Galater 6,2
Gal. 6,2: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Jesu Christi erfüllen.“
Andachten
Die Liebe geht nicht so weit, dass sie von uns verlangt, wir sollen die Fehler des andern niemals sehen, da müsste man uns die Augen ausstechen; aber sie fordert von uns, dass wir es vermeiden, aus freien Stücken ohne Not unser Augenmerk darauf zu richten, und dass wir nicht blind seien für das Gute, während wir so klar über das Böse sind. Man muss uns immer daran erinnern, was Gott über kurz oder lang aus der niedrigsten und unwürdigsten Kreatur machen kann; uns erinnern, wieviel Grund wir haben, uns selbst zu verachten; und endlich bedenken, dass die Liebe sogar das Niedrigste umfasst, weil sie ganz klar mit göttlichem Blick sieht, dass die Verachtung der andern etwas Hartes und Hochfahrendes hat, das den Geist Jesu Christi ertötet. Die Gnade lässt sich nicht blenden über das, was Verachtung verdient, aber sie trägt es, um auf die geheimen Pläne Gottes eins zugehen. Sie lässt sich nicht hinreißen zu verächtlichem Abscheu noch zu natürlicher Ungeduld. Keine Verderbtheit setzt sie in Staunen, keine Unfähigkeit stößt sie zurück, weil sie nur auf Gott rechnet, und weil sie überall, außer ihm, nur Nichtiges und Sünde sieht.
Ist der Umstand, dass dein Nächster schwach ist, ein guter Grund, ohne Schonung mit ihm zu verfahren? Du, der du dich beklagst, dass man dich leiden lässt, glaubst du, dass niemand von dir zu leiden habe? Du, der du so empört bist über die Fehler des Nächsten, bildest dir ein, vollkommen zu sein? Wie würdest du erstaunt sein, wenn alle die, denen du zur Last bist, plötzlich schwer auf dir lasten würden! Aber selbst wenn du auf Erden deine Rechtfertigung fändest, kann nicht Gott, der Allwissende, der dir so viele Dinge vorzuwerfen hat, mit einem einzigen Worte dich aus der Fassung bringen und dir Halt gebieten? Und kommt dir niemals in den Sinn die Angst, Er möchte dich fragen, warum du gegen deinen Bruder nicht ein wenig Mitleid übest, während Er, dein Meister, gegen dich so überschwänglich barmherzig ist? (François Fénelon)
Einer trage des andern Last. Wir aber, die wir stark sind, sollen die Gebrechlichkeit der Schwachen tragen. Römer 15,1 Seid aber unter einander freundlich, herzlich, und vergebt einander, so wie euch Gott vergeben hat in Christo. Eph. 4,32.
Welche Lasten haben wir unserm Heilande aufgelegt - „fürwahr, er trug unsere Krankheit - Gott warf all unsre Sünden auf ihn -“ und wie sanft, wie stille ging das Lamm unter unsrer Last, ohne seinen Mund aufzutun. Er sagt wohl: Du hast mir Arbeit gemacht mit deinen Sünden, du hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten - aber nicht, um sich zu beklagen oder zu beschweren, oder uns Vorwürfe zu machen - denn er setzt gleich bei: - Ich, ich tilge deine Übertretung um meinetwillen, und gedenke deiner Sünden nicht. Jesaja 43, 24.25. Er will uns also nur zeigen, wie auch wir die Arbeit, Mühe und Last, die uns andere mit ihren Gebrechen auflegen, stillschweigend tragen und ihrer gar nicht gedenken, alle Beleidigungen vergessen und vergeben sollen. Oder wollten wir Vergebung von ihm nehmen, und unsern Brüdern ihre Sünden behalten? Würde er uns nicht machen, wie dem Knecht im Evangelio? Matthäus 18,33.34. Wem die Last, die ihm andere auflegen, zu schwer wird, der sehe auf den Rücken des Lammes Gottes, und frage: Wer hat dir diese schwere Bürde aufgelegt? Wer hat dich so geschlagen? verwundet? getötet? und warum schweigst du so stille und leidest so geduldig? - Die Antwort wird sich dann von selbst geben. (Johannes Evangelista Gossner)
Einer trage des andern Last.
Siehst du an den Gläubigen so viele Fehler, dass du den Umgang mit Leuten dieser Welt dem Verkehr mit den Bekennern der Gnade vorziehst? Nimm es mir nicht übel, wenn ich sage: Der Teufel öffnet uns gar gern die Augen und das Verständnis für die Mängel unserer Brüder, damit Gott uns nicht die Augen öffnen könne für das, was sie vom Himmel herab in und an sich haben. O, liebe die Anfänger, sie sind eben doch keine Weltkinder mehr. Und bist du wirklich gereifter als sie, so kannst du ihnen ja nützlich sein. Liebe auch die Schwachen, liebe sie mit der Tat, indem du dich zu ihnen hältst. An den Schwachheiten der Kinder stoße und ärgere dich nicht. Sie sammeln sich miteinander um Gottes Wort, da sind sie beim Meister in der Schule, der hat Einfluss auf sie. Selig, wer gerne lernt! Wenn sie nicht kommen, so lernen sie nichts; dann aber kann sie der Herr nicht gebrauchen. Kommet herbei, lernet von mir, spricht Er. O, wie begierig sind Kindlein nach der vernünftigen lautern Milch! Tadelst du sie darüber? Sie tun das, was den Herrn freut! Kurz ist die Erdenzeit, viel ist zu lernen und zu gewinnen. Nur wer jede Gelegenheit treu benutzt, wird vielen zum Segen gesetzt sein. Einspänner verlieren viel, sie sind so gut, so fromm, so gerecht; wenn sie aber mit Heiligen sollen Schritt halten, stellt es sich heraus, dass sie kein Gemeinschaftsleben gewohnt und für den Himmel ungeschickt sind. Du aber trage des andern Last. (Markus Hauser)
“Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“
Also doch Last? Ja, es wird von vornherein zugestanden, dass ein Bruder dem andern durch seine Eigenart, auch durch seine Unart, etwas zu tragen gibt. Das ist sogar zuweilen ein bisschen viel. Es wird sogar sehr schwer, wenn man durch Familienbande oder Berufspflichten oft und lange zusammengehen muss. Insoweit können wir mit dieser Anerkennung unserer oft schwierigen Aufgabe ganz einverstanden sein. Aber jetzt heißt es nicht: Ihr Armen habt es doch arg schwer! Ihr dürft mal ordentlich darüber klagen und schwelgen in Mitleid mit euch selbst. Nein, es heißt: Angefasst! Tragen! - Nicht sich scheiden lassen, nicht weglaufen, nicht jeden Umgang mit solchen Leuten meiden, sondern diese Last auf die eigenen Schultern nehmen. Dem andern wird wundersam zumute, wenn man ihn nicht fühlen lässt: Ich kenne deine Charakterfehler, darum gehe ich dir aus dem Wege! - sondern: Ich will dir helfen, sie tragen, überwinden, ja einen Teil deiner Last zu meiner eigenen machen, weil ich um Christi willen dich lieb habe und dich lieb behalten muss. - Wo das nicht gesagt, aber getan wird, da wird zweierlei erreicht: der andere wird dir solche Liebe nie vergessen, und du wirst ihm dadurch am besten helfen, von der Last loszukommen. Außerdem erfüllst du damit Jesu Gebot der Liebe.
Ach, du holder Freund, vereine deine dir geweihte Schar, dass sie es so herzlich meine, wie's dein letzter Wille war. Amen. (Samuel Keller)
Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
„Einer trage des andern Last.“ welch ein süßes Wort! Und wie geziemend zugleich für Alle, die im Geist leben und im Glauben des Sohnes Gottes, der sie und ihre ganze Last trägt alle Tage, wie er gesagt hat: „Ich will heben, ich will tragen, ich will erretten.“ Wohlan denn, bist du wirklich aus dem Tode ins Leben gekommen, so soll sich dein geistliches Leben auch darin vornehmlich offenbaren, dass du deines Bruders Last ihm tragen hilfst und gleichsam deine Schultern mit unterlegst, damit es deinem Bruder nicht zu sauer werde, der vielleicht eine sehr schwere Bürde auf dem Rücken hat und dem es sowohl tun würde, wenn ein treuer Freund herbeikäme und ihm etwas helfe, sei es nun, dass er in leiblicher Trübsal und Not sich befände, oder dass er geistlich angefochten wäre. Das letztere ist freilich mit die schwerste Last, denn dabei wird das Herz oft so verdrossen, dass die Knie schier ganz ermüden und zusammenbrechen wollen. wie hurtig sollten wir da einem solchen beispringen, ihm aus dem göttlichen Worte den Becher des Trostes reichen und mit ihm leiden; und was wäre es für eine Wonne, wenn dann unser armer, niedergebeugter, unter seiner Last seufzender Bruder oder Schwester von dem Herrn durch unsere Hilfe und Dienst und Liebe wieder aufgerichtet würde und munter vorwärts gehen könnte! Und wie würde er's uns doch danken und uns die Hand drücken dafür! Ja, wir werden, wenn wir solches tun, „das Gesetz Christi erfüllen“, denn er hat gesagt: „Ein neu Gebot gebe ich euch, dass ihr euch unter einander liebt, wie ich euch geliebt habe.“ Darum, was du gerne möchtest, dass man dir tue, wenn du so unter der Last und unter dem Joche der Trübsal fast erliegen wolltest, wie es dir würde so köstlich gefallen, wenn dann ein freundlicher Bruder käme und teilnehmend fragte: Sag' an, was fehlt dir? und du dürftest ihm dein bekümmertes und schweres Herz ausschütten, und der Bruder spräche dir liebreich zu und wiese dich auf den lieben Herrn Jesum, kniete mit dir nieder und betete herzlich und kindlich für dich, dass du getröstet im Frieden weiter wandeln könntest, siehe, wie dir das so wohl gefallen würde, so sollst du es auch an deinem Bruder üben und ihm seine Last tragen helfen. Und damit machtest du auch zugleich deinem lieben Herrn Jesus Freude, denn er sieht genau auf seine lieben Kinder, ob sie ihn wohl lieb haben und in seinen Geboten wandeln, und nichts erfreut sein treues Herz so sehr, als wenn er sieht, dass seine Kinder sich unter einander lieben und einander hold und freundlich begegnen, dass einer des andern Last mit auf seine Schultern nimmt. du herrlicher Heiland, könntest du doch stets an uns deine Lust sehen! (Gustav Knak)