Psalm 128,6
Andachten
Friede über Israel!
„Friede über Israel!“ Das ist kein eitler Wunsch, keine vergebliche Bitte; denn es gibt noch eine Stunde des Friedens für Israel. Es wird für Israel eine Zeit kommen, da wird seine Fremdlingschaft ein Ende nehmen, da wird es seine Lenden gürten, und den Wanderstab ergreifen, und aus allen Ländern heraus und von allen Völkern hinweg wird es seiner Heimat zupilgern, wie einst in den Tagen seiner Blüte, wenn es um die Osterzeit zu der heiligen Stadt wallfahrtete, und wird, wie damals seine Freudenpsalmen singen: „Ich freue mich des, das mir geredet ist, dass wir werden in Haus des Herrn gehen, und dass unsere Füße werden stehen in deinen Toren, Jerusalem. Jerusalem ist gebaut, dass es eine Stadt sei, da man zusammenkommen soll, da die Stämme hinausziehen sollen, zu danken dem Namen des Herrn“ (Ps. 121, 1 ff.); und Israel wird es dann erst verstehen und selig erfahren, was es in den Tagen seiner Gefangenschaft hoffend und sehnend unter Tränen gesungen: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden; dann wird unser Mund voll Lachens, uns unsere Zunge voll Rühmens sein - der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich.“ (Psalm 126, 1 ff.) Ja, diese Stunde wird kommen; der Herr hat sie geweissagt. „Jerusalem wird zertreten werden von den Heiden, bis dass der Heiden Zeit erfüllt wird“ (Luk. 21, 24); so hat es der Mund des Friedefürsten gesprochen, als Er in der Knechtsgestalt unter seinem Volke weilte, und hat sie also damals schon hinausblicken lassen in die Geschichte ihrer letzten Zukunft. Und Gottes Wort kann nicht lügen; Seine Gaben und Berufung mögen Ihn nicht gereuen. „Himmel und Erde werden vergehen“, spricht der Herr, aber Meine Worte vergehen nicht.“ Und die Zeichen der Zeit künden, dass die Erfüllung bereits, wenn auch nur von Ferne, anhebt. Schon wird Jerusalem gebaut; auf Zion erhebt sich der Tempel des Gekreuzigten; eine Sehnsucht ist unter den Völkern der Erde erwacht nach der heiligen Stätte, als wenn sich erfüllen sollte, wonach die Welt seit achtzehn Jahrhunderten vergeblich ausgeschaut hat, dass der Herr werde wiederkommen, um Seinen Stuhl aufzurichten in Herrlichkeit, und die Seinen um Sich zu versammeln von allen Enden der Erde. Israel ist müde von seiner Wanderschaft; es wird ihm bange in der Fremde; es fängt an auszuschauen nach der fernen Heimat, wie nach einem verlorenen Paradiese. - Unter den Heiden wird es lebendig; sie begehren nach dem Worte; sie wollen glauben; sie wollen durch den Glauben selig werden; und siehe, der Heiden Glaube wird die Decke wegnehmen, die auf Israel ruhte; es wird sich erfüllen an Israel das Wort der Weissagung: „Sie werden sehen, in welchen sie gestochen haben.“ (Sach. 12, 10; vergl. Joh. 19, 37.); ja, sie werden Ihn sehen, nicht als den Richter, sondern als den Friedens-Wiederbringer; sie werden Ihn sehen, wie einst Thomas Ihn sah, mit der durchbohrten Seite, mit den durchgrabenen Händen, mit dem Friedenswort auf Seinen Lippen: nun „sei nicht ungläubig, sondern gläubig (Joh. 20, 27.); und wie Thomas werden sie vor Ihm niederfallen, und anbetend ausrufen: „Mein Herr und mein Gott!“ „Friede über Israel!“ Ja, dann wird Israel Frieden haben; dann wird sein Frieden sein wie ein Strom, und seine Gerechtigkeit wie Meereswellen, und Israel wird dann wie ein zweiter Mose, dessen Kraft nicht verfallen ist (vgl. 5 Mose 34, 7.), als eine herrliche Gemeinde Jesu sich bauen, und wie es einst aus dem Ersten der Letzte geworden, so wird nun der Letzte wieder zum Ersten werden, wie ein Spätling, der an Gaben umso reicher zu sein pflegt; wie ein wiedergewonnenes Schmerzenskind, dass man hernach umso lieber hat; und mit ungeschwächtem Geistesblick, mit unverfallener Jugendkraft wird es dem Meister dienen, und Sein Reich herrlich hinausbauen in alle Welt, und Seinen großen Namen verkündigen unter den Völkern. Nun Herr, das gib aus Gnaden; hilf Deinem Volke und segne Dein Erbe; Friede über Israel! (Julius Müllensiefen)