Matthäus 9,16
Andachten
Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch; denn der Lappen reißt doch wieder von dem Kleid und der Riss wird ärger.
Vieles an uns ist Flickwerk und gleicht einem alten Gewand, auf das ein neues Stück Zeug genäht wurde. Dieses Flickwerk entsteht dadurch, dass wir einen christlichen Zusatz zu dem hinzutun, was wir ohne Jesus sind. Unsere natürliche Art bleibt an uns, wie sie war, wild und krank, ohne dass sie gereinigt und geheiligt wird. Weil wir aber auch bei Jesus manches sehen, was uns lockt, verbinden wir mit ihr ein gewisses Maß von christlicher Lehre und Sitte. So wurden die Jünger des Johannes darauf aufmerksam, dass die Jünger Jesu, ohne zu fasten, frei von der Furcht mit freudiger Hoffnung auf Gottes Reich warteten. Mussten nun sie noch bei ihrem Fasten bleiben? War die Freiheit nur für die Jünger Jesu da, nicht auch für sie? Jesus warnte sie: Verderbt euer Gewand nicht durch einen neuen Flick. So wäre es weder neu noch alt und nützte euch gar nichts mehr, sondern zerrisse ganz. Was von Jesus her stammt, hilft uns nichts, wenn wir es nur dazu brauchen, unser altes Wesen zu verschönen. Im alten Weg sind wir durch den neuen Zusatz gehemmt und haben doch das nicht gewonnen, was uns Jesus gibt. Komme ganz zu mir, sagt mir Jesus, und folge nicht neben mir noch anderen Meistern nach; dann entsteht nicht ein Flick auf deinem alten Wesen, sondern ein neuer Mensch. Verschwindet dann das Alte? Trägt nicht jeder an seinem Leib und an seiner Seele, was die Geburt ihm gab? Und sitzt nicht das fest in uns, was die Welt in uns hineingetragen hat? Verschwinden kann und soll das nicht; denn wir sind fest gewurzelt an dem Ort, an dem wir angewachsen sind. Wenn ich mich aber zu Jesus halte, hat mein Leben nicht mehr an meinem alten Wesen seinen Grund und sein Ziel. Das Neue bleibt vom Alten deutlich unterschieden und vermengt sich nicht mit ihm, sondern steht über ihm und ist das, was uns regiert. So wird auch unser alter Rock uns wirklich brauchbar. Jetzt erst werden wir im richtigen Sinn natürlich, der Natur untertan und Herr über sie und ihrer froh, und stehen in fester Gemeinschaft in den Verbänden, in denen wir leben, mit treuer und heilsamer Arbeit, die ihnen nützt. Aber unser altes Gewand ist nicht mehr unsere einzige Habe, sondern darüber steht, was uns Jesus gibt, und er bewährt die Neuheit seiner Gabe darin, dass er uns den Weg Gottes gehen macht.
Ich hasse, lieber Herr, meine Halbheiten, hasse, was als leeres Wort und unechte Verzierung an mir hängt. An Dir sehe ich den neuen Menschen und wende dorthin mein Verlangen. Herr, hilf! Amen. (Adolf Schlatter)
Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch; denn der Lappe reißt doch wieder vom Kleide, und der Riss wird ärger.
Um selig werden zu können, sind nur zwei Wege denkbar: entweder der Weg der eigenen Gerechtigkeit, durch die vollkommene Erfüllung des göttlichen Gesetzes, oder, wo solche nicht hat zu Stande gebracht werden können, der Weg der Vergebung der Sünden, der Erlassung der Schuld durch göttliche Gnade. Diese zwei Wege sind die beiden Bündnisse, welche Gott mit den Menschen geschlossen hat. Im alten Bunde sollte der Mensch versuchen auf dem Wege der Gesetzeserfüllung zu Gott zu kommen. Da hieß es: Wirst du diese meine Rechte und Gebote halten, so wirst du gesegnet sein und leben. Wirst du aber davon abweichen, so wirst du verflucht sein und sterben. Israel hat diesen Weg anderthalb tausend Jahre betreten. Da aber Johannes der Täufer auftrat und Buße, d. i. Erkenntnis der Sünden predigte, da ließ sich ganz Jerusalem und das ganze jüdische Land von ihm im Jordan taufen, zum Zeichen, dass sie sich schuldig und der Reinigung bedürftig fühlten. Wer wollte, konnte nun einsehen, dass dieser Weg des alten Bundes nicht zum Ziele, nicht zur Gemeinschaft mit Gott, nicht zum Segen, sondern zum Fluch, nicht zum Leben, sondern zum Tode führe. Da kam Jesus und stiftete den neuen Bund. Er lebte, litt und starb als ein Unschuldiger für die Schuldigen und brachte das rechte, große Versöhnungsopfer, dadurch Er Vergebung der Sünden erworben hat. Im neuen Bunde bietet Gott Gnade an, Da heißt es: Du bist zwar ein Sünder, aber sei getrost, Christus hat am Kreuze Vergebung der Sünden erworben, und so du glaubst, dass Er auch für dich gestorben sei, so hast auch du Vergebung der Sünden. Im neuen Bunde darf man sich freuen, denn wonach man im alten Bunde strebte, und es doch nicht erreichte, das wird uns im Neuen mit vollen Händen geschenkt. Die noch mit eigener Gerechtigkeit zu schaffen haben und durch Gesetzeserfüllung selig werden wollen, die haben wohl Ursache, traurig zu sein und zu fasten. Diejenigen aber, welche die in Christo angebotene Gnade im Glauben annehmen, die haben ja in Christo Frieden mit Gott; was wollten die noch traurig sein? Wer aber noch mit Werken umgeht und mit seinem Tun die Seligkeit erwerben will, der hat vom Fasten, der Kasteiung des Fleisches, ebenso viel Nutzen, wie ein altes, mürbe gewordenes Kleid von einem neuen Lappen ungewalkten Zeuges. Wenn es einmal nass wird, so zieht sich der neue Lappen zusammen und weil das alte Zeug nichts mehr hält, so wird dadurch der Riss am alten Kleide nur größer, denn er vorher war. Dein altes, fadensichtiges Kleid der Gesetzeserfüllung, welches ohnehin voller Risse ist, wird wahrlich dadurch nicht zu einem brauchbaren Staatskleide, wenn du ihm hie und da einen Flick durch ein neues Werk aussehest, sollte dieses Werk auch eine Kasteiung deines Fleisches sein, denn nimmst du es mit dieser ernstlich, so wird dein eigentlicher Schaden erst recht offenbar, nämlich, dass dein eigener Geist ganz wo anders hin will, als der Geist, der aus dem Gesetze spricht. Es ist aber eine große Torheit, wenn Einer ein ganz neues herrliches Kleid geschenkt erhalten kann, und will doch seine Lumpen behalten, weil es seine Lumpen sind, und er das neue Kleid nicht erwerben, sondern nur geschenkt erhalten kann. Darum rate ich dir, lass das Flickwerk und das saure Fasten und ergreife im fröhlichen und dankbaren Glauben die Gerechtigkeit des neuen Bundes, den ganzen und herrlichen Rock der Gerechtigkeit Christi. (Anton Camillo Bertoldy)