2. Samuel 7,18
Andachten
“Wer bin ich, HErr, HErr! und was ist mein Haus, dass Du mich bis hierher gebracht hast.“
David ist‘s, der, nachdem er unter vielen Anfechtungen und Trübsalen zum Thron gekommen war und Ruhe gefunden hatte, in einer besonderen Andachtsstunde also ausrief: „Wer bin ich, HErr, HErr!“ Er war ein Hirtenknabe gewesen, sein Haus war angesehen, aber doch außer Würde; und jetzt war er so hochstehend, dass das ganze Israel zu ihm, als dem Könige, emporblickte. Er sieht es als eine unverdiente Gottesgnade an, und rühmt sich nicht, sondern schämt sich eher, dass er, so ein geringer Mann, und so wenig wert solcher gnädigen Führung, doch sollte so weit gekommen sein.
Der HErr hat es je und je in der Geschichte werden lassen, dass aus dem niedersten Stand das Größte und Höchste sich erhob. Eben damit sind auch die niedersten Stände geadelt; und es erscheint umso törichter, wenn die Höheren auf die Niederen herabsehen, oder wenn die Niederen sich verkürzt denken. In den letzteren ist der verborgene Adel so zu sagen noch ungeschwächter, als in jenen, bei welchen er nur gar zu häufig als abnehmend erscheint. Eben weil es so leicht von unten nach oben, und von oben nach unten geht, muss man mit dem Gedanken vertraut werden, dass alle einander gleich sind, und soll im Gemüt kein Unterschied bestehen zwischen den Armen und den Reichen, den Hohen und den Niederen. Vor Gott stehen sie ohnehin alle gleich; und die Zeit wird kommen, da werden alle gleich erhoben, die sich dem Willen Gottes und Seiner Erlösungsgnade gefügt haben. Es mag sich auch einmal herausstellen, dass im Himmelreich die von unten leichter in die Höhe kommen, als die von oben sich auf der Höhe erhalten.
Der aber, ihr Lieben, ist übel daran, der, wenn ihn Gott erhöhet hat, sich breit macht; den kann der HErr bald übel zerscheitern. Gesetzt auch, es wäre Jemand in der Erkenntnis weit hinaufgekommen, und im Reich Gottes auf Erden hochgestellt; wenn solcher Mensch sich würde geistlich fühlen, etwas auf sich halten und auf Andere herabsehen, so hätte der zu erwarten, dass er von seiner Höhe weit werde herabgeschleudert werden, ja dass es ihm am Ende noch ganz fehlen könnte. Das aber gefällt dem HErrn, wenn Einer, der von Ihm begnadigt ist und viel empfangen hat, dennoch sich klein fühlt und nicht über Andere hinausdenkt.
Was wollen wir denn, ihr Lieben, von uns sagen? Was David seinem Gott gegenüber fühlt, haben wir gehört. Fühlen wir auch etwas von erfahrener Gnade und Güte Gottes? Manche von uns doch wohl. Wenn aber, sind wir's auch gewohnt, so demütig zu sagen: „Wer sind wir, HErr HErr! dass Du's also mit uns bis hierher gebracht hast?“ Werden wir doch nur klein, achten wir uns alles Guten, auch aller Gnade unwert. Welch ein Staunen wird‘s aber einmal sein, wenn wir uns am Ziel befinden, und dann erst recht übersehen, wie wunderbar uns Gott geführt, und wie unwert wir dessen gewesen sind. (Christoph Blumhardt)
Wer bin ich, Herr, Herr, und was ist mein Haus, dass Du mich bis hierher gebracht hast?
Da stehen wir nun an der Grenze des alten Jahres wie an einem Scheidewege; fast will es uns bedünken, als sollten wir einen lieb gewordenen heimischen Boden verlassen, um auf einen fremden und unbekannten Schauplay hinüberzutreten; an solcher Grenzscheide ist's Einem gar wunderbar zu Mute, so wehe, und doch so wohl, wie Einem, der dem scheidenden Freunde zum letzten Mal in Auge schaut, aber zugleich das dankbare Bewusstsein reich empfangenen Segens von ihm heimnimmt. Und hast Du denn, o Du gütiger Gott, uns nicht überreich gesegnet in dem verflossenen Jahre? Müssen wir nicht gestehen: wohin wir auch unsere Blicke wenden mögen, da leuchten uns die Spuren Deines Segens entgegen? Deine Augen haben über uns offen gestanden bei Tag und bei Nacht. Alle Tage hat uns Deine Hand das Brot gebrochen. Aus Krankheit hast Du uns wieder genesen lassen; aus Not und Gefahr hat Deine Hand uns gnädig herausgerissen. Viele helle Stunden hast Du uns leuchten lassen, und ungezählte stille und reine Freuden hat Deine Barmherzigkeit in unser Leben eingeflochten. Du hast uns gesegnet in unserem Berufe, in unserem Hause, in unserem Herzen, und auch die Schmerzen, die Du uns da fühlen ließest, die Kämpfe, die Du uns bereitetest: Du hattest einen heimlichen Segen für uns in sie hineingelegt. Denn die Mühen und schweren Arbeiten, die der Beruf uns auferlegte, haben uns doch immer wieder zu Dir hinführen müssen: bet Dir haben wir immer wieder Kraft und Trost und neue Zuversicht empfangen, und wenn unsere Arbeit nicht ganz vergeblich war, so ist es Deine unverdiente Gnade gewesen, die sie gedeihen ließ. Und wenn wir in unser Haus blicken, so müssen wir ja sagen, Du hast geholfen, dass es gebaut wurde. Die Bande der Liebe knüpften sich enger; neue wurden geschlossen. Den neugeborenen Säugling durften wir Dir an das Herz legen, in der heiligen Taufe hast Du ihn Dir geweiht, und wir Eltern nahmen das Kind aus Deinen Händen mit dem heiligen Entschlusse, es nach den Weisungen Deines Wortes für ein ewiges Leben zu erziehen. Wir haben auch an einem Sarge gestanden, und ein teures Leben Dir zurückgegeben; wir haben das Wehe des Scheidens tief und schmerzlich empfunden, und doch sind wir es unter allem Leid und unter den heißen Tränen inne geworden, dass in Dir, der Du die Auferstehung und das Leben bist, alle unsere Toten leben, dass unsere gemeinsame Liebe zu Dir uns Bürgschaft gibt, wir werden die früher Vorangegangenen dereinst bei Dir wiederfinden. - Und wie oft, o Du treuer Herr und Gott, hast Du Dich an unserem Herzen bezeuget in der Kraft des Trostes und heiliger Mahnung! Wie oft hat Dein Wort uns erbaut, und uns Deine unwandelbare Liebe und Treue innerlich versiegelt; wie oft hat Dein Heiliger Geist in stillen Stunden bei uns angeklopft, und uns wieder gerufen, wenn wir träge werden wollten in der gebotenen Pflicht; wie oft haben unsere Gebete Deine Hilfe gesucht, und wie oft durften wir getröstet und gestärkt von Deinem Angesichte hinweggehen! Und wer sind wir denn, dass Du, o getreuer Gott, uns bis hierher gebracht hast, und wie können wir armen Sünder es wagen, zu den lichten Höhen Deiner himmlischen Wohnung aufzublicken? Aber wenn unsere Sünde uns schrecken will: Deine Gnade macht uns getrost; Deine Gnade wollen wir am Schlusse dieses Jahres anrufen, dass sie uns über die Schwelle desselben hinüberführen möge zu den geöffneten Pforten der neuen Zukunft. Dir, o getreuer Herr, wollen wir uns auf Gnade und Ungnade ergeben, Deine Gnade walte über uns und den Unsrigen jetzt und in alle Ewigkeit! Amen. (Julius Müllensiefen)