Matthäus 5,7
Andachten
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Aus der Gerechtigkeit fließt die Barmherzigkeit. Der Hungernde nach Gerechtigkeit zieht Christi Sinn und Geist an, darum regt sich in ihm auch die Barmherzigkeit. Gott ist ein Gott der Barmherzigkeit; barmherzig, gnädig, geduldig und von großer Güte. Hier stehen wir still, wir hören die Stimme der Weisheit, die uns sagt: Auch in diesem Stück muss dem Herrn ähnlich werden, wer um Ihn sein will allezeit. „Er ist barmherzig“, will sagen, er hat ein warmes Herz. Die tätige Liebe ist Warmherzigkeit. Wie wohl tut dieser Sinn Kranken und Gesunden, Weltkindern und Jüngern des Herrn! Mitleiden, mittragen, mitdulden, mitweinen, mitbeten, das ist der Sinn und das Tun der Barmherzigkeit. Sie ist eine edle, aus der Wiedergeburt fließende Liebe, die nicht anders als dienen und sich opfern kann. - „Sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Wir kennen alle das inhaltsschwere Wort: „Ihre Werke folgen ihnen nach.“ Da geht es den Barmherzigen gut. Wohl hundertfältig trägt ihr Leben in der Liebe Frucht. „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ Das ist Himmelreichslehre. Überraschendes empfangen sie. Selbst einen Trunk kalten Wassers einem Jünger dargereicht - als einem Jünger - lässt der Herr nicht unbelohnt! Was werden diejenigen schauen, welche viel geliebt, viel getragen, ja, sich geopfert haben im Dienste des Königs! Ihr Lohn im Himmel wird groß sein. Jetzt denken sie daran gar nicht; der ewig reiche Gott, der Vater der Barmherzigkeit aber denkt daran; Er ist der gütige Vergelter. (Markus Hauser)
Es geziemt sich nicht, dass dem, der nicht vergeben will, vergeben wird, und dem Mangel dessen, der den Armen nicht helfen will, soll auch nicht abgeholfen werden. Gott wird uns mit unsrem eignen Maß messen, und die, welche harte Herren und harte Gläubiger gewesen sind, werden finden, dass der Herr hart mit ihnen verfahren wird. „Es wird aber ein unbarmherziges Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat.“
Heute lasst uns versuchen zu vergeben. Lasst uns tragen und ertragen. Lasst uns freundlich und sanft und milde sein. Lasst uns das Tun andrer nicht zu strenge auslegen, nicht beim Kaufen zu sehr feilschen, nicht alberne Zänkereien anfangen, nicht so schwierig sein, dass niemand es uns recht machen kann. Gewiss, wir wünschen, gesegnet zu werden, und wir wollen gern Barmherzigkeit erlangen: lasst uns barmherzig sein, damit uns Barmherzigkeit werde. Lasst uns die Bedingung erfüllen, damit wir die Seligpreisung uns aneignen können. Ist es nicht eine angenehme Pflicht, freundlich zu sein? Ist das nicht süßer, als zornig und ungroßmütig sein? Wie? Es ist Seligkeit in der Sache selber! Überdies ist das Erlangen der Barmherzigkeit eine reiche Belohnung. Wer anders als die unumschränkte Gnade konnte eine Verheißung wie diese eingeben? Wir sind gegen unsre Mitsterblichen barmherzig in Groschen, und der Herr erlässt uns „alle diese Schuld“. (Charles Haddon Spurgeon)
Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!
Die erlösten Gotteskinder, welche um Jesu willen gerecht erklärt sind, haben Zugang zu Gott, sitzen jeden Tag an Seinem Tische und ist ihnen voll eingeschenkt, darum müssen sie nun auch hingehen und von dem Empfangenen austeilen. Die Römischen haben sie dafür zu Heiligen gemacht, so den Ritter Martinus, der seinen Mantel mit dem Schwert zerteilte und die Hälfte dem Bettler am Wege gab; so die Landgräfin Elisabeth, welche eigenhändig am Wartburg - Brunnen die Ausfähigen wusch. Der Herr Jesus selber macht's ganz anders. Er sagt nicht: Selig sind die Barmherzigen, denn sie sollen als Heilige verehrt werden! sondern: denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Gott sei Dank! sprechen wir dazu, denn die Heiligen-Verehrung steht auf schwachen Füßen, dieweil wir allesamt arme Sünder bleiben bis an unser Ende, wie auch der Heiland ausdrücklich Seinen hohen und auserwählten Aposteln bezeugt: Wenn ihr Alles getan habt, was ihr zu tun schuldig seid, so sollt ihr sprechen: wir sind unnütze Knechte. Und wenn der Tod kommt und vor unsern Augen in der Sterbenszeit die Register so klar und offen daliegen, dann sieht's mit der Schluss-Bilanz sehr traurig aus: statt des Überschusses bleibt ein sehr bedeutendes Defizit. Da kann nichts Anderes helfen, als „Barmherzigkeit erlangen“. Lieber Leser, jeder Abend singt es uns ja in die Seele: Herr, es ist von meinem Leben wiederum ein Tag dahin. Also ist jeder Abend ein memento mori! Gedenke des Todes! Das können wir gar nicht gründlich genug tun. Mit welchem Wörtlein, oder Stoß- und Angst-Gebet willst Du denn abscheiden? Doch ganz gewiss nicht mit jenem pharisäischen: Ich danke Dir, Gott, dass ich nicht bin wie andere Leute! Gott behüte uns vor solchem Gräuel, ja vor jedem Schimmer und Fünklein eigenen Verdienstes. Ich würde Euch empfehlen das Sprüchlein: Schau' an, hier kommt ein Sünder her, der gern um Lösgeld selig wär'! - Oder wenn das noch zu lang ist, die altbekannten fünf Worte des Zöllner - Gebets: Gott sei – mir Sünder gnädig! so erlangt man Barmherzigkeit! (Nikolaus Fries)
Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
In allen Seligpreisungen preist der Herr die Betreffenden selig im Blick auf die ihnen gegebene Verheißung: der Barmherzige wird Barmherzigkeit erlangen, darum ist er selig zu preisen. Von der Sünderin jagt der Heiland in Lukas 7,47: ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt, das heißt: an ihrer großen Liebe sieht man, dass ihr viel vergeben ist. Wir erwerben die Vergebung nicht durch unsere Liebe, sondern durch die Vergebung der Sünden bekommen wir das Vermögen zu lieben. So erlangen wir auch nicht Barmherzigkeit von Seiten unseres Gottes durch unsere Barmherzigkeit gegen Mitmenschen, sondern durch unsere Erfahrung göttlichen Erbarmens lernen und vermögen auch wir Barmherzigkeit zu üben, und diese unsere Übung der Barmherzigkeit gegen unsere Mitmenschen hat dann wieder Verheißung göttlicher Barmherzigkeit. Auch dann, wenn wir singen können: mir ist Erbarmung widerfahren, sind und bleiben wir auf Gottes Erbarmen angewiesen, wie ja auch Paulus seinem treuen Schüler Timotheus nicht nur Gnade und Friede, sondern auch Barmherzigkeit von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesu Christo wünscht 1. Tim. 1,2; 2. Tim. 1,2. Und Judas sagt in V. 21: wartet auf die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesu Christi zum ewigen Leben. Den Pharisäern, die so viel auf Gesetzesgerechtigkeit hielten, musste der Herr in Matth. 23,23 den Vorwurf machen, dass sie die wichtigeren Dinge des Gesetzes dahinten lassen: das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben. Auch in unseren Tagen muss der Herr Vielen denselben Vorwurf machen. Ungerechtigkeit und Hartherzigkeit haben eine große Schuld an der allgemeinen Unzufriedenheit unseres Geschlechtes. Jakobus sagt in Kap. 2,13: es wird ein unbarmherziges Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat. Ist Gott der Vater der Barmherzigkeit 2. Korinth. 1,3, so haben wir unsere Gotteskindschaft durch Barmherzigkeit gegen unsere Brüder zu beweisen. Ohne sie betrügen wir uns selbst. Schöpfen wir täglich aus Gottes Erbarmen in Christo Jesu, und stehen wir dann priesterlich hinein, in das große Krankenhaus unseres Volkes, seine Wunden zu verbinden.
Barmherziger Hoherpriester! Heile mich von aller Unbarmherzigkeit, und lass mich stets eingedenk sein der durch Dich erfahrenen Barmherzigkeit. Amen. (Elias Schrenk)
Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Daran wird jeder erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe unter einander habt. Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig spricht der Herr, und alle Apostel mahnen in demselben Tone: „So zieht nun an, als die Auserwählten Gottes, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Nehmt euch der Heiligen Notdurft an. Herbergt gerne; segnet, die euch verfolgen; freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden; vergeltet Niemand Böses mit Bösem.“ Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Nicht als ob wir mit unsrer Barmherzigkeit erst Gott barmherzig machten; als ob wir durch unser Vergeben Gottes Vergebung erst erwerben müssten. Sondern umgekehrt: Gottes erste Barmherzigkeit soll uns Menschen barmherzig machen. Die Gnade Gottes, die wir erfahren, bricht unsres Herzens Härtigkeit. Daran aber, dass ich selber mild und barmherzig sein kann gegen Andre, werde ich gewiss, dass ich die Gnade und Barmherzigkeit Gottes wirklich empfangen habe. Vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Einst am Tage des Gerichts im vollsten Maße. Denn da wird der Herr sprechen: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn. Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt; ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Wahrlich, was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, dass habt ihr mir getan.“ (Adolf Clemen)
Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. \\Matth. 5, 7. Die echte Barmherzigkeit ist selig durch sich selbst und trägt ihren Lohn schon in ihrer Tat. Sie ist selig vor der Tat, wenn sie erfindet und beschließt; sie ist selig nach der Tat, im Genuss ihrer Folgen und im Anblicke der Geretteten; sie ist selig in der Tat, wie Jakobus (1, 25) sagt: „Wer durchschaut in das vollkommene Gesetz der Freiheit und darinnen beharrt, und ist nicht ein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter, derselbige wird selig sein in seiner Tat.“ Er sagt nicht: durch die Tat, als ob man durch dieselbe die Seligkeit verdienen könnte oder verdiente; er sagt: in der Tat, in ihrer Ausübung, in der Freiwilligkeit und Freudigkeit ihres Tuns. Und wahrlich, wenn das Gute, welches jemand vollbringt, überhaupt eine segnende Kraft in sich trägt und segnend zurückwirkt auf den, der es vollbracht hat, so gilt dies wesentlich von der barmherzigen Liebe. Einem Unglücklichen ist geholfen worden aus großer Armut; sein Wohlstand blüht wieder auf; seine Gesundheit ist hergestellt; sein Gottvertrauen hat neue Nahrung erhalten; seine Seele sogar ist gerettet worden aus dem Abgrunde der Sünde; er ist besser, gläubiger, sittsamer, geduldiger, zufriedener geworden; der Glanz der Freude hat sich verbreitet über seine bleichen Wangen und es fließen da, wo sonst nur Jammertöne vernommen wurden, die süßen Zähren des Entzückens und der Dankbarkeit: o muss da dich nicht eine selige Zufriedenheit durchdringen, die mit nichts anderem zu vergleichen ist? liegt nicht ein voller Himmel in dem Bewusstsein, ein rettender Engel gewesen zu sein? sind es nicht wahre Stunden voll Seligkeit, voll Friedens, voll Gewissheit des göttlichen Wohlgefallens, die du durch Wohltun, Helfen, Erfreuen und Dienen dir bereitest? Der Herr sagt: „Geben ist seliger, denn nehmen!“ und unsere ganze Seele spricht in solchen Augenblicken der Rührung und der Wonne Ja und Amen zu seinen Worten. Indessen diesen Selbstlohn oder vielmehr Gotteslohn des stillen Bewusstseins meint Jesus nicht, wenn er spricht: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Vielmehr weist der Ausdruck: „sie werden Barmherzigkeit erlangen“ uns durchaus in die Zukunft hinein. - Welche sind es, die einst zur Rechten des Richters stehen werden? Es sind diejenigen, zu welchen die Stimme vom Stuhle erschallt: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.“ Warum ergeht an sie diese himmlisch beseligende Stimme? „Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt; ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt; ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet; ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht; ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.“ Und wie ist ihnen zu Mute, den Seligen, bei diesen Worten? Sie antworten: „Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen, und haben dich gespeist? oder durstig, und haben dich getränkt? Wann haben wir dich einen Gast gesehen, und beherbergt? oder nackt, und haben dich bekleidet? wann haben wir dich krank oder gefangen gesehen, und sind zu dir gekommen?“ Wie ist ihnen also zu Mute? Sie wissen nichts von ihren guten Taten, sie wissen nur von der Gnade des Herrn; die war gewesen ihr Ein und ihr Alles; im Glauben an diese Gnade hatten sie gehofft, selig zu werden; sie sind's geworden um Christi willen; jetzt aber - o Wunder der Barmherzigkeit! rechnet ihnen der Herr auch ihre guten Werke, die sie in diesem Glauben getan haben, verborgen und still, und mit denen sie sich nie genügten, zu, und spricht: „Wahrlich, ich sage euch, was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan!“ und sie stehen da, staunend, erstarrt, mehr dankend, als fragend: „Herr, auch das noch? auch diese unsere geringen und unvollkommenen Taten willst du belohnen? Das ist zu viel Gnade; wir sind nicht wert aller Barmherzigkeit, die du an uns tust;“ und die Geretteten treten auf und bezeugen die Wahrheit und rühmen es laut: Auch mir hast du die Seele gerettet, du! Waren sie selig geworden durch den Glauben an die Gnade Gottes in Christo, so wird die Stufe ihrer Seligkeit ihnen angewiesen um ihrer Liebe willen, als der Offenbarung ihres Glaubens an den Herrn, und sie erfahren nun die Wahrheit des Wortes: Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ (Friedrich Arndt)