Matthäus 5,48
Andachten
Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.
Über den Weg zum Ziel christlicher Vollkommenheit nach. zudenken, ist den Kindern, die dem Vater im Himmel nacharten sollen und wollen, zur unerlässlichen Pflicht gemacht. Man steckt das Ziel oftmalen entweder zu kurz oder zu weit aus. Zu kurz, wenn man sich beredet, entweder die allgemeine menschliche Schwachheit oder die besonderen äußeren Umstände, in denen man sich befinde, gestatten keine pünktliche und vollständige Erfüllung der göttlichen Gebote und es genüge an einer bürgerlichen Rechtschaffenheit. Allein Jacobus 2, 4. sagt: So Jemand das ganze Gesetz hält und sündiget an Einem: der ist es ganz schuldig. Und Jesus fordert von den Seinen eine bessere Gerechtigkeit, denn die der Schriftgelehrten und Pharisäer. Je mehr sich der Geist des Zeitalters auf die Seite der Unbesonnenheit, Ungebundenheit und Sittenlosigkeit neigt, desto mehr musst du dich auszeichnen und den edlen Sonderling machen, wenn du das Ziel der christlichen Vollkommenheit erreichen willst. - Es kann auch Fälle geben, dass man sich dieses Ziel zu hoch steckt und zu weit, so dass man in die Meinung verfällt, der Christ müsse seine Seele von dem Körper und von dieser Sichtbarkeit möglichst abziehen und auf diesem Wege die erhabenen Eigenschaften Gottes zu erreichen suchen. Dieser überspannten Vorstellung hilft Jesus damit ab, dass er uns zur Gottähnlichkeit in unserer Denk- und Gesinnungs- und Handlungsweise anleitet und vornämlich darauf dringt, dass wir Gottes heilige und weise Liebe gegen seine Geschöpfe in unserem Tun und Lassen nachahmen sollen, auf dass wir seine rechten Kinder seien. (C. H. Rieger.)
Darum sollt ihr vollkommen sein, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.
Als ein großer Mann des fünfzehnten Jahrhunderts das 5. Kapitel des Evangelisten Matthäus durchgelesen hatte, rief er aus: „Entweder dies ist nicht wahr, oder wir sind keine Christen.“ Und wer könnte überhaupt anders sprechen? Entweder die Worte des Herrn in der Bergpredigt sind nicht wahr, sind übertrieben und unerfüllbar, oder, da wir dies nicht wagen dürfen zu behaupten, - wir sind keine Christen, kein Salz der Erde, kein Licht der Welt, wir sind noch lange nicht vollkommen. Denn vollkommen sein heißt nichts anders, als wirklich und ganz das sein, was man ist. Der ist daher ein vollkommener Christ, der ganz, in seiner ganzen Gesinnung, in seiner ganzen Denk- und Handelsweise Christ ist. Von seinen Jüngern, den Christen, hat aber der Herr gezeigt, dass sie durch das innere Gesetz der Liebe, welche ihnen ins Herz geschrieben, auch das äußere Gesetz, durch den Geist auch den Buchstaben halten, wie ein wahrer Christ auch ein versöhnlicher Mitmensch, ein treuer und reiner Gatte, ein gewissenhafter Bürger, ein guter Untertan, sogar ein Freund seiner Feinde sei. Und nun schließt Er das Ganze mit der Erklärung: „Darum sollt ihr vollkommen sein, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Wenn wir also völlig geworden sind in der Liebe, dann sind wir vollkommen wie Gott vollkommen ist. Und, da dieser Gedanke keinem von uns auch nur entfernt beikommen kann, können wir uns wenigstens das Zeugnis geben, dass wir im völligen Laufe begriffen sind, dieses Ziel zu erreichen? Haben wir schon so unsere geistliche Armut erkannt, gefühlt, und dem Geiste Gottes Gehör gegeben, dass uns täglich hungerte und dürstete nach der Gerechtigkeit? Haben wir schon so die barmherzige Liebe, das reine Herz, und den friedfertigen Sinn uns angeeignet, dass wir mit Freuden leiden können um der Gerechtigkeit willen? Trachten wir auch nur mit ganzem Ernste nach einer versöhnlichen Nächstenliebe, nach der Liebe zur Wahrheit und zum Frieden, nach der Feindesliebe, dass uns Jesus das Zeugnis geben könnte, wir seien der Vollkommenheit schon nahe gerückt? Wir sind wohl freilich noch ferne davon, wahre Christen zu sein, aber wir möchten es gerne werden wollen. Und wenn auch dieser Wille in uns erst noch schwächlich ist, so ist doch der erste Schritt zur Vollkommenheit schon dann getan, wenn wir ernstlich von dem Bewusstsein durchdrungen und gedemütigt sind, dass es so mit uns nicht bleiben darf, wie es jetzt steht, dass aber auch unsere Kräfte weder zum rechten entschiedenen Wollen, noch auch und noch viel weniger zum Vollbringen ausreichen, dass einzig und allein Gottes Kraft unsrer Schwachheit aufhelfen und uns ans Ziel der Vollkommenheit bringen kann. Und dies müssen wir erreichen, wenn wir selig werden wollen, wenn auch nicht, so lange wir im Leibe wallen, doch aber dann, wenn wir denselben ablegen. Denn ohne Vollkommenheit in der göttlichen Gesinnung gibt es auch keine Vollkommenheit in der Seligkeit. Daher bleibt uns nichts anders übrig, als die uns dargereichten Mittel der göttlichen Gnade fleißig zu gebrauchen und Gott beharrlich und inbrünstig anzurufen, dass Er mit Seiner Kraft das Werk, welches Er in uns angefangen hat, auch herrlich hinausführen wolle. Amen.. (Anton Camillo Bertoldy)