Psalm 65,10
Andachten
Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle.
Das haben alle wahren Gottesmenschen von Anfang der Welt her lebendig erfahren, dass Gottes Brünnlein Wassers die Fülle hatte grabe dann, wenn's in der ungöttlichen Welt um sie her am schlimmsten zuging. Die Brünnlein der oberen Gotteswelt, die Quellen der himmlischen Freuden und Lichtsegnungen rauschen am mächtigsten, wenn die Knechte und Mägde Gottes in den ärgsten Bedrängnissen sind. Anders ist es mit den lustigen Brunnen und Brünnlein und Freudenströmen der unteren Welt. Sie vertrocknen schnell, wenn die Trübsal hereinbricht. Als der verlorene Sohn sein Geld und Gut verprasst und vergeudet hatte, da stand er plötzlich einsam und verlassen da. Keiner von all den guten Freunden“, die so oft auf sein Wohl getrunken und ihm Treue bis in den Tod geschworen, wurde mehr gefunden. Als Judas Ischarioth mit Verzweiflung im Herzen bei den hochehrwürdigen Vätern Israels, die ihn vorher so fein belobt hatten, Trost suchte, da wandten sie ihm mit einem kalten, höhnischen: „Da siehe du zu!“ den Rücken. Millionen müssen das erfahren, wie alle Freude, Lust und Trost der Welt plötzlich hinsinkt, sobald ein schweres Leid sie trifft. Auch alle Wissenschaft, Weisheit und Kunst, Musik und Poesie versagen ihre Kraft, wenn „die Blicke des Schicksals ins Zentrum getroffen haben“. Ja, man kann es bei ganzen Nationen sehen, wenn die Donner der Gerichte Gottes über ein Land rollen, wenn furchtbare Kriegswolken aufziehen, wenn jedes Herz bebt aus Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen sollen, - man kann dann sehen, wie Jedermann gleichgültig und verächtlich an den Dingen vorübergeht, die vorher sein Paradies waren.
Grade dann aber fangen Gottes Brünnlein zu rauschen an; und Diejenigen, die schon vorher den Weg dahin gesucht haben, spüren's auch bald, heben freudig das Haupt empor und fangen an zu singen. Denn die oberen Dinge, da Gottes Brünnlein ist, sie stehen unerschütterlich fest, ob auch die Wellen des Meeres dieser Welt brausen und hoch gehen, ob auch der Kreis der Erde zittert und alle ihre Höhen rauchen. Sie bleiben unerschütterlich fest. Sie haben mit all den Wirrnissen und Wandlungen der unteren Welt nichts zu tun. Ja, Diejenigen, die in den oberen Dingen zu Hause sind, die erfahren es, dass sie grade dann, wenn es hier unten am finstersten und traurigsten mit ihnen steht, dass sie grabe dann die Lebenszuflüsse der oberen Welt am mächtigsten erfahren dürfen. Wenn es im Sommer sehr heiß und glühend wird, dann versiegen allmählig die Bäche, die nur in der Ebene oder am Fuß der Berge ihren Ursprung haben; sie versiegen also grade dann, wenn man sie am nötigsten hat. Die Wasser dagegen, die aus den himmelragenden Alpen kommen, die Bäche, die aus den Gletschern hervorsprudeln, die werden nur so viel mächtiger, reicher und voller, je heißer die Sonne glüht. Eben diese selbe Sonne, welche die Wasser im Tiefland aufsaugt, eben diese selbe Sonne löst erst die unermesslichen Wasserschätze der Welt der Gletscher und des ewigen Schnee's“. Wir deuten das Bild nicht näher; denn wer eine innerliche Erfahrung hat, beutet sich's von selbst. Seht nur, wie die Propheten Jehovas: in begeisterten Tönen singen und sagen von dem neuen, ewigen, vollkommenen Gottesreich, grade da alles Alte scheinbar hoffnungslos zusammengebrochen war. Als alle Spaßmacher, Spötter und Witzbolde stumm geworden waren, als die lustigsten Kinder der Welt keinen Ton der Freude mehr finden konnten, da, grade da, saß ein Jeremias auf den schwarzgebrannten und blutgetränkten Trümmern des Jehova-Tempels und der heiligen Stadt, - grade da saßen Hesekiel und Daniel im Lande der Verbannung und stimmten ihre Harfen zu Jubelliedern über die Herrlichkeit des Herrn, die, (ob auch noch ferne,) dennoch wie ein Strom hereinbreche. Vertrocknet waren alle Brünnlein der Welt, aber Gottes Brünnlein hatte eben jetzt Wassers die Fülle. Und so sehen wir die Apostel Jesu Christi gebunden, gefangen, zermartert, verhetzt, verstoßen, dennoch in aller Trübsal so begeistert wie sonst nie. Adlergleich steigt ihr Geist empor und die Trübsale scheinen die Flügel zu sein, die sie tragen. Volltönende Lobgesänge klingen aus Kerkern und Retten heraus. Nicht, dass sie nicht auch empfindsame, leidensfähige Menschen gewesen wären, aber Gottes Brünnlein hatten ihnen von dem himmlischen Quellwasser so viel gespendet, dass sie allen Wehes vergessen konnten.
Darum soll auch Niemand zittern vor dem Zukünftigen! Mag es so schwer, so bitter sein wie es will, bist du nur bei Gottes Brünnlein daheim, so wirst du erfahren, dass das, was daher fließt, stärker ist, als was aus der Welt her kommt. Und mögen auch für das ganze Gottesvolk auf Erden schwere Zeiten hereinbrechen, Zeiten des Druckes und der Angst, der Verwirrung und der Zerstörung, die aus der Wahrheit und in der Wahrheit und Liebe Jesu gewurzelt sind, werden es erfahren, dass eben dann die Brünnlein Gottes rauschen werden wie nie zuvor, das grade dann hereinbricht der große Tag der Hilfe und Herrlichkeit, da alle seligen Heilsgedanken Gottes leibliche Gestalt empfangen werden. (Otto Funcke)
Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle.
Die in der Sündflut untergegangene Welt bezeugt die Wahrheit dieses Wortes. Aber, Gott sei Dank, werden die Schleusen des Himmels nicht nur zum Gericht geöffnet, sondern er lässt seine gnädigen Regen weit mehr zur Erquickung des Erdreichs fließen. Wie die Adern den menschlichen Körper, so durchziehen die Bächlein, die Flüsse und Ströme den Erdboden, kleiden ihn mit Grün und tragen Segen überall hin. Ihren Ursprung haben sie wohl hoch oben am Gletscherfirn der Berge oder im Waldesdickicht und werden genährt vom Regen und Schnee der Wolken. Der Psalm aber leiht unserm Mund das richtige Wort, wenn er spricht: „Gottes Brünnlein.“ Gott sammelt die Wasser, verbirgt sie im Innern der Erde und lässt sie quillen immer frisch und immer neu. Wer dankt einmal recht von Herzen dem allmächtigen Schöpfer und Erhalter für seine nie versiegenden Bächlein.
Der Quell derjenigen Wasser, welche der Seele Dürsten stillen und ins ewige Leben fließen, ist Gottes Herz, in Christo Jesu, seinem Sohne, der Welt geöffnet. Aus seinen Wunden quillt der freie, offene Born, den die Bürger zu Jerusalem haben wider die Sünde und Unreinigkeit; seine Liebe ist der Heilsbrunnen, aus dem ein jeder mit Freuden schöpfen kann; sein Friede das stille, frische Wasser, zu dem die Herde geführt wird.
Durch alle Lande hin, durch Städte und Dörfer, über Berg und Täler, in Haus und Herz möchte er diese Brünnlein fließen lassen. Hindere niemand ihren Lauf! Sie sind ganz besonders für die Sünder, für die Befleckten, für die Traurigen, für die Müden, für die Ruhelosen, für die Furchtsamen, und viele Tausende haben an ihnen ihren Durst gestillt, ihre Kräfte erneuert und ihr vom Weinen müde gewordenes Auge wieder wacker und froh gemacht. Aus den Brünnlein Gottes kommt auch das tägliche Brot, und ihre kleinen, lebendigen Wellen sagen uns: Sorgt nicht für den morgenden Tag! Aus den Brünnlein quillt Nächstenliebe und schon manches Herz ist durch sie, trotz der natürlichen Selbstsucht und Kälte, selbst wieder zu einem Brünnlein geworden, aus dem Freundlichkeit quoll und das Trost und Liebe spendete. „Wassers die Fülle,“ heißt es. Gott gibt also nicht nur Becher- oder tropfenweise abgemessen. Wie oft waren wir zu Ende mit unsrem Wissen und Können, Hoffen und Wollen; aber Jesus spendete ein Brünnlein und gab uns reichlich, was wir bedurften. Ja, unerschöpflich und tief sind Gottes Wasserbrunnen.
Warum, o Mensch, lässt du sie so oft beiseite und gehst zu den löchrigen Brunnen menschlicher Weisheit und Lust, die doch kein Wasser geben, das die Seele erquickt? Immer wieder dürstet, wer da umsonst das rechte Wasser sucht. Darum vernimm den herrlichen Ruf der Verheißung, der am Ende der Schrift vom Geiste Gottes der Brautgemeinde entgegentönt: „Wen da dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst!“ glaube doch von ganzem Herzen! Du darfst es, denn je verlangender du bist, desto größer dein Anrecht an Gottes Fülle! So komm nur täglich immerdar!
Himmlischer Herr, du Spender aller Freude und Kraft, lass über mich deine Brünnlein quillen, dass mir jeden Tag Mut zum Lauf und Segen zur Arbeit gegeben werde. Mache mein Herz stets frisch und fröhlich und voll Lobens über deiner Fülle! Amen. (Rudolf Wenger)