Psalm 128,1
Andachten
Wohl dem, der den Herrn fürchtet und auf Seinen Wegen geht. Du wirst dich nähren deiner Hände Arbeit; wohl dir, du hast es gut. Dein Weib wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock um dein Haus herum, deine Kinder wie die Ölzweige um deinen Tisch her. Siehe, also wird gesegnet der Mann, der den Herrn fürchtet. Der Herr wird dich segnen aus Zion, dass du siehst das Glück Jerusalems dein Leben lang, und sehest deiner Kinder Kinder. Friede über Israel!
Psalmen, wie diese, sollte man insonderheit in diesen nebligen Tagen der Weihnachts-Vorfreude, wo das Glück des Hauses am Schönsten blüht, recht fleißig lesen, denn da kann man sie recht verstehen, und wem sie dann noch fremd und unverständlich lauten, von dem lässt sich wohl voraussetzen, dass ihm das eigene Haus noch keine Stätte des Friedens geworden ist. Es gibt keinen sichereren Probierstein für die Wahrhaftigkeit unseres Christenglaubens und für seine beseligende Kraft, als wenn wir ihm das Glück des häuslichen Lebens zu danken haben. Denn dies Glück wird nur da gefunden, wo der Herr selber in ein Haus eingezogen ist, und alle Glieder desselben durch Seinen Geist geheiligt und durch Seine Liebe auch unter einander verbunden hat. Die äußeren Glücksgüter bringen das nie zuwege, und selbst die natürliche Zuneigung der Ehegatten zu einander muss durch die Schule des Kreuzes und der Erfahrung hindurchgegangen sein, ehe sie zu einer wahren Herzens-Gemeinschaft geheiligt werden konnte. Die Liebe angehender junger Eheleute ist oft nur eine verborgene Selbstsucht; man lebte unbewusst in Idealen, Jedes wollte von dem Andern genießen und empfangen, und die Täuschung konnte nicht ausbleiben, wenn unter den Widerwärtigkeiten des Lebens die verborgene Sünde sich offenbarte, wenn die in ihren Erwartungen getäuschte Selbstsucht als gereizte Empfindlichkeit, als üble Laune hervortrat, und sich dem Andern gegenüber in verlegender Weise geltend machte. So hat es auch mancher ernster Proben bedurft, ehe die Liebe selbstsuchtslos wurde, und nicht mehr das Ihre suchen wollte; selbst die Gottesfurcht und Frömmigkeit, in der man erzogen war, hielt nicht immer vor; es gab dunkle Stunden, wo man sich mit Geduld und Demut waffnen musste, um sich der innerlich im Herzen ansammeln den Bitterkeit zu erwehren; aber wenn's die Eheleute ernstlich gemeint haben mit ihrem Glauben und Lieben, dann haben alle schmerzlichen Erfahrungen ihnen auch weiter helfen müssen, und mit jedem Jahre sind sie glücklicher geworden, und sich gegenseitig unentbehrlicher, und wenn's noch irgendwo fehlen sollte, dann ist solche Weihnachtszeit recht dazu angetan, um auch den letzten Bann, der das reine Glück der Liebe noch etwa aufhält, völlig hinwegzutun. Und gerade heute ist so ein Rüsttag, ein Tag der Vorfreude auf die schönsten Stunden, die das Jahr dem Hause erblühen lässt; denn morgen ist Heilig Abend; da wird beschert und aufgebaut; da sammelt sich die Familie um den hell erleuchteten Christbaum. Das ist eine gesegnete Zeit, wo man sich der innigen Liebes - Gemeinschaft so dankbar bewusst wird; zu keiner Zeit ist's im Hause so wohnlich, so heimlich und selig, als in diesen Tagen. Man hat sich, man gehört sich an; Eins wird froh an dem Andern. Die zerstreuten Glieder der Familie haben sich zusammengefunden; eins und das andere der Kinder ist zum Teil aus weiter Ferne in Elternhaus zurückgekehrt; in diesen Tagen hätten sie's in der Fremde nicht ausgehalten. Und wenn im Kreise der Lieben Eins fehlte, das etwa in letzter Zeit ausschied, und zu der oberen Gemeinde gesammelt ward: ach, jetzt vermisst man's am Schmerzlichsten. Wohl freuen wir uns sein, dass es nun mit den Engeln Gottes ein seliges Weihnachtsfest im Himmel feiern wird, aber doch hätten wir's lieber hier unten gehabt, um es pflegen und lieben zu können, und zum Feste ihm aufzubauen. Aber das Gedächtnis der Hingeschiedenen hat auch seinen Segen; man schließt sich umso inniger zusammen, und lässt sich daran erinnern, dass keine menschliche Zuneigung von Dauer ist, die nicht in der Liebe zu dem Herrn ihre Wurzel hat. Aber dieser Liebe zu Ihm, dem unsichtbaren Segenspender des Hauses wird man sich jetzt auch dankbar bewusst; Er ist der eigentliche Mittelpunkt, um den sich Alle sammeln, Er die sittliche bestimmende Macht des Hauses, und was Du uns gewesen bist, o Herr, von da an, als wir Dich kennen und lieben lernten, dessen wollen wir in diesen Tagen dankbar gedenken, und Dich preisen aus dem Grunde unseres Herzens; bleibe Du denn auch unseres Hauses Grund und Eckstein, und seiner Bewohner Hort und Hüter; heilige unsere Freuden, durchsüße unsere Schmerzen; hilf uns und segne uns um Deines Namens willen! (Julius Müllensiefen)