Psalm 42,3
Andachten
Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.
Der Herr kann den Seinen auf herrliche Weise nahetreten. Es ist meistens ein wunderbares Ziehen. Indem Er sich offenbart, wird die Seele verlangend, Ihn mehr erfassen, kräftiger anziehen zu können. Sie hört des Herrn Stimme wie ein Schaf die des Hirten. Sie horcht auf: Er ist es, wahrhaftig, es ist der Herr! O süßer Trost! Aber nun vorwärts! „Dir nach, Herr Jesus, Dir nach eile ich.“ Gleichgültige Christen wissen nichts von der Tragweite jenes Wortes Pauli an die eifrigen Philipper: „Schaffet eure Seligkeit mit Furcht und mit Zittern!“ Im heißen Ringen, Gott tiefer zu erkennen, verstehen wir solche Ermahnungen. Ginge nicht vom Herrn eine Kraft aus, würden wir nicht von Ihm angezogen, so könnten wir leicht in fleischliche Sicherheit geraten. Manche reden ja viel vom Heiland, aber leider geht keine Kraft von ihnen aus. Wir werden flach im Glaubensleben, dürr und leer am inwendigen Menschen, wenn der Herr uns nicht veranlasst, nach lebendigmachender Erkenntnis zu ringen. Die geistliche Herztätigkeit ist ein sicheres Zeichen der Geburt aus Gott. Wer nicht aus Gott ist, kann nicht hungern und dürsten nach Geistesnahrung. Er verdaut nicht. Sie aber, die den Geist empfangen haben, müssen durchaus aus Gott genährt werden. Gesunden Kindern gleich schreien sie, wenn sie Hunger und Durst plagt. Kinder Gottes sind zu ihrem himmlischen Vater in ein wunderbares Verhältnis gestellt, sie dürfen Ihm ähnlich werden. Ziehen sie seine Art nicht an, so verderben sie. Im Herrn liegt ihr Heil. (Markus Hauser)
Gott ist nicht nur das höchste Wesen, das wir verehren, und der HErr, dem wir dienen sollen: sondern Er ist auch das einige wahre Gut, das unsere Seele gründlich vergnügen, das reinste Licht, das uns aufheitern und fröhlich machen, und der Lebendige, der uns beleben will. Wir sollen Ihn suchen, damit wir Ihn fühlen und finden mögen, weil Er nicht fern von einem Jeglichen unter uns ist. Wir sollen schmecken und sehen, wie freundlich der HErr sei. Er will Sich uns offenbaren und in uns wohnen, und in Ihm und mit Ihm sollen wir Friede haben. Das höchste Ziel der Geschöpfe ist dieses, dass Gott Alles in Allem sei, oder dass Er Alles mit Sich selbst ganz erfülle.
David sagte, seine Seele dürste nach dem lebendigen Gott. Er suchte also Gott nicht nur mit der Anwendung seines Verstandes, sondern auch und vornämlich mit seinen Begierden, welche aus dem Gefühl eines innerlichen Mangels entstanden; und solche Begierden werden oft in der Heiligen Schrift ein Hunger und Durst genannt. Er war damals auf der Flucht und musste des öffentlichen Gottesdienstes entbehren. Seine Feinde spotteten seiner, und sagten zu ihm: wo ist nun dein Gott? Seine Seele war traurig und unruhig, und sagte zu Gott: Deine Fluten rauschen daher, dass hier eine Tiefe und da eine Tiefe brausen. Alle Deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich. Warum hast Du mein vergessen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget? Bei diesem Zustand nun sagte er: meine Seele schreiet zu Gott! Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Es war ihm also nicht zuerst um die äußerliche Hilfe, sondern um die innerliche Beruhigung seiner Seele zu tun. Er wollte innerlich Gott zu seiner Erquickung genießen, wie ein Hirsch nach seinem Durst frisches Wasser genießt. Er bekam auch, indem er diesen Psalmen schrieb, schon den Anfang eines solchen erquickenden Genusses, und konnte deswegen am Ende seiner Seele zusprechen: was betrübst du dich meine Seele, und bist so unruhig in mir? harre auf Gott: denn ich werde Ihm noch danken, dass Er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.
Auch ich wünsche, heut und täglich Gott zu genießen; denn ohne diesen Genuss ist die ganze Erde eine Wüste, das ganze Leben eine Kette von Missvergnügen, und der Gottesdienst selber etwas Lästiges und Trockenes: ich weiß aber, dass der gütige Gott sich den durstigen Seelen gern mitteilt, und den Geist der Gedemütigten gern erquickt. Er ist der Lebendige im höchsten Verstand. Ein geübter Christ merket den Unterschied zwischen Gott und den Geschöpfen, zwischen natürlichen und geistlichen Empfindungen, und zwischen leerer Einbildung und Wahrheit sehr deutlich, und, ob er gleich diesen Unterschied mit Worten nicht genugsam ausdrücken kann, so empfindet er ihn doch mit solcher Klarheit, dass er dabei über allen Zweifel erhaben ist, und kann hernach in eitlen Dingen sein höchstes Vergnügen nicht mehr suchen. Wer von Dir, o höchstes Gut, gegessen hat, den hungert immer nach Dir, und wer von Dir getrunken hat, den dürstet immer nach Dir. Sir. 24,28.29. Auf Erden hat Gott Sein Wort und die heiligen Sakramente als Gnadenmittel verordnet, durch welche Er Sich zu genießen gibt. In der seligen Ewigkeit aber wird es unmittelbar und vollkommen geschehen, wenn der Mensch Sein göttliches Angesicht sehen wird. Man wird satt werden, wenn man erwachen wird nach Seinem Bilde. (Magnus Friedrich Roos)
Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?
David will mit diesen Worten sagen: Sonst hat meine Seele keine Ruhe, wo sie nicht dahin kommt, dass sie Gottes Angesicht schaue. Dies redet er wohl vom Gnadenstuhle, welchen er Gottes Angesicht nennt, darum, dass Gott Seine Gegenwart daselbst verheißen hat. Wir aber müssen mit unserer Seele einen andern und bessern Gnadenstuhl suchen, da Gottes Angesicht ist, nämlich JEsum Christum, unseren HErrn; wenn unsere Seele dahin kommt, dass sie mit allen ihren Kräften in Christo ruht, mit allem ihrem Verstand, Willen, Verlangen, Liebe, Wohlgefallen, so hat sie die rechte Ruhestätte erlangt, so sieht sie Gottes Angesicht in Christo, Gottes Gnade, Liebe, Trost, Friede, Freude. Gleichwie von der Sonne ausgeht Licht, Wärme, Klarheit, Glanz, Schein, Leben und Freude: Also geht von Gottes Angesicht, nämlich von unserm HErrn JEsu Christo aus Gnade, Liebe, Trost, Friede, Freude, Segen, Leben und Seligkeit. Das alles haben wir hier im Glauben innerlich und geistlich; dort aber sichtbarlich, vollkommen, ewig, unaufhörlich. (Johann Arnd)
Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue.
Des Menschen Herz ist ein wunderbares Ding. Sagt doch der Herr selbst von ihm: wer will es ergründen? Es ist so klein, dass man es nicht greifen kann, und doch so groß, dass der allmächtige Gott darin Platz hat; es ist so eng, dass nur Ein Ding es oft erfüllt, und doch so weit, als streckten tausend Arme sich darin aus nach ewigen Dingen. Oft ist es so still, dass man es kaum vernimmt - und doch so laut, dass seine Stimme durch die Himmel dringt. Das Herz, wie es hervorging aus des Schöpfers Hand, ich gleich's der Harfe mit den hohen und den tiefen Saiten, denen die Meisterhand manch' wundersames Lied entlockt; dem Garten gleiche ich's, drin Blumen mannigfalt, voll Duft und Wohlgeruch, voll Kunst und Farbenpracht von Gottes Sonne sind gezeugt. Das Herz war selbst ein Paradies - schön und edel im Stande der Unschuld, Gottes Auge ruhte voll Wohlgefallen auf ihm, da es seliglich an seinem Abbaherzen lag. Aber ach, weil des Menschen Herz das Kleinod der Schöpfung war, hat Satan sein begehrt, und es ist ihm gelungen, es zu verderben. Da rissen die Saiten der Harfe und sie tönen nur Klagelieder, da welkten die Blumen und der Garten ward wüste. Unstet und flüchtig, voll innerem Jammer schreitet es durch die Welt und streckt seine Arme nach dem Himmel, wo es die Heimat verlor. (Herzbüchlein von M. Frommel.)
Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?
Wenn ein Christ, mit dessen Seele es richtig steht, sich ferne von Gott fühlt, so sehnt er sich mit der ganzen Kraft seines Gemüts nach seinem früheren seligen Stand. Nichts andres befriedigt ihn. Der Psalmist hat gewiss das Bild des Dürstens gebraucht, weil der Durst etwas ist, das sich nicht abweisen ober betäuben lässt. Man kann tagelang ohne Nahrung sein, aber man kann nicht ebenso lange das Trinken entbehren. Über den Hunger kann man sich eine Weile hinwegtäuschen, aber der Durst ist immer schrecklich. Er lässt sich nicht beschwichtigen, nicht vergessen. O mein Gott, so schrecklich der geistliche Durst ist, so möchte ich ihn doch immer leiden, solange ich nicht in unmittelbarer Gemeinschaft mit dir bin. Ich möchte so sehr dürsten, dass ich keinen Augenblick Ruhe, Wohlsein und Trost fände, außer wenn ich bei dir bin. „Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht,“ sagt David, als ob er in sich selbst gar keinen Trost finden könnte. Seine Seele ergoss sich in bitteren Tränen und sein Geschrei stieg empor am Morgen und um Mitternacht: „Mein Gott, mein Gott, ich muss dich schauen, ich muss zu dir kommen, ich muss mich deiner Liebe freuen. Lass mich nicht in diesem Kerker, verwirf mich nicht von deinem Angesicht, nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir, bring mich wieder zu dir, denn mich verlangt, ich seufze, ich schmachte, ich dürste nach dir.“ (Charles Haddon Spurgeon)