2. Timotheus 3,5
Andachten
„die da haben den Schein eines gottseligen Wesens, aber seine Kraft verleugnen sie.“
Fromme Formen, aber leere Formen. Frömmigkeit der Schablonen, aber es geht keine Kraft von ihnen aus. Ich will nicht an die denken, die mit Absicht den Schein eines gottseligen Wesens borgen, um andern Sand in die Augen zu streuen, ohne dass sie die Kraft kennen; das sind arme Tropfe, die früher oder später entlarvt werden; die schaden auch nur sich. Gefährlicher für ihre Umgebung sind die andern, die wohl wissen, was es um die wahre Kraft der Gottseligkeit für eine herrliche Sache ist. Aber sie mochten den Einkaufspreis nicht bezahlen: die Hingabe der eigenen Persönlichkeit an Jesus. Darum begnügten sie sich mit dem billigeren Schein, den ein aufmerksamer Kopf sich schnell angewöhnen kann. Nun aber kommt der Betrug; sie lehren mit starker Betonung: das sei das gesunde, richtige Christentum, wie sie es haben. Wer darüber hinaus noch wirkliche Kraft Christi im praktischen Leben und im Überwinden der Sünde haben will, sei ein Schwärmer oder geistlicher Revolutionär. Da ihre Art der Nachfolge Jesu spielend leicht ist, gewinnen sie schnell an Ansehen und können als geistliche Führer weithin das Reich Gottes aufhalten.
In die Kraft statt Heuchelschein führe, Herr, die Deinen selbst von Tag zu Tag besser hinein. Lautlose Kraft statt klappernder Formen gib uns, Herr Jesu. Wir leben von deiner Kraft, wir sehnen uns nach deiner Kraft; offenbare du dich in unserm Leben. Amen. (Samuel Keller)
Die da haben den Schein eines gottseligen Wesens, aber seine Kraft verleugnen sie; und solche meide.
Das Reden „mit Menschen- und mit Engelzungen,“ die herrlichsten Worte, die wir aussprechen mögen über Glaube und Hoffnung und Liebe und Himmel und Seligkeit - sie sind nichts, als ein leerer Schall, sie sind Heuchelei und keine Wahrheit, wenn aus unserm Herzen die Liebe gestrichen ist. Wir können dann den größten Schein der Gottseligkeit haben, können für warme und mutige Christen gehalten werden, aber im Buch der Liebe stehen wir nicht angeschrieben, weil wir die Kraft der Gottseligkeit in Tat und Werk nicht beweisen. Die tönende Glocke im Turm, sie ruft mit feierlichem Klange zur Kirche. Es kann uns in die Seele dringen, wenn wir den Glockenruf vernehmen. Aber wenn sie auch zur Kirche lockt, sie selbst bleibt im Turme. So können unsre Worte herrlich und herzbewegend zur Gottseligkeit rufen, und doch sind es Worte, Worte, nichts, als Worte, und wir selbst verleugnen die Kraft der Gottseligkeit und wollen nichts von ihr wissen. Darum fliehe alle Heuchelei! Wenn der Christenmensch die Gottseligkeit lernt, dann stellt er sich zu dem dornengekrönten Heilande und lässt sich durch seine Wunden Vergebung der Sünden und Leben und Seligkeit schenken; er blickt auf zu der Liebe, die uns zuerst geliebt. Dann aber muss diese Liebe des Herrn Jesu Christi eine Kraft der Gottseligkeit in uns wirken, die es nicht lassen kann, wieder zu lieben. Ist die Bruderliebe noch nicht in uns erweckt, so sollen wir ja zusehen, dass wir erst lernen, was Gottseligkeit ist.
Lasst uns beten: Herr Jesu Christe! Du hast in saurer Arbeit und in bitterem Kampfe uns bewiesen, welche gewaltige Kraft Deine Liebe ist. Durch Deine kräftige Liebe sind wir aus der Grube des Verderbens herausgeholt, und Du hast unsre Füße auf den ewigen Grund Deiner Erlösung gestellt. Lehre uns recht das Geheimnis Deiner Liebesmacht verstehen, lehre uns recht tief in die Gottseligkeit eindringen, dass wir in festem Glauben Dich ergreifen. Dann wird Deine Liebeskraft auch in uns kräftig werden. Reiß uns doch heraus aus allem Schein und aller Heuchelei und bringe uns zur himmlischen Wahrheit der Liebe. In dieser Morgenfrühe flehen wir Dich an: Schenke uns Deine Liebe. Amen. (Wilhelm Hunzinger)