Matthäus 9,17
Andachten
Man fasst auch nicht Most in alte Schläuche; anders die Schläuche zerreißen, und der Most wird verschüttet, und die Schläuche kommen um. Sondern man fasst Most in neue Schläuche, so werden sie beide mit einander behalten.
Im Morgenlande bewahrt man den Wein in Krügen auf, die man in die Erde einmauert. Will man ihn aber transportieren, so füllt man ihn in zusammengenähte Tierhäute, in Schläuche. Der Most, der junge, noch in der Gärung begriffene Wein, braucht zuverlässige neue Schläuche, sonst widerstehen sie nicht der Gärungskraft, welche der Most entwickelt, platzen, und der Wein geht verloren. Dem jungen, kräftig gärenden Moste vergleicht der Herr seine Lehre, und den gottesdienstlichen Formen des Alten Testaments die alten, morsch gewordenen Schläuche. Der junge, kräftig arbeitende Geist, welcher aus Jesu Lehre auf seine Jünger überging, ließ sich nicht in die bisherigen Formen und Gebräuche einschließen, er sprengte sie vielmehr. Hätte man es dennoch versucht, so würde man den Geist haben dämpfen müssen, und schließlich wäre derselbe doch übergesprudelt und hätte sich unordentliche Wege gesucht und wäre auf falsche Bahnen gedrängt worden. Dies ist das alte Lied bei allen kräftigen Geistesbewegungen. Satzungsmenschen, wie die Pharisäer, begreifen den jungen, schäumenden Geist nicht. Sie haben nur Angst und Sorge für ihre Formen, dass diese nicht überschritten und verdorben werden. Sie übersehen, dass jeder Geist seine eigenen Formen braucht; gibt man ihm diese nicht, will man ihn bändigen, hindert man ihm die Freiheit der Bewegung, so macht er sich Luft wo er kann und gerät auf falsche oder doch kümmerliche Wege. Der Segen wird verschüttet und Niemand hat Nutzen davon. Fasst man ihn aber in neue Schläuche, gewährt man dem Geiste ihm angemessene, neue Formen, so bleiben die Formen bewahrt, und der Geist kann Vielen zur Erquickung gereichen. Als das Christentum in die Welt kam, da hat es die Formen des Judentums gesprengt, das Vorbildliche an ihm wurde als Schale zurückgelassen, das Bleibende und Wahre aber vom Christentum verklärt. Als der Geist Christi am Pfingstfeste in höherem Maße über die Jünger kam, da redeten diese in neuen Sprachen. Alle, welche durch denselben Geist Christen geworden waren, kamen täglich im Tempel zusammen, beteten und lobten Gott. Das waren neue Formen des Gottesdienstes. Zur Zeit der Reformation, wo wieder ein frischer Geist die Kirche durchwehte, schuf sich das neue Leben deutsche Gottesdienste, lebendige Predigt, nie gehörten Gemeindegesang. Das Evangelium ergreift den innersten Wesenskern des Menschen und wandelt ihn um, es gibt ein neues Herz, und darum auch ein neues Leben und neue Sitten und neue Formen. Im Frühlinge, wenn der neue Lebenstrieb in die Bäume kommt, da stößt derselbe nicht bloß die alten Blätterüberreste ab, sondern vor Allem treibt er neue Knospen, aus welchen dann Blätter und Früchte hervorgehen. Auch wir leben in einer Zeit, wo der Herr seine Kirche vielfach mit neuen Geistesausgießungen heimsucht. Allenthalben regt es sich, die alten Formen wollen nicht mehr genügen, der neue Geist sucht nach neuen Formen. Dämpfen wir den Geist nicht, vor Allem aber lassen wir ihn im eigenen Herzen ein Neues wirken. Hindern wir ihn nicht durch Zärtlichkeit gegen den alten Menschen, sein Werk der Erneuerung zu vollenden, werfen wir die alten Schläuche früherer Gewohnheiten weg und gewähren wir dem neuen Geiste neue Sitten. (Anton Camillo Bertoldy)