Matthäus 5,7
Andachten
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Aus der Gerechtigkeit fließt die Barmherzigkeit. Der Hungernde nach Gerechtigkeit zieht Christi Sinn und Geist an, darum regt sich in ihm auch die Barmherzigkeit. Gott ist ein Gott der Barmherzigkeit; barmherzig, gnädig, geduldig und von großer Güte. Hier stehen wir still, wir hören die Stimme der Weisheit, die uns sagt: Auch in diesem Stück muss dem Herrn ähnlich werden, wer um Ihn sein will allezeit. „Er ist barmherzig“, will sagen, er hat ein warmes Herz. Die tätige Liebe ist Warmherzigkeit. Wie wohl tut dieser Sinn Kranken und Gesunden, Weltkindern und Jüngern des Herrn! Mitleiden, mittragen, mitdulden, mitweinen, mitbeten, das ist der Sinn und das Tun der Barmherzigkeit. Sie ist eine edle, aus der Wiedergeburt fließende Liebe, die nicht anders als dienen und sich opfern kann. - „Sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Wir kennen alle das inhaltsschwere Wort: „Ihre Werke folgen ihnen nach.“ Da geht es den Barmherzigen gut. Wohl hundertfältig trägt ihr Leben in der Liebe Frucht. „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ Das ist Himmelreichslehre. Überraschendes empfangen sie. Selbst einen Trunk kalten Wassers einem Jünger dargereicht - als einem Jünger - lässt der Herr nicht unbelohnt! Was werden diejenigen schauen, welche viel geliebt, viel getragen, ja, sich geopfert haben im Dienste des Königs! Ihr Lohn im Himmel wird groß sein. Jetzt denken sie daran gar nicht; der ewig reiche Gott, der Vater der Barmherzigkeit aber denkt daran; Er ist der gütige Vergelter. (Markus Hauser)
Es geziemt sich nicht, dass dem, der nicht vergeben will, vergeben wird, und dem Mangel dessen, der den Armen nicht helfen will, soll auch nicht abgeholfen werden. Gott wird uns mit unsrem eignen Maß messen, und die, welche harte Herren und harte Gläubiger gewesen sind, werden finden, dass der Herr hart mit ihnen verfahren wird. „Es wird aber ein unbarmherziges Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat.“
Heute lasst uns versuchen zu vergeben. Lasst uns tragen und ertragen. Lasst uns freundlich und sanft und milde sein. Lasst uns das Tun andrer nicht zu strenge auslegen, nicht beim Kaufen zu sehr feilschen, nicht alberne Zänkereien anfangen, nicht so schwierig sein, dass niemand es uns recht machen kann. Gewiss, wir wünschen, gesegnet zu werden, und wir wollen gern Barmherzigkeit erlangen: lasst uns barmherzig sein, damit uns Barmherzigkeit werde. Lasst uns die Bedingung erfüllen, damit wir die Seligpreisung uns aneignen können. Ist es nicht eine angenehme Pflicht, freundlich zu sein? Ist das nicht süßer, als zornig und ungroßmütig sein? Wie? Es ist Seligkeit in der Sache selber! Überdies ist das Erlangen der Barmherzigkeit eine reiche Belohnung. Wer anders als die unumschränkte Gnade konnte eine Verheißung wie diese eingeben? Wir sind gegen unsre Mitsterblichen barmherzig in Groschen, und der Herr erlässt uns „alle diese Schuld“. (Charles Haddon Spurgeon)
Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!
Die erlösten Gotteskinder, welche um Jesu willen gerecht erklärt sind, haben Zugang zu Gott, sitzen jeden Tag an Seinem Tische und ist ihnen voll eingeschenkt, darum müssen sie nun auch hingehen und von dem Empfangenen austeilen. Die Römischen haben sie dafür zu Heiligen gemacht, so den Ritter Martinus, der seinen Mantel mit dem Schwert zerteilte und die Hälfte dem Bettler am Wege gab; so die Landgräfin Elisabeth, welche eigenhändig am Wartburg - Brunnen die Ausfähigen wusch. Der Herr Jesus selber macht's ganz anders. Er sagt nicht: Selig sind die Barmherzigen, denn sie sollen als Heilige verehrt werden! sondern: denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Gott sei Dank! sprechen wir dazu, denn die Heiligen-Verehrung steht auf schwachen Füßen, dieweil wir allesamt arme Sünder bleiben bis an unser Ende, wie auch der Heiland ausdrücklich Seinen hohen und auserwählten Aposteln bezeugt: Wenn ihr Alles getan habt, was ihr zu tun schuldig seid, so sollt ihr sprechen: wir sind unnütze Knechte. Und wenn der Tod kommt und vor unsern Augen in der Sterbenszeit die Register so klar und offen daliegen, dann sieht's mit der Schluss-Bilanz sehr traurig aus: statt des Überschusses bleibt ein sehr bedeutendes Defizit. Da kann nichts Anderes helfen, als „Barmherzigkeit erlangen“. Lieber Leser, jeder Abend singt es uns ja in die Seele: Herr, es ist von meinem Leben wiederum ein Tag dahin. Also ist jeder Abend ein memento mori! Gedenke des Todes! Das können wir gar nicht gründlich genug tun. Mit welchem Wörtlein, oder Stoß- und Angst-Gebet willst Du denn abscheiden? Doch ganz gewiss nicht mit jenem pharisäischen: Ich danke Dir, Gott, dass ich nicht bin wie andere Leute! Gott behüte uns vor solchem Gräuel, ja vor jedem Schimmer und Fünklein eigenen Verdienstes. Ich würde Euch empfehlen das Sprüchlein: Schau' an, hier kommt ein Sünder her, der gern um Lösgeld selig wär'! - Oder wenn das noch zu lang ist, die altbekannten fünf Worte des Zöllner - Gebets: Gott sei – mir Sünder gnädig! so erlangt man Barmherzigkeit! (Nikolaus Fries)
Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
In allen Seligpreisungen preist der Herr die Betreffenden selig im Blick auf die ihnen gegebene Verheißung: der Barmherzige wird Barmherzigkeit erlangen, darum ist er selig zu preisen. Von der Sünderin jagt der Heiland in Lukas 7,47: ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt, das heißt: an ihrer großen Liebe sieht man, dass ihr viel vergeben ist. Wir erwerben die Vergebung nicht durch unsere Liebe, sondern durch die Vergebung der Sünden bekommen wir das Vermögen zu lieben. So erlangen wir auch nicht Barmherzigkeit von Seiten unseres Gottes durch unsere Barmherzigkeit gegen Mitmenschen, sondern durch unsere Erfahrung göttlichen Erbarmens lernen und vermögen auch wir Barmherzigkeit zu üben, und diese unsere Übung der Barmherzigkeit gegen unsere Mitmenschen hat dann wieder Verheißung göttlicher Barmherzigkeit. Auch dann, wenn wir singen können: mir ist Erbarmung widerfahren, sind und bleiben wir auf Gottes Erbarmen angewiesen, wie ja auch Paulus seinem treuen Schüler Timotheus nicht nur Gnade und Friede, sondern auch Barmherzigkeit von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesu Christo wünscht 1. Tim. 1,2; 2. Tim. 1,2. Und Judas sagt in V. 21: wartet auf die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesu Christi zum ewigen Leben. Den Pharisäern, die so viel auf Gesetzesgerechtigkeit hielten, musste der Herr in Matth. 23,23 den Vorwurf machen, dass sie die wichtigeren Dinge des Gesetzes dahinten lassen: das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben. Auch in unseren Tagen muss der Herr Vielen denselben Vorwurf machen. Ungerechtigkeit und Hartherzigkeit haben eine große Schuld an der allgemeinen Unzufriedenheit unseres Geschlechtes. Jakobus sagt in Kap. 2,13: es wird ein unbarmherziges Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat. Ist Gott der Vater der Barmherzigkeit 2. Korinth. 1,3, so haben wir unsere Gotteskindschaft durch Barmherzigkeit gegen unsere Brüder zu beweisen. Ohne sie betrügen wir uns selbst. Schöpfen wir täglich aus Gottes Erbarmen in Christo Jesu, und stehen wir dann priesterlich hinein, in das große Krankenhaus unseres Volkes, seine Wunden zu verbinden.
Barmherziger Hoherpriester! Heile mich von aller Unbarmherzigkeit, und lass mich stets eingedenk sein der durch Dich erfahrenen Barmherzigkeit. Amen. (Elias Schrenk)
Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Daran wird jeder erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe unter einander habt. Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig spricht der Herr, und alle Apostel mahnen in demselben Tone: „So zieht nun an, als die Auserwählten Gottes, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Nehmt euch der Heiligen Notdurft an. Herbergt gerne; segnet, die euch verfolgen; freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden; vergeltet Niemand Böses mit Bösem.“ Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Nicht als ob wir mit unsrer Barmherzigkeit erst Gott barmherzig machten; als ob wir durch unser Vergeben Gottes Vergebung erst erwerben müssten. Sondern umgekehrt: Gottes erste Barmherzigkeit soll uns Menschen barmherzig machen. Die Gnade Gottes, die wir erfahren, bricht unsres Herzens Härtigkeit. Daran aber, dass ich selber mild und barmherzig sein kann gegen Andre, werde ich gewiss, dass ich die Gnade und Barmherzigkeit Gottes wirklich empfangen habe. Vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Einst am Tage des Gerichts im vollsten Maße. Denn da wird der Herr sprechen: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn. Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt; ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Wahrlich, was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, dass habt ihr mir getan.“ (Adolf Clemen)
Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. \\Matth. 5, 7. Die echte Barmherzigkeit ist selig durch sich selbst und trägt ihren Lohn schon in ihrer Tat. Sie ist selig vor der Tat, wenn sie erfindet und beschließt; sie ist selig nach der Tat, im Genuss ihrer Folgen und im Anblicke der Geretteten; sie ist selig in der Tat, wie Jakobus (1, 25) sagt: „Wer durchschaut in das vollkommene Gesetz der Freiheit und darinnen beharrt, und ist nicht ein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter, derselbige wird selig sein in seiner Tat.“ Er sagt nicht: durch die Tat, als ob man durch dieselbe die Seligkeit verdienen könnte oder verdiente; er sagt: in der Tat, in ihrer Ausübung, in der Freiwilligkeit und Freudigkeit ihres Tuns. Und wahrlich, wenn das Gute, welches jemand vollbringt, überhaupt eine segnende Kraft in sich trägt und segnend zurückwirkt auf den, der es vollbracht hat, so gilt dies wesentlich von der barmherzigen Liebe. Einem Unglücklichen ist geholfen worden aus großer Armut; sein Wohlstand blüht wieder auf; seine Gesundheit ist hergestellt; sein Gottvertrauen hat neue Nahrung erhalten; seine Seele sogar ist gerettet worden aus dem Abgrunde der Sünde; er ist besser, gläubiger, sittsamer, geduldiger, zufriedener geworden; der Glanz der Freude hat sich verbreitet über seine bleichen Wangen und es fließen da, wo sonst nur Jammertöne vernommen wurden, die süßen Zähren des Entzückens und der Dankbarkeit: o muss da dich nicht eine selige Zufriedenheit durchdringen, die mit nichts anderem zu vergleichen ist? liegt nicht ein voller Himmel in dem Bewusstsein, ein rettender Engel gewesen zu sein? sind es nicht wahre Stunden voll Seligkeit, voll Friedens, voll Gewissheit des göttlichen Wohlgefallens, die du durch Wohltun, Helfen, Erfreuen und Dienen dir bereitest? Der Herr sagt: „Geben ist seliger, denn nehmen!“ und unsere ganze Seele spricht in solchen Augenblicken der Rührung und der Wonne Ja und Amen zu seinen Worten. Indessen diesen Selbstlohn oder vielmehr Gotteslohn des stillen Bewusstseins meint Jesus nicht, wenn er spricht: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Vielmehr weist der Ausdruck: „sie werden Barmherzigkeit erlangen“ uns durchaus in die Zukunft hinein. - Welche sind es, die einst zur Rechten des Richters stehen werden? Es sind diejenigen, zu welchen die Stimme vom Stuhle erschallt: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.“ Warum ergeht an sie diese himmlisch beseligende Stimme? „Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt; ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt; ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet; ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht; ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.“ Und wie ist ihnen zu Mute, den Seligen, bei diesen Worten? Sie antworten: „Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen, und haben dich gespeist? oder durstig, und haben dich getränkt? Wann haben wir dich einen Gast gesehen, und beherbergt? oder nackt, und haben dich bekleidet? wann haben wir dich krank oder gefangen gesehen, und sind zu dir gekommen?“ Wie ist ihnen also zu Mute? Sie wissen nichts von ihren guten Taten, sie wissen nur von der Gnade des Herrn; die war gewesen ihr Ein und ihr Alles; im Glauben an diese Gnade hatten sie gehofft, selig zu werden; sie sind's geworden um Christi willen; jetzt aber - o Wunder der Barmherzigkeit! rechnet ihnen der Herr auch ihre guten Werke, die sie in diesem Glauben getan haben, verborgen und still, und mit denen sie sich nie genügten, zu, und spricht: „Wahrlich, ich sage euch, was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan!“ und sie stehen da, staunend, erstarrt, mehr dankend, als fragend: „Herr, auch das noch? auch diese unsere geringen und unvollkommenen Taten willst du belohnen? Das ist zu viel Gnade; wir sind nicht wert aller Barmherzigkeit, die du an uns tust;“ und die Geretteten treten auf und bezeugen die Wahrheit und rühmen es laut: Auch mir hast du die Seele gerettet, du! Waren sie selig geworden durch den Glauben an die Gnade Gottes in Christo, so wird die Stufe ihrer Seligkeit ihnen angewiesen um ihrer Liebe willen, als der Offenbarung ihres Glaubens an den Herrn, und sie erfahren nun die Wahrheit des Wortes: Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ (Friedrich Arndt)
Matth. 5, 7. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Wann ist der Mensch am geeignetsten zur Barmherzigkeit? Wenn er seine eigne Bedürftigkeit fühlt. Krankheit, Tod und Grab schließen die Seele gegen den Bruder auf. Es fehlt uns Etwas, es ist eine Lücke in unsere Güter gerissen. Darum füllen wir mit Geben und Vergeben gern die Lücken im Herzen des Nächsten aus. Wen nun hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, der hat die tiefste Lücke in seinem Herzen. Das macht ihn so weich, so mild, dass er gibt, wo er geben kann, und dass er vergibt, wo er zu vergeben hat. Während er aber Barmherzigkeit übt, wird sie auch an ihm geübt. Wir meinen damit nicht die Freude in selbstseligen Gefühlen, welche sich unter der Wohltat oft ins Herz schleicht. Das ist nicht die Barmherzigkeit, welche an ihm geübt wird, sondern ein feiner Götzendienst mit sich selbst. Nein, während du dich dem Bruder opferst, kommt der Herr und schenkt dir sich selbst. Etwas Anderes kann das „Barmherzigkeit erlangen“ nicht bedeuten. Es gibt keine Barmherzigkeit außer Christo. Er ist der barmherzige Samariter, ja die Barmherzigkeit selbst. Das erste Stück seiner Heilandsarbeit besteht darin, dass er dir deine Sünden vergibt. Es geschieht ohne dein Verdienst und Würdigkeit. Es ist die größte Barmherzigkeit, welche es in der Welt gibt.
Herr Jesu, erweise solche Barmherzigkeit auch heute wieder uns und Allen, die sich danach sehnen. Wir bedürfen ihrer ja noch mehr als allen äußeren Segens. Ein Tag, an welchem deine Barmherzigkeit uns nicht geleitete, wäre ein Tag ohne Sonne. So durchleuchte uns denn mit deiner Gnade, dass auch wir barmherzig werden im Geben und Vergeben. Ja, gib uns für heut und allezeit ein warmes Herz, das in Lebensarbeit und Weltgedanken nicht kalt wird gegen den Nächsten, weil es überall deine Leibeswärme spürt. Amen. (Friedrich Ahlfeld)
Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Man ist mit nichts leichter in der Welt fertig, als mit dem wohltuenden und schmeichelhaften Zeugnis über sich selbst, dass man barmherzig sei. Man sieht, hört, liest etwa von einem elenden, Hilflosen, der unter dieser oder jener Last des Lebens seufze, es regt sich Mitleiden im Herzen, man greift in seine Geldkasse hinein, in welcher, ich will sagen 1000 Taler liegen, und nimmt einen halben Gulden oder noch mehr heraus, und gibt sich dann das löbliche Zeugnis: o wenn nur alle Menschen so ein gutes Herz hätten wie ich. - Andere haben von Natur ein weiches empfindsames Wesen, sie können kein Tier, geschweige denn einen Menschen leiden sehen, sie weichen dem ihr Gefühl angreifenden Anblick entweder aus oder suchen sich des unangenehmen Eindrucks durch eine schnelle Hilfe zu entledigen, und diese Empfindsamkeit, die nirgends anders als in ihrem Körper oder Temperament ihren Grund hat, nennen sie Barmherzigkeit. Wie aber, wenn du mit deinen zarten oder verzärtelten Empfindungen Band ans Werk legen, wenn du wie der barmherzige Samariter den verwundeten, blutenden, halbtoten Menschen solltest auf dein Tier laden, deine zarten Hände mit Blut oder Eiter beflecken, würde deine Barmherzigkeit nicht vielleicht in Unbarmherzigkeit sich verkehren? Und welche empörende Sprache können die empfindsamen Leute führen, wenn ein Mensch sich selbst ins Unglück gebracht hat; ein solcher armer Mitbruder hat doppelten Anspruch auf deine Barmherzigkeit und Mitleiden, denn er trägt zu seinem Unglück noch die Schuld, aber da heißt es: er ist keiner Unterstützung wert, es ist ihm recht geschehen, er hat das Unglück verdient. - Wahre Barmherzigkeit ist eben nur, wo wahre Wiedergeburt ist, wo der Hauptgrundsatz des Herzens ist: mir ist Erbarmung widerfahren. Wer erkannt hat, dass das Blut Jesu Christi für alle Sünder um Barmherzigkeit schreit, wer weiß, was es heißt, aus einem verfluchten Sünder ein Kind Gottes werden, und das alles aus lauter purer Gnade und Barmherzigkeit, der kann sich zwar auch auf Augenblicke vergessen, aber im Grund seines Herzens bleibt eine tiefe Beugung, und diese Beugung spricht sich aus in herzlichem Erbarmen über die notleidenden und in herzlichem Mitleiden gegen die fehlenden Brüder. (Ludwig Hofacker)
Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Bei den Strengen unter den Frommen Israels war die Beachtung der menschlichen Beigaben zu den mosaischen Geboten die Hauptsache der Frömmigkeit, während die Liebe Schaden litt. Wie sie sich selber nach diesen Zusätzen richteten, so dachten sie auch in Beziehung auf andere und kamen in ein liebloses Urteilen, gegen welches Jesus wiederholt aufgetreten ist. Ob ähnliches bei gewissen Frommen noch heute vorkommt, wo das Festhalten eines durch Menschen ausgestellten Glaubenssystems nach dem Sinne des Buchstabens oder das Mitmachen herkömmlicher Ordnungen den Maßstab zur Beurteilung des eigenen Glaubens oder gar des Glaubenslebens anderer abgibt? Wo es also wäre, müsste die Liebe Schaden leiden. Nicht solche Richtende preist der Herr selig, sondern er sagt: Selig sind die Barmherzigen!
Wer barmherzig ist, hat ein warmes Herz, ist teilnehmend für das Leid, das andere getroffen und hat Nachsicht mit ihren Gebrechen. Er kann Geduld üben, in Hoffnung warten und vergibt gerne, wo der Nächste eine Pflicht gegen ihn verlegt hat, alles das in der steten Erinnerung an den Gott, der da heißt barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue. Also heißt er nicht nur, sondern wir sind davon Zeuge. Denn hätte er uns nach einem Maßstab ohne Liebe gerichtet, so wären wir aus dem Bereich seiner Gnade gestoßen. Er hat aber uns zu gut seinen Sohn gesandt, der als der barmherzige Samariter uns im Blute liegen sah und nicht ruhte, bis er uns hat heimbringen können. Darum sollen wir Barmherzigkeit üben an den Armen, den Kranken und den Gefangenen, weil hienach in dem himmlischen Examen, Matth. 25, am allermeisten gefragt werden wird und die Unterlassung dieser Barmherzigkeit das höllische Feuer nach sich zieht. Wir sollen sie üben an denen, die auf dem Wege zum Verderben sind, so wie der Hirte dem verlorenen Schafe nachgegangen ist und es suchte, bis er es fand. Wir sollen sie üben gegen Feinde nach dem Vorbild und Wort des Herrn: „Liebt eure Feinde, segnet die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.“ Es sind noch so viele Unglückliche und Verirrte in der Welt! Junge und Alte, Jünglinge und Jungfrauen, o wer will Barmherzigkeit üben? Wer es tut, erlangt selber Barmherzigkeit, hier von den Menschen und einst im Gerichte bei dem Herrn. Er kennt sie als die Seinen und spricht: „Kommt her, ihr Gesegneten, und ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!“
Lieber Heiland, ertöte in uns die Eigenliebe, die Überhebung, die Rechthaberei und jegliches lieblose Richten, unter dem du schon so viel gelitten hast. Schenke uns deine Barmherzigkeit, unsere Mitmenschen zu behandeln, wie du mit uns handelst. Sei uns allen gnädig um deiner Liebe willen! Amen. (Rudolf Wenger)
Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Als der reiche Mann (Luk. 16, 19) in der Qual war, da gedachte er an seine fünf Brüder, die noch auf Erden waren und eben so lebten wie er, und bat Abraham, dass er den Lazarus zu ihnen sende, damit sie sich änderten und nicht auch an diesen Ort der Qual kämen. Dies beweist uns, dass es auch in der Hölle noch mitleidige oder barmherzige Seelen gibt, aber auch, dass ein Mensch, der Züge des Mitleidens an sich spürt, deswegen noch nicht gegen die Höllenfahrt geschützt ist. Ja, eine mitleidige Gesinnung, die sich auch durch Taten bewährt, ist unter den Christen, die sonst nach Gott nicht viel fragen, ja selbst unter den Heiden, durchaus nichts Seltenes. Das Mitgefühl mit den Leiden Anderer gehört auch in unserem gefallenen Zustande noch zu unsrer Natur, und wer dieses allgemein menschliche Gefühl verleugnet, der wird auch in der Welt als ein entarteter Mensch verachtet. Aber es ist dies, auch dem natürlichen Menschen eigene Mitleid, doch nur ein schwacher Schatten von dem, was der Herr Christus unter der Barmherzigkeit versteht. Die barmherzige Gesinnung, welche der Glaube dem menschlichen Herzen einpflanzt, ist ein Abglanz der Barmherzigkeit Jesu, welcher, da Er wohl reich war, ward Er doch arm um unsertwillen, und da Er wohl hätte Freude haben mögen im Himmel, erduldete Er auf Erden das Kreuz. Das weltliche Mitleid sucht das Elend nicht auf, es flieht es vielmehr, wie weiland der reichen Mann den Lazarus, und nur, wenn es sich ihm aufdrängt, fühlt es sich bewegt und zum Helfen geneigt, und wie oft auch da noch mit einem Herzen, in welchem Mitleid und Geiz, Erbarmen und Selbstsucht mit einander streiten und trübe durch einander gehen! Und für das geistliche Elend, für die Not der Seele, welche ohne Frieden mit Gott in verblendeter Selbstgerechtigkeit und Sicherheit, oder in düsterer Verzweiflung ihre kostbare Gnadenzeit ablebt, hat es nun gar kein Verständnis, weil es eben selbst den Frieden eines versöhnten Gewissens noch nicht kennt und die Süßigkeit des Gnadenstandes noch nicht geschmeckt hat, und darum wird es von solcher Not auch nicht bewegt. Und doch hat auch das weltliche Mitleid schon eine gewisse Seligkeit in sich, wenn es fremde Not lindert. Aber noch so beschränkt und unlauter, wie es ist, kann ihm die volle Seligkeit nicht zufallen. Der Glaube muss es erweitern, neugestalten und verklären. Nur das Herz, welches singen kann: „Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich nicht wert, Das zähl' ich zu dem Wunderbaren, Mein stolzes Herz hat's nie begehrt, Nun weiß ich dies und bin erfreut, Und rühme die Barmherzigkeit!“ - nur ein Herz, welches das göttliche Erbarmen, durch die Vergebung der Sünden um Christi willen, erfahren hat, wird nach göttlichem Sinne barmherzig und in seiner Barmherzigkeit auch wirklich selig. Und was gibt es auf Erden schon Seligeres, als um Christi willen die Werke der Barmherzigkeit zu üben, die Hungrigen zu speisen, die Durstigen zu tränken, die Fremdlinge zu beherbergen, die Nackenden zu kleiden, die Kranken zu besuchen, die Gefangenen zu trösten? Was sind alle Freuden der Welt gegen die Freude, einen Sünder vom Wege des Todes auf den Weg des Lebens gebracht zu haben? Und dazu soll, o unbeschreibliche Gnade Gottes! das, was wir getan haben, nicht in eigener Kraft, sondern getrieben durch den Heiligen Geist, und was auf Erden schon so reichen Lohn in sich selbst hatte, dereinst noch mit überschwänglicher Barmherzigkeit von Gott uns gelohnt werden, als hätten wir selbst es getan und nicht Seine Gnade durch uns! Dann erst, an jenem Tage, wo vergolten werden wird für die Ewigkeit, was wir hier auf Erden in der Zeit getan, wird uns das volle Verständnis für das Wort des Herrn aufgehen: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. (Anton Camillo Bertoldy)