Psalm 131,2
Andachten
Meine Seele ward entwöhnt, wie einer von seiner Mutter entwöhnt wird.
Hungrig schauen unsere Augen in die Welt hinaus und unsere Hände greifen eifrig nach allem, was wir Gewinn heißen, in der Tat wie ein Kindchen, das sich nach der Brust der Mutter streckt. Gibt es denn für uns Menschen ein Sattwerden? Ja, sagt der Psalmist, es ging ihm wie dem Kind, von dem das ungestüme Begehren der ersten Wochen abgefallen ist und das nun seine Nahrung nicht mehr bei der Mutter sucht. Nun ist ein anderes Bedürfnis aufgewacht und das neue Bedürfnis macht das alte still. Es kann uns wie dem entwöhnten Kinde gehen, weil wir von zwei Seiten her unsere Bedürfnisse und Begehrungen empfangen. Zuerst legen sie die natürlichen Vorgänge in uns hinein und erzeugen jenes Verlangen, das nach den Dingen greift. Wenn uns aber Gottes Gnade besucht hat, dann öffnet sich uns ein neuer Quell, aus dem Bewegung und Begehrung und Wille in uns hineinströmen. Nun greifen wir nach dem, was Gottes ist, und das eine Verlangen vertreibt das andere. Was die Natur fordert, muss ihr freilich Tag um Tag gewährt werden und dies ohne Widerwillen; sie soll willig und reichlich erhalten, was sie bedarf. Aber die Mitte unseres Lebens füllt dieses Begehren nicht mehr aus. Deutlich und wirksam kommt eine Wandlung zustande, die unser ganzes Leben umstellt. Wie viel war uns früher unentbehrlich oder erschien uns doch als höchst begehrenswert und machte uns zu lebhafter Anstrengung munter, vielleicht sogar zu fieberndem und heldenhaften Ringen! Nun aber ist alles, was nur die Sinne reizt, nur den Menschen angeht und nur den Menschen schmückt, abgewelkt. Wir sehen die anderen nach diesen Dingen greifen und lächeln, weil wir wissen, wie wenig sie damit gewinnen, und mit dem Lächeln verbindet sich ein tiefes Erbarmen, weil das, was sie begehren, sie gefährdet, weil das Leben in Gefahr kommt, wenn es darben muss. Ohne Schmerzen und Klagen ist uns die Entsagung gewährt, wie sie dem entwöhnten Kind gegeben wird, das nun ohne Begehrlichkeit auf dem Schoß der Mutter sitzt. Denn eine neue Füllung ward in unser Leben gelegt, neue Arbeit, damit auch neue Schmerzen und neue Seligkeit.
Zeige mir, was Dir wohlgefällt, damit ich mich nicht verzehre im Dienst der Eitelkeit. Reichst Du uns das Brot des Lebens, dann quält uns kein falscher Hunger mehr; dann werde ich satt. Amen. (Adolf Schlatter)
„Meine Seele wie ein entwöhntes Kind.“
Wie freue ich mich, o Gott, mein Vater in Christo, dass ich mit kindlicher Zuversicht zu Dir treten und beten darf! Welch ein köstliches Vorrecht Deiner Kinder, einen freien Zugang zu haben zu dem Gnadenstuhl. offenen Auges ausschauen zu dürfen zu dem einzig Einen, welchen der Himmel und aller Himmel Himmel nicht zu fassen vermag, als zu meinem Vater und zu meinem Gott. Irdische Liebe ver. wandelt sich und vergeht. Du aber bleibst wie Du bist, und Deine Gnade währt ewig. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, so ihn fürchten. Aber nur zu häufig habe ich gerechte Ursache, inmitten Deiner mannigfachen Gnadenerweisungen mich des Undanks meines Herzens anzuklagen. Ja, ich war undankbar und ungehorsam, eigensinnig und eigenwillig. Du hättest das Recht gehabt, mich meinem verkehrten Eigenwillen zu überlassen, mich schmecken zu lassen die Frucht meiner Wege, mich ernten zu lassen die eigne Aussaat vom Verderben. Es ist nichts als lauter Gnade, dass ich nicht vergangen bin in meiner Sünde und meinem Elend. Aber so unendlich groß wie meine Not, so unendlich groß und noch viel größer ist Deine helfende, heilende und rettende Gnade. Darum komme ich zu Dir, dem ewigen Helfer, mit dem ganzen Gefühl meiner Armut, mich bereichern zu lassen mit den ewigen Bundesgütern, die mein Heiland Jesus auch mir erworben hat. Vereinige mich mit Ihm in lebendigem Glauben und nimm in Ihm als Dein Kind mich an. Lehre mich kindlich Dich lieben und ehren, Dir in Kindesart dienen und gehorchen, mit kindlichem Sinne suchen, was Dir gefällig ist und mit der heilsamen Scheu eines frommen Kindes alles das sorgfältig meiden, was einen so gütigen und freundlichen Vater betrüben könnte.
Bewahre mich vor unzufriedenem Murren oder ungläubigem Misstrauen gegen Dich, wenn Deine züchtigende Hand mich treffen muss. Ferne von mir bleibe jede ungerechte Beurteilung Deiner Führungen. Lass mich vielmehr in allen Deinen Züchtigungen ein notwendiges Erziehungsmittel Deiner väterlichen Liebe erkennen. Gib mir ein festes, nimmer wankendes Vertrauen auf Deine Treue. Nichts trifft mich, ohne Deinen Willen. Nichts begegnet mir, was mir nicht gut ist.
Mache mich durch Deine mannigfachen Führungen nur immer gleichförmiger dem Bilde meines Heilandes. Lass mich willig für Ihn leiden, wie Er geduldig und unschuldig gelitten hat für mich! Lass mich nicht sowohl suchen, meiner Trübsale überhoben zu sein, als vielmehr durch Ergebung und Geduld in ihnen Deinen Namen zu verklären und mit dem Geiste eines guten Kindes zu sprechen: Schlage zu, lieber Vater. Lass mein Herz Deinen lebendigen Tempel, mein Leben ein lebendiges Opfer werden, das da dufte von dem Wohlgeruch der Liebe und des Lobes. Lass mich nicht eher ruhen, als bis in meiner Seele sich gefunden eine Stätte für den Herrn, eine Wohnung für den mächtigen Gott Jacobs.
Heilige allen Kindern der Sorge die ihnen auferlegten Züchtigungen. Tröste die teurer Freunde Beraubten mit Deinem Nahebeisein. Setze Dich selbst ihnen zum Ersatz für jeden Verlust. Lass sie erfahren die Wahrheit Deiner Verheißung: Siehe ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.
Erbarme Dich Deiner Kirche, heile die Spaltungen, segne die Predigt, rüste die Diener des Wortes dazu aus, dass sie immer geschickter werden, den ganzen Rat Gottes zu verkünden.
Hirte Deiner Schafe, der von keinem Schlafe etwas wissen mag, sei die Nacht auch auf der Wacht und lass mich von Deinen Scharen um und um bewahren. Gib Deinen Engeln Befehl über uns. Lass keine bösen Träume unsere Ruhe stören, dass beim Erwachen wir noch bei Dir sind. Das Alles bitte ich in Jesu Namen. Amen. (John Ross MacDuff)