheit selber, die dich fragt und dir dabei auf den Grund des Herzens sieht: Kennst du mich? Erwählst du mich, wie ich dich erwählt habe? Liebst du mich, wie ich dich geliebt habe, und habe mein Leben für dich gelassen!“ Bete doch, dass du ihn erkennen lernst als deinen Hirten, und dich selbst als sein Eigentum. Bete, dass du sein eigen bist und bleibst, damit es auch von dir gelte: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie sollen nimmermehr umkommen, und Niemand soll sie aus meiner Hand reißen.“ (Adolf Clemen)
Ich bin der gute Hirte, und erkenne die Meinen, und bin bekannt den Meinen.
Jesus erkennt als ein guter Hirte die Seinigen. Dieses Erkennen aber ist nicht die bloße Allwissenheit, nach welcher keine Kreatur vor Ihm unsichtbar, und Alles vor Seinen Augen bloß und entdeckt ist (Hebr. 4,13.), sondern es ist ein liebevolles Erkennen, wovon Er am jüngsten Tage den Übeltätern das Gegenteil bezeugen wird; indem Er zu ihnen sagen wird: wahrlich Ich kenne euer nicht; Ich habe euch noch nie erkannt. Doch ist Seine liebevolle Erkenntnis auch allwissend; denn Er erkennt die Seinigen so, dass Er ihren innerlichen und äußerlichen Zustand, ihre Arbeit, ihre Leiden, ihre Treue, ihre Bedürfnisse, ihre Gefahren weiß. Er weiß, wo sie wohnen. Er weiß nicht nur ihre vergangenen und gegenwärtigen, sondern auch ihre zukünftigen Begegnisse, und kann sie deswegen aufs Beste beraten. Er kennt sie sämtlich und weiß ihre Anzahl: Er kennt sie aber auch einzeln nach ihren Namen, das ist nach eines Jeden eigenem Charakter und Zustand. Er kennt sie als die Seinigen; denn obschon Alles Sein ist, was unter allen Himmeln ist, so sind doch diejenigen, die Seine Stimme, das ist Sein Wort, gläubig hören, und Ihm folgen, in einem besonderen Verstand Sein. Sie gehen Ihn nahe an, sie liegen Ihm besonders am Herzen, sie stehen in der Verbindung mit Ihm, in welcher Schafe mit ihrem Hirten stehen, und zwar mit einem solchen, der kein Mietling ist, und fremde Schafe um den Lohn hütet, sondern mit einem solchen, des die Schafe eigen sind, und der also die Sorge für dieselben viel weiter treibt als der Mietling.
Gleichwie aber der Heiland die Seinigen kennt, also ist Er auch den Seinigen bekannt. Diese Erkenntnis Jesu besteht aber freilich nicht nur in dem natürlichen Angedenken und Nachsagen der Sprüche und Gesänge, die von Ihm handeln, oder in der kunstmäßigen Auslegung derselben, sondern sie ist eine solche Erkenntnis, welche bei dem Gebrauch dieser Sprüche und Gesänge durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes entsteht, und eine oftmalige Empfindung und Erfahrung Seiner Liebe mit sich führt. auf diese Weise ist der Heiland den Seinigen als der gute Hirte bekannt, der Sein Leben für Seine Schafe gelassen, und dadurch die höchste Probe Seiner Liebe und Treue gegen sie abgelegt, ihnen selbst aber alles Gute erworben hat. Sie kennen Ihn ferner als einen Hirten, der Seine Schafe nicht ihrer eigenen Willkür überlässt, und nicht selbst erwählte Wege gehen lässt, sondern sie durch Seine Stimme und durch Seinen Stecken und Stab, das ist, durch Sein Wort und durch Seine unsichtbare Kraft und Macht, unterweiset und regieret. Sie kennen Ihn aber auch als Denjenigen, der Seinen Schafen, die Seine Stimme hören, und Ihm folgen, ewiges Leben, Leben und volle Genüge gibt, und sie, nebst dem Vater, so in Seiner Hand hat, dass Niemand sie daraus reißen kann. Sie kennen insonderheit Seine Stimme, das ist, sie verstehen Sein Wort, so viel ihnen nötig ist, und wissen den Inhalt Seines Evangeliums. Wenn deswegen ein Fremder daher kommt, der sie an Christus Statt meistern und führen, sie durch seine Stimme leichtsinnig oder verzagt machen, und mit unkräftigen Unterweisungen aufhalten will: so folgen sie ihm nicht nach, sondern fliehen vor ihm, weil sie merken, dass die Stimme dieses Fremden nicht so laute, wie die Stimme Jesu. Übrigens ist der HErr Jesus einer jeden Seele nahe, und leitet sie selber durch Seinen Geist. Er ist gut. alles, was man von Ihm rühmen kann, ist in diesem Wort gut enthalten. So sei denn auch mein Leib und meine Seele der Aufsicht und Pflege dieses guten Hirten empfohlen. (Magnus Friedrich Roos)
Ich bin der gute Hirte, und erkenne die Meinen, und bin bekannt den Meinen.
Ist Christus dir bekannt, kennt er dich, so musst du ihm auch folgen. „Und sie folgen mir,“ spricht er von seinen Schafen. Hier schlage an deine Brust, hier schaue hinter dich auf deinen bisherigen Lebensweg. Bist du denn deinem Herrn gefolgt? Ist dir denn Christus dein Wegweiser gewesen? Mammon, Lebensfreude! behagliche und gemächliche Ruhe, das waren deine Herzöge. Und wenn deren Führung so etwa mit Christi Führung zusammenfiel oder zusammenzufallen schien, dann war es dir recht. Wenn es aber nicht so war, dann kümmerte es dich auch nicht groß. Du musst ihn also auch noch nicht recht kennen. Du musst immer noch den heiligen Geist bitten: „Mach ihn mir recht bekannt!“ Wenn der Hirte von dem letzten Baume, unter dem er ruhte, einen grünen Zweig abgebrochen hat und den hinter sich hält, dann folgt die Herde. Wenn er sich umkehrt und sie lockt mit freundlicher Stimme, dann folgt sie auch. Aber sie folgt auch, wenn er sich nicht nach ihr umsieht, sondern still und fest seinen Schritt vorwärts geht. Du willst wohl folgen, wenn Christus dir Tag für Tag vom Baume der Gnade grüne Zweige herunter bricht. Du willst folgen, wenn er dich lockt mit der süßen Stimme seiner Freundlichkeit, wenn er dir gibt, wonach deinem Herzen gelüftet. Das ist aber nicht genug. Wenn er still vorangeht, als ob er dich vergessen hätte, wenn du Tage und Wochen und Monate lang keinen Blick seiner Gnade erhältst, dann sollst du auch folgen. Lieber Herr Jesu, wir wissen ja, dass du uns lieb hast, auch wenn wir zeitenweise dein Antlitz nicht sehen. O so gib, dass wir in Zeiten der Sorge nicht in Kleinglauben geraten. Verleihe uns aber auch solche Liebe zu dir, dass wir nicht ruhen, bis deine Barmherzigkeit uns wieder erquickt. Lass uns dir folgen auch in unserm Berufs- und Arbeitsleben, und nicht der Meinung der Welt und unserm eigenen irdischen Vorteile. Denn wer dich aus den Augen verliert und nicht wieder findet, dem nützt aller Erdengewinn nichts, er zieht ihn nur ins Verderben hinein. Darum, treuer Herr, wir wollen nicht wandeln ohne dich, dein Wort sei unseres Fußes Leuchte. Amen. (Friedrich Ahlfeld)
Ich bin der gute Hirte, und erkenne die Meinen und bin bekannt den Meinen; wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater.
Jesus Christus hat die Seinen gekannt von Anfang an. Er weiß, welche nur berufen sind; er weiß auch, welche auserwählt sind. Er ist daran nicht Schuld. Nicht, weil er es weiß, werden so viele Berufene nicht zu Auserwählten, sondern weil sie es durch ihre eigene Schuld nicht werden, weiß er es. Der Herzenskündiger redet aus unserer eigenen, selbst erwählten Zukunft. Höre, wie er dich erkennen muss, wenn du einer von den Seinen sein willst! Wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Was sah der Vater, wenn er den Sohn schaute? Den Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens, sein anderes Ich; der Sohn ist das Spiegelbild des Vaters. Und wiederum sah der Sohn im Vater sich selbst. So will er auch in dir sich selbst sehen. Den Christus in dir, geboren durch das Sakrament der heiligen Taufe und groß gezogen durch das Wort, will er in dir sehen. Es sollen ihm ja Kinder geboren werden wie der Tau aus der Morgenröte. Wenn die Sonne am Morgenhimmel steht und auf die betaute Erde herniederscheint, dann sieht sie in jedem Tautropfen sich selber wieder; in jedem Tautropfen steht ein kleines Sonnenbild. So muss in jedem Christenherzen das Nachbild des Herrn stehen. Dieses will er sehen, wenn er von dem Throne seiner Herrlichkeit auf die streitende Kirche herniederblickt. In wem er das sieht, den kennt er. Er sieht sich selbst wieder. Nun frage dich, ob er dich so kennt? ob er selbst dein Kern und neues Wesen geworden ist? ob deine erste Liebe und der erste Schlag deines Herzens ihm gehört? Nur der feste Grund Gottes besteht und hat dieses Siegel: „Der Herr kennt die Seinen;“ und: „Es trete ab von der Ungerechtigkeit, wer den Namen Christi nennt.“ Hast du dieses Siegel? Wer doch ja sagen könnte! Wer doch in Wahrheit rühmen könnte: „Wenn er in mich hineinsieht, sieht er wohl noch allerlei Schwachheit; aber doch ist das eigene Ich in früheren Passions- und anderen Zeiten gestorben; es regt sich nur zuweilen noch im Grabe, als ob es wieder auferstehen wollte!“ Aber der Wahrheit die Ehre! Wir haben unser Ich nur noch zu sehr in uns. Die Erde ist noch im Herzen. Ihre leichteren oder gröberen Elemente erfüllen uns noch. Bekenne es selbst, was der Herr sieht, wenn er deinen letzten und innersten Gedanken, wenn er den Kern deines Wesens sieht! Und ist es das Ich, und ist es die Welt oder irgend ein Splitter von ihr, so kann er dich nicht erkennen. Die Sonne spiegelt sich nur im Tau, der von oben hernieder gefallen ist; in den Erdschollen spiegelt sie sich nicht. Wen Christus aber erkennt, wer einer von den Seinen ist, den lässt er auch so wenig, wie der Vater den Sohn lässt. Er tritt als der sorgende, gute Hirte ein. Er weidet ihn auf grüner Aue, er führt ihn zu frischen Wassern. Was einer solchen Seele gerade not tut, das hat er auch für sie: Strafe, wenn sie sich verirrt hat; Demütigung, wenn sie hoch hinaus will; Manna in der Dürre der Kleinmütigkeit; Mut in Verfolgung und Anfechtung, und Leben, wenn es ans Sterben geht. Er kennt sie, er hat sie in seine Hände gezeichnet, er weiß, was sie braucht. (Friedrich Ahlfeld)