Lukas 18,2
Andachten
Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselbigen Stadt, die kam zu ihm und sprach: Rette mich von meinem Widersacher. Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Ob ich mich schon vor Gott nicht fürchte, noch vor keinem Menschen scheue, dieweil aber mir diese Witwe so viel Mühe macht, will ich sie retten, auf dass sie nicht zuletzt komme und übertäube mich.
Es hat manchmal den Schein, als sei Gott ein hartherziger und ungerechter Richter, wenn Er das Vornehmen der Ungerechten durchgehen, das Schreien seiner Kinder aber unbeachtet lässt. Schon die Alttestamentlichen Frommen strauchelten daran, dass es den Gottlosen so wohl ging, die Frommen aber viele Plage haben und von den Gottlosen unterdrückt werden. Aber die einzige Ähnlichkeit zwischen Gott und einem ungerechten und hartherzigen Richter besteht darin, dass Er oft nicht gleich hilft, wenn die Seinen auch zu Ihm um Hilfe schreien. Aber dies tut Er nicht aus Härte, oder weil Er seine Lust hätte an dem Wesen der Gottlosen, sondern aus Liebe zu den Seinen, welche Er im Dulden und im Beten üben will. Wie Er dem Satan Macht ließ, seinen Knecht Hiob zu plagen, aber nur, um denselben im Feuer der Trübsal zu bewähren, so gibt Er auch jetzt noch die Seinen aus eben diesem Grunde in die Hände der Bösen oder lässt es ihnen sonst in dieser Welt übel gehen. Sie sollen lernen, im Gebete anzuhalten. Denn es ist leider nur allzu wahr, dass wir ohne Trübsal nicht beten lernen, oder doch nicht lernen, es ernstlich zu tun und im Gebet zu Gott zu schreien. Und doch ist dieses nötig, damit wir uns in den Verkehr mit Gott einleben und dadurch in sein Wesen hineingezogen werden. In den guten Tagen aber, wo uns an irdischen Gütern oder am behaglichen Leben nichts abgeht, suchen wir Gott nicht, und, kannten wir Ihn früher schon, so entwöhnen wir uns von dem herzlichen und brünstigen Verkehr mit Ihm. Darum lässt Gott uns die Bosheit der Menschen und die Ungunst irdischer Verhältnisse von Zeit zu Zeit fühlen und wendet sie auch nicht alsbald auf unser erstes Bitten wieder von uns, sondern lässt sie auf uns drücken, damit wir in ernstes und anhaltendes Gebet getrieben würden. Er weiß aber gar wohl, wie viel und wie lange wir dulden können, ohne zu unterliegen. Er versucht uns nicht über unsere Kräfte, sondern, wenn die Trübsal ihr Ziel an uns erreicht hat, so hilft Er uns davon. Jener ungerechte Richter, der sich weder vor Gott noch Menschen fürchtet, ließ sich doch endlich auf das anhaltende Bitten der Witwe bewegen, ihr zu helfen, nicht weil er Mitleid mit ihr hatte, oder um Gerechtigkeit zu üben, sondern um von dem unaufhörlichen Schreien derselben endlich befreit zu werden. Gott aber ist weder ungerecht noch hart, sondern die Gerechtigkeit selbst und voller Erbarmen; wie sollte Er denn Widerstand leisten können und es vermögen, seine Auserwählten nicht zu retten, die zu Ihm Tag und Nacht rufen, und sollte Geduld darüber haben? Ich sage euch, spricht der Herr, Er wird sie erretten in einer Kürze. Willst du aber diese Kürze bald erleben, so lass seinen Geist in dein Herz eingehen, lass dich von ihm strafen und demütige dich, halte an am Gebet und bete, dass es dringt. Und ob es währt bis in die Nacht Und wieder an den Morgen, Soll doch mein Herz an Gottes Macht Verzweifeln nicht noch sorgen. (Anton Camillo Bertoldy)