2. Timotheus 1,12
Andachten
Ich weiß, an Welchen ich glaube.
Wenn man bedenkt, dass Paulus in seiner Jugend ein gelehrter und angesehener Pharisäer gewesen sei, dass er sich durch seinen Eifer wider Christen bei den jüdischen Vorstehern beliebt gemacht habe, und es vermutlich nahe dabei gewesen, dass er ein Rabbi, ein Vorsteher einer jüdischen Schule oder gar ein Mitglied des hohen Raths zu Jerusalem worden wäre; dass er aber alle diese dem Fleisch angenehmen Aussichten durch seinen Übergang zur christlichen Religion verloren habe, und nach derselben als ein armer und geplagter Apostel diese Länder durchreisen, viele Arbeiten verrichten, und alle die Leiden übernehmen müssen, welche er selbst 1 Kor. 4. und 2 Kor. 11. und 12. namhaft macht – wenn man dieses bedenkt, so kann man fragen: ob er sich seines Übergangs zur christlichen Religion und seines langen Dienstes am Evangelio nicht zuletzt als einer Torheit geschämt, und ob er nicht Andere gewarnt habe, es ihm nachzutun, und in seine Laufbahn, in welcher man das Weltglück verscherze, einzutreten. Auf diese Frage gibt aber der zweite Brief an den Timotheus die zuverlässige Antwort; denn Paulus schrieb ihn kurz vor seinem Tode, wie aus Kap. 4,6.7. erhellet. Er ermahnt aber in diesem Brief Kap. 1,8. den Timotheus, den er lieb hatte: schäme dich nicht des Zeugnisses unsers HErrn, noch meiner, der ich Sein Gebundener bin, sondern leide dich mit dem Evangelio, wie ich, nach der Kraft Gottes. V. 11.12. aber sagt er: ich bin gesetzt ein Prediger und Apostel und Lehrer der Heiden; um welcher willen ich solches (die Bande und den Tod) leide: aber ich schäme mich’s nicht. Denn ich weiß an Welchen ich glaube, und bin gewiss, dass Er mir meine Beilage bewahren wird bis an jenen Tag. Paulus hatte dem HErrn Jesu geglaubt, der ihm einige Mal erschienen war und mit ihm geredet hatte, und der ihn auch täglich durch Seinen Geist lehrte, was er tun und reden solle. Nun wusste er aber, dass dieser Jesus sei Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge (Offenb. Joh. 3,14.), dessen Worte nicht vergehen, obschon Himmel und Erde vergehen. Er wusste auch, dass Derselbe eine ewig geltende Erlösung vollbracht habe, und wegen derselben der Weg zum Vater sei, und immerdar selig machen könne, die durch Ihn zu Gott kommen, und immerdar lebe und für sie bitte (Hebr. 7,25.). Er wusste, dass dieser sein HErr ihm alle Schmach mit Ehre, alle Leiden mit Freude, alle Arbeiten mit Ruhe auf eine unvergleichliche und überschwängliche Art ersetzen könne und wolle, und er also in seinem Dienst keinen Verlust leide, sondern einen unaussprechlichen Gewinn erlange. Er wusste auch und war überzeugt, dass Derselbe ihm seine Beilage, das ist seine Ihm übergebene Seele, bis an den Tag Seiner herrlichen Offenbarung bewahren werde.
Wie steht es nun bei mir? Habe ich Jesu Christo geglaubt? Hat Er mich durch Sein Wort überredet, und habe ich mich von Ihm überreden lassen, Sein Jünger und Knecht zu werden? Bin ich’s noch, und zwar von Herzensgrund, ob ich schon dabei Vieles zu leiden bekomme, und in der Welt hintangesetzt werde, und manches scheinbare Weltglück, welches Andere erhaschen, vor meinen Augen muss verschwinden lassen? Macht mich die Erkenntnis Jesu Christi getrost? Macht sie mich auch bei der Annäherung des Todes getrost? Paulus glaubte, was er gelehrt und geschrieben hatte: glaube ich’s auch? Ist mein Glaube so groß als meine Wissenschaft? Ach HErr Jesu, gib mir den Geist des Glaubens reichlich! Hilf mir, dass ich den guten Kampf kämpfe, den Lauf vollende, und bis an mein Ende Glauben halte; damit ich mit Anderen die Krone der Gerechtigkeit an Deinem Tag empfange. (Magnus Friedrich Roos)
Ich weiß, an Welchen ich glaube, und bin gewiss, dass er mir meine Beilage bewahren wird bis an den Tag.
Paulus hatte durch den Glauben an Christum Jesum keine zeitlichen Vorteile gewonnen, und sich viele und langwierige Leiden zugezogen, die ihn, wenn er ein ungläubiger Jude geblieben wäre, nicht betroffen hätten. Er stand auch damals, da er den zweiten Brief an den Timotheus schrieb, in einem tiefen Leiden, denn er war ein Gefangener zu Rom, und sah seinen gewaltsamen Tod nahe vor sich. Er sagte aber: ich schäme mich meiner Leiden nicht; ich denke nicht, dass ich bei meinem Übergang zum Christentum und bei der vieljährigen Verwaltung meines beschwerlichen Apostelamts thörlich gehandelt habe, und mich also schämen müsste, wie sich diejenigen schämen müssen, die sich in ihrer Hoffnung betrogen haben; denn ich weiß, an Welchen ich glaube, und Wem ich mich ganz vertraut habe. Dieser ist Jesus, den ich zuerst verfolgt hatte, der mich aber aus großer Barmherzigkeit vom Himmel herab berufen, aber auch zur selbigen Zeit schon gesagt hat, ich solle Sein auserwähltes Werkzeug sein, Er wolle mir aber auch zeigen, wie viel ich um Seines Namens willen werde leiden müssen. Diesen Jesum hatte Paulus immer als treu, als freundlich, als mächtig gefunden. Er war inne worden, dass Er sein Erlöser, Fürsprecher, Nothhelfer, seine Gerechtigkeit und seine Stärke sei. Er hatte Ihn immer so gefunden, wie sein Herz hatte wünschen können. Er achtete sich von Ihm nicht beleidigt zu sein, ob Er ihn schon einen rauhen Weg geführt hatte, und zuletzt wie ein Schlachtschaf dem Tod übergab, sondern war gesinnt, wie hernach der Bischof Polycarpus, der, als ein heidnischer Richter von ihm forderte, dass er Jesum zur Rettung seines Lebens lästern sollte, zur Antwort gab: achtzig Jahre diene ich Ihm, und Er hat mich nie beleidigt: wie soll ich Ihn denn lästern? Aber wie? wenn Paulus über den Tod hinaussah, was hatte er da für eine Aussicht? er sagte: ich bin gewiss, dass der, an welchen ich glaube, mir meine Beilage bewahren wird bis an jenen Tag. Was war diese Beilage? Sie war Pauli Seele, die er seinem Heiland auf den Fall ihrer Trennung vom Leib zu treuen Händen empfohlen hatte. Eine solche abgeschiedene Seele könnte nun freilich als ein schwacher Geist, dem die Werkzeuge des Leibes mangeln, in dem großen Weltraum herumirren, und vielen feindlichen Anfällen ausgesetzt sein, aber Paulus sagt: der Heiland wird meine Seele schon bewahren bis an jenen Tag des Gerichts, da eine ganz neue Einrichtung in der Welt gemacht, und alle Möglichkeit einer Bedrängnis verschwinden wird.
HErr Jesu, Du bist’s, an den ich glaube. Dir vertraue ich mich an. Von Dir wünsche ich geführt zu werden bis an mein Ende. Wenn ich bei dem Glauben an Dich und bei dem Dienst, den ich Dir leiste, manches Weltglück zu verscherzen und also ein Tor zu sein scheine, so schäme ich mich dessen nicht. Du, HErr, wirst mir alles in Deinem Reich überschwänglich ersetzen. In Deine Hände befehle ich meinen Geist, Dir übergebe ich ihn als eine Beilage, die Du bis an jenen Tag bewahren wollest. (Magnus Friedrich Roos)