Philipper 4,5
Andachten
Eure Lindigkeit lasst kund sein allen Menschen.
Die Freude macht das Herz weich und weit, mild und sanft. Schon die irdische Freude tuts. Siehe den Geizigen, den Unversöhnlichen, dem das Geben und Vergeben so hart ankommt: an dem Tage, wo ihm eine große Freude zu Teil wird, da öffnet er Hand und Herz. Wenn ihr Freudentage in eurem Hause feiert, da könnt ihr gar nicht Andern ein Leid zufügen, hart und rau gegen sie sein. Schon die irdische Freude macht die Herzen lind; wie viel mehr aber die Freude im Herrn! Freuen wir uns doch in ihr der wunderbaren Lindigkeit Gottes; der Lindigkeit Dessen, der sanftmütig und von Herzen demütig ist. Diese seine Lindigkeit soll in uns übergehen, und ach, wie sehr bedürfen wir dessen! Wir sind ja von Haus aus nicht linden Herzens. Wir sind von Natur hart, stolz, anspruchsvoll, rechthaberisch, unbarmherzig. darum gesegnet das Weihnachtsfest, wo ein linder Hauch die Herzen berührt, die sonst kalt und hart sind. Ja die Freude am Herrn, sie soll alle Härte und Kälte unsres Herzens lösen. Und was das Herz erfüllt, es werde dann auch kund, kund im freundlichen Gesicht, kund in den Worten, dass in diesen Tagen Keiner den Andern erzürne und kränke, erbittre und verletze, kund in den Werken, im Geben, Vergeben und Dienen, und zwar gegen alle Menschen. Lasst eure Lindigkeit kund sein allen Menschen. Nun wohlan, so geh denn in diesen Tagen hin, und wo dir Einer weh getan, da vergib; und wo du Einen gekränkt, da versöhne ihn; wo du mit Einem im Streit gelebt, da sprich das freundliche Wort, nach dem er sich vielleicht schon so lang gesehnt, und lass denen vor allem deine Lindigkeit kund werden, an die Keiner denkt, für die keine Hand sich rührt. Am hellsten aber lass das Weihnachtslicht in deiner nächsten Nähe scheinen, in deinem Hause. Da, zwischen Mann und Weib, Eltern und Kindern, Brüdern und Schwestern, da weiche in diesen festlichen Tagen alles harte, zornige, mürrische Wesen, aller Unfriede; da walte Lindigkeit und Güte. O großer Friedefürst, der du wieder nahe bist, gib uns deinen Frieden. Ewige Liebe, die wir wieder schauen, erfülle also unsre Herzen, dass wir über der Krippe die Hände einander reichen in Vergebung und Liebe zum Preise deiner Herrlichkeit. Amen. (Adolf Clemen)
Ist der Herr nahe - einerlei, ob man an seine nahe Wiederkunft denkt oder an seine tägliche dauernde Gegenwart -, dann muss ein solch nahes Licht, darüber sich unser Herz freuet, einen Widerschein auf unser Gesicht werfen. Aber nicht nur leuchtende Augen und singende Lippen will diese Freude schaffen, sondern auch Freundlichkeit im Umgang und milde, zum Helfen und Geben geöffnete Hände. Können die Knechte, die jeden Augenblick bereit sind, mit Jauchzen dem nahenden Herrn die Türen weit aufzutun, sich noch zanken und streiten? Oder denken wir an Kinder, die dicht vor der Weihnachtsbescherung stehen; dürfen sie sich balgen und schlagen? Wir suchten als Kinder am Nachmittag vor der Bescherung unsere alten Spielsachen durch, um sie, bevor wir die neuen empfingen, den Kindern unserer armen Waschfrau zu bringen. Wir waren ja so gewiss, dass wir was Besseres bekämen, dass wir die alten Sachen wegschenken konnten. Wenn du Jesus geschenkt bekommst, was könntest du vorher nicht alles weggeben? Weil er uns große Freude macht, sollten wir nicht vorher schon unsere Lindigkeit kund sein lassen allen Menschen, deren wir habhaft werden. Vorher? Ach, er hat uns ja schon längst vorher so reich gemacht durch seine Liebe!
Herr Jesus, du bist unser Geschenk! Rühre unsere Herzen, dass wir nicht anders können, als andern armen Menschen, die dich nicht kennen, mit beiden Händen Freundlichkeit hintragen und Liebe erweisen, soviel als möglich. Amen. (Samuel Keller)
Wenn kein Gott wäre, so möchtest du dich billig vor den Bösen fürchten; aber nun ist nicht allein ein Gott, sondern Er ist nahe; Er wird dein nicht vergessen, noch dich verlassen; sei du nur gelinde allen Menschen, und lass Ihn für dich sorgen, wie Er dich ernähre und schütze. Hat Er dir Christum gegeben, das ewige Gut, wie sollte Er dir nicht auch geben des Bauches Notdurft? Er hat noch viel mehr denn man dir nehmen kann: Du hast auch schon mehr denn aller Welt Gut, weil du Christum hast; davon sagt Ps. 55,23: wirf dein Anliegen vor den Herrn, so wird Er dich versorgen. Und 1 Petr. 1,7: werft alle Sorge auf Ihn, denn Er sorgt für euch. Und Christus, Matth. 6, 25: Seht an die Lilien auf dem Felde, und die Vögel des Himmels. Das ist alles so viel gesagt: Der Herr ist nahe; drum folgt: Sorgt nicht. - Nicht eine Sorge habet für euch, lässt Ihn sorgen, Er kann sorgen, den ihr nun erkannt habt. - Heiden sorgen, die nicht wissen, dass sie einen Gott haben; wie Christus auch sagt (Matth. 6, 31, 32): Sorgt nicht für eure Seele, was ihr essen oder trinken sollt, noch für euren Leib, was ihr antun sollt. Nach solchem allen trachten die Heiden; aber euer Vater im Himmel weiß, dass ihr solches bedürft. Darum lass nehmen und Unrecht tun die ganze Welt, du wirst genug haben und nicht Hungers sterben oder erfrieren, man habe dann dir deinen Gott genommen, der für dich sorgt. Wer will dir aber Den nehmen, wo du Ihn dir nicht selbst fahren lässt? Darum haben wir keine Ursache zu sorgen, weil wir Den zum Vater und Schaffner haben, der alle Dinge in seiner Hand hat, auch die, so uns was nehmen und beschädigen, mit alle ihrem Gut; sondern wir sollen immer fröhlich auf Ihn sehen und allen Menschen gelinde sein, als die gewiss sind, dass wir genug haben werden an Leib und Seele, und allermeist, dass wir einen gnädigen Gott haben; welchen, so nicht haben, die müssen wohl sorgen. Unsere Sorge soll sein, dass wir ja nicht sorgen und nur Gott fröhlich und den Menschen gelinde sein; davon sagt auch der 37te Ps. V. 25: Ich bin jung gewesen und alt geworden, und habe nicht gesehen den Gerechten verlassen und seine Kinder nach Brot gehen. Und Ps. 40,18: Der Herr sorgt für mich. (Martin Luther)
St. Paulus braucht (Phil. 4,5) ein griechisch Wort, welches wir verdeutscht haben: Lindigkeit, wiewohl das deutsche Wort nicht völlig erreicht den griechischen Verstand; denn es begreift sehr viel in sich und drückt aus die Tugend damit sich der Mensch allen Menschen liebreich und gefällig macht, und sich in Jedermanns Weise schickt, ob Niemand einen Verdruss hat, Jedermann wohltut, Jedermann nachgibt und Alles leidet und verträgt, was er ohne Sünde leiden kann, auch den Verlust seiner Güter, Leibes und Ehre, und was ihm sonst begegnen mag. Denn er sucht nicht das Seine, sondern was Vielen nützlich ist, dass sie selig werden. Ein solcher Mensch, der nicht sucht das Seine, sondern was eines Andern ist, der muss je Jedermann lieb und wert sein, denn er ist Niemand beschwerlich, unbillig, noch verdrießlich. (Martin Luther)
Der HErr ist nahe. Sorgt nichts.
Weil der HErr nahe ist, soll man seine Lindigkeit kund werden lassen allen Menschen, folglich den Eifer über das Böse, das von den Menschen geschieht, sich nicht zum Richten und Verdammen hinreißen lassen, aber auch der Empfindung des Unrechts, das man selber leiden muss, nicht so weit nachhängen, dass man dächte, es sei keine Gerechtigkeit, welche dem Unschuldigen helfe und das Recht ans Licht bringe, und man sei deswegen gezwungen, selber Rache auszuüben. Aber nein: der HErr ist nahe, und wird bald den Erdboden richten mit Gerechtigkeit, und einem Jeden, der Unrecht getan hat, seine Bosheit vergelten, dem Unschuldigen aber, der unterdrückt worden ist, helfen. Paulus sagt ferner: sorgt nichts; warum? Weil man beten darf. Wenn man so etwas haben sollte, das man nicht hat, oder etwas tun, das vielen Bedenklichkeiten unterworfen ist, so soll man seine Bitte im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden lassen, und sich nicht mit Sorgen und Bedenklichkeiten verzehren. Wenn man sorgt, so wird man finster und schwach, und macht viele Fehler, aus welchen eine neue Unlust entsteht, wenn man aber mit Bitten und Danksagen betet, so wirft man sein Anliegen auf den HErrn, bleibt heiter, und erfährt bei der Erhörung des Gebets die gnädige Vorsorge des himmlischen Vaters, dessen Rat wunderbar ist, der aber Alles herrlich hinaus führt.
Als der HErr Jesus nach Seiner Auferstehung den Apostel Petrus Joh. 21. dreimal gefragt hatte: Simon Johanna, hast du Mich lieb? und Petrus solches bejahet hatte, so rückte der HErr mit der Weissagung von dem Kreuzestod heraus, welchen Petrus leiden sollte, indem Er Joh. 21,18. sagte: wenn du alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein Anderer wird dich gürten, und führen, wo du nicht hin willst. Ein Anderer hätte sich entsetzt, und den Leuten, die ihn umbringen würden, zum Voraus in seinem Herzen Böses gewünscht, und überdies gesorgt, wo er die Geisteskräfte zur Erduldung eines langsamen und schmerzlichen Todes hernehmen werde: allein die Liebe zu Jesu, welche auf den Glauben gebaut war, erhob die Seele des Petrus über das Entsetzen, über den Grimm und über alle Sorgen. Als hernach Petrus den Johannes sah, und seinetwegen fragte: HErr, was soll aber dieser? so antwortete Jesus: so Ich will, dass er bleibe, bis Ich komme, was geht es dich an? Folge du Mir nach. Hier hätte auch Johannes sorgen können, weil ihm der HErr Jesus seine künftigen Schicksale und den Ausgang seines Lebens nicht deutlich voraussagte, sondern ihm nur das Bleiben in der argen Welt, bis zu einer gewissen Zukunft des HErrn, die er erleben werde, weissagte. Allein die Seele des Johannes blieb ruhig, weil er wusste, dass sein Bleiben und sein Abschied aus der Welt, und Alles, was ihm dabei begegnen werde, von dem Willen seines HErrn abhänge, der ihn lieb habe, folglich nichts Schädliches über ihn verhängen werde.
Ist unter den zukünftigen Dingen etwas, das ein ernstliches Bedenken und eine fleißige Bereitschaft erfordert, so ist es die Zukunft des HErrn. Man ängstet sich oft über zukünftige Dinge, die nicht kommen, und hofft künftige Begebenheiten, die nicht erfolgen: aber die Zukunft des HErrn ist gewiss und wichtig. Weil wir nun darauf warten sollen, so sollen wir, wie Petrus 2 Petr. 3,14. schreibt, vor Ihm unbefleckt und unsträflich im Frieden erfunden werden. (Magnus Friedrich Roos)
Weil der HErr nahe ist, und bald Alles richten wird, soll ein Christ die Bösen nicht streng richten, ihnen nichts Böses anwünschen, und sich nicht selber rächen. Man kann ja das Gericht des HErrn erwarten. Ein Jeder warte nur bis zu seinem nahen Tod; denn nach demselben wird ihn die Bosheit der Menschen nicht mehr ärgern und anfechten, und die Zeit bis zu der wirklichen Zukunft des HErrn für ihn unvermerkt verstreichen. So lange aber dieses Leben währt, ist es eines Christen Schuldigkeit, seine Lindigkeit allen Menschen kund werden zu lassen, V. 5. Auch soll er im Glauben an den HErrn, der nahe ist, nichts sorgen, oder sein Herz nicht mit kümmerlichen Gedanken quälen, wozu die Armut, die Sterblichkeit der Angehörigen, und der Hass der Welt, und insonderheit der Gewaltigen in der Welt eine Veranlassung geben können. Paulus war zu Rom als ein Gefangener. Sein Leben stand in Gefahr, auch litt er, weil sein Handel sehr lang währte, und er sich selbst verkösten musste, Mangel. Welch’ eine reiche Materie zum Sorgen, wenn er nicht geglaubt und gebetet hätte! Aber indem er den Brief an die Philipper mit einem sehr heiteren Herzen schrieb, versicherte ihn der Geist Gottes, dass er diesmal nicht sterben werde, ob er schon dazu willig gewesen wäre, Phil. 1,22-25. Was aber den Mangel anbelangt, so hatte er gelernt, sich genügen zu lassen, und ihn zu ertragen, Phil. 4,11.12. Übrigens hatte er ohne Zweifel wegen desselben auch zu Gott gefleht, und alsdann wurde er höchlich erfreut, als die Philipper, ohne dass er bei ihnen gebettelt hätte, durch die herzlenkende Kraft Gottes wieder wacker wurden, für ihn zu sorgen, und ihm durch den Epaphroditus eine Beisteuer zuschickten, wie sie schon vorher einmal getan hatten, Phil. 4,10-18. Auf gleiche Weise sollen gläubige Christen, anstatt der Sorgen in allen Dingen ihre Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden lassen. Wer den Sorgen nachhängt, behält sein Anliegen bei sich selbst, denkt ihm ängstlich nach und quält sich vergebens. Wer sich aber damit helfen will, dass er nur Menschen um Hilfe bittet, kann noch mehr betrübt werden, wenn sie ihn vergeblich bitten lassen; welches Gott zuweilen deswegen geschehen lässt, damit man lerne, sich zuvörderst bei Ihm zu melden. Lasst also, ihr Christen, euer Bitten im Gebet und Flehen vor Gott kund werden. Er kann trösten, helfen, und wenn Er Menschen als Werkzeuge brauchen will, die Herzen derselben lenken. Das Beten selber macht schon eine Erleichterung, wenn es im Glauben geschieht. Vergesst aber dabei die Danksagung nicht. Danket Gott, ehe euch in dem gegenwärtigen Anliegen geholfen wird; denn ihr genießet doch auch bei demselben schon viel Gutes, und auch das Recht zu beten, das ihr in Christo Jesu habt, ist einer Danksagung wert. Harret alsdann eine Zeit lang, wie denn das Harren im Psalter den Betenden oft empfohlen wird. Paulus musste auch harren, bis ihm die Philipper etwas schickten; denn die Zeit litt es vorher nicht, V. 10. Bald kann aber der Harrende sagen: da dieser Elende rief, hörte der HErr, und half ihm aus seinen Nöten. (Magnus Friedrich Roos)
Lasst eure Lindigkeit kund werden allen Menschen!
O Lindigkeit! wie lieblich klingt das Wort. Weich und warm wie ein Frühlingssonnenstrahl lächelt es in jedes Herz; wie ein Friedenshauch aus der himmlischen Welt berührt es die Seele. Wer möchte nicht lind heißen? Auch der Härteste, Selbstsüchtigste, Kaltherzigste müht sich um diesen Ruhm. Dennoch ist die wahre Lindigkeit selten auf Erden, wie alle edlen Perlen selten sind.
Was meint denn der Apostel damit? Gewiss nicht das, was man so im tagtäglichen Leben Liebenswürdigkeit nennt, da es dann darauf ankommt, Jedem etwas Angenehmes zu sagen, eine Artigkeit, ein Kompliment, - alle Klippen zu umschiffen, alle Gegensätze zu vermitteln, alle Anstöße und Auftritte zu vermeiden. Ach, diese Liebenswürdigkeit steht mit der Wahrhaftigkeit auf einem sehr gespannten Fuß; sie hat nicht den Zweck, Gutes zu schaffen, sondern nur sich beliebt zu machen.
Nicht zu verwechseln aber ist auch jene Lindigkeit mit einer gewissen natürlichen Sanftmut. Es gibt Menschen, die haben von Haus aus so etwas Mildes, Weiches, Mitleidiges und Wohlwollendes, wodurch sie die Lieblinge ihrer Umgebung werden. Das ist gar eine herrliche Gabe; so lange sie aber noch nicht durch den Geist Gottes geheiligt ist, wird sie leicht zur Schwäche und Schlaffheit gegenüber der Wahrheit, ja zur Feigheit den Menschen gegenüber. Und wie furchtbar schnell verwandelt sich diese natürliche Sanftmut in ihr grades Gegenteil, wenn ihre Besitzer auf Menschen stoßen, die ihnen widerlich und unangenehm sind, wenn sie schmerzlich beleidigt werden und vor allen Dingen, wenn man sie auf ihre Lieblingssünde hinweist!
Die Lindigkeit, zu der Paulus ermahnt und die allen Menschen kund werden soll, ist nicht etwas Natürliches, sondern etwas, was aus der Verbindung mit Christo stammt, daher aber auch etwas, was sich bei allen Christen finden muss, wenn auch das Maß und die Gestalt dieser Lindigkeit je nach den Gaben der Natur und der Gnade sehr verschieden ist. Sie ist ebenso gut ein Kennzeichen der Jünger Christi wie auch die Freude in dem Herrn. Eben aus dieser Freude im Herrn fließt sie, wie sie andererseits auf den Herrn, der da nahe und im Kommen begriffen ist, schaut. Die Lindigkeit, die wir allen Menschen gegenüber offenbaren sollen, ist nur der Abglanz und die Ausstrahlung der Freude und des Friedens in dem Herrn, darin wir allewege leben und atmen sollen. Wo noch ein hartes, selbstsüchtiges, richterisches Wesen in einem Menschen regiert, da verdammt er durch solche Unlindigkeit sich selbst.
Wer Jesum Christum recht angeschaut hat, der weiß auch, dass in Ihm die himmlische Lindigkeit und Menschenfreundlichkeit erschienen ist. Und, obgleich es keinem Menschen so schwer gemacht wurde, gelinde zu bleiben, so blieb Er doch unerschüttert bis zum letzten Blutstropfen in seiner himmlischen Liebenswürdigkeit. Und was anders hat deine Seele in den Weg des Friedens gezogen, als die Übermacht dieser zuvorkommenden Liebe und Lindigkeit, die Beharrlichkeit seiner Geduld, Treue und Sanftmut gegen dich?! Nun denn, wo ein Strahl der Erbarmung Gottes in deinem Herzen gezündet hat, da muss es auch deine Sehnsucht, dein Ringen und Beten sein, mehr und mehr allen Menschen, gleichviel ob sie dir sympathisch sind oder nicht, in Gesinnung, Worten und Taten Liebe und Lindigkeit entgegenzutragen. Nicht dass man fünf lässt gleich vier sein und das, was böse ist, gut nennt. Nein, es kann oft der höchste Erweis der Liebe sein, dass man seinem Bruder sagt, so wie er jetzt geht, schreitet er dem Abgrunde zu. Aber dass Alles, was wir sinnen, sagen, tun, von Sanftmut und Demut, Liebe und Wohlwollen innerlich getragen ist, - dass man so lange als möglich alles auf's Mildeste beurteilt und zum Besten kehrt, überall den Frieden bringen möchte, überall darauf sinnt, zu helfen, zu erquicken, zu segnen, - das ist die Lindigkeit, davon der Apostel redet und die nur fließt aus der Freude in dem Herrn, aus der Erfahrung seiner Erbarmung.
Mir ist Erbarmung widerfahren,
Erbarmung, deren ich nicht wert.
Dies zähl ich zu dem Wunderbaren,
Mein stolzes Herz hat's nie begehrt;
Nun weiß ich das und bin erfreut
Und rühme die Barmherzigkeit. (Otto Funcke)
Wundere sich Niemand, dass wir auf den Spruch von gestern noch einmal zu reden kommen. Grade bei diesem Artikel läuft viel feiner Betrug unter. Denn Mancher spricht in seinem Herzen: „Die Mahnung ist gut und nötig, aber allen Menschen Lindigkeit erweisen, das ist doch zu viel verlangt; zwei oder drei Menschen muss ich ausnehmen, die haben mich zu tief verletzt, die sind mir gar zuwider“.
Es ist wahr, es gibt oft Menschen (und zwar grade unter Denen, auf deren näheren Umgang wir durch die Natur der Verhältnisse angewiesen sind), die machen uns die Lindigkeit sehr schwer. Sei es, dass sie uns so fort und fort beleidigen, reizen, kränken, oder dass ihre ganze Art und Weise uns so zuwider ist, dass wir Ekel vor ihnen haben, - genug, der Widerwille gegen sie überfällt uns immer wieder, wie ein gewappneter Mann, und schlägt alle unsere guten Vorsätze zu Boden.
Die Schwierigkeit ist nicht zu verkennen und gewiss wird Gott oft manches Verhältnis milder beurteilen wie die Menschen. Wir aber sollen uns wohl hüten, dass wir nicht aus dem „allen“ ganz leise ein „fast allen“ machen. Wenn wir dieses „fast“ hineinschmuggeln, verderben wir alles. Im Gegenteil, grade diesen uns so unangenehmen Menschen gegenüber sollen wir uns sagen: Siehe, hier ist just der Punkt, wo du Glauben, Geduld und ausharrende Gebetstreue beweisen musst. Wenn du hier siegst, so wird eben dadurch dein innerer Mensch zu einer Freiheit und Entfaltung kommen, wie durch alles andere Lieben und Leiden nicht. Und hast du erkannt, dass du nicht durch Kraft deines Willens auf diesem Posten Sieger bleiben kannst, - nun, so ringe wie Jakob mit Gebet und Tränen, bis die Morgenröte anbricht.
Sage nicht: „Ach, bei Dem und bei Der hilft's doch nicht; ich habe alles versucht und Alles war vergeblich“. Ja, das ist leicht gesagt, aber schwerlich ist's wahr. Untersuche dich einmal, ob nicht in dem betreffenden Verhältnis gar viel Ungeduld und Trotz, Lieblosigkeit, Ungerechtigkeit und feine Rache mit untergelaufen ist. - O, ich bitte dich, wie wollte es werden, wenn dein himmlischer Erzieher einmal von dir sagen wollte: „Bei dem hilft's doch nicht! So lange habe ich an ihm gearbeitet, aber die Frucht lohnt nicht, ich will ihn fahren lassen!“ Was aber dann? Ach, mache dir klar, wie du selbst täglich von Gottes Geduld leben musst! Beschaue die zehntausend Pfund, die dir dein Gott schenkte, und dann, wenn du noch Lust hast, siehe auf die hundert Groschen, die Jener, der dir so schwer wird, schuldig ist. Sage dir, dass Jesus Christus für ihn so gut wie für dich sein Blut vergossen hat; sage dir, dass der Vater einen Sohn nicht mit voller Liebe umfangen kann, der mit einem der Geschwister innerlich uneins ist, - sage dir, dass das notwendig dein Verhältnis zu dem Vater selbst trüben muss. Und dann nimm kraft der Liebe, die dir in Christo erschienen ist, allen alten und neuen Groll, Feindschaft, Widerwillen, Familienzwist und was es sein mag, und wirf es Alles in die brausende Flut der ewigen Erbarmung hinein, und käme es wieder an's Ufer getrieben, so wirf auf's Neue und wirf immer wieder, bis du's los bist. Der, der im Schwachen mächtig ist, wird mit dir sein. Des sei getrost! Er tröstet dich:
Fällt's dir zu schwer', ich geh' voran,
Ich steh' dir an der Seite;
Ich kämpfe selbst, ich brech' die Bahn,
Bin Alles in dem Streite;
Ein böser Knecht, der still darf stehn,
Sieht er voran den Feldherrn gehn. (Otto Funcke)
Der Herr ist nahe
Es gibt eine doppelte Nähe des Herrn: Er ist uns jetzt nahe in Wort und Sakrament und allezeit erreichbar im Gebet; und die Zukunft seiner herrlichen Erscheinung in den Wolken des Himmels ist auch nahe bevorstehend. Die obenstehenden Worte des Apostels beziehen sich auf die letztere Nähe des Herrn. Mit dieser pflegt man sich aber in dem größten Teile der Christenheit jetzt wenig zu beschäftigen, während doch die Apostel und die ersten Christen sehr viel an sie dachten und sie selbst noch zu erleben hofften. Aber eben deswegen, weil der Herr zu kommen verzieht, und nun schon so viele Jahrhunderte vergangen und so viele Geschlechter darüber hinweggestorben sind, meint man, dass auch wir die Zukunft des Herrn nicht mehr erleben würden und der Blick, der erwartungsvoll nach oben gerichtet sein sollte, hat sich ermüdet nach unten gesenkt und haftet an der Erde. Es sind seit Christi Himmelfahrt große Gerichte über die Erde ergangen, es ist große Not gewesen in Kriegen, Empörungen, Pestilenz und teurer Zeit, aber der Herr ist nicht erschienen. So sind viele Christen müde geworden zu warten und warten nicht mehr. Ja, sie meinen die Apostel haben sich getäuscht und es sei unter der Nähe des Herrn vorzugsweise die Gnadengegenwart des Herrn in seiner Christenheit zu verstehen, und so ist die Hoffnung auf die baldige, sichtbare Wiederkunft des Herrn und die Erwartung derselben erloschen. Damit treffen sie aber nicht den Sinn des Herrn. Er will, dass wir seine Zukunft zum Gericht erwarten, d. h. sie allezeit vor den Augen unsres Geistes haben, und im steten Gedächtnis der bevorstehenden Verantwortung und Entscheidung unsern Wandel einrichten sollen, und hat absichtlich Zeit und Stunde seiner Wiederkunft verhüllt, auf dass wir nicht denken: Es ist noch weit bis zur Offenbarung der Gerichtsherrlichkeit des Herrn, und fangen an, uns inzwischen wieder in die Dinge dieser Erde zu verflechten und in Fleischesseligkeit geistlich zu verkümmern. Der Herr hat uns auch absichtlich die Zeichen, welche seiner herrlichen Erscheinung vorangehen werden, beschrieben, aber diese Beschreibung doch so gehalten, dass wir allezeit gewärtig sein müssen, wenn wir demnach unsre Zeit betrachten, der Herr könne heute kommen. Und dies ist sein Zweck: Wir sollen wachen und beten, auf dass wir nicht in Anfechtung fallen. Wir sollen uns fort und fort die Frage vorlegen: Wie, wenn dein Herr heute käme, wärest du bereit, Ihn zu empfangen, wäre dir die Botschaft, wenn sie dir jetzt gebracht würde: Der Herr kommt und mit Ihm seine Vergeltung! eine lang ersehnte Botschaft der Freude oder des zermalmenden Schreckens? Für die Welt, für die Fleischesseligen und Mammonsdiener, für das weltförmige Christentum, für die Heuchler, die Christum im Munde führen, aber nicht im Herzen tragen, ist dieser Gedanke vernichtend, und mit innerem Entsetzen kehren sie ihr Auge-von einem Bilde ab, das diejenigen mit seliger Freude erfüllt, welche in der Gemeinschaft der Leiden Christi stehen und Ihm sein Kreuz nachtragen und denen nichts Köstlicheres verkündigt werden kann, als dass Christus, ihre Liebe und Hoffnung, und mit Ihm ihre Erlösung nahet. O Christ, vor solchem Blicke zerrinnen die Nebel der Selbsttäuschung, erbleicht der Schimmer gleißender Frömmigkeit und legt sich der Kern deines Herzens dir bloß vor Augen; o dass du ansingest, deinen Herrn stündlich zu erwarten und dein Herz also zu richten, dass es voller seliger Hoffnung gen Himmel blickt, von dannen Er wieder kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten! Sonst wird Er dir kommen zu einer Stunde, da du es nicht meinst. (Anton Camillo Bertoldy)
Eure Lindigkeit lasst kund werden allen Menschen. Der Herr ist nahe.
Wie gebrechlich es auch hie und da zu Zeiten unter Christen hergehen mag, so ist es doch auch wahr, dass es Häuflein gibt, die sich durch ihre Eintracht, Liebe und andere Tugenden als recht christlich erweisen. Muss auch der einzelne Christ zuweilen sich anklagen wegen Dürre, Ungeduld und allerlei Unarten, so hat er doch auch wieder solche heilige und selige Zeiten, wo der Bräutigam aus dem Hohenliede sagen kann: wie schon ist dein Gang in deinen Schuhen, du Fürstentochter, und die Seele selbst David aus dem 101 Ps. nachsprechen kann: ich handle vorsichtig und redlich bei denen, die mir zugehören, und wandle treulich in meinem Hause. So sollte es bei allen sein, und wer den Namen Christi nennt, trete ab von allen Ungerechtigkeiten, und lasse sich finden im Stande guter Werke, wodurch er die Lehre Christi ziere. Israel lagert auf einem Berge, und ist eine Stadt auf demselben. Lasst deswegen euer Licht leuchten, nicht bloß in guten Worten, sondern in guten Werken, damit der Vater im Himmel gepriesen werde. Gib, o Vater! dass wir alle unsere Gedanken, Worte und Werke dahin richten, dass dein Name um unseretwillen nicht gelästert, sondern geehrt und gepriesen werde. (Gottfried Daniel Krummacher)
Eure Lindigkeit lasst kund werden allen Menschen.
Wenn Gott uns Freudenstunden im Leben gewährt, dann wird's uns Bedürfnis, wohlzutun und mitzuteilen. Ein Christ kann Nichts für sich allein haben; der Genuss würde für ihn aufhören, wenn er nur für sich genießen sollte. Seine dankbare Liebe kann der eigenen Gabe nur froh werden, wenn sie auch Andere mit froh macht. Es ist eine allgemeine Sitte, dass wir zu Weihnachten nicht bloß unsern Kindern, sondern auch den Armen bescheren. Und doch, wie oft wird die schöne Sitte zur Unsitte, und wie selten fragen wir danach, ob die Gaben, die wir spenden, auch auf fruchtbaren Boden fallen, ob sie den Empfängern auch wirklich Freude und Segen bringen, ob sie auch den Dank in ihren Herzen erwecken und das gesunkene Gottvertrauen aufs Neue in ihnen beleben. Wer des Dankes nicht fähig ist, in dessen Herz kann auch die Freude nicht einziehen, und die Gabe, dem unwürdigen Empfänger dargeboten, ist weggeworfen und dem Würdigen entzogen. Es umgibt uns so viel wirkliche Armut, dass wir mit Weisheit nach denen ausschauen sollten, die der helfenden Liebe besonders wert sind. Die Willigkeit zu spenden darf nicht von der berechnenden Begehrlichkeit selbstsüchtig ausgebeutet werden. Unsere besten Gaben gehören dem, der sie nicht von uns erbettelt, sondern dem, welcher Hilfe in der Not von Gott erbittet. In der Armut muss noch eine Scham wohnen, die ihre Blößen vor den Blicken der Welt sorgsam zudeckt, und sie nur Gott offenbart; wenn die Gabe da eintritt, dann dient sie dem Herrn, der das Gebet der Armen erhören und kindlich Vertrauen nicht beschämen will. - Darum wollen wir bemüht sein, das Auge der Liebe zu schärfen, auf dass wir unter den Armen die stillen Seelen herausfinden, in denen wahrhaftige Gottesfurcht noch lebendig ist, in deren Häusern der Geist des Gebetes noch waltet: da wollen wir heimlich die Not erkunden, da still und verborgen und möglichst in solcher Fülle die Gaben eintreten lassen, dass sie wirklich Hilfe bringt. Je mehr der menschliche Geber verborgen bleibt, um so freudiger ist der Dank, der dem himmlischen gezollt wird. Der Geber ist nur das Werkzeug Gottes, darum soll er für sich den Dank nicht suchen. Kann er aber den Armen persönlich nicht verborgen bleiben, so soll dieser mehr die Liebe seines Wohltäters fühlen, als er der Gabe allein sich erfreuen; in der bloßen Gabe liegt für den Empfänger etwas Herabwürdigendes, aber die Liebe erhebt ihn. Diese Liebe soll insonderheit da walten, wo dem Armen der Druck seiner Verhältnisse auch auf der Seele lastet, und wo das Außenleiden eigentlich ein tieferes inneres ist. Da gilt es vornehmlich, mit dem Armen empfinden, sein Leid innerlich als eigenes Leid tragen; dann haben wir nicht nur die Fähigkeit erlangt, auch das Wort als eine rechte Gabe zu spenden, sondern wir haben durch dies Eingehen in ihn auch die sittliche Macht über ihn gewonnen, ihn geistig führen zu dürfen, seine irrenden Gedanken zu berichtigen und seinen engen Gesichtskreis zu erweitern; unsere Liebe hat ihn willig gemacht, sein krankes Herz dem heilenden Einfluss des himmlischen Arztes zu erschließen, und unser Trost konnte wirken, weil er das rettende Werk des Herrn ermöglichte; wenn wir in dieser Weise segnen, dann werden wir selber die Gesegneten sein; in den Armen werden wir dann dem Herrn selber gedient haben, und auf solchem Liebeswerk wird seine Verheißung ruhen: „Was Ihr getan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr Mir getan.“ (Matth. 25, 40.) (Julius Müllensiefen)
Der Herr ist nahe.
Da bist du uns endlich ausgegangen, du lieber Christbescherungstag, und mit dankbarem, besonders tief bewegtem Herzen heißen wir dich willkommen. Ist es uns doch heute so wundersam zu Mute, als stünden wir vor einem tiefen und seligen Geheimnis, das sich vor unsrer ahnenden Seele erschließen sollte. Wenn wir unseren Kindern in die Augen sehen, dann tut's uns in der Seele wohl, dass sie so helle leuchten, und ihr junges Leben so ganz von der Lust erwartungsvoller, vorahnender Freude erfüllt ist. Wir sind auch einmal jung gewesen, wie sie, und noch klingt's, wie Stimmen aus einem fernen Paradiese, in unsere Seele hinüber, wenn wir uns in jene seligen Freuden der Kinder-Warte-Lust des Heiligen Abends zurückdenken. Seitdem sind nun Jahrzehnte über uns hingezogen, und eine Welt voll reicher Erlebnisse tritt vor unsere Erinnerung; wir denken an viele helle und sonnige Tage zurück, da die Barmherzigkeit Gottes uns wie mit Strömen des Segens überschüttete, und heute ist's uns, als müssten wir Dir, o Du gütiger Herr und Gott, für Alles das danken, was Du an Deinen armen, untreuen Knechten getan hast. Aber wir gedenken heute auch an Zeiten in unserem Leben, wo wir mit Hiob klagen konnten: „die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir“ (Hiob 6, 4); da hatte sich Dunkel über unser Leben und Nacht über unsere Seele ausgebreitet; wir gedenken aller der Tränen, die wir geweint, und aller der heißen Kämpfe, die wir durchstritten haben. Das Leben hat uns viele Wunden geschlagen; manche sind noch nicht vernarbt, und bluten noch immer, so oft wir sie anrühren. - Aber heute bluten sie nicht. Heute werden wir's uns mit innigstem Danke bewusst, dass Du uns nahe bist, dass Du uns allezeit nahe warst, und dass keine Stunde in unserem Leben so dunkel war, dass nicht Ein Strahl Deiner Gnade und Erbarmung sie durchleuchtet hätte. Und nun freuen wir uns schon des seligen Augenblickes, wenn wir in der Abendstunde dieses Tages mit unseren Kindern aus dem dunklen Wartezimmer in den hellen Lichtersaal der Weihnachtsbescherung hinübertreten werden, denn da wird uns manche teure Erinnerung wieder lebendig, wie nach langen Tagen der Trauer und des Leides das Licht des göttlichen Trostes und himmlischer Erquickung uns wieder in das Herz hinableuchtete, und uns von der Unwandelbarkeit der Liebe unseres Gottes ein beschämendes Zeugnis ablegte. Und so ist's uns auch heute zu Mute, als wollte ein Strahl aus den Himmelsräumen, da das Jesuskind unter Engeln thront, in die dunkle Wartekammer unseres Lebens einziehen, und als sollten wir heute aufs Neue Mut fassen, in den heißen und schweren Kämpfen mutig auszuharren, weil doch einmal ein stiller und ewiger Sabbat anbrechen wird, da aller Streit ein Ende nimmt, und der Friede Gottes unsere Seele durchdringen und erfüllen wird. O Du lieber Herr, so lass uns denn die Christbescherungs-Freude zu einer Vorfreude des Himmels werden; wenn einmal wieder eine Zeit in unserem Leben kommt, wo unsere Seele verzagen will, da mache Du sie wieder getrost durch den Ausblick auf das leuchtende Ziel; und wenn der irdische Sinn sich festwurzeln möchte in der fremden Stätte, dann zeig' uns Deine himmlischen Wohnungen, dann erfülle Deine armen Kinder in der Fremde mit Heimats-Sehnsucht, wie sie heute unsere Seele erfüllt, und gib Gnade, dass uns einst, wenn unser letztes Stündlein kommt, nicht grauen möge vor der dunklen Wartekammer des stillen Grabes, sondern wir über Tod und Gruft hinaus Dir unser sehnend Herz entgegenstrecken mit der Bitte: „Herr Jesu, nimm unseren Geist auf!“ (Julius Müllensiefen)
Der Herr ist nahe.
Dieses Wort ist der Mittelpunkt unsrer Adventsepistel. Noch wenige Tage, und die Weihnachtsglocken tragen ihren feierlichen Ton in die Lande und das Kindlein in der Krippe winkt uns zu. Der Herr ist nahe“ es ist ein Liebesgruß, der uns da entgegen getragen wird. Der liebe Freund, an dem unsre Seligkeit hängt, er ist schon auf dem Wege. Hörst du seine Tritte? Hörst du das Rauschen seines Gewandes? „Der Herr ist nahe“ das soll das Herz beben machen. Es erinnert uns daran, dass uns der Herr oft so fern gewesen ist, weil wir ihn aus unserm Leben weg gejagt haben. Es ist wie ein Andenken des Leides, wenn man weiß: Einst war ich glücklich am Herzen Jesu. „Ach, wie liegt so weit, ach, wie liegt so weit, was mein einst war!“ Bist du ihm auch nur ein Wenig fern gekommen! Höre es, er will herankommen, höre es, er ruft wie die Mutter ihr Kind ruft, das in die Irre gelaufen ist. - „Der Herr ist nahe,“ er kann nicht anders, er kommt an dein Häuslein und fragt: Bist du zu Haus? Hast du noch ein stilles Adventsstündlein für mich übrig? Hast du noch einen Tannenzweig für mich übrig, nur einen kleinen Tannenzweig? - „Der Herr ist nahe“ - da darfst du ja hoffen, dass du dein zerquältes Haupt dem lieben Herrn in den Schoß legen kannst, dass es ganz still werde. Höre es, der Herr ist nahe! - Er kann auch noch in andrer Weise nahe sein. Noch stehen wir im Leben, aber wer weiß, wie nahe mir mein Ende?“ Wenn der Herr dir mit dem Tode nahe tritt im heiligen Ernste was dann? Nach dem Tode gibt es nur ein großes Entweder oder! So ruft uns dies Wort zu: Mach dich bereit! Halt ein! Der Herr ist nahe! Wenn wir recht bereit sind, dann gehen wir ihm auf fröhlichem Adventsweg entgegen. Wenn er dann spricht: „Siehe, ich komme bald“ - so antworten wir: „Ja komm, Herr Jesu!“
Lasst uns beten: Herr, Du bist nahe! Lass uns Deinen Liebesgruß hören, wenn Du uns zurufst. Ach, Herr, wir sind Dir oft so ferne gewesen, komm recht nahe zu uns mit Deiner Gnade. Mach uns recht bereit, wenn Du kommst, dass Dir unser Haus und Herz offen steht. Wir finden ja sonst doch nirgends Ruh, als allein an Deiner Seite, die für uns zerstochen ist. So mache uns zu rechten Adventskindern, damit wir auch beim Todestage wissen und erfahren dürfen, dass Du uns nahe bist und uns hindurch trägst auch durch die schwere Stunde. Lass es uns heute und immerdar vor den Augen sein, dass Du uns nahe bist, damit wir uns hüten vor Sünden. Ach bleib mit Deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ! Amen. (Wilhelm Hunzinger)
Eure Lindigkeit lasst kund sein allen Menschen. Der Herr ist nahe.
Der er Herr ist nahe. Dieses Wort St. Pauli gewinnt für uns, die wir vor dem Weihnachtsfeste stehen, seine besondere Bedeutung; es ist, als ließe uns in demselben der Apostel schon das Lobgetön der Engel in der Heiligen Nacht vernehmen, als wollte er zur rechten Weihnachtsfreude im Voraus uns erwecken. Aber er fügt dies Wort an die Ermahnung: Eure Lindigkeit lasst kund sein allen Menschen. Beides steht ja auch in gar engem Zusammenhang. Die Liebe und Lindigkeit Gottes, die uns in der Geburt des Heilandes zu Teil geworden, soll unsere Herzen gegen alle Menschen lind und weich machen. Die Lindigkeit ist jene zarte Rücksicht, die wir dem Nächsten schulden, da wir ihm nachgeben und weichen, ihm zu gut halten, tun, was ihn erfreuen, und lassen, was ihn verlegen könnte, jene Rücksicht, da wir lieber Unrecht leiden, als Unrecht tun wollen, in alle dem also das Gegenteil jenes rauen, mürrischen, rechthaberischen Wesens, das von einem freude- und friedelosen Herzen Zeugnis ablegt. Diese Lindigkeit soll allen Menschen kund werden. Wie der milde Strahl der Sonne uns alle ohne Ausnahme am Morgen grüßt und erfreut, so treffe auch unsere Lindigkeit mit ihren warmen Strahlen in Wort und Tat, in Geben und Vergeben, in Rat und Hilfe, in Dienst und Gehorsam alle Menschen, mit welchen wir in Berührung kommen, die Niedrigen und die Hohen, die Armen und die Reichen, die Fremden und Einheimischen, die Feinde und die Freunde. Das ist christliche Lindigkeit. Es gibt auch eine Art weltlicher Lindigkeit, bei dieser aber ist Ansehen der Person, dem Reichen hält sie viel zu gut, dem Armen dagegen nichts, gegen den Hochgestellten ist sie freundlich und höflich, gegen den Geringen hart und rau. Die christliche Lindigkeit stellt sich gegen den Einen wie gegen den Andern, denn sie ist nicht erheuchelt und gemacht, sondern wahrhaftig und lauter. Als Christen vergessen wir nimmer, dass wir selbst von der Lindigkeit unseres Gottes leben und ohne sie nicht einen Augenblick bestehen könnten. Danken wir ihm für seine Lindigkeit, indem wir unsere Lindigkeit allen Menschen kund sein lassen. (unbekannt)
Eure Lindigkeit lasst kund sein allen Menschen. Der HErr ist nahe.
Die weltliche Freude ist eigennützig und selbstsüchtig. Die Freude in dem HErrn aber macht das Herz linde, sie kann nicht hart und strenge sein und trotzt nicht auf ihr Recht, sie gibt sich hin, ohne nach der Schuldigkeit zu fragen, sie ist umgänglich und verträglich und gleicht alle Unterschiede des Lebens aus; es ist die Freude eines Herzens, dessen Härte geschmolzen, dessen Trotz gebrochen, dessen Eigensucht überwunden ist. Das aber tut die Gnade, denn von Natur ist in uns allen das gerade Gegenteil, darum gründet auch der Apostel seine Ermahnung darauf, dass der HErr nahe ist. Es ist der Gott aller Gnaden, der barmherzige Heiland. Erkennen wir diesen Gott, erfahren wir Seine Nähe, so geht Seine Lindigkeit in uns über, und unsere Lindigkeit geht als ein Wiederschein der Seinigen von uns aus. Der Apostel sagt aber: „Lasst sie kund werden allen Menschen.“ Denn gerade da, wo es der Natur am schwersten ist, da wird sich die Lindigkeit erweisen können, die der Geist in uns gewirkt. Wir haben Schuldner, mögen sie uns Geld und Gut schulden, oder uns schuldig geworden sein durch Beleidigung oder Kränkung, - lasst uns den Irrtum meiden, als ob auf die Forderungen des Rechts die christliche Lindigkeit sich nicht erstrecke, und gegen jedermann ein lindes Herz haben! Wir haben aber auch Gläubiger, denen wir schuldig sind, und das sind nicht allein diejenigen, gegen die wir eine Schuld des Dankes und der Erkenntlichkeit für empfangene Wohltaten haben, sondern auch die Armen, Verlassenen, Kranken und Traurigen. Allen sollen wir unsere Lindigkeit erweisen und die Nähe des HErrn ihnen dadurch fühlbar und verständlich machen.
HErr JEsu, Du hast uns reich begnadigt, und trotz unserer vielen Sünden dürfen wir uns dennoch freuen, dass Du so gnädig bist. Lass uns solches immer recht erkennen, damit Deine Freundlichkeit auch unsere Herzen zur Lindigkeit stimme gegen alle Menschen und wir an ihnen tun, was Du an uns getan hast! Hilf Du uns dazu, und wenn wir Deiner Gnade uns freuen, so lass auch ihren Schein wieder von uns ausgehen, dass wir Dich nicht bloß mit unsern Worten, sondern auch mit unserm Wandel preisen und der Welt zeigen, dass Du in uns lebst. Amen. (Hermann Haccius)
Eure Lindigkeit lasst kund sein allen Menschen. Der Herr ist nahe.
Bald ist Weihnacht, Weihnachtsfreude erfüllt die Herzen, und mit froher Erwartung harren alle dem heiligen Christ entgegen. Das ist die rechte Weihnachtsfreude, welche darin ihren Grund hat, dass der Herr uns wieder nahe ist, und wir bald wieder die Engelbotschaft vernehmen werden: „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Die rechte Freude ist wie die Sonne. Sie behält ihren Glanz nicht für sich, sondern durchleuchtet und erwärmt mit ihren Strahlen die dunkle, kalte Erde. So kann auch die Christenfreude sich nicht in sich selbst verschließen, sondern muss sich kund tun in segnender und erfreuender Liebe. Die Freude wird, wenn sie rechter Art ist, alsbald zur Liebe. Freude und Liebe sind wie die beiden Schwestern Maria und Martha in Bethanien. Die eine schaut anbetend auf den treuen Herrn, dessen Worte köstlicher sind als viel feines Gold; die andere dient mit Freuden seinen Brüdern hier auf Erden. Darum mahnt der Apostel in dieser Freudenzeit: „Eure Lindigkeit lasst kund sein allen Menschen.“ Wo Unfriede oder Zwietracht wäre in einem Hause, unter Eheleuten, unter Gliedern einer Familie: die Weihnachtsfreude soll das Herz lind und mild machen zur versöhnenden und vergebenden Liebe. Wo Streit und Feindschaft ist unter Nachbarn und Freunden: die Weihnachtsfreude soll das harte Wort, die lieblose Tat vergessen lassen. Die Weihnachtszeit ist, wie keine andere, die Zeit der schenkenden und gebenden Liebe. Gott hat uns ja auch eine so unendlich große Gabe geschenkt in seinem lieben Sohn. In keiner Zeit kann man es mehr, als zur Weihnachtszeit erfahren, dass Geben seliger ist als Nehmen. So lasst uns unsere Lindigkeit kund werden lassen allen Menschen. Lasst uns der Armen und Verlassenen gedenken, dass keiner sei, in dessen Hütte, auf dessen Schmerzenslager nicht ein Freudenstrahl fällt vom fröhlichen Weihnachtsfest.
Lasst uns beten: Lieber Vater im Himmel, von welchem alle guten Gaben zu uns herabkommen. Du bist ein unermüdeter Wohltäter Deiner Menschenkinder. Deine Güte ist alle Morgen neu über uns, und Deine Treue ist groß. Nimm gnädig das Opfer des Dankes hin, welches wir für Deinen Schutz in allen Gefahren und für die gnädige Bewahrung unserer Angehörigen Dir darbringen. Vergib uns, wo wir gesündigt haben. Wache auch diese Nacht über uns und alle Deine Kinder. Wie schnell eilt unsere Lebenszeit dahin. Darum hilf uns wirken, so lange es Tag ist, und Gutes tun, ohne zu ermüden. Lass uns an jedem Abend gedenken, dass eine Stunde kommt, welche die letzte ist. Wir können getrost sterben, wenn wir im Glauben an Dich und Deinen Sohn, unsern Heiland, gelebt haben. Du wirst uns führen zu Deiner ewigen Herrlichkeit. Führe uns, wie Du willst, nur lass Deine Gnade nicht von uns weichen. Amen. (Alfred Meyer)
Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe.
Der Herr ist nahe; Er wird bald kommen, und dann „wird Er Ruhe geben Denen, die Trübsal leiden um Seinetwillen; mit Trübsal aber auch vergelten Denen, die uns Trübsal anlegen.“ (2 Thess. 1, 6. 7.) Welch' ein Beweggrund, mit Sanftmut die Verachtung, Beschimpfung und üble Behandlung Seitens der Feinde der Wahrheit zu ertragen! Lasst uns Geduld üben noch eine kleine Zeit, und wir werden außer ihrem Bereich sein, eingegangen zu der Ruhe, die dem Volke Gottes vorhanden ist. Wir besitzen ja durch Gottes Gnade das gute Teil; das können sie uns nicht rauben. Ihr Teil dagegen ist so böse, und ihr Reich ist so kurz und wird so elendiglich endigen! Ach! lasst uns sie bedauern; lasst uns um Gnade für sie bitten und uns nicht gegen sie aufregen lassen!
Der Herr ist nahe! Bald wird Er kommen und den flüchtigen Schauplatz dieser Welt für uns verschwinden lassen; bald werden im Lichte des Tages der Ewigkeit alle Dinge dieses Lebens die Wesenheit, welche sie in unsern Augen noch haben, verlieren und uns nur als Schatten erscheinen, welche schnell vorüber eilen. Dann werden wir so manche Dinge, denen wir oft nur zu große Wichtigkeit beilegten, und welche unsere Ungeduld und üble Laune erregten, in ihrem wahren Nichts erblicken. Möchten wir sie auch jetzt schon so ansehen! Unsere Stellung sei fortwährend die eines Abscheidenden! Das ist die wahre, welche uns geziemt; denn wir wissen nicht, zu welcher Stunde der Herr kommen wird. Wenn dieser Gedanke uns beseelt, dann werden die sichtbaren Dinge wenig mehr im Stande sein, uns zu bewegen uns einzunehmen. (Auguste Rochat)
Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen!
Diese Ermahnung richtet der Heilige Geist, wie diesen ganzen köstlichen Brief (nach Phil. 1, 1.) „an alle Heiligen in Christo Jesu.“ Sie richtet sich an Diejenigen, deren natürlicher Charakter heftig und reizbar ist, damit sie ihn durch die Gnade Gottes bekämpfen und „anziehen herzinniges Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld.“ (Col. 3, 12.) Sie richtet sich aber ebenso an Die, welche von Natur eine sanfte Gemütsart besitzen, damit sie dieselbe dadurch heiligen lassen, dass sie ihren Grund und ihre Stütze in der Liebe und Kraft des Herrn erhalte, und so „die Geduld ihr Werk vollkommen treibe“ (Jak. 1, 4.). Die Lindigkeit ist Christen jeden Standes und jeder Stellung geboten, den Eltern, dass sie ihre Kinder nicht zum Zorn reizen (Eph. 6,4.), den Herren, dass sie das Dräuen lassen (Eph. 6, 9.), den Dienstboten, dass sie nicht widerbellen (Tit. 2, 10.), sondern mit Geduld selbst Unrecht leiden. (1 Petri 2, 20 ff.) Sie ist jedem Alter anbefohlen. Der Jugend zunächst, in deren Heißblütigkeit das Herz sich oft gegen Vorschriften und gegen ein Joch, welches ihm Schranken setzt, auflehnt: „Ermahne die Jüngeren,“ heißt es Tit. 2, 6, „dass sie gemäßigt seien.“ Sie richtet sich aber ebenso an das Alter, an jene Lebenszeit, wo die Gebrechlichkeit so leicht üble Laune und Verdrießlichkeit hervorruft, welche zu bestreiten die Schrift auffordert: „Ermahne die Alten, dass sie gesund seien, wie im Glauben, so auch in der Liebe und in der Geduld.“ (Tit. 2, 2.)
Die Lindigkeit oder Sanftmut, welche der Apostel uns empfiehlt, muss wahr und nicht erkünstelt sein; eine Lindigkeit, die aus einem Herzen kommt, in welchem Gott durch Seinen Geist als dessen süße Früchte (Gal. 5, 22.) „Geduld, Freundlichkeit, Sanftmut, Gütigkeit und Milde“ gewirkt hat. Ohne das wird sie nicht Stand halten und wird nicht in allem und „allen Menschen“ sich kund tun, wie ein Wohlgeruch, der sich ringsumher verbreitet, ohne doch etwas scheinen zu wollen. Wenn die Lindigkeit eine erkünstelte ist, dann wird sie der Welt anstößig sein, indem sie bald den falschen Schein entdeckt und ihn als Heuchelei verwirft. (Auguste Rochat)