Lukas 11,5
Andachten
Welcher ist unter euch, der einen Freund hat, und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leihe mir drei Brote; denn es ist mein Freund zu mir gekommen von der Straße, und ich habe nicht, das ich ihm vorlege; und er drinnen würde antworten: Mache mir keine Unruhe; die Tür ist schon zugeschlossen, und meine Kindlein sind bei mir in der Kammer; ich kann nicht aufstehen und dir geben. Ich sage euch, ob er nicht aufsteht und gibt ihm darum, dass er sein Freund ist, so wird er doch um seines unverschämten Geilens willen aufstehen und ihm geben, wie viel er bedarf.
Wer sollte wohl die Wahrheit, auf welche dieses Gleichnis im gewöhnlichen Leben hinzielt, noch nicht erfahren haben? So manche Bitte ist an uns gerichtet worden, welche wir nur deswegen zuletzt erfüllt haben, weil man nicht nachließ uns damit zu bestürmen. Hieran erinnert uns der Herr, um uns zur Ausdauer im Gebete zu ermuntern. Die Beweggründe, weshalb wir nicht sofort die Bitten gewähren, die an uns gerichtet worden, sind oft recht sündlicher Art, bei Gott aber ist es nur Liebe, was Ihn bewegt, mit seiner Gewährung zu zögern. Gott will, dass wir die Darreichung des Erbetenen als eine Erhörung unsrer Gebete erkennen, und als eine Gnade, für welche wir dankbar zu sein haben. Unser Glaube steht meist auf so schwachen Füßen, dass wir sehr leicht auf die Meinung kommen, es sei wohl nur Zufall, dass uns das geworden ist, um was wir vorher gebeten hatten, und dass es wohl auch ohne Gebet nicht ausgeblieben wäre. Die Versuchung, auf eine solche Meinung zu geraten und dadurch des Segens des Gebetes verlustig zu gehen, wird aber jedenfalls geringer, wenn wir längere Zeit um die Erlangung jenes Gutes im Gebete haben ringen müssen. Ein Gut aber, welches wir erst nach langem Kampfe errungen haben, wird uns teuer, und da es schließlich doch nur eine Gabe der göttlichen Gnade ist, um die wir bitten, so wird diese durch die Gewährung uns köstlich und unser Herz zur Dankbarkeit gegen Gott bewegt. Harre also aus im Gebet, o Seele, und verzweifle nicht, wenn dich Gott nicht bald erhört. Sage nicht, es helfe doch nichts, zu beten, du hast es getan, aber ohne Erfolg. So lange du so sprichst, legst du selbst Zeugnis ab, dass du nicht im rechten Sinne gebeten hast; du hast es probiert, ob es wohl helfen werde, wenn du betest, und da du die Hilfe nicht sofort gesehen hast, hast du das Gebet weggeworfen, als ein zweckloses Geschäft. Du bist nicht mit vertrauensvollem, sondern mit zweifelsvollem Herzen zu Gott getreten, und - ein Zweifler denke nicht, dass er etwas von Gott empfangen werde, wie der Apostel Jakobus sagt. Eine schüchterne, an sich selbst verzweifelnde Bitte wird auch dir nicht schwer zurück zu weisen, aber eine dringende, mit vollem Vertrauen auf Gewährung vorgetragene Bitte, eine Bitte, die sich an ein freundschaftliches und wohlwollendes Herz wendet, und häufig wiederholt wird, weil das Bedürfnis dringend und das Zutrauen zu dir zu groß ist, dass du sie nicht abschlagen könnest, einer solchen Bitte dich zu entziehen, ist auch dir kaum möglich, wenn die Gewähr überhaupt in deiner Macht steht. Willst du also Erhörung bei Gott finden, so sei dringend und wende dich an sein Vaterherz, halte Ihm seine Verheißungen vor und werde nicht müde. So wird auch Er dir nicht Widerstand leisten können, noch weniger als jener Freund im Gleichnis, noch viel weniger als du, wenn du mit Bitten angegangen wirst. Aber vergiss auch nicht, dass Gott nicht Alles gewähren kann, eben weil er die Liebe ist, weil Er es gut mit dir meint, und du vielleicht etwas bittest, was dir zu deinem Verderben gereicht. Bittest du aber um die Bekehrung eines andern Menschen, so bedenke, dass da Gottes Macht eine Schranke hat an dem freien Willen des Menschen. Wäre es aber Gott möglich, alle Menschen selig zu machen, wie sollte Er es nicht tun? (Anton Camillo Bertoldy)