Lukas 1,66
Andachten
Was meinst du, will aus diesem Kindlein werden?
Die Frage wurde zum ersten Male von den Freunden des Zacharias und der Elisabeth über dem Kindlein Johannes aufgeworfen. Seitdem ist sie viel tausend und tausendmal dem Herzen von Vater und Mutter oder Gefreundeten entstiegen. Ein Kindlein in der Wiege ist so klein und hilflos, dass ohne göttliche Erbarmung und ohne elterlichen Schutz nichts aus ihm wird, als eine baldige Speise der Würmer und doch so wunderbar lieblich und vielverheißend, eine Welt von Leben in sich bergend!
Was will aus diesem Kindlein werden? fragen Vater und Mutter bewegt; denn es ist ihr Kind, und sein Wohl und Wehe ist mit dem ihrigen aufs innigste verbunden. Wird es aufwachsen im Gehorsam und in der Liebe zu ihnen? Was wird für diese Welt, was für die Ewigkeit aus ihm? Wird es einst zur Rechten Gottes stehen, ihn zu preisen, oder sollte es von ihm verstoßen werden müssen an den Ort der Qual? Was will aus diesem Kindlein werden, in dessen jungem Herzen die Neigung zum Bösen, als Erbteil von Vater und Mutter, schon ist? Was will aus ihm werden in dieser gefährlichen Zeit? Bei christlichen Eltern ist die Antwort klar, denn sie haben es im Gehorsam gegen die Heilige Schrift in der Taufe dem dreieinigen Gott übergeben, haben es dadurch eingetaucht in die Liebe Gottes des Vaters, in die Gnade Jesu Christi zur Besprengung durch sein Blut und in die Gemeinschaft des Heiligen Geistes zur Erweckung und Förderung eines neuen Lebens; und Gott hat sein Ja dazu gesagt und dieses neue Glied der Menschheit in sein Buch gezeichnet und will nun an ihm alle Pflege üben, die er, als der himmlische Gärtner, dem zartesten und edelsten der Pflänzchen verheißen hat. Die Antwort auf die Frage lautet also kraft des Taufsakramentes: Ein Kind Gottes soll und wird es sein! Der Herr hält es in seiner Hand, und seine Treue ist groß. Er will nicht, dass eines dieser Geringsten verloren gehe, denn ihrer ist das Reich Gottes.
Hinge die Zukunft des Kindes nur von seiner Anlage oder der Eltern Obsorge ab, so würde es in dem Meere der Welt umherfahren wie ein führerloses Schifflein auf dem Ozean. Die Lösung der Frage ist aber Gottes Tat; durch die Taufe ist er ins Lebensschifflein getreten und wird es auch durch Sturm mit sicherer Hand leiten bis zum Hafen der ewigen Ruhe. Und wenn die Eltern noch manchmal die Frage bange wiederholen müssen, so schauen sie auf die im Namen des dreieinigen Gottes vollzogene Taufe und haben darin einen festen Grund der Hoffnung, die nicht zu Schanden werden lässt.
Herr, was du verheißt, bleibt felsenfest, und wer in deine Hand gezeichnet ist, den lässt du nimmermehr. So nimm denn alle die Kindlein, die uns nahe stehen, in deine Pflege und mache aus ihnen Gefäße deiner Gnade und deiner Herrlichkeit! Amen. (Rudolf Wenger)
Dass Gottes Hand über dem Kindlein Johannes war, bewiesen die wunderbaren Vorgänge, welche seine Eltern erlebten von des Engels Ankündigung im Tempel an bis auf die Stunde, da der Vater den Namen „Johannes“ aussprach. Über des Johannes frühere und spätere Jugendzeit wissen wir nur, dass er wuchs und stark ward im Geist und in der Wüste blieb, dass die Hand Gottes über ihm war und sich mächtig erwies in Erfüllung dessen, was seinem Vater verheißen worden war, bis er als Wegbereiter vor dem Herrn auftrat und durch seine Bußpredigt ganz Jerusalem erschütterte. Zwar machte des Henkers Schwert seinem Leben früh ein Ende, aber in dem kurzen Schmerze war ein seliger Ruf, einzugehen zur Ruhe des Volkes Gottes.
Diese Führung ist für alle frommen Eltern ein Pfand, dass Gott die in der Taufe gegebene Zusage auch über ihren Kindlein und Kindern halten wird. Dass die Hand des Herrn mit ihnen ist, sieht man in mancher Bewahrung vom zartesten Alter an, sieht man in der allmählichen Entwicklung der schlummernden Gaben, aber am segensreichsten in den Regungen des göttlichen Geistes. Wie faltet das Kindlein früh schon die Hände, und wie schmiegt es sich an die Mutter, wenn sie ihm vom Heiland erzählt! Welch schöne Zeiten! Möchte Gott schützend über ihm walten, dass keine Sünde den frischen Morgentau seiner Gnade mit wüster Hand verderbe! Später kommen Jahre, wo die Eltern aufs Glauben, oft aufs Glauben wider Schauen angewiesen sind; aber das Kind ist zuerst Gottes und dann der Eltern. Und sollte es nicht früher zu sehen sein, so kommts am Sterbebette, und wenn auch da nicht, so doch in der Ewigkeit zu Tage, dass die allmächtige und durchgrabene Hand der Liebe über dem Kinde gewaltet hat und sich ihr Eigentumsrecht nicht hat rauben lassen, trotz Sünde, Welt und Teufel.
Die Eltern sind Gottes Werkzeug und Stellvertreter. Es liegt eine große Verantwortung auf ihnen. Wehe, wenn sie in abgöttischer Liebe den Ernst nicht gebrauchen, Böses gut heißen und kaum sauer sehen ob der Kinder Abirrung! Sie hindern Gottes Hand und schädigen sein Werk. Wer die Rute nicht braucht, wo es nötig ist für das Kind, der bindet sich selbst die empfindlichste Rute im Kind. Aber eingreifender, denn die Nute, ist Vorbild, Belehrung und Fürbitte. Wo die Eltern die Hand Gottes über sich wissen, und sich von ihr leiten lassen, da wirds dem Kinde eindrücklich, dass Gottes Hand auch über seinem Leben waltet. Die Hand der Eltern ist oft zu kurz; aber wenn das Kind aus dem Hause zieht, erreicht, hält und schützt Gottes Hand es auch dort. Bewege sie durch deine Fürbitte. Der Knabe Samuel wurde nach Silo gebracht zum geistlich halbblinden Eli und unter den Einfluss seiner gottlosen Söhne. Was hat ihn bewahrt, dass sein Ohr dem Ruse Gottes offen blieb und sein Herz dessen Geist? Was hat aus ihm den treuesten Beter, Ratgeber und Richter des Volkes gemacht? Gottes Hand und der Mutter Gebet.
Vater im Himmel, wir befehlen dir uns und unsere Kinder an. Verzeih uns jeden Mangel an Ernst und Liebe und Weisheit in ihrer Erziehung. Lass sie nicht Schaden leiden, sind sie doch dein. Halte sie fest, verlass sie nie und mach sie selig! Ja nur selig! Amen. (Rudolf Wenger)
Was, meinst Du, will aus dem Kindlein werden?
Das ist eine Frage, die frühe in einem Vater- und Mutterherzen aufwacht: Was will aus dem Kindlein werden? Wie wird sich seine Zukunft gestalten? Was für einen Beruf wird es ausfüllen? und wird der Weg, auf dem Gott es zu vollenden gedenkt, ein rauer oder ebener sein? Werden wir die Zeit erleben, wo es handelnd in der Welt auftritt; dürfen wir hoffen, noch Zeugen seines späteren Gedeihens zu werden, oder sollten wir berufen sein, ihm frühe schon den letzten Liebesdienst erweisen zu müssen? Ach, diese Fragen, so natürlich sie sind, bleiben uns doch alle die Antwort schuldig; vergeblich streckt sich die Hand aus, den Schleier zu lüften, der diese Zukunft vor uns zudeckt; vergebens müht sich das Auge, das Dunkel zu durchdringen, das sich noch über den Wegen lagert, die dies Kind nach Gottes Willen wird in seiner Zukunft zu wandeln haben. - Auch Maria und Joseph werden bei dem Anblick des teuren Kindes unter einander oft die Frage in ihrem Herzen erwogen haben: „Was, meinst du, will aus dem Kindlein werden?“ aber das Kind hat ihnen auf alle diese Fragen in Seinem zwölften Jahre die beste Antwort gegeben: „Wisst ihr nicht, dass Ich sein muss in dem, das Meines Vaters ist?“ Dies Wort ist auch eine Antwort auf alle Fragen, mit denen liebende Eltern der Zukunft ihrer Kinder entgegen sehen. Das irdische Teil ihres Lebens sollte uns am wenigsten Sorge machen; und doch ist es dies gerade, was den meisten Eltern am wichtigsten dünkt. Denn wie oft ist es ihr ernstestes Bemühen, selber reich zu werden, um einst ihren Kindern ein reiches Erbe zurückzulassen. „Wir werden sterben“, sagen sie, aber unsere Kinder sollen unseres Segens froh werden.“ Ach, werden denn eure Kinder nicht auch sterben? Ist denn Geld das Einzige, oder ist es das Beste, was ihr ihnen hinterlassen könnt? „Wir haben Nichts in die Welt gebracht“; in diesem Worte stellt uns der Apostel an des Kindes Wiege. Siehe, so arm war der kleine Säugling; nackt und bloß ist er in die Welt getreten. So wie er kam, wird er sie auch wieder verlassen. Das irdische Gut ist nur die unwesentliche Beigabe; zum Wesen des Menschen gehört es nicht; er nimmt nur mit hinüber in die Ewigkeit, zum Segen oder zum Fluche, was sich ihm in das Herz hineinbildete. Wie oft zielt die ganze Erziehung der Eltern nur darauf hin, dass die Kinder es einmal im Irdischen recht weit bringen! Das Kind muss Alles lernen, was nur erreichbar ist, aber alles Wissen und Können soll eben nur mithelfen, den Zweck seines Lebens zu erfüllen, angesehen zu werden und - reich. Wenn der Lebensberuf ergriffen werden soll, wie oft entscheidet dann lediglich dieser Gesichtspunkt: in welchem Zweige des Geschäfts- oder Berufslebens gelangt man am Ersten oder am Sichersten zu lohnendem Verdienst? - Lieben Eltern, so oft euch Gott der Herr ein liebes Kind an das Herz legt, so oft sagt euch: es ist nicht unser Eigentum, es ist des Herrn; Er, der es uns anvertraute, wird es auch einst von uns zurückbegehren, und wir werden für unser Werk an ihm vor Gott verantwortlich sein. Nach dem Willen des Herrn soll es erzogen werden. Die Wahl des irdischen Berufes richte sich nach den Gaben, die Gott dem Kinde anvertraute, und nach den Verhältnissen, die seinen Lebensgang mitbestimmen; nicht das ist die Hauptsache, dass es einst hoch stehe in der Welt, sondern dass es den ihm von Gott zugewiesenen Platz würdig und tüchtig ausfülle; es werde so erzogen, dass es auf der Höhe demütig, und in der Niedrigkeit glücklich und zufrieden sein kann; dass es frühe gewöhnt werde, nicht sich zu leben, sondern in Liebe zu dienen, und von dem Drange erfüllt, Segen über seine Umgebungen auszuschütten. - Ihr lieben Eltern, so oft die Frage in eurem Herzen wieder auftaucht: „Was will aus unserem Kindlein werden?“ so oft haltet euch dies Ziel vor, und Gott schenke euch Gnade, dass es euch gelinge, eure Kinder demselben zuzuführen! (Julius Müllensiefen)