1. Johannes 5,12
Andachten
Wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben. Wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.
Christum haben - was ist das? Ist es nicht etwa nur ein bildlicher Ausdruck? Bewahre Gott. Das wäre eine teuflische Künstelei, wodurch uns unser Heiligstes geraubt würde. Es muss genommen werden, wie es dasteht. Wie ich von einem Kleinod, das mir von Rechtswegen zugehört und von keinem Menschen abgestritten wird, sagen kann: es ist mein, mein Eigentum, ebenso muss man von dem Sohne Gottes sagen können: er ist mein, ich habe, ich besitze ihn; nicht etwa nur eine feine Erkenntnis von ihm, sondern ihn selbst und von ihm muss man keinen Widerspruch befürchten dürfen, wenn man zu ihm sagt: „du bist mein HErr Jesu! ich habe dich, mein HErr und mein Gott.“ Da muss aber doch wohl viel vorhergehen, ehe man dieses aussprechen kann? Allerdings. – Ihn haben wollen und ihm etwas geben, das geht vorher. Erst wird man gewahr, dass man Jesum nicht hat, und ebendarum durch und durch unglücklich, unselig ist, daraus entsteht der Gedanke: bleibe ich ohne Jesum, so bleibe ich ewig unselig - und hieraus das Verlangen: ach dass ich ihn hätte! und hieraus das Streben nach ihm: ich muss ihn haben; ich will ihn suchen und nicht ruhen, bis ich ihn finde. Nun sucht man ihn, das heißt: man sehnt sich nach ihm, wie der Hungrige nach Brot, der Kranke nach dem Arzt, der Gefangene nach der Freiheit. Und wer ihn so sucht und es redlich meint, der findet ihn. Ohne sich leiblich sehen zu lassen, meldet sich der Erlöser selbst bei dem nach ihm seufzenden Sünder an: siehe hier bin ich. Ich bin Jesus, was willst du, dass ich dir tue?“ „O HErr hilf mir! du fehlst mir! gib dich mir!“ - „Das will ich tun, aber du musst mir vorher etwas geben.“ - HErr, was?“ - „ Dein Herz, aber ganz und ungeteilt!“ „O HErr, da ist es, nimm mich hin, wie ich bin.“ „Ich nehme es an und nun gebe ich dir mich selbst so wie ich bin mit meiner ganzen Fülle, nimm mich nun auch hin und schöpfe aus mir Lebenswasser, Gnade um Gnade.“ Die Seele greift zu, nimmt Jesum, dessen Gegenwart sie unwidersprechlich fühlt, mit Begierde im Glauben auf und nun hat sie den Sohn Gottes und hat das Leben. Der Sünder hat Christum gewollt, gesucht, gefunden, ihn, den ganzen Christum mit seiner heilbringenden Menschwerdung, mit seinem verdienstlichen Leben, mit seiner Lehre, mit seinem Vorbild, mit seinem genugtuenden Leiden, Blutvergießen und Sterben und Auferstehen; es fehlt nichts. Man hat den einigen Menschen, welcher Gott der HErr ist und will hinfort nichts mehr, als wie Paulus sagt: „ was ich noch lebe im Fleische, das lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dargegeben (Gal. 2, 20.). Da heißt es dann:
Herr mein Hirt, Brunn aller Freuden!
Ich bin dein, du bist mein, Niemand soll uns scheiden.
Ich will dich ins Herze schließen,
O mein Ruhm, edle Blum lass dich recht genießen. (Ludwig Hofacker)