Apostelgeschichte 19,1
Andachten
Ein Doppelbild rollt die Geschichte in Ephesus auf, auf der einen Seite das der Einwohner der Stadt, auf der andern das des Apostels Paulus und seiner Gefährten. Jene schrien wie toll: Groß ist die Diana der Epheser! volle zwei Stunden; ein Geschrei um nichts; denn wir wissen, dass ein Götze nichts ist in der Welt. Das Nichtswürdige, Nichtshelfende, Nichtsseiende, dessen so viel in der Welt ist, wird aber meist am lautesten erhoben und ausposaunt; dagegen Gott, den Allerhöchsten, lobt man in der Stille zu Zion. Und doch müssen zuletzt alle Götzen fallen, seien sie von Gold oder Silber, von Holz oder Stein, von Papier oder Ideen, oder von Fleisch; denn Gott hat seinen König eingesetzt auf seinem heiligen Berg Zion; der ist der einzige Souverän; dem müssen untertan werden alle Könige, Fürsten und Völker, wenn sie nicht zerschmissen werden wollen wie Töpfe. Wo ist die hölzerne Diana, wo ihr herrlicher Marmortempel, wo die prächtige, reiche Stadt Ephesus geblieben? Es ist oder Alles zusammen geworfen wie ein Topf. Andere Zeiten, andere Götzen; aber das Geschrei und der Götzendienst dauern fort; darum kann auch das Zerschmeißen nicht aufhören und die eiserne Rute wird kommen müssen; denn an Töpfen fehlt es nicht. – Und Paulus – dem Toben gegenüber? Er schmeichelt nicht dem Nationalstolze der Epheser, er redet nicht ihrem Volkswahn das Wort, er trachtet nicht nach Volksgunst, er liebt die Wahrheit wie Gott, und lässt sein Herz nie so klein sein, sie aus Menschenfurcht zu verschweigen, oder aus Heuchelei zu verdrehen, oder aus Parteigeist zu verstümmeln; er fürchtet Gott, darum scheut er Niemand; er ist ein echter Hirt und Volksführer: darum sucht er auf Buße und Sinnesänderung zu wirken. Hätte das Volk weinen gelernt über sich selbst, so hätte es gesiegt.
Herr, ich danke Dir, dass Du in mir gesiegt und mich überwunden hast. Hilf mir nun, dass ich mich auch selbst täglich besiege und überwinde. Amen. (Friedrich Arndt)
Es geschah aber, da Apollo zu Korinth war, dass Paulus durchwandelte die oberen Länder und kam gen Ephesus und fand etliche Jünger, zu denen sprach er: „Habt ihr den heiligen Geist empfangen, da ihr gläubig geworden seid?“
Habt ihr den heiligen Geist empfangen? Wahrlich, eine Gewissensfrage an solche, die Jünger Jesu sich nennen. Wie lautet unsere Antwort? Jünger und Jüngerinnen sind wir ja wohl Alle oder wollen es wenigstens sein. Einen Anfang in der christlichen Erkenntnis, einen Anfang im christlichen Leben haben wir, Gott sei Dank, schon gemacht und wir sind darin vielleicht weiter als jene Johannesjünger in Ephesus. Aber wie steht's mit dem heiligen Geiste, der allein uns in alle Wahrheit leiten, zu allem Guten stärken, in aller Trübsal trösten, zu Kindern Gottes machen kann? Hast du den heiligen Geist empfangen? d. h. ist deine Erkenntnis von Jeju Christo auch eine lebendige, ist sie Herzenssache, Erfahrungssache? Oder ist's nur ein totes Wissen, ein blindes Nachbeten dessen, was du hörst und liest? Hast du den heiligen Geist empfangen? d. h. ist dein Wandel in Gottes Wegen auch ein aufrichtiger, fröhlicher? Ist's die Liebe Gottes, die dich dringt oder nur die Knechtschaft des Gesetzes, unter der du stehst? Tust du das Gute um des Guten willen oder nur aus Lohnsucht? Meidest du das Böse, weil es böse ist, oder nur aus Furcht vor Strafe? Ist dir dein Christentum eine schwere Last oder eine süße Lust nach dem Worte des Meisters: „Das ist meine Speise, dass ich tue den Willen des, der mich gesandt hat?“ - Hast du den heiligen Geist empfangen? d. h. gehst du fröhlich und getrost deines Weges hienieden, fröhlich in Gott, getrost über dem Zeugnis der Gotteskindschaft in deinem Herzen? Oder fehlt dir noch dieser fröhliche kindliche Geist? Trifft man dich im Unglück verzagt und in Trübsal mutlos, so dass du nicht sagen kannst: „Sein Geist spricht meinem Geiste manch süßes Trostwort zu?“ Fehlt dir vielleicht sogar in guten Tagen der freudige Geist der Kinder Gottes, dass du trübsinnig den Kopf hängst, statt harmlos deines Gottes dich zu freuen und die Gaben seiner Güte zu genießen; dass du lieblos von andern dich absonderst, statt ihnen ein offenes Herz voll brüderlicher Liebe entgegen zu tragen? Hast du den heiligen Geist empfangen? das heißt mit einem Worte: bist du ein Kind Gottes oder noch ein Knecht des Gesetzes? Der Anfänger und Vollender unsers Glaubens helfe uns dazu, dass wir auf diese Gewissensfrage antworten dürfen mit einem fröhlichen Ja! Der himmlische Vater erneue und vermehre in uns, um Jesu Christi willen, die Gaben seines heiligen Geistes, zur Stärkung unsers Glaubens, zur Kraft in der Gottseligkeit, zur Geduld im Leiden und zur seligen Hoffnung des ewigen Lebens! (Carl von Gerok.)