Lukas 15,4
Andachten
Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat, und so er der eines verliert, der nicht lasse die neun und neunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlorenen, bis dass er's finde? rc.
So lange dein Gewissen noch nicht erwacht ist und du also über deine Sünden noch geringe denkst, erscheint es dir auch nicht schwierig, zu glauben, dass Jesus dich, den Sünder, lieb habe; das wird aber anders, wenn dich Gottes Geist tiefere Blicke in dein Herz, dein Leben und in die Bedeutung der Sünde vor Gott tun lässt. Wenn es dir klar zu werden anfängt, wie du sein solltest und wie du bist, wenn dich so etwas überkommt wie ein Ekel vor dir selbst bei der Betrachtung der Gedanken, die du schon in deinem Herzen beherbergt, der Worte, die schon aus deinem Munde gegangen und der Taten, die du schon in deinem Leben getan; dann fängst du auch an, dich zu wundern, wie es doch möglich sei, dass Jesus dich dennoch lieb haben sollte. Da kommt denn Jesus deiner Schwachheit mit dem Gleichnisse vom verlorenen Schafe, vom verlorenen Groschen und vom verlorenen Sohne zu Hilfe, und sucht dir den Blick auch in sein Herz zu öffnen. In dem ersten derselben lehrt Er dich, dass Er dich als sein teures Eigentum ansieht, dich als solches kennt und dich vermisst, wenn du dich von Ihm verloren hast. Sein Eigentum bist du in doppelter Weise. Zuerst schon durch die Schöpfung, denn du bist seiner Hände Werk. Dann aber, da du durch die Sünde in die Gewalt des bösen Feindes gefallen warst, dadurch, dass er dich mit seinem kostbaren Blut und mit seinem Leiden und Sterben zurück erkauft hat. Jesus hat es sich viel kosten lassen, dich zu erlösen, hat viel für dich gelitten, darum liebt er dich nun auch umso mehr, und gibt sich Mühe, dass du nicht verloren bleibst. Er kennt dich, denn du bist auf Ihn getauft, Er vermisst dich, denn dein Name ist in seine Hand gezeichnet, und ein so teuer erkauftes Eigentum, wie deine Seele ist, lässt Er nicht so leicht verloren gehen, sondern sucht es sich zu erhalten. Darum sucht Jesus deine Seele in der Wüste, dahinein du dich verirrt. Er sieht dein Elend, Er hat es gesehen, auch dann schon, da du noch von der zeitlichen Ergötzung der Sünde lebtest, den Becher ihrer Lust trankst, und dich sättigen wolltest mit den Träbern dieser Welt. Er hat deine innere Leere und den Riss in deinem Herzen auch damals schon gesehen, da er noch verborgen war vor deinen Augen, und Er hat weiter gesehen, Er hat dein Los in der Zukunft, in der Ewigkeit gesehen, Er sah dich in der äußersten Finsternis heulen und schreien und den Tag deiner Geburt verfluchen, und es jammerte Ihn dein. Da hat Er sich aufgemacht, und hat dich gesucht. Er ist dir in die Wüste gefolgt und hat dich seine Stimme hören lassen. Er hat dich bei deinem Namen gerufen, Er hat sich dir in den Weg gestellt und dir denselben vertreten, hat dir seine durchbohrten Hände gezeigt und seine durchgrabenen Füße; Er hat zu deiner Seele gesprochen: In jener letzten der Nächte, da ich am Ölberge gebetet, war ich von Blutschweiß gerötet, goss ihn in Strömen für dich. Weh' und wer weiß, ob wohl je du auch nur denkst an mich! Lass es die Engel dir sagen, wie viele Streiche und Wunden, an eine Säule gebunden, schweigend ich litt für dich! Da ich als König verspottet, schmerzvoll mit Dornen gekrönt, angespien ward und verhöhnt, dacht' ich nur immer an dich! Schmählich zum Tode verdammt, hart mit der Kreuzlast beschwert, blutig vom Dornkranz versehret, schleppt ich zum Berg mich für dich! Ach, an das Kreuzholz geheftet, Nägel in Armen und Beinen, leidend, wie du noch sahst keinen, wollte ich sterben für dich! Himmel und Erde voll Schrecken haben den Schmerz mit empfunden, als in den dunkeln Stunden ich bin verschieden für dich! Weh' und wer weiß, ob wohl je, du auch nun denkst an mich? So hat Er dich gesucht und gelockt. Und du? Ach, wenn du dich hast finden lassen, wenn deine Seele seiner Liebe nicht hat widerstehen können und hast dich Ihm zu Füßen geworfen und zu Ihm gesagt: Mein Herr und mein Gott! da hat Er dich auf seine Achseln genommen und trägt dich nun heim. Ja, Er trägt dich, bis du in seiner Nähe, an seinem Busen erstarkst und lernst mit eigenen Füßen den Weg zu gehen, den Er dir zeigt. (Anton Camillo Bertoldy)
Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat, und so er deren eins verliert, der nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlorenen, bis dass er es finde.
Unter den Schafen sind Menschen verstanden. Der Hirte besitzt deren hundert, eine volle Zahl. Wenn er eines verliert, so bleiben ihm noch neunundneunzig. Jede Menschenseele ist also vom himmlischen Vater gezählt und deshalb ist ihm nicht gleichgültig, ob sie bei seiner Herde sei oder nicht, denn sie hat einen großen Wert. Von dem Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, bin also auch ich gezählt und habe teil an seiner weisen und treuen Leitung, und ob noch viele andere Schafe zu seiner Herde gehören, so achtet er doch auf mich, sein geringstes Schäflein, hört mein Seufzen und gibt mir mein tägliches Brot für Leib und Seele. In den Worten: „So er deren eins verliert,“ liegt eine lange, traurige Geschichte. Nicht Unachtsamkeit des Hirten trägt die Schuld; das Schäflein wollte eigene Wege gehen, um bessere Kräuter zu suchen und die süße Freiheit zu genießen. Aber vom Hirten getrennt, kam es in die Wüste unter die Dornen und wird vielleicht dem Wolf zur Beute. Solches wiederholt sich bei jedem Menschen, in dessen Brust sich ein Erbteil von Adam her findet. Eine erste Lüge, ein erster Ungehorsam war der kleine Anfang zu einem elenden Ende. Die Giftblumen der Überhebung, der Eitelkeit und der Lust betäuben es dann immer mehr und rauben ihm endlich die Möglichkeit, von sich aus zurückzukehren. Seine ganze Lage nach innen und außen heißt: Verloren, verloren! Weil es aber immer noch ein gezähltes Schäflein ist, so ist es auch ein gesuchtes. Der Hirte merkt gleich die Lücke in seiner Zahl, lässt die neunundneunzig und geht von Erbarmen getrieben hin, sucht und ruft und lockt das Verlorene so, dass es durch die weite Ebene schallt; und muss er auch den Kampf mit dem Wolf aufnehmen, so schlägt er willig sein Leben in die Schanze. Er sucht sein teures Schäflein auch um diesen höchsten Preis. Haben wir solche Treue des Herrn nicht von Jugend auf erfahren in der Taufe und durch unzählige Ansprachen und Mahnungen seines Geistes, durch Liebesführungen, die es sagen, dass wir, wenn auch verloren, doch gezählt sind? Es soll doch niemand meinen, er werde nach so manchem Abfall nimmermehr gesucht. Die Traurigkeit, mit der er es sagt, beweist des Geistes Inwohnung, und der Geist bezeugt es ihm, dass er immer noch ein gesuchtes Schäflein sei.
Ich fürchte aber, dass für manches Schäflein hier die Geschichte zu Ende sei. Weil es sich nicht wollte finden lassen, so bleibt, trotzdem es gezählt und gesucht ist, das Wort „verloren“ über ihm und führt es in den andern Tod. Aber noch ist ein viertes Wort. Der Hirte geht nach dem Verlorenen, bis dass er es findet. Das Suchen dauert fort und fort bei allen, die nicht mit Absicht der Hirtenstimme ausweichen wollen, bis das gute Ziel erreicht sein wird. Gefunden, gefunden! tönts nun viel lauter und freudiger, als jenes Unglückswort. Der Hirte nimmt das Gefundene auf die Achseln, vergibt ihm, trägt es heim und freut sich mit allen Genossen auf Erden und im Himmel. Seele, wie weit geht deine Lebensgeschichte? Gezählt, verloren und gesucht? Nicht weiter? gewiss; um Jesu Erbarmen willen sage im Glauben: Ich bin gefunden!
Treuer Hirte, du hast mich auf blutigen Spuren gesucht, dein Leben für mich gelassen und mich gerettet. Habe ewig Dank, bewahre mich fest und suche das Übrige, was noch verloren ist, bis du es findest! Amen. (Rudolf Wenger)