Psalm 123,1
Andachten
Diese beiden Psalme (123 und 125) sind Wallfahrtslieder im höheren Chor. Als das Jammerlied, welches die gefangenen Juden an den Wassern von Babylon sangen, verstummt war und sie auszogen aus dem Lande ihrer Knechtschaft, sollen sie auf dem Wege gen Zion diese Pilgerlieder gesungen haben; sie sollen sie ferner auf ihren jährlichen Festzügen begleitet haben nach der Davidsstadt. Jedenfalls sind’s Lieder, mit welchen man sich Trost und Freude auf Pilgerwegen ins Herz singen kann. Sie verkürzen uns des Weges Länge, sie ebnen uns den Weg, sie machen ihn lieblich und breiter, sie rücken uns unser Ziel näher vor Augen. Wir sind, wenn auch Fremdlinge und Pilgrimme, doch zugleich des Herrn Knechte und Mägde, nicht bloß seine Leibeigenen, sondern auch seine Herz- und Seeleigenen. Wohl uns, wenn wir, wie die Knechte und Mägde, auf Seine Hand allezeit sehen; auf diese Hand, die uns winkt und weiset, die uns leitet, lenkt und regiert, die uns schützt und schirmt, die uns aber auch straft und züchtigt, wenn’s Not tut, und uns dadurch heilt und segnet! Ach, diese Hand hat sich am Kreuze für uns durchbohren lassen; diese Hand zerreißt unsere Sündenbande und macht uns von uns selbst, von der Welt und der Sünde los; diese Hand hat uns in der Taufe gesegnet, am Nachtmahlstische gespeist und will uns noch aus dem Tode erretten und gegen die Schrecken des letzten Gerichts uns sicher stellen. Habe Dank, Herr, Herr, dass wir uns allezeit des Besten zu Dir versehen können und es von allen Gläubigen gilt: Sie sehen hinauf, der Vater herab, an Treu und Lieb’ geht ihnen nichts ab, bis sie zusammen kommen. Lass uns denn auch ferner nicht und ziehe Deine Hand nicht von uns ab, sondern trage auch inskünftige Sorge, dass, wenn gleich die Menschen oder der Satan sich wider uns setzen, sie doch an uns zu Schanden und wir aus ihren Zähnen errettet werden. Du wirst es tun; denn unsere Hilfe stehet doch nur einzig und allein in Deinem Namen, Herr, der Du Himmel und Erde gemacht hast. Amen. (Friedrich Arndt)
Ich hebe meine Augen auf zu dir, der du im Himmel sitzt.
Wer der sei, der im Himmel wohnt, spricht von selbst. Der Dichter dieses Psalms hat aber seine Grunde, warum er am liebsten seines Wohnens im Himmel gedenkt. Hienieden durchkreuzt sich alles wunderbar, im Großen wie im Kleinen. Es ist überall eine unruhige Beweglichkeit und Treiben, nichts Festes, sondern ein Meer, dessen Wellen vom Winde gewebt, nicht still sein können, sondern Kot and Unflat auswerfen. Es wohnt aber Einer im Himmel. Er wohnt da in majestätischer Herrlichkeit und kraftvoller Ruhe, erhaben über alle Plane der Menschen, über alle ihre Unternehmungen. In seiner Hand sind alle Kräfte Himmels und der Erde ein Fels ewig, gerecht und fromm ist Er, und alle seine Werke sind unsträflich. Er hat den Himmel ausgebreitet, wie ein dünnes Fell. Die Inseln sind wie Stäublein vor ihm, und alle Völker wie ein Tropfen, der am Eimer klebt. Er, Er ist König. Er regiert die Welt. Er sieht auf alle Menschenkinder, von seinem festen Throne lenkt er ihnen allen das Herz, und merket auf alle ihre Wege. Hier ruft er die Sterne mit Namen, und führt sie bei der Zahl heraus, dass nicht an einem fehlen kann, dort gibt er dem Vieh sein Futter, den jungen Raben selbst, die ihn anrufen. Hier lenkt er eines Königs Herz wie die Wasserbäche, und neigt's, wohin er will, dort kleidet er Lilien mit mehr als salomonischer Pracht; ordnet das Los, schützt Sperlinge, versetzt Berge, ehe sie's inne werden, spricht zur Sonne, so geht sie nicht auf, versiegelt die Sterne und durchschaut alle Lande, dass er stärke die, so von ganzem Herzen an ihm sind; häret die Seufzer der Gefangenen, und spricht mit den Müden ein Wort zur rechten Zeit. Und diesen König zum Vater, diesen Vater am Regiment zu haben, welch ein Trost! Im Himmel wohnt der Allgenugsame, welcher allein Allen genug ist. Was wir im Leiblichen, was wir im Geistlichen irgend bedürfen, ist in ihm zu finden, ist in ihm zu haben. Reich ist er über alle, die ihn anrufen, und kann überschwänglich tun über Bitten und Verstehen. Als die nichts haben, und doch alles inne haben. (Gottfried Daniel Krummacher)