2. Korinther 5,6
Andachten
Wir sind aber getrost allezeit und wissen, dass, dieweil wir im Leibe wohnen, so wallen wir dem Herrn. Denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, außer dem Leibe zu wallen und daheim zu sein bei dem Herrn. Darum fleißigen wir uns auch, wir sind daheim oder wallen, dass wir ihm wohlgefallen.
Wie wenig verstehen doch diejenigen den Christenglauben, die ihm den Vorwurf machen, dass er den Menschen verleite, sich aus dem Ernst und den Pflichten des wirklichen Lebens in eine erträumte Welt zurückzuziehen und der Wirklichkeit der Dinge zu grollen, weil diese mit ihren unerbittlichen Anforderungen sich den Träumen und Ansprüchen einer überspannten Einbildungskraft nicht anpassen wolle! Ein Mensch, der da weiß, dass die Welt mit ihrer Lust vergeht, der wird wohl innerlich los zu werden suchen von ihren Eitelkeiten, von dem verführenden Zauber ihrer Lüste, aber nicht los von dem Ernst ihrer Pflichten, von der Willigkeit, die Lasten des Lebens zu tragen, den strengsten Ansprüchen des Berufs und der Nächstenliebe gerecht zu werden, wie auch Johannes bezeugt: „ein jeglicher, der solche Hoffnung hat, der reinigt sich, gleich wie auch er, der Herr rein ist.“ (1. Joh. 3, 3.) Denn weil der Hinblick auf die himmlische Heimat, wo keinerlei Sünde geduldet wird, die höchste sittliche Vollendung fordert, so wird der Christ sich auch in seinem Ringen nach Heiligung niemals genug tun; er wird an keiner schon erreichten Stufe sich genügen lassen und am wenigsten durch schnöden Weltsinn ein Erbe verscherzen, dessen seliger Vorgeschmack schon hier seine ganze Seele erfüllte.
Denn die Herrlichkeit dieses Erbes ragt ja schon vielfach in dies arme Leben hinüber. Die Freude an der zukünftigen Heimat ist ja bereits ein Genuss der Gegenwart; wenn schon in irdischen Verhältnissen die Vorfreude auf ein glückliches, sehnlichst erwartetes Ereignis imstande war, uns über bange und sorgenvolle Stunden der Gegenwart hinaus zu erheben, wie sollte dann nicht der Ausblick in eine selige Ewigkeit einen Glanz, eine Herrlichkeit über den dunklen Pfad des Pilgers ausschütten! Auch Paulus ist erst recht getrost geworden in den Mühen und Arbeiten seines Lebens, als er gewusst hat, wofür er kämpft und ringt und duldet; wenn man erst weiß, dass das Endziel des Weges ein überaus herrliches ist, dann kommt man auch eher über die Hindernisse hinweg, die sich dazwischen legen, und wenn unter den sengenden Gluten der Mittagssonne, unter den Mühen des dornenvollen Weges der Mut einmal sinken will, man rafft sich immer wieder auf an dem Gedanken: wie große Dinge warten deiner; die Krone ist's ja wohl wert, dass man um sie kämpfe! Und mit der Zeit kommt. man ja auch weiter; mit den Jahren rückt das Ziel nicht weiter, sondern näher. In der Welt fürchtet man sich, in die Jahre zu kommen, weil dann alles an den Aufbruch mahnt, das gefurchte Antlitz, das gebleichte Haar, die Hinfälligkeit des Leibes, der sich immer verengernde Kreis der Altersgenossen; aber dem Christen macht das keine Sorge ihm gilt das schöne Wort: ob unser äußerlicher Mensch verweset, so wird doch der innerliche von Tage zu Tage erneuert“ (2. Kor. 4, 16); wie sollte er auch die finstere Kluft fürchten, die der Tod zwischen der Zeit und der Ewigkeit auftut: er ist ja schon gestorben; die Gedanken an jenen Augenblick, wo das Auge bricht und das Herz stille steht, wo das dunkle Grab sich über der zusammenbrechenden Leibeshülle zusammenschließt, sie sind ihm nicht mehr schrecklich, er hat sie oft genug innerlich durchgelebt; das Morgenrot eines schönen Lebens im Jenseits, das über sie dahin leuchtet, hat allen Schrecken und alles Grauen von ihnen hinweggenommen. Und zu diesem schönen Lichte wollen wir oft aufschauen; wir wollen ihr freudig lauschen, der guten Botschaft aus dem himmlischen Vaterhause; wir wollen an ihrer mahnenden und tröstenden Verkündigung Mut fassen, die Leiden des Lebens geduldig zu tragen und seine großen Aufgaben gewissenhaft auszurichten.
Dazu hilf uns, o Herr, durch deine Gnade; du hast uns den Zug nach der himmlischen Heimat in die Seele gepflanzt, lass ihn auch dazu wirken, uns mit himmlischem Sinn zu erfüllen, und uns hier schon in die Ordnungen deines himmlischen Reiches einzuführen; Herr, du getreuer Gott, uns verlangt nach dir, denn nur in dir kann unsere Seele Ruhe finden; so sei uns denn nahe in allen Zeiten und Stunden mit deinem Geiste und mit deiner Kraft, und gründe uns immer fester in der gewissen Zuversicht, dass wir nach vollbrachtem Erdenlauf ewig gerettet nach Hause kommen und dort dich schauen sollen von Angesicht zu Angesicht! Amen. (Julius Müllensiefen.)
Wir sind aber getrost allezeit, und wissen, dass, dieweil wir im Leibe wohnen, so wallen wir dem Herrn.
Wie fremd wir uns auch hier fühlen, wie sehr wir uns auch oft nach der Heimat sehnen, wir sind doch getrost, denn wir wissen: Wir wallen dem Herrn. Auf sein Gebot. Weil er's will und so lang er's will. Kampfesmüde möchten wir oft die Waffen niederlegen, aber er hat uns auf unsern Posten gestellt; so müssen wir ausharren, bis er uns abruft. Wir sehnen uns oft nach Ruhe. Aber der Himmel ist für die Ruhe, die Erde ist für den Kampf. Gott hat hier noch so viel für uns zu arbeiten. Als sich Elias in der Wüste verzagend unter den Baum warf und rief: „Herr, es ist genug, nimm meine Seele von mir,“ da erhielt er die Antwort von Gott: „Steh auf, du hast noch einen weiten Weg vor dir. Was hast du hier zu tun, Elias?“ hier zu tun in diesem kurzen Leben! Noch so viele unerfüllte Aufgaben; noch so viele leere Strecken in Gottes Weinberg, wo es an Arbeitern fehlt. So mancher, der verschmachtet am Wege, und du könntest ihn erquicken mit einem Trunke Wasser. So manches Unrecht, das du begangen und noch immer nicht wieder gut gemacht hast. So Mancher, der seit lange schon auf deine Liebe wartet, und du hast dich ihm bis hierher verschlossen. Und die Beit verrinnend, und das Leben ein Traum, und die Ewigkeit so lang, und nur Ein Leben für immer was hast du hier zu tun, Elias? (Adolf Clemen)