Johannes 12,6
Andachten
Judas war ein Dieb und hatte den Beutel und trug, was gegeben ward.
Man hat den Judas oft so dargestellt, als ob er ein Scheusal, ein menschliches Ungeheuer gewesen wäre. Die frommen Leute sind dann durch solchen Anblick nur noch frommer geworden, haben sich die Hände gewaschen und gesagt: „Ich danke Dir, Gott, dass ich nicht so schlecht bin“. Aber wahrlich, nicht dazu wandelt die finstere Gestalt des Judas, (wie der ewige Jude,) seit 1800 Jahren durch die Christenheit, dass wir uns nur um so behaglicher und sicherer fühlen sollen. Nein, umgekehrt! Dass ein Mann, der so hoch stand, so tief fallen konnte; dass ein Mensch, der drei Jahre lang Jesu zur Seite wandelte und von seinem heiligen Odem allenthalben berührt wurde, dennoch in so furchtbaren Abgrund sank; - dass ein Mensch, der eine so hervorragende religiöse Anlage hatte, dass Jesus selbst in ihm das ganze geistige Material zu einem Apostel entdeckte, dass er dennoch der Verräter Jesu wird, das soll uns gar ernste Gedanken machen. Der Herr würde ganz gewiss den Judas nicht erwählt haben, wenn nicht ein tiefes Verlangen nach Gott, ein gewaltiges Hungern und Dürsten nach himmlischem Leben in ihm gewesen wären. Was war es aber denn, was den Judas zum verlorenen Kinder machte, das „besser nie geboren wäre,“ das glücklicher gewesen wäre, wenn es dem schönsten und heiligsten unter den Menschenkindern nie ins Auge geschaut hätte?
Mancher wird antworten: „Es war seine furchtbare Leidenschaft für Geld und Besitz“. Aber Jesus erkannte ohne Zweifel diese Gefahr und wählte ihn doch. Ohne Zweifel hoffte Jesus, dass der Jünger diesen Sinn grade in seiner Nachfolge überwinden und dadurch dann doppelt tüchtig werden solle. Die Sünde an und für sich trennt uns ja noch nicht von Jesu, im Gegenteil, sie soll uns grade zu ihm treiben, bei ihm und durch ihn überwunden werden und also, recht verstanden, das werden, wodurch wir Ihn erkennen und lieben lernen. Auch ist darum kein Mensch untüchtig zum Reich Gottes, weil irgend eine besondere Sünde oder Leidenschaft in sehr hervorragender Weise bei ihm entwickelt ist. Es gibt ja Menschen, an denen uns ein fast unwiderstehlicher Naturzug, z. B. zur Wollust, oder zum Mammon, oder zur Grausamkeit, entgegentritt. Ja, manchmal sehen wir derartige Leidenschaften wie ein entsetzliches Familienerbteil von dem Vater auf den Sohn, von dem Sohn auf den Enkel übergehen. Aber die Aufrichtigen unter Denen, bei welchen die Sünde so eine besondere Gestalt gewonnen hat, werden auch erfahren, dass da, wo die Sünde am mächtigsten ist, dass sich da auch Gottes Gnade, Gottes heilige Geistesarbeit, harrende Geduld und suchende Liebe am mächtigsten beweisen.
Die Sache ist nur die, ob wir mit allem Ernst darüber aus sind, los zu werden von unserer Sünde, ob sie uns innerlich zur Last, zur Not geworden ist, ob man die Zucht Gottes sucht und liebt, ob man seine Naturseele festhalten oder in den Tod geben will.
Hier war nun der Punkt, wo sich Judas von den andern Jüngern wesentlich unterschied. Auch diesen fehlte es nicht an sehr gefährlichen Natureigenschaften. Da begegnen wir bald einem finsteren Fanatismus (Lukas 9,54), bald einem außerordentlichen Kleinglauben; bald böse Kreuzesscheu, jetzt trotzigem Eigenwillen; hier sehen wir Eitelkeit und Ehrgeiz, dort Verzagtheit und Schläfrigkeit, dazu Torheiten, Missverständnisse, Härten und falsche Ideen die Hülle und Fülle. Aber sie kommen mit dem Allen ehrlich heraus; werden gestraft und lassen sich gerne überführen und strafen. Die himmlische Wahrheit ist ihnen lieber, als das eigne Rechtbehalten; durch Jesum etwas zu werden, Gott zu Lob und Preis, steht ihnen tausendmal höher als ihren Willen zu bekommen. So kann sie Jesus denn auch, trotz aller ihrer Torheiten, Schwächen und Sünden, zum heiligsten und seligsten Ziel führen.
Ach, dass du, lieber Leser, in dieser Schilderung auch dein Bild erkannt hättest!
Wie ganz anders aber war's bei Judas! Auch er sehnte sich nach göttlichem himmlischem Leben; auch er wollte von Jesu erleuchtet werden, aber er machte einen geheimen Vorbehalt. Eine Seite seines Naturwesens, die musste geschont werden, auf einen Punkt durfte Jesu Licht nicht scheinen; er forderte auf alle Fälle, dass seine große Sehnsucht nach Gold und irdischem Besitz ihm nicht zerstört, sondern erfüllt werde. Dieses war die Bedingung seiner Nachfolge. Nicht dass er sich klar gemacht hätte: „Nur unter der Bedingung liebe ich Jesum!“ O nein, so „dumm“ sind wir nicht; klar machen wir uns dergleichen leider selten; klar machte sich das Judas auch nicht, sonst wäre er sich ja sehr gottlos vorgekommen! Jesus aber durchschaute das bald und darum erkannte er bald seinen Verräter.
Doch ehe wir weiter gehen; begegnen wir der Frage, warum hat Jesus, bei so bewandten Dingen, grade den Judas zum „Beutelträger“ und Kassenverwalter gemacht? Wurde doch das durch, dass alles Gold durch seine Finger ging, der Goldhunger gereizt, ja die Versuchung, etwas für sich zu entwenden, (eine Versuchung, der er auch nicht widerstand,) war dadurch geschaffen. Allerdings! aber die Versuchung zur Sünde ist der einzige Weg zur Freiheit von der Sünde. Jesus will die Versuchung auch für den Judas; aber er selbst will auch die Kraft in seinen Kämpfen sein, falls anders Judas Hilfe sucht. Eltern und Pädagogen, die ihre anvertrauten Kinder absichtlich in Versuchung führen, also beispielsweise den Naschsüchtigen überall Gelegenheit zum Naschen verschaffen, ehe das nötige innere Gegengewicht da ist, spielen ein sehr gewagtes Spiel. Bei Judas aber war das stärkste Gegengewicht einmal in seinem sehr erleuchteten Gewissen, sodann und vornehmlich in der Nähe Jesu, der immer an seiner Seite war. Jeder Blick Jesu, jedes Wort, jedes Werk war eine fortwährende Predigt gegen den Geiz, ja eine stärkende Himmelsmacht, die den Judas, wenn er nur ernstlich wollte, aus seinem Geiz herausgerissen hätte.
Wenn aber Judas diese und jene Versuchung überwunden hätte, so hätte er damit keineswegs einige Proben glücklich überstanden, nein, es wäre grade so der innere Mensch gestärkt worden; das Überwinden wäre mit jeder überstandenen Versuchung leichter, das Sündigen schwerer geworden. Das kann ja Jeder in seiner Weise erfahren. So oft wir irgend einer Versuchung; z. B. zum Afterreden, zur Rache, zur Sinnenlust, nachgeben, gewinnt die betressende Sünde an Kaum und Kraft; so oft wir sie durch Wachsamkeit, Kampf und Gebet niederkämpfen, wird ihr die Lebenslust entzogen und der neue innere Mensch wird lichter, freudiger und stärker. Judas aber hat keinen guten Kampf gekämpft.
Wahre Treu führt mit der Sünde
Bis ins Grab beständig Krieg,
richtet sich nach keinem Winde,
Sucht in jedem Kampf den Sieg. (Otto Funcke)
Judas war ein Dieb und hatte den Beutel und trug, was gegeben ward.
Judas mit seiner Anhänglichkeit an Jesum, versetzt mit Anhänglichkeit an den Mammon, und mit seiner unlauteren Gesinnung, steht als ein warnendes Beispiel, ach für wie viele Seelen da, welche von der Liebe Jesu ergriffen sind, aber doch auch die Liebe zur Welt nicht fahren lassen wollen. Das Schwanken dauert eine Zeit lang, bald aber gewinnt die alte Liebe das Übergewicht, welche man im Grunde nie hatte aufgegeben, und da man doch zur eigenen Beruhigung in der äußerlichen Nachfolge Jesu bleibt, so kommt man in ein trauriges Schein- und Heuchelwesen hinein, und wird der Welt ein erwünschter Anlass, mit Fingern auf die Bekenner Jesu zu weisen, welche die Frömmigkeit nur zum Aushängeschild ihrer Erbärmlichkeit brauchen. Judas war ein Dieb, wiewohl die Evangelisten keinen Diebstahl anführen, den er begangen hätte; aber er war es im Herzen. Seine Neigung zum Besitze war groß genug, um die Bedenklichkeiten zu überwinden, welche der Aneignung fremden Eigentums entgegenstehen. Er trug den Beutel und verwaltete das wenige Geld, welches Jesus mit seinen Jüngern verbrauchte, und welches fromme Seelen Ihm darbrachten, ohne Zweifel, weil er unter den Jüngern derjenige war, welcher am meisten Neigung und Geschick zu diesem Amte hatte. Aber grade in dieser Befähigung, welche sich auf seine Neigung gründete, lag für ihn die Gefahr, in Versuchung zu geraten und zu fallen. Die Versuchung sollte er überwinden und sollte durch den Sieg erstarken und geheilt werden. Die Nähe Jesu gab ihm Kraft dazu. Aber Judas verblieb bei seiner bösen Neigung und machte sich innerlich los von der Einwirkung Jesu. Auch die übrigen Jünger hatten mit ihrem natürlichen Herzen zu kämpfen, es waren Hitzköpfe und Ehrgeizige unter ihnen. Aber sie ließen sich heilen und heiligen. Warum Judas es nicht tat? Nicht, weil er nicht anders konnte, sondern weil er nicht anders wollte. Die Schuld lag nicht in Jesu, nicht in den Umständen, sondern in ihm. Und wenn wir unser Herz den Einflüssen des göttlichen Geistes verschließen, oder wenn wir ihn eingelassen hatten, doch mit unserem alten Herzen nicht ernstlich brechen und den alten Adam nicht mit Faustschlägen niederwerfen, sondern ein ungöttliches Gemisch von Gut und Bös im tiefsten Herzen bestehen lassen, und wir also in die Wege Judas geraten, wahrlich, so können wir weder Gott noch die Umstände anschuldigen, vielmehr wird es auch von uns mit Recht heißen: Ihr habt nicht gewollt. Die sündliche Eigenliebe und die selbstsüchtige Liebe zur Kreatur sitzt uns aber so tief, so tief im Herzen, dass wir den hellen Schein des göttlichen Wortes brauchen, um sie bei den einzelnen Willensregungen desselben auch nur erkennen zu können. Das alte Herz hat tausend Gründe und tausend Entschuldigungen, um weiter zu leben und seine Herrschaft in uns zu behaupten. Aber es muss sterben, damit wir leben, sonst sterben mir am alten Herzen.
Ach, Herr, lehre uns wachen und beten, auf dass wir nicht in Anfechtung fallen. Wir möchten leben und nicht sterben! Amen. (Anton Camillo Bertoldy)