Jona 3,4
Andachten
Jonas sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.
Die Heilige Schrift gibt uns manchen Einblick in den wunderbaren Zusammenhang der Heiligkeit und der Barmherzigkeit Gottes. Eins streitet mit dem andern, und wenn die Barmherzigkeit lange Zeit umsonst Geduld getragen hat, so muss sich die Gerechtigkeit offenbaren. Kaum aber wird das Gericht angekündigt, so erringt die Barmherzigkeit noch eine letzte Frist zur Buße. So war es zu den Zeiten Noahs. Gott hatte das Urteil gesprochen: „Alles Fleisches Ende ist vor mich gekommen; die Erde ist voll Frevels, ich will sie verderben,“ und doch werden noch hundertzwanzig Jahre eingeräumt. Sie werden kaum benutzt werden, sind aber gegeben, damit niemand die endliche Vollziehung des Gerichts für Unrecht halten darf. So ward auch über Ninive das Urteil gesprochen; aber derselbe, der es droht, gibt eine Gnadenfrist von vierzig Tagen. Wie ein unheimliches Rollen im Innern der Erde tönt das Gerichtswort durch die weite Stadt; die Seelen werden aufgeschreckt; doch vernehmen sie etwas von Barmherzigkeit. „Wer weiß,“ spricht der König, „Gott möchte sich wenden von seinem grimmen Zorn!“ Keine Verheißung war gegeben worden, aber die Tatsache der vierzig Tage erweckte einen Hoffnungsschimmer. Das Volk tat Buße, das Gericht unterblieb, und die Barmherzigkeit siegte über die Gerechtigkeit.
Wie lang einem Volk oder einem Menschen die letzte Stunde bemessen sei, das zu wissen, steht bei Gott allein. Je reicher die Gnade ihm geworden ist, desto kürzer wohl die Stille vor dem letzten Sturm. In den Gleichnissen des Herrn wird oft darauf hingewiesen. Sie reden von einer elften Stunde, in der immer noch Seelen herbeigerufen werden und aus dem ertötenden Müßiggang der Welt in die Lebensarbeit am Weinberge Gottes treten können. Sie reden von schlafenden Jungfrauen, die der Ruf aufweckt: der Bräutigam kommt! die schnell ihre Lampen schmücken und noch eingehen können zur Hochzeit. Sie reden eindringlich von einem Heute, das benutzt werden soll, um das Herz nicht für bleibend zu verstocken und der Ruhe des Volkes Gottes nicht zu verfehlen. Ein Denkmal der Gnade, die über das Gericht siegt, ist der Schächer am Kreuz, dessen Heute nur wenige Stunden gedauert hat. Er tat Buße und glaubte, und die Barmherzigkeit triumphierte über das Gericht.
Es steht fest, dass Gott niemanden verurteilt, es sei denn die letzte Hoffnung auf Erneuerung geschwunden und die letzte Gnadenzeit missbraucht worden. Barmherzigkeit also ist groß und dringend, aber endlich folgt das Gericht. Niemand werfe die Hoffnung weg; so lange noch Selbstanklage und Trauer über anscheinende Hoffnungslosigkeit da ist, so lange ist die Gnade noch wirksam. Kein Mensch hat die Macht und das Recht, den Stab über sich zu brechen; das kann allein die Hand des Herzenskündigers und ewigen Richters; dieser aber ist der barmherzige Heiland. Lassen wir uns heute erwecken, und kommen wir zu der Stätte, da die Barmherzigkeit ewig über die Gerechtigkeit gesiegt hat, nach Golgatha!
Mein Herr und Heiland, du hast uns schon viel Zeit zur Buße gegeben, und etliche von uns sind immer noch nicht gewiss, dass deine Gerichte vorüberziehen. Entzünde die kalten Herzen durch die Liebe Christi. Wenn das Gericht uns nicht abzuschrecken vermag, so vermag die Liebe uns zu locken. Wir kommen, Herr, so wie wir sind zu dir nach Golgatha! Amen! (Rudolf Wenger)