Lukas 23,33
Andachten
“Die Stätte, die da heißt Schädelstätte.“
Golgatha ist der Hügel des Trostes; das Haus der Erquickung ist errichtet aus dem Holz des Kreuzes; der Tempel des himmlischen Segens ist auf den zerrissenen Fels gegründet, den Fels des Heils, den der Speer durchstochen und zerrissen hat. Die heilige Geschichte bietet nichts, was so, wie der Anblick seines Todes auf Golgatha, das Herz hinnimmt.
„O Welt, sieh‘ hier dein Leben
Am Stamm des Kreuzes schweben,
Dein Heil sinkt in den Tod;
Der große Fürst der Ehren
Lässt willig sich beschweren
Mit Schlägen, Hohn und großem Spott.“
Licht strömt aus der mitternächtlichen Mittagsfinsternis auf Golgatha, und jedes Pflänzchen des Gefildes blüht herrlich auf unter dem Schatten des einst verfluchten Kreuzholzes. An diesem Ort des Schmachtens hat die Gnade einen Brunnen gegraben, dessen kristallhelles Wasser ununterbrochen strömt; und jeder Tropfen dieses Heilsquells stillt der Menschheit Schmerzen. Ihr, die ihr schwere Kämpfe durchgekämpft habt, müsst bekennen, dass ihr am Ölberge keinen Trost gefunden habt, noch am Berge Sinai, noch auf Tabor; sondern „die Berge, von dannen mir Hilfe kommt,“ Gethsemane, Gabbatha und Golgatha, haben euch Trost und Erquickung gewährt. Der Wermut von Gethsemane hat manchmal die Bitterkeiten eures Lebens weggenommen; die Geißel auf Gabbatha hat oft eure Sorgen weggegeißelt, und Golgathas Todesseufzer haben all euern Seufzern den Tod gebracht. So gewährt uns die Leidensstätte seltenen und reichen Trost. Wir hätten Christi Liebe nie in ihren Höhen und Tiefen so deutlich erkannt, wenn Er nicht gestorben wäre; noch hätten wir des Vaters innige Liebe erfahren, wenn Er nicht seinen Sohn in den Tod gegeben hätte. Die gemeinsamen Gnadengaben, deren wir uns freuen, singen von Liebe, gleichwie die Seeschnecke, die wir ans Ohr halten, uns von der Tiefe des Meeres singt, aus der sie kommt; wenn wir aber den Ozean selber hören wollen, dürfen wir nicht nur nach den täglichen Gnadenerweisungen sehen, sondern dann müssen wir hinschauen auf das, was auf Golgatha sich für uns erfüllt hat. Wer lernen will, was Liebe ist, der gehe hin zur Stätte der Kreuzigung und schaue, wie der Mann der Schmerzen stirbt. (Charles Haddon Spurgeon)
Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn daselbst, und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.
O seht ihn liegen! Die heiligen Arme gewaltsam über das Querholz ausgereckt, die Füße auf einander gelegt und mit Stricken umwunden. So lag einst Isaak auf dem Holze des Altars Morijas; aber die Stimme, die dort vom Himmel rief: „Lege deine Hand nicht an den Knaben!“ schweigt über Golgatha. Die Henker greifen zu den Hämmern und Nägeln. Doch wer gewinnt es über sich, dem, was sich jetzt ereignet, weiter mit zuzuschauen? Eine tiefe, ängstliche Stille tritt unter der Gaffermasse ein, ähnlich derjenigen, die in einem Trauerhause einzutreten pflegt, wenn man anhebt, den Sarg zu vernageln. Und wohl nicht auf Erden nur, sondern auch im Himmel entstand in diesem Augenblicke eine tiefe, feierliche Stille. Die entsetzlichen Eisen, in höllischer Esse geglüht, und doch auch wieder im Heiligtume der Ewigkeit vorgesehen, werden den Händen und Füßen des Gerechten aufgesetzt, und die dumpfen Hammerschläge fallen! Hörst du sie dröhnen, Mensch! Auf dein Herz donnern sie zu, in grauenvoller Sprache Zeugnis gebend von deiner Sünde, und zugleich vom Zorne des allmächtigen Gottes! O, wie viele Schläfer sind schon unter dem Widerhall jener Hammerschläge wach geworden von ihrem Todesschlafe, und nüchtern aus des Teufels Strick! Erwache auch du, schlaftrunkener Sünder! Auch du in fleischlicher Sicherheit Eingewiegter werde endlich einmal nüchtern. Wie manchem schon zerbrach unter jenen Schlägen in heilsamer Buße das stolze und trotzige Herz! O, warum zerbricht es darunter nicht auch dir? Denn wisse, dass du jene Hämmer einst mit geschwungen hast, und dass du den himmelschreiendsten Frevel, mit dem sich je die Welt beladen, in deiner eigenen Rechnung verzeichnet findest! Seht, die Nägel schlugen durch, und aus Händen und Füßen entquillt dem Heiligen das Blut. O, diese Nägel haben den Fels des Heils uns geöffnet, dass er sein Lebenswasser, die himmlische Balsamstaude gereizt, dass sie uns ihre Narde gebe! Ja, die Handschrift, die wider uns war, haben sie durchbohrt und als nichtig an das Holz geheftet, und sind, indem sie den Gerechten verwundeten, wie der Nagel der Jael dem Heiden Sissera, so der alten Schlange tödlich durchs Haupt gedrungen. dass nur niemand an dem angehefteten Manne sich jetzt versehe! Diese durchgrabenen Hände segnen stärker, als sie segneten, da sie noch frei und ungebunden sich bewegten. Hände eines wunderbaren Baumeisters sind sie, die den Tempel einer ewigen Kirche bauen; ja, eines Helden Hände, die dem Starken seinen ganzen Hausrat nehmen. Und glaubt's, es ist kein Heil und keine Hilfe, als allein in diesen Händen! Und diese blutenden Füße treten gewaltiger auf, als da noch keine Fessel ihre Schritte hemmte. Über die Höhen tausender von Feinden, die kurz zuvor noch kühn ihr Haupt erhoben, schreiten sie siegreich jetzt einher. Hügel und Berge erniedrigen sich unter ihren Tritten, die sie im unblutigen Zustande nimmer erniedrigt haben würden. Und kein Blühen und Grünen ist in der Wüste dieser Welt, als allein unter dem Rauschen dieser Füße. (Friedrich Wilhelm Krummacher.)
Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn daselbst.
Was hängt da am Kreuze? Es ist wahr, der Mensch Jesus hängt da, Er, der keine Sünde getan hatte, und in dessen Munde kein Betrug war gefunden worden; Er, den selbst sein weltlicher Richter von aller Schuld freisprechen musste, und freisprach; Er, der alle Gerechtigkeit erfüllt hatte. Was hängt da? Unser alter Mensch, sagt die Schrift. Wohlan denn, ihm widerfahre sein Recht. Wird Jakob in Esaus Kleidern gesegnet, so werde denn Esau in Jakobs Rock verworfen. Unser alter Mensch also ist es, der hier in wohlverdienter Marter, Schmach und Schande hängt. Ihm gilts, du Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. - Was hängt da? Ein Verfluchter; denn verflucht sei Jedermann, sagt das göttliche Gesetz, wer am Holze hängt, ohne Ausnahme. Das Wort Gottes spricht den Fluch über jeden Übertreter aus; denn verflucht soll sein, wer nicht Alles hält, und alles Volk soll sagen: Amen. - Jesus übernahm jenen Fluch und ward ein Fluch für uns, auf dass er uns den Segen erwürbe, und dass er das wirklich wurde, erkennen wir eben aus seinem Hangen am Kreuz, welches nicht menschliches Dafürhalten, sondern ein göttliches Urteil für verflucht erklärt. Wo ist denn, o du bekümmertes Herz, wo ist denn dein verdienter Fluch geblieben? Siehe ihn am Kreuz! Von wo kommt dir aller Segen? Eben daher. So hebe denn an zu singen: Kein Fluch ist übrig blieben. - Was hängt da? Die Sünde. Wie? die Sünde hinge da, und nicht der heilige und geliebte Gottes? Eins hebt hier das Andere nicht auf, und in diesem großen Kreuzgeheimnis begegnen sich die entgegengesetzten Dinge, sich einander in lauter Einklang aufzulösen. Denn so sagt der Apostel 2 Kor. 5.: Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu; und er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit Gottes. O! wunderbare, o segensreiche Verwechslung. (Gottfried Daniel Krummacher)