Psalm 39,7
Andachten
Die Menschenkinder gehen daher wie ein Schatten und machen sich viel vergebliche Unruhe.
Wie ernst ziehen die Schatten über den Erdboden hin, bald klein und schnell schwindend, bald riesengroß und lange während. Aber was bleibt von ihnen? Nichts, ganz und gar nichts, weder von den kleinen, noch von den riesengroßen! Und so, sagt der Psalmist, ziehen die Geister der Menschheit über die Erde hin. Das ist ein betrübender, schier beleidigender Vergleich! Aber was wollen wir machen? Wollen wir uns etwa einbilden, dass von uns auf die Dauer mehr zurückbleiben werde, als von dem Schatten? Wahrlich nicht! - es sei denn dass etwas in dir lebte und aus dir heraus lebte, das nicht von dieser Welt war und also auch nicht mit ihr schwinden kann.
Also nur Schatten auf Erden! und doch machen wir uns so viel vergebliche Unruhe! Ach ja, unruhig ist das Leben und wir machen's noch viel unruhiger, wie es sein müsste. Jedem, der auf seinen Weg geachtet hat, wird das aufgefallen sein, wie man so gar nie zur Ruhe kommt hier unten. Freilich, oft denkt man: Nun wird's kommen! Noch Eins liegt vor mir, eine Sorge, ein Kampf, eine Arbeit; ist das überwunden, dann gibt's Ruhe. Aber ach, ist man nun glücklich über den besagten Berg, so zieht neue Unruhe in neuer Sorge, Arbeit und Anfechtung, schweren Wolken gleich, über den lichten Himmel; es kommt von einer Seite, woher man sich gar nichts vermutet hatte.
Und ob man in den äußerlichen Dingen zur Ruhe gekommen ist, so geht die innere Unruhe erst recht an. Stärker wie vorher dringt oft gerade in solchen Zeiten, wo äußerlich Alles zum Frieden gekommen ist, das Gefühl des innerlichen Unbefriedigtseins in die Seele hinein. Oder es ist Unruhe darüber, dass wir nicht richtig stehen, zu diesen und jenen unserer Mitmenschen, vielleicht zu unseren Allernächsten nicht. Oder es ist Unruhe um zukünftiges Unheil, das uns zu drohen scheint, oder Sorge und Unruhe um liebe Menschen, gefährdet scheinen. Ja, wir machen uns viel Unruhe, viel vergebliche Unruhe, und, (was das Schlimmste ist) die Unruhe, die nicht vergeblich ist, die Unruhe, aus der die wahre Ruhe geboren wird, - die machen wir uns so selten. Um Alles beunruhigen wir uns leicht und nicht um das, was aller Unruhe Springquell ist, um die Sünde die in uns wohnt. Nichts ist so leicht, darin der Mensch nicht seine Ruhe suchte; nur an dem Einen, der da ruft: „Kommt her zu mir, ich will euch Ruhe geben für eure Seelen!“ an diesem Einen, der's bewiesen hat und täglich beweist, dass Er Ruhe schaffen kann im Menschenherzen, selige, lebensvolle, unvergängliche Ruhe, - an dem Einen treibt der große Strom der unruhvollen Menschenkinder vorüber. Wer aber vor Ihm zum Stehen und demnach zum Knien gekommen ist, wer sich von Ihm sein sanftes, leichtes Joch hat auflegen lassen, wer zu seinen Füßen als ein lernbegieriger Schüler sitzt, der wird bald unseren Psalm, der so trüb und traurig lautet, lustig und schön machen können, dass es eitel Wohlklang, Trost und Himmelsmusik wird. Ja, wird er sagen, „freilich sind meine Tage wie einer Hand breit hier auf Erden, aber nach der Handbreit dieser Tage leuchtet mir der Morgen, dessen Sonne ewig nicht untergeht. Fahre ich hier unten auch nur wie ein Schatten über die Erde hin, doch bin ich berufen des herrlichen Gottes Kind zu sein und werde ewig, in sein Bild und Herrlichkeit verklärt, vor seinem Throne stehen. Ist hier meine Zeit eine unaufhörliche Unruhe, so weiß ich doch, eine Ruhe ist mir vorhanden, mit dem Volk Gottes, darin Leib und Seele ewig frohlocken werden. Muss ich hier auch einstimmen, dass alle Menschen so gar nichts sind, droben, im Lande der Vollendung, wird der staubgeborene Erdenpilger zum festen Bürger der goldenen Gottesstadt geworden sein.“ (O. Funcke)