1. Petrus 2,9
Andachten
Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Tugenden des, der euch berufen hat von der Finsternis zu Seinem wunderbaren Licht; die ihr weiland nicht ein Volk wart, nun aber Gottes Volk seid, und weiland nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid.
(1 Petri 2, 9. 10)
Wenn wir das Wort Gottes durchdenken, was es von dem Christen begehrt, welche hohen und herrlichen Aufgaben es ihm zur Lösung vorlegt; wenn wir dem Meister in das Angesicht schauen, aus dem uns alles Gute und Große entgegenleuchtet; wenn wir die Bestimmung des Menschen durchsinnen, in dies Bild verklärt zu werden, und in die Kraft und Lauterkeit dieses Lebens das eigene Leben einzutauchen, dann werden wir gerne eingestehen: das muss ein großer Mensch sein, der diese Aufgaben erfüllt, in dessen Lebensbilde der Meister selber wieder aufersteht; und wenn wir eine Gemeinde dächten, aus lauter solchen Gliedern bestehend, ja, das wäre fürwahr, wie in unserm heutigen Worte der Apostel Petrus sich ausspricht: „eine Gemeinde von Königen und Priestern“, das wäre eine zweite apostolische Gemeinde. Und wenn der Apostel mit diesen schmückenden, ehrenden Bezeichnungen heute seine Gemeinde anredet, so könnten wir fragen: Meint er damit etwa die nach der Verfolgung zerstreuten Glieder jener ersten Gemeinde zu Jerusalem? Mitnichten; denn Petrus selber hat diese Zerstreuung nicht mehr erlebt, und sein Brief an die zerstreuten Christen in Pontus, Galatien, Kappadozien und Bithynien gerichtet, fasst nicht immer bestimmte Persönlichkeiten in Auge, sondern ist recht eigentlich ein Wort an die Jünger des Herrn aller Zeiten gerichtet. Aber wo sind jene Leute, wo wohnen die Gemeinden, welche es wagen möchten, die Züge jenes von dem Apostel entworfenen Bildes auf sich zu deuten? Es ist eine wunderbar erziehende Weisheit der Heiligen Schrift, dass sie alle Christen in ihrem Spiegel sich als solche beschauen lässt, wie sie nach dem Willen Gottes gestaltet sein sollen, wie sie es aber in der Wirklichkeit nicht sind. Sie weckt auf diese Weise nicht minder zur Buße, als wenn sie uns in dem Lichte ihrer Wahrheit die verborgenen Schäden und Gebrechen unseres Herzens und Lebens aufdeckt. Ein Fürstenkind in seiner Erniedrigung wird nicht so tief beschämt, wenn es an den Umfang seiner Schuld erinnert wird, als wenn man seinen Blick erhebt zu den edelsten Vorahnen seines Hauses, und auf die Ruhmesfülle hinweist, die jene in heiligem Ringen zu erwerben wussten. So redet auch die Schrift so oft zu dem sündigen Menschen wie zu einem Kinde aus fürstlichem Stamm, und indem sie ihn auf das himmlische Vaterhaus hinweist, will sie ihn eben daran erinnern, dass er zwar ein Sohn ist, aber ein verlorener, und will ihn reizen und locken, dass er seine Schritte beflügele, um das verlorene Erbe wieder einzubringen. - Deshalb, so oft das Wort Gottes wiederum zu uns redet, in jener Weise, die nur völlig unerfahrenen und ungeübten Gemütern zur Selbsterhebung gereichen kann, so wollen wir an einem jeden solchen erhebenden Ausdruck des Christennamens uns von Herzen demütigen, aber uns auch ernstlicher daran erinnern lassen, dass in diesen ehrenden Bezeichnungen uns das hohe Ziel gezeigt werden soll, dem wir aus allen Kräften nachzustreben haben. Und so gib denn in Gnaden, o Gott, dass auch auf uns gedeutet werden könne, was der Apostel Deinen Kindern nachrühmt; lass uns zugezählt werden zu dem Geschlecht, das Du aus der argen, gefallenen Welt ausgewählt und mit dem heiligen Siegel der Gotteskindschaft gekennzeichnet hast. Lass uns Deinem Volke zugehören, dessen Glieder Könige und Priester sind; königlich lass unsren Sinn sein, frei von dem niederen Wesen, frei von den Fesseln der Sünde, frei von Menschenfurcht, von Selbstsucht und von Mammonsdienst; wie geweihte Priester lass uns stehen vor Deinem Angesichte bei Tag und bei Nacht: von Deinem heiligen Dienste lass uns nimmer weichen, und gib Gnade, dass wir wie Kinder des Hauses täglich und stündlich mögen eintreten können in Dein innerstes Heiligtum, und Alles, was unser Herz bewegt, in heißem, kindlichem Gebet Dir ausschütten dürfen in das erbarmende Vaterherz! Wir sind Dein Eigentum, Du hast uns erkauft in dem Blute Deines eingeborenen Sohnes; unser Herz sei das Opfer, das wir alle Tage Deinem Dienst aufs Neue weihen; unsre seligste Aufgabe sei es allezeit, Deine Tugenden zu verkünden, der Du uns berufen hast aus der Finsternis zu Deinem wunderbaren Lichte, und Dich zu preisen als die ewige, allmächtige Liebe, den auch der Engel Chöre anbetend besingen, indem sie ihr Loblied durch alle Himmel ertönen lassen: „Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr Zebaoth, und alle Lande sind Seiner Ehre voll!“ (Jes. 6, 3.) (Julius Müllensiefen)