Lukas 2,29
Andachten
HErr nun lässt Du Deinen Diener im Frieden fahren, wie Du gesagt hast. Denn meine Augen haben Deinen Heiland gesehen.
Es soll auch an uns wahr werden, was Simeon von sich sagt: „HErr, nun lässt Du Deinen Diener in Frieden fahren, wie Du gesagt hast.“ Ich möchte hinfahren in Frieden! Mit meinem JEsus werden mir selbst die Schmerzen des Todes zu Gnadenerfahrungen, sie sind die letzten Wehen, aus denen das ewige Leben geboren wird. Und was Er zu der scheidenden Seele reden wird, was das Herzensauge schauen wird, wenn das Leibesauge schon gebrochen ist, was das Herzensohr hören wird, wenn das leibliche Ohr nichts mehr hört, das weiß ich jetzt nicht; aber das ist gewiss: habe ich im Leben meinen Heiland gesehen, so werde ich ihn auch im Tode schauen; der Tod kann mein Fragen nach Ihm und mein Warten auf Ihn nicht unterbrechen, sondern Er wird es verklären und vollenden. Ich bin mitten im Tod, vom Tod zum Leben hindurchgedrungen und der Frieden Gottes, der hier mein Sterbekissen ist, auf das ich getrost mein sündiges Haupt bette, bleibt dort mein schönes Erbteil, meine Siegespalme und Ehrenkrone. Der Kampf ist aus, alles Fragen beantwortet, alles Warten belohnt und meine Seele ist bei dem HErrn und sieht Ihn und in Ihm ihre Seligkeit! Das sollst du haben und erleben, das liegt für dich im Wort: „Du sollst den Tod nicht sehen, du hast denn zuvor den Geist des HErrn gesehen.“ Amen. (Robert Hesse)
HErr, nun lässt Du Deinen Diener im Frieden fahren, denn meine Augen haben Deinen Heiland gesehen.
Simeon hatte im Geist erkannt, und war durch die Weissagungen der alten Propheten vergewissert, dass die Zeit vorhanden sei, in welcher der Heiland Gottes geboren werden sollte; da er dann durch den Heiligen Geist zu einem sehnlichen Verlangen, denselben vor seinem Tode noch zu sehen, erweckt wurde. Der HErr begegnete auch diesem seinem Verlangen durch eine innerliche Antwort oder Einsprache, wodurch er versichert wurde, er sollte den Tod nicht sehen, er hätte denn zuvor den Christ des HErrn gesehen. Da es nun geschehen war, freute er sich, und sagte: HErr, nun entlässt Du Deinen Diener im Frieden, denn meine Augen haben Deinen Heiland gesehen. So hat ein Christ manchmal einen vom Heiligen Geist erweckten Wunsch in sich, dieses oder jenes Werk Gottes noch zu sehen, diese oder jene Erfüllung seiner Bitten noch zu erleben; und ist, wenn sein Wunsch erfüllt worden, lebenssatt, und wünscht mit einem von allen irdischen Dingen abgezogenen Herzen, dass ihn nun der HErr von seinem Dienst entlassen möchte, und zwar im Frieden. Dieser Friede ist eine innerliche Ruhe der Seele, welche durch keine Anklage, aber auch durch keinen Sturm unordentlicher Begierden, länger zu leben, und endlich auch durch kein Grauen vor dem Tod und Grab gestört wird. Er setzt die Gnade Gottes voraus; denn ohne diese Gnade wären genug Ursachen zur innerlichen Anklage, zur Lüsternheit nach irdischen Dingen, und zum Grauen vor dem Tod vorhanden: die Gnade aber bringt Frieden, und dieser Friede erleichtert das Sterben. Wer im Frieden stirbt, kann denken, er werde von seinem mühsamen Dienst und gefährlichen Posten entlassen oder losgebunden, und komme nun in eine selige Freiheit. Freilich muss man dabei den Heiland Gottes im Glauben ansehen, wenn man Ihn auch nicht mit Augen sehen kann wie Simeon; denn dieser Heiland, den Gott der Welt gesandt und gegeben hat, ist der Grund aller Gnade, und hilft dem Menschen allein zu einer friedsamen Hinfahrt. Viele haben ihn gesehen, und sind in das Verderben hingegangen; aber von denen, die bis an ihr ende an Ihn glauben, wird Keiner verloren, sondern Alle empfangen das ewige Leben. Glauben ist also mehr als das leibliche Sehen. Simeon sah Ihn als ein Kind mit seinen Augen; er glaubte aber auch, was er nicht sehen konnte, dass dieses Kind der Heiland Gottes sei. Der Heilige Geist, der diesen Glauben in ihm gewirkt hat, wirke und erhalte ihn auch in mir und den Meinigen, damit wir als Diener Gottes eine gnädige und ruhige Entlassung von dem Dienst, den wir Ihm unverdrossen auf der Erde leisten sollen, erlangen. Er ist’s, der Seine Diener beruft und entlässt. Die Ungeduld, welche der mit Leiden vermengten Arbeit überdrüssig ist, wünscht zuweilen eine Entlassung, ehe die rechte Stunde dazu gekommen ist, wünscht zuweilen eine Entlassung, ehe die rechte Stunde dazu gekommen ist: der höchste Hausherr aber weiß, wann jeder Seiner Knechte ausgedient hat, und hält ihn sodann nicht ohne Ursache auf. Wohl dem, der mit dem Wink des Hausherrn, er mag auf das längere Bleiben auf der Erde, oder auf die baldige Entlassung zielen, zufrieden sein kann! (Magnus Friedrich Roos)
Herr, nun lässest du deinen Diener im Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.
Das Jahr rollt dahin mit rasender Eile. Und dieses Hinschwinden des Jahres ist nur ein starkes Zeichen von dem Hinschwinden unseres ganzen Lebens. Es predigt uns mit lauter Stimme, dass wir unerbittlich und wie im Fluge der Ewigkeit entgegengehen, dass wir Gäste und Fremdlinge auf Erden sind und hier unten keine bleibende Stätte haben. „Du lässest die Menschen dahinfahren wie ein Strom“, betete Moses schon (Psalm 90,5); ja wir Alle fahren dahin. Aber wohin und wie? Selig, wer mit dem alten Simeon jubilieren kann: „Herr, du lässest deinen Diener in Frieden fahren.“
Wer fährt denn in Frieden hin durch die Pforten des Todes?
Der gewiss nicht, der da meint, mit dem Tode sei alle Existenz aus. Das ist ein Gedanke, der Einen wahnsinnig machen könnte, wenn man ihn durchdenkt. Er ist auch so entsetzlich, dass allermeist auch die größten Spötter und Atheisten, wenn sie an der Leiche ihrer Geliebten stehen, aller ihrer Theorie zum Trotz, gerne von Unsterblichkeit und Wiedersehen hören und reden. - Die aber fahren auch nicht in Frieden hin, die nur eine unbestimmte Hoffnung, für ihre Hoffnung aber eigentlich keinen anderen Grund haben, als dass sie es wünschen. Auch alle Ahnungen helfen da nicht aus; hier kann nur Gewissheit Trost schaffen. „Fragst du mich, woher ich komme? (sagte jener Weltweise), so antworte ich: Ich weiß es nicht. Fragst du mich, wohin ich gehe? Ich weiß es nicht. Aber ich sehe den Himmel voller Sterne und die Herzen der Menschen voll von Ahnungen des Himmels.“ Das ist schön und ergreifend geredet, aber solche ferne blitzende Ahnungen geben keinen Frieden. - Auch Die haben selbstverständlich keinen Frieden, die von der Existenz eines Himmels und einer Hölle fest überzeugt sind, in Betreff ihrer selbst aber sagen: „Wohin mein Weg führt, himmelwärts oder höllenwärts, das muss die Zukunft lehren.“
„Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren,“ so jubiliert der alte Simeon erst, als er das Christuskindlein auf seinen Armen hält und den Heiland Gottes schaut. In dem „nun“ liegt, dass eben jetzt etwas möglich wird, was vorher unmöglich war. Und doch war Simeon „fromm und gottesfürchtig“ und hatte sein Leben lang auf den Trost Israels gewartet. Aber so wenig er, wie irgend Einer der großen alttestamentlichen Glaubenshelden hatte in seiner Frömmigkeit und Gottesfurcht den Frieden gefunden, die Gewissheit, mit Gott so unverbrüchlich Eins zu sein, dass Tod, Teufel, Sünde und Hölle sie nimmermehr von Ihm, dem Vater der Herrlichkeit und dem Urgrund alles Lebens, scheiden könnten. Nun, da er in dem Christuskindlein die Hoffnung Israels erfüllt sieht; nun, da er, ohne sich zu stoßen an der Torheit und Niedrigkeit der göttlichen Offenbarung, das Wort Heiland aussprechen kann, nun wird das Herz des alten Mannes verjüngt und adlergleich schwingt es sich auf zu dem Throne seines Gottes.
Die Sage erzählt gar tiefsinnig, dass der alte Simeon bereits blind gewesen, bei der Annäherung des Christuskindes aber sehend geworden sei. So ist's jedenfalls im Geistlichen gewesen. Zum wahren Schauen der Herrlichkeit und Liebe Gottes, zum klaren Blick in ein seliges Jenseits kommt auch das Auge der edelsten, frommsten Gottesknechte erst, wenn ihnen Jesus als der Heiland enthüllt wird.
Nun, lieber Leser, das Jahr rollt hin; wer weiß, ob's nicht dein letztes ist. Jedenfalls, auch wenn dir noch mehrere Jahrzehnte beschieden wären, ist's doch das köstlichste Ding und das nötigste Ding, dass man weiß: Es sei früh oder spät, dass ich hinfahre, aber, wann es auch sei, ich fahre im Frieden hin, denn meine Augen haben das Heil in Christo gesehen. Zum lichten Vaterhaus geht meine Bahn, mitten hindurch durch das Gebrause des Lebens, mitten hindurch durch die rauschenden, schauerlichen Wasser des Todes, - dennoch zum Vaterhaus, denn ich habe in Jesus den Vater gefunden!“ O flehe du so redlich, wie Simeon flehte, dass der Heiland sich dir offenbare; suche Ihn, wie Simeon Ihn suchte, liebe und lobe Ihn, wie Simeon Ihn liebte und lobte, nachdem er ihn gefunden, so wird auch deines Lebens Sylvester einmal eine „Hinfahrt im Frieden“ sein.
Lange hab' ich mich gesträubt,
Endlich gab ich nach:
Wenn der alte Mensch zerstäubt,
Wird der neue wach.
Und so lang du dies nicht hast
Dieses „stirb und werde!“
Bist du nur ein armer Gast
Auf der trüben Erde. (Otto Funcke)
Herr, nun lässt du deinen Diener im Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.
So der alte Simeon, als sein langer Wunsch ihm endlich war erfüllt worden, und er das Jesuskind im Tempel auf den Armen hatte. Das längste Leben ist doch ein verlorenes Leben, so lang' man den Heiland nicht gefunden hat. Warum sind wir hier auf Erden? Die Schrift sagt: Dass wir den Herrn suchen sollen, ob wir ihn doch fühlen und finden möchten. Und er ist nicht ferne von einem Jeglichen unter uns; er stellt sich jeden Tag vor die Tür und klopft an. Simeon war ein Israelit von altem Schrot und Korn; er war fromm und gottesfürchtig, und doch war er in diesem Zustand nicht glücklich, sonst hätte er nicht noch etwas Andres gesucht. Man gehe vielen gottesfürchtigen Menschen auf den Grund, so fehlt doch noch die Hauptsache: Frieden mit Gott durch die Lebensgemeinschaft mit Jesu. Der wahre Trost Israels war für Simeon noch nicht gekommen; aber wir sehen auch, wie man den Heiland finden kann. Simeon gehorchte den Anregungen des Geistes; aus der Schrift erweckte er dieselben, und durch das Gebet unterhielt er sie. Wo Beides beisammen ist, treues Forschen in der Schrift und anhaltendes Gebet nebst ernstlicher Selbstprüfung, da kommt es auch über früh oder spät zu einer Entscheidung. Jesus verklärt sich in allen aufrichtigen Herzen, die ihn suchen, sei es auch erst am Lebensende. Man kann oft lang, wie Simeon, in einer frommen, gesetzlichen Richtung gelebt haben, und erst spät erkennt man: Der wahre Trost fehlte mir noch. Das Reich der freien Gnade tut sich nur dann auf, wenn man sagen kann: Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir Dann kann man in Frieden hinfahren, wie Simeon, denn das innere Auge hat sich endlich aufgetan. Es frage sich doch Jeder, und besonders jeder Fromme: Hat es mit meinem Glauben seine Richtigkeit? Ist Christus nicht nur für mich, sondern in mir geboren worden? Wie es leibliche Geburtswehen gibt, so auch geistliche. Ohne Kampf und Herzensnot wird Christus in keinem Sünder geboren. Einem Glauben, der zu leicht gefunden worden ist, lässt sich nicht leicht trauen. Hingegen je länger es oft dauert, bis es mit einer Seele zum Durchbruch kommt, je seliger ist dann das Aufwachen zum Frieden; und auch der Heimgang zum Herrn. (Friedrich Lobstein)
Herr, nun lässt Du Deinen Diener in Frieden fahren, wie Du gesagt hast, denn meine Augen haben Deinen Heiland gesehen.
Für den heutigen Tag steht in unseren Kalendern der Name des greisen Simeon verzeichnet, in dessen Lebensbilde sich uns der Ausdruck derjenigen Advents-Sehnsucht darstellt, die auch in der Neutestamentlichen Zeit in allen Kindern Gottes fortleben soll. Denn wenn auch Weihnachten schon weit hinter uns liegt, und wir in dem Pfingstfest den geschichtlichen Abschluss des Erlösungswerkes zu sehen gewohnt sind, so ist doch dies Werk auch ein durch alle Zeiten hindurchgehendes und für den Einzelnen erst dann wahrhaft vorhandenes, wenn die Tatsache der Erlösung ihm durch den Glauben angeeignet, wenn Christus, der Heiland der Welt, auch der einzelnen Seele ihr Ein und Alles worden ist. Aber auch dann, wenn der Mensch ein Kind Gottes geworden ist und den festen Glaubensgrund gefunden hat, bleibt Simeons Advents-Sehnsucht die Grund-Stimmung seines Gemütes; denn immer unverlierbarer muss er sich das Kleinod aneignen, immer fester muss sie geschlossen werden, die Gemeinschaft der Liebe mit seinem Erlöser, und je öfter die Macht der Sünde diese Bande lockert, und dem Jünger die Nähe seines Heilandes entzieht, umso mehr wächst die Sehnsucht nach jener himmlischen Weihnachtsfreude, da die Seinen Ihn sehen sollen, wie Er ist, und in ewiger, seliger Gemeinschaft mit Ihm leben in Seines Vaters Hause.
Wie ist uns Simeons Bild eine stille Mahnung an das Wort des Herrn: „und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten.“ (Luk. 12, 36.) Wie ehrwürdig steht er vor uns, der greise Seher, ein Bild jener Hoffnung, die, auf der ewigen Verheißung des göttlichen Wortes ruhend, und ihrer seligen Erfüllung in sich vollkommen gewiss, den zukünftigen Trost Israels jetzt schon vorausnehmend genießt, und der hohen Alpe gleicht, deren Spitze bereits im Lichte der aufgehenden Morgensonne erglüht, während die Welt ringsum noch in dem Schatten der Nacht begraben liegt! Das muss ein seliges Leben sein, so mit erhobenem Haupte, weit über dem Strom der vergänglichen Dinge erhaben, nach dem himmlischen Ziele ausschauen, und durch die Freude auf die selige Vollendung sich reinigen lassen von allem unlauteren Hängen an dem Wesen dieser vergänglichen Welt! Da arbeitet sich's fröhlich, da duldet sich's getrost, weil die Seele allezeit den Vorschmack der zukünftigen Sabbatsfreude empfindet; da blüht in der Seele ein heiliges, verborgenes, aus Gott entstammtes Leben, weil Er selber, dessen sie wartet, wie bei Simeon, durch die Stimme des Heiligen Geistes sich ihr mitteilt, und in ihr wirkt, was Ihm wohlgefällt.
Simeons Warten ist nicht vergeblich gewesen; aus dem Glauben ist ein Schauen worden, ein so seliges, dass er mit diesem Einen Einblick in die zukünftige Herrlichkeit des neuen Gottesreiches seine Aufgabe auf Erden erfüllt weiß, und ausruft: „Herr, nun lässt Du Deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben Deinen Heiland gesehen!“ Aber dies prophetische Wort ist nicht nur der Ausdruck seiner persönlichen Befriedigung, sondern zugleich der Ausdruck, dass das wahre Israel, das in seiner Person sich abbildet, seine völkergeschichtliche Aufgabe in dem Augenblicke erfüllt sieht, und aus der engen Umgrenzung seiner nationalen Beschränkung heraustritt, wo es das Jesuskind als die der Menschheit zugedachte reife Himmelsfrucht an dem Lebensbaume der göttlichen Verheißungen in seine Arme schließt, und es der Sünderwelt überantwortet. -
Aber Simeon ist zugleich auch der Prophet, der das Ideal darstellt, in dessen dereinstiger Verwirklichung die ganze Menschheit das ihr vorgesteckte Ziel erreicht sehen soll. Wenn erst die ganze Menschheit all' ihr Warten und Sehnen so herrlich, wie Simeon, erfüllt sehen, und gleich ihm den Heiland der Welt als die höchste Errungenschaft aller Lebensmühen, als den letzten geistigen Ertrag ihrer Lebensgeschichte, als den ihrigen an das Herz schließt: dann wird sie mit Simeon sagen können: ich habe nun ausgelebt, denn meine Aufgabe hienieden ist erfüllt; wo aus dem Suchen solch' ein Finden geworden ist, da muss der Glaube sich in seliges Schauen wandeln: „Herr, nun lässt Du Deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben Deinen Heiland gesehen!“ (Julius Müllensiefen)
Herr, nun lässt Du Deinen Diener im Frieden fahren, wie Du gesagt hast, denn meine Augen haben Deinen Heiland gesehen.
Es war vor der Ankunft des Herrn im Fleisch viel eitle Hoffnung auf den Messias in Israel. Aber neben dieser eitlen Hoffnung war auch rechte Hoffnung da bei der kleinen Schar, die erleuchtete Augen hatte. Zu dieser kleinen Schar, die betend auf den Trost Israels warteten, gehörte der ehrwürdige Simeon. Er empfing die besondere Gnade einer Antwort durch den Heiligen Geist, er sollte den Tod nicht sehen, er hätte denn zuvor den Gesalbten des Herrn gesehen. Aus Anregen des Heiligen Geistes kam er in den Tempel, und durfte das Kindlein Jesus auf seine Arme nehmen. Das war ein unaussprechlicher Augenblick für diesen alten Knecht des Herrn. Wie Viele hätten gerne gesehen, was er sah, aber es war ihnen nicht geschenkt; im Glauben ohne Schauen wurden sie zu den Vätern versammelt. Im Anblick des Kindleins ruft er aus: Herr, nun lässt Du Deinen Diener im Frieden fahren. Sein tiefstes Sehnen war gestillt, er hatte den Messias gesehen und hatte Lust abzuscheiden. Es ist eine besondere Freude, solche alttestamentliche Heilige zu betrachten, an denen wir sehen, wie viel Gnade Gott einzelnen treuen Menschen geschenkt hat vor der Ankunft des Herrn im Fleisch. Gott hat sie voraus begnadigt im Blick auf das kommende Lamm Gottes. Ein solch begnadigter Mensch war Simeon. Wir sehen bei ihm keine Spur von Todesfurcht; sein Herz ist voll vom Frieden Gottes, und er steht in einer solchen Gemeinschaft mit Gott, dass er des Geistes Stimme in seinem Herzen hört und versteht. Er konnte im Frieden fahren. Wie viel mehr sollen wir, die wir nicht nur das Kindlein in Bethlehem, sondern auch den Heiland in Gethsemane und auf Golgatha kennen, so im Frieden Gottes stehen, dass von Sterbensangst auch keine Spur mehr zu sehen wäre. Hat doch der Herr den Tod überwunden, ihm den Stachel genommen, und Leben und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch Seine Auferstehung. Welch ein Jammer, dass wir so viele Christen haben, die hinter Simeon zurückstehen! Öffnen wir doch die Augen, damit wir Jesum anschauen können. Vom Kripplein bis zum Grabe, bis zum Thron, da man ihn ehrt, gehört er uns Sündern. Ihn erkennen, und in ihm den Vater, ist nicht nur Friede, sondern ewiges Leben.
Herr, ich lobe und preise Dich, dass Du mir noch mehr gezeigt hast. als dem Simeon. Im Geiste darf ich Dich sehen in Bethlehem, auf Golgatha, am Ostermorgen und auf dem Thron. Ich weiß, Du gehörst mir, weil ich ein Sünder bin. Nimm mich hin als Dankopfer. Amen. (Elias Schrenk)
Herr, nun lässt du deinen Diener im Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.
Als Voltaire, jener berüchtigte Spötter über den christlichen Glauben und alles Heilige, auf dem Sterbebette lag, bot er, der sonst so geizige Mann, die Hälfte seines Vermögens dem Arzte, wenn er den Tod nur noch ein halbes Jahr fern halten könnte, und da es nicht geschehen konnte, gab es ein Zittern und Zagen, ein Sterben unter allen Anzeichen der entsetzlichsten Qualen, die seine Seele durchwühlten. Wie so ganz anders schaut der wohlbetagte Simeon dem Tode ins Angesicht! Da ist keine Furcht und Angst. Herr, nun lässt du deinen Diener im Frieden fahren, ich habe kein Trauern und Klagen, ich erschrecke nicht vor deinem Gerichte, es ist eitel Friede in meinem Herzen, mit diesem Lied auf den Lippen geht er dem schweren Stündlein entgegen. Wer diese goldene Kunst eines fröhlichen und getrosten Sterbens gelernt hat, um den steht es wohl! Ein solcher klammert und hängt sich nicht an dieses Leben, er nützt wohl die Zeit, welche ihm Gott der Herr noch lässt, so viel er kann, und freut sich, dass er zu Gottes Ehre arbeiten und wirken kann, aber es heißt bei ihm die Füße auf der Erde, das Herz im Himmel. Wollen wir diese goldene Kunst, von der Todesfurcht frei zu werden, lernen, so lasst uns auf Simeons Schwanensang hören. Er sagt uns, warum er im Frieden fahren kann, „denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“ Simeon, wiewohl ihn der Evangelist einen frommen Mann nennt, tut sich auf seine Frömmigkeit nichts zugute. Seine Frömmigkeit ist's nicht, die ihm angesichts des Todes ein so fröhliches und getrostes Herz gibt, sondern dass seine Augen den Heiland gesehen haben, den Gott bereitet und gesandt und auf den er so herzlich gewartet. Im Glauben an diesen Heiland, den er auf seinen Armen gehalten, fährt er im Frieden. So hat Simeon gesprochen, so hat er an den Herrn Jesum geglaubt, wiewohl er ihn erst als Kind vor sich sah. Wie einst Moses vom Nebo aus ins gelobte Land schauen durfte, so sieht Simeon, dem Gottes Geist den Blick in des Kindes Zukunft öffnet, auf dessen welterlösendes Leiden und Sterben, und es fließt von Jesu Kreuz der Friede in Simeons Seele, der ihn so froh und jugendfrisch macht. Christum zu besitzen, ihn mit den Armen des Glaubens halten und zu sprechen: Ich bin dein, du bist mein, niemand soll uns scheiden, das ist das Geheimnis der Todesbereitschaft und Todesfreudigkeit. (unbekannt)
Und Simeon sprach: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren.
Das neue Jahr liegt in tiefes Dunkel gehüllt vor uns. Was mag es uns bringen? Glück oder Unglück, Freude oder Leid, Leben oder Sterben? Wir erschrecken, wenn wir bedenken, welchen bitteren Wechsel ein Jahr, ja der nächste Tag uns bringen kann. Aber was nützt solche Erinnerung? Wir müssen ja doch geduldig erwarten, was die Zeit uns bringt. Was sollen wir sonst tun? Eins können und sollen wir allerdings tun, um mit Ruhe der Zukunft entgegensehen zu können, was sie uns auch bringt. Wir sollen den Stab ergreifen, welchen Simeon in seiner Hand trägt, da er spricht: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren.“ Der Simeonsstab ist die Bereitschaft auf das Sterben. Denn er sagt: Nun kann ich ruhig sterben, und zur Ewigkeit wandern; ich bin bereit. Wer auf den Tod und die Ewigkeit bereit ist, der ist gerüstet auf alles, was die Zukunft bringt, Gutes oder Böses. In seinem Herzen ist ein Licht aufgegangen, welches jedes Dunkel hellt. Wer diesen Stab nicht hat, dem hängt über all seinem Erdenglück eine unglückdrohende Wolke. Er muss ein Knecht der Furcht sein sein Leben lang. Der Simeonsstab macht frei von dieser Furcht. Und er hindert und lähmt nicht etwa die Tüchtigkeit und den Eifer zur irdischen Arbeit und die Freude an dem Gut und Glück, welches Gott uns in diesem Leben schenkt. Im Gegenteil. Wer mit dem Stab Simeons durchs Leben geht, der wird jede Stunde mit rührigem Fleiß auskaufen, und er wird das Glück und Gut dieses Lebens um so sorgloser und dankbarer genießen. Wie wichtig für die rechte Lebensklugheit solche Bereitschaft auf Tod und Ewigkeit ist, bezeugt schon Moses, wenn er betet: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Psalm 90, 12). Und der Herr Jesus nennt jenen reichen Mann, dessen Seele in der Nacht plötzlich von ihm gefordert wurde, einen Narren, weil er an das Sterben nicht gedacht hatte (Luk. 12, 20). Wie steht es mit Dir? Führst du den Simeonsstab in deiner Hand? Wie ein kläglicher Anblick ist ein alter Mensch, der ihn nicht hat, sondern mit allen Gedanken seines Herzens an diesem Leben hängt. Und die Jungen haben ihn nicht minder nötig. Der Tod sucht sich nicht bloß unter den Alten seine Beute.
Lasst uns beten: Lieber Herr Jesu Christe! lehre es uns doch bedenken, dass unser Leben eine kurze Zeit währt, und wir davon müssen, damit wir nicht hängen an den vergänglichen -Dingen dieser Erde und dieses zeitlichen Lebens, sondern trachten nach dem, was droben ist. Und wir können ja getrost und in Frieden dem Ende entgegen gehen, weil wir Dich haben, der Du unser Heiland bist und unser Erlöser. Dein Blut macht uns rein von unseren Sünden. Deine Fürsprache lässt uns bestehen im ewigen Gericht. Du wirst unser Geleitsmann sein durch das dunkle Todestal hindurch. Hilf nur, dass wir Dich und Deine Gnade im Glauben immer fester erfassen; dann ist dies Leben gut und schön, eine friedliche Pilgerfahrt. Das Sterben aber bringt uns noch Schöneres und Besseres. Denn unsere Augen werden Dich schauen in Ewigkeit. Amen. (Alfred Meyer)