Psalm 104,24
Andachten
„Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weislich geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.“
„Lobet den Herrn in seiner großen Herrlichkeit.“ Ps. 150, 2.
Welcher Verstand begreift die Macht, die dazu gehört, auch nur Eins, und wäre es auch das Kleinste, aus Nichts zu schaffen! Wie unendlich groß muss also die Macht sein, die so unendlich Vieles schuf! Zähle die Sterne des Himmels, den Sand am Meere, den Staub der Erde, die Tropfen des Regens, das Gras des Feldes, die Blätter und Früchte der Bäume!
Wie unendlich groß muss aber auch die Macht sein, die so unendlich Großes schuf! Messe Einer die Masse der Berge, den Lauf der Ströme, die Weite der Ebenen, die Höhe des Himmels, die Tiefe der Meeresgründe!
Und welche Weisheit zeigt sich in der Zusammenstellung und Anordnung der einzelnen Dinge! Nicht nur das Ähnliche steht in Eintracht bei einander, sondern auch das Verschiedene und Widersprechende trifft gleichsam in einem Freundschaftsbunde zusammen. Was ist sich mehr entgegengesetzt, als Feuer und Wasser? Und doch hat die Vorsehung beide im Naturganzen so gestellt, dass sie nicht nur das gemeinsame Band desselben nicht zerreißen, sondern selbst Allem, was entsteht und wächst, Lebenskraft und Nahrung geben.
Siehe ferner, wie die sämtlichen Glieder des menschlichen Leibes so miteinander verbunden sind, dass keines gefunden wird, das nicht dem andern zu helfen schiene. Ja, Alles greift in der ganzen Welt zweckmäßig und ohne Verwirrung in einander. Blicke hinauf gen Himmel, herab auf die Erde. Dort oben hat Gott das Licht geschaffen, das herunterleuchtet. In der Luft hat er Winden und Wolken den Weg bereitet, damit sie in ihrer Unruhe den Regen über die Länder ausschütten. In die Tiefe der Erde barg er Wassermassen, die sich auf seinen Wink durch die Abgründe hin und her wälzen sollten, wie es das Gleichgewicht des Ganzen forderte. Von der Luft lässt er die Vögel getragen werden, die Fische taucht er ins Meer, das Land erfüllt er mit allerlei Tieren und Gewürmen. Einigen Gegenden gab er reiche Baumfrüchte, andern viele Weinberge, noch andern heilsame und nahrhafte Kräuter, Künste und Gewerbe, also dass es keine Gegend gibt, die nicht vor andern Besonderes und Eigentümliches besäße, aber auch keine, die nicht etwas Neues von der andern erhalten könnte. Dazu hat die weise Vorsehung das, was der Mensch notwendig bedarf, offen und allgemein zugänglich gemacht, was hingegen nur dem Glanze dient, tief in den Schoß der Erde verborgen.
Siehe, o Seele, in allen diesen Dingen kannst du deines Gottes Macht, Weisheit, Güte und Vollkommenheit erkennen. Und er, dein Freund, hat dich über alle Dinge gesetzt und das ganze Weltgebäude dir zum Dienst geordnet. So bezahle ihm nun den gebührenden Dank und schaue über die Gaben hinweg auf den gnadenreichen Geber, dass alle Dinge sind, der sie und dich gemacht hat. Amen. (Christian Wilhelm Spieker)
Herr, wie sind deine Werke so groß und viel? Du hast sie alle weislich geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.
Ihr Menschenkinder, seht die Vögel unter dem Himmel, sie singen dem Schöpfer ihr Lied am Morgen und Abend. Seht die Lilien auf dem Felde und die Bäume im Walde: mich, ruft der Baum in seiner Pracht, mich, ruft die Saat, hat Gott gemacht! Gebt unserm Gott die Ehre. - Und ihr wolltet ihm nicht die Ehre geben? Ihr wolltet stumm bleiben? Seht die Vögel unter dem Himmel an, und die Lilien auf dem Felde und lernt Gott vertrauen. Der Allgütige vergisst keine seiner Kreaturen, auch nicht die kleinste. Wie herrlich hat er der kleinsten Blume das Kleid geschmückt, welche Sorge auf sie verwandt, die doch so schnell vergeht. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie? - Wenn sich in eurem Leben Gottes Güte und Weisheit verbirgt, dass ihr sie nicht mehr recht erkennten könnt, geht hinaus in seine große, weite Schöpfung. Da lernt, wie er Alles weislich ordnet, wie er nichts vergisst und versäumt in seinem Regiment. Geht hinaus und hört die Predigt, die aus Wald und Feld, von den Bergen und Tälern mit tausend mal tausend Stimmen an euch ergeht: „Sorgt nicht, klagt nicht. Gott ist ein guter Gott, und er weiß und hat Alles, was ihr bedürft.“ Lasst da draußen eure Sorge und kehrt heim mit befreitem Herzen! Lasst da draußen euer Grämen und Grübeln, und bringt aus der Schöpfung heim ein neues kindliches Vertrauen, einen fröhlichen, getrosten Mut. (Adolf Clemen)
Herr, wie sind deine Werke so groß und viel, du hast sie alle weislich geordnet und die Erde ist voll deiner Güte.
Wer auch diese Worte gesprochen haben mag, aus einem tief empfindenden Gemüte, aus einem dankbaren Herzen, von einem Geiste, der zum Urquell aller Geister sich zu erheben verlangte, sind sie gekommen. Wer kann nun mit fühlendem Herzen hinaustreten unter Gottes freiem Himmel und sie beschauen die vor ihm ausgebreiteten Wunder der Natur, ohne zu bekennen, die Worte: Herr, wie sind deine Werke so groß und viel, du hast sie alle weislich geordnet und die Erde ist voll deiner Güte, seien aus seiner Seele gesprochen und er fühle sich unwillkürlich gedrungen, in sie mit einzustimmen. Ja es ist schön auf Gottes Erde und wert, auf ihr recht froh zu sein und doppelt schön ist es, wenn des Frühlings hohe Pracht vor unsern Blicken sich entfaltet, und der Sonne erquickende Wärme und des Himmels dunkles Blau und der Fluren lachendes Grün, und es entschädigt für die Entbehrungen des Winters. Aber bloß bei der Bewunderung der Herrlichkeit der Schöpfung stehen bleiben, ist des Menschen nicht würdig, der mit unsterblichem Geiste auf vergänglichem Boden wandelt. Nicht bloß bewundern sollen wir das Geschaffne des großen Baumeisters des Weltalls, sondern unsre Seele zu ihm selbst erheben und lernen aus seinen Werken, ihm ähnlich sein. Erforschen sollen wir den Geist, der sich offenbart in der Schöpfung, den Geist der Ordnung und Regelmäßigkeit, der Weisheit und Umsicht, der Liebe und Güte und sollen ihn dann übertragen auf unser eignes Leben und ihn selbst nachahmen und uns eigen machen, damit die Natur uns das Buch des Lebens werde, wie es das geschriebene Wort der Offenbarung ist. Das ist die Frucht der rechten Bewunderung der Natur und dazu wollen wir uns alle ermuntern. Diesen Gedanken wollen wir an unser Tagewerk mitnehmen und der Herr wird uns gnädig segnen, dass wir ihn überall suchen und finden und immer mehr in ihm und mit ihm leben. Amen!(Christoph Wilhelm Goetz)