1. Korinther 13,5
Andachten
Die Liebe sucht nicht das ihre.
Seht da, das innerste Wesen christlicher Liebe! Was sie draußen vor den Pforten des himmlischen Jerusalems mit dem edlen Namen Liebe benennen, das könnt ihr hier nicht vergleichen; da haben sie eine Liebe, die da liebt, damit sie wieder empfangen möge, eine Liebe, deren innerster Kern die Selbstsucht ist. Es ist eine andere Liebe, die der Apostel hier verkündigt, es ist die Liebe nach dem Ebenbilde dessen, „welcher, ob er wohl in göttlicher Gestalt war, sich selbst entäußert und Knechtsgestalt angenommen hat, und sich selbst erniedrigt hat, und gehorsam ward bis zum Tode;“ es ist die Liebe des Herrn der Herrlichkeit, der unter unseren Hütten seine Wohnung aufgeschlagen, damit er durch seine Armut uns reich machte. O wahrlich, er ist nicht auf die Erde gekommen, das Seine zu suchen. Sagt, was hat er finden können hier auf der armen Erde? Tränen, eine Dornenkrone und das Kreuz. Wahrlich, er hat nicht das Seine gesucht, als er zu uns gekommen ist: das deinige, verlorene Seele, hat er allein gesucht, dein Heil, deinen Frieden, deine Seligkeit. An dieser Liebe haben die Christen eine neue Art Liebe gelernt, eine Liebe, „der das Geben seliger ist, als das Nehmen.“ Ihr wisst, dass dieser Ausspruch uns in der Apostelgeschichte von dem Apostel Paulus als ein solcher erwähnt wird, den der Herr selbst getan. Ja wohl muss er vom Herrn gekommen sein, ein Menschenherz hätte ihn nicht erfunden; er muss von dem gekommen sein, über dessen ganzem Leben die Überschrift stand: „Geben ist seliger denn Nehmen“. Nach diesem Vorbilde nun geht die christliche Liebe aus und lädt zu ihrem Mahle nach des Herrn Wort nicht die Freunde und Verwandten, sondern die Krüppel und die Mühseligen, sucht nicht die Gesunden auf, sondern die Kranken, isst und trinket mit den Zöllnern und Sündern, und erwählt sich das schwerste, aber auch das heiligste aller Geschäfte; zu weinen mit den Weinenden. Das sind die edelsten aller Früchte, welche christliche Liebe je und je erzeugt hat, die ihr aber auch am seltensten mit euren Augen werdet gesehen haben; denn sie sind schon an sich selten. Gerade eine solche Liebe ist aber auch ein Gewächs, welches nicht das Sonnenlicht sucht, sondern das stille Dunkel. Gerade die Jünger solcher Liebe haben allezeit die glühenden Kohlen ihrer Liebe mit der Asche der Demut zugedeckt. Du musst ihren Spuren in tiefe Verborgenheit nachgehen; hat es sich indes einmal getroffen, dass Einer, der von solcher Liebe noch nichts wusste, aber ein empfängliches Herz hatte, ihre Spuren fand, da hat man wohl auch oftmals in dem Auge des Weltmenschen eine Träne glänzen sehen, und es ist aus seinem Herzen der Wunsch gequollen: O dass ich mit dieser neuen Liebe lieben könnte! Und wie sollte nun eine Liebe, die so aufgehört hat, das Ihrige zu suchen, meiden können? Für wen Geben seliger denn Nehmen geworden ist, für den hat aller Neid ein Ende. Seligeres kann ihm nicht widerfahren, als dass er gewürdigt wird an seinem Teile in die Fußtapfen dessen zu treten, der da arm wurde, um uns reich zu machen. (August Tholuck.)