Psalm 77,11
Andachten
Aber doch sprach ich: Ich muss das leiden; die rechte Hand des Höchsten kann alles ändern.
Dieses Wort ist ein Beweis, dass Gott die am Abgrund taumelnde Seele nicht verstoßen, nicht vergessen und sein Herz ihr nicht verschlossen hat. Er wirkt durch seinen Geist einen Anfang der Umwandlung. „Ich muss das leiden“ spricht der Sänger. Welcher Art das Leiden war, ist nicht gesagt, aber dass es in einem Zusammenhange steht mit seiner Verschuldung, wird ihm nun klar. Vielleicht war kein nachweisbares Verhältnis von Ursache und Folge, und darum sträubte sich Assaph wider sein Leiden, darum die Verdunklung, darum die Bitterkeit. Nun aber, da er sich demütigte und irgendwo einer Schuld überzeugt worden ist, bekennt er den Zusammenhang, glaubt an die göttliche Erziehung und demütigt sich unter die gewaltige Hand Gottes.
„Ich muss das leiden“ so lehrt uns Gottes Geist sprechen, denn das ist besser, als Widerrede und Ergrimmen. „Ich muss,“ nicht nur weil‘s nicht anders geht, sondern weil ich‘s verdient habe. Wäre ich auch vor Menschenaugen untadelig gewesen, vor Gottes Augen bin ich‘s nicht; und wenn seine Mühlen auch langsam mahlen, mahlen sie doch schrecklich sein. „Ich muss das leiden;“ genau das Maß, das Gott für mich bestimmt hat; und kein Schauen auf andere, die schwereres oder weniger schweres zu tragen haben, ändert etwas daran. Damit bricht das Rechthabenwollen zusammen und an die Stelle der Ohnmacht infolge nutzlosen Streitens, tritt die Ohnmacht erkannter Untüchtigkeit. Die Seele ist jetzt nicht nur sprachlos unter dem Druck der Umstände, sondern weil keine Entschuldigung mehr versucht wird.
Gott sei Lob und Dank, dass sein Geist diese wahre Armut zustande gebracht hat, die mit Jeremia spricht: „Das ist meine Plage, ich muss sie leiden.“ Denn nun weichen die Nebel, und ein Aufblick zu Gott bricht sich Bahn. Die Hoffnung erwacht, dass die Anfechtung ein Ende nehmen könne, denn „die rechte Hand des Höchsten kann alles ändern.“ Ja wohl! Hat sie den Berg der Eigengerechtigkeit zum Tale und das Tal der Trostlosigkeit zum ebenen Wege machen können, so ist es ihr ein Kleines, die Leiden zu heben und die Hindernisse zu entfernen. Wo kein Mensch helfen kann, ist doch die Rechte Gottes nicht verkürzt; alles, alles kann sie ändern; wären es auch Mauern, so dick wie Jerichos, deines Gottes Hand bricht sie zusammen. Harre nur seiner in Demut und Geduld.
So gib mir denn, gnädiger Gott, Verzeihung für alles Widersprechen, Murren und trostloses Darniederliegen. Ruhe nicht, bis eine aufrichtige Beugung unter deine Hand gewirkt ist. Du stärkst meinen Mut, du stärkst meine Hoffnung. Hast du Assaphs Notlage ändern können, ist auch mein Elend dir nicht zu groß. Der du die Schlüssel Davids hast, schließe auf, dass meine Seele ihrer Last entledigt werde! Amen. (Rudolf Wenger)