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Lukas 2,51

Lukas 2,51

Andachten

Jesus ging mit ihnen hinab, und kam gen Nazareth, und war ihnen untertan.
Es ist mir merkwürdig, dass es von Jesu in seinem 12. Jahr heißt: Er war seinen Eltern untertan, da er doch schon vorher ihnen in Allem gehorsam gewesen. Ich schließe demnach, dass solches eine besondere Untertänigkeit gewesen ist. Nämlich vorher tat er als ein Kind, wozu ihn seine Eltern anwiesen: in dem zwölften Jahr aber ging ihm zu Jerusalem ein besonderes Licht auf, welches machte, dass er sich einen eigenen, freiwilligen Entschluss fasste, seinen Eltern untertan zu sein. Es gibt demnach einen zweifachen Gehorsam, und zwar einen Gehorsam in den Kinderjahren, und einen Gehorsam in den Jünglingsjahren. Der Gehorsam in den Kinderjahren hängt hauptsächlich von den Eltern ab, weshalb Salomo die Eltern ermahnt, dass sie die Kinder unter der Zucht halten, und dass man dem Knaben den Hals biegen soll, da er noch jung sei, und Paulus fordert von einem Bischof, dass er gehorsame Kinder haben solle. Der Gehorsam in den Jünglingsjahren aber hängt hauptsächlich von den Kindern selbst ab, weshalb auch Salomo die Kinder in den Jünglingsjahren ernstlich ermahnt, dass sie der Zucht ihres Vaters gehorchen, und das Gebot ihrer Mutter nicht verlassen sollen. Der Gehorsam in den Kinderjahren befördert und erleichtert zwar den Gehorsam in den Jünglingsjahren, doch findet man Exempel, dass Kinder, welche in den Kinderjahren sehr gehorsam gewesen, in den Jünglingsjahren in den größten Ungehorsam geraten; man findet aber auch Exempel, dass ungezogene Kinder in den Jünglingsjahren sich eines bessern besinnen und gehorsam werden, weswegen auch manche Leute bei einem unartigen Kind das Sprichwort haben, man müsse nur warten, denn wenn es zu mehreren Jahren komme und gescheiter werde, so werde es schon von selbst anders werden, was aber öfters fehl schlägt. Da ich sowohl viele Buben, als auch viele Jünglinge in der Information und Kost gehabt habe, so verstand ich lange nicht, warum die Jünglinge schwerer zu regieren seien, als die Buben, bis ich wahrgenommen, dass die Buben in ihren Neigungen und Gedanken unbeständig und deswegen auch in der Zucht biegsam sind. Die Jünglinge aber fangen an, ihre Neigungen und Gedanken auf Etwas zu fixieren. Wenn nun das, worauf sie sich fixieren, gebilligt wird, so laufen sie im Gehorsam; wenn es aber Etwas ist, so man ihnen nicht gestatten will, so widersetzen sie sich leichtlich in einem heimlichen oder öffentlichen Ungehorsam. Der Anfang der Jünglingsjahre wird zwar gewöhnlich in das vierzehnte Jahr gesetzt, doch kann er auch nach Beschaffenheit des Temperaments und der Erfahrung später geschehen. (Flattich, Johann Friedrich)


Und er ging mit ihnen hinab und kam gen Nazareth und war ihnen untertan.
Die unscheinbare Knospe der heiligen Jesus-Blume hatte sich erschlossen; sie hatte wunderbaren Duft gegeben und ungeahnte Schönheit geoffenbart. Jesus hatte Worte voll Ewigkeitsweisheit und Himmelstiefen geredet. Vor seinem ahnenden prophetischen Geist hatte sich eine ungeheure Aussicht eröffnet. Mit Staunen hatten die Schriftgelehrten diesen Knaben angeblickt; seinen Eltern hatte er sich geistig weit überlegen gezeigt. Was wird nun folgen? Wie wird sich Jesus nun zu seinen Mitmenschen, insonderheit zu seinen Eltern stellen? Lukas antwortet ganz trocken: „Er war ihnen untertan“. Wahrlich, so hätte kein Mensch auf Erden das Bild Jesu weitergezeichnet, wenn er es nach seiner Phantasie und nach seinen zeitlichen Gedanken gemacht hätte. Wir Alle hätten nach diesem Vorgange im Tempel ein neues beginnen lassen. Aber als sei es etwas Selbstverständliches - ohne ein „trotzdem und alledem“ einzuschieben, - berichtet Lukas: Er war ihnen untertan. Das ist eine entzückende Einfalt der biblischen Schriftsteller, dass sie die tiefsten Geheimnisse so anspruchslos hinstellen; aber nicht, damit wir darüber weglesen, sondern damit wir unseren Geist dahinein versenken sollen.

Von dem heiligen Berg, da seines Vaters Haus stand und da Er seinen Vater gefunden, wie nie ein Mensch in Gott seinen Vater fand, wandert Jesus still und willig mit seinen armen Eltern in das armselige Nazareth, wo man ihn nicht verstand, wo eine sehr gemeine Weltluft wehte, wo seinem suchenden, dürstenden Geist von Außen her gar wenig Anregung und Speise geboten wurde. Nur einmal in jedem Jahr zog er in der Mitte seiner Landsleute hinauf zur heiligen Stadt. Übrigens lebte er die 18 Jahre, ehe er hervortrat vor das Volk Israel, still und verborgen in den bescheidensten Verhältnissen. „Er war seinen Eltern untertan“, das war die Überschrift über jeden Tag aller dieser Jahre, da er aus einem Knaben ein Jüngling, aus dem Jüngling ein Mann wurde.

Denkt euch diesen reichen Geist, in dem die höchsten, Zeit und Ewigkeit umspannenden, Gedanken auf und niederwogten, denkt ihn, wie er seiner Mutter, die früh zur Witwe wurde, als ein treuer Sohn zur Seite stand, mit Rat, Tat, Trost und Hilfe in guten und bösen Tagen immer ihren Willen erfüllend. Er war der Hausvater, was Fürsorge und Arbeit betrifft; sonst aber demutsvoll und ehrerbietig wie das liebste Kind, dabei immer bedacht sie zu erfreuen und durch neue Liebe zu überraschen. Denkt euch diesen reichen Geist, wie er Tag um Tag im Schweiß seines Angesichtes sorgen muss, dass Alle, die im Hause sind, Brot zu essen haben. Da seht ihn, wie er den Bauern Pflüge und Eggen macht, Scheunen und Ställe repariert, - und dabei immer fröhlich, freundlich, zufrieden und seinen Eltern untertan. Nicht wahr, da blicken wir Alle beschämt zu Boden? Ja, lasst uns nur auf den Boden blicken, ja in den Staub heruntersinken, denn dieses Kleinsein ist die höchste Größe und Majestät, das fühlen wir Alle. Dann aber lasst uns aufstehen und betend sprechen: Jesu, lass uns Dir folgen!“

O ihr Söhne und Töchter, die ihr durch die Güte und Aufopferung eurer Eltern mehr gelernt, mehr Bildung erlangt habt, wie diese, spiegelt euch in diesem „untertan“ des Größten aller Erdensöhne! Ach, wie oft findet man es, dass Söhne, die ihren Eltern geistig überlegen sind, sich ihrer nun schämen, sich über sie hinwegsetzen, sie bekritteln und korrigieren in einer Weise, die Einem das Blut in die Stirn treibt. Ja, wie oft geschieht es, dass Kinder, die zu einem christlichen Leben erweckt sind, (während die Eltern noch in den alten Wegen wandeln,) sich über die Eltern erheben! Statt durch doppelte Demut und durch Beweisung aller wahren Tugend den Eltern tatsächlich zu beweisen, dass das Christentum glücklich mache, statt dessen spielen sie den Bußprediger, führen harte richterische Reden und maßen sich an allerlei Neuerungen vorzuschlagen, die ihnen als Kindern gar nicht zustehen. Solche soll man auf Jesum hinweisen, der alle Gebote Gottes gehalten hatte von seiner Jugend an, der an seinen Eltern so manche Schwachheit sah und den sein eigenes Gewissen nie verklagte; dennoch wird sein ganzer Wandel in den 30 ersten Jahren seines Lebens verfasst in das eine Wörtlein „untertan“. Hier frage dich, bin ich ein Christ? Denn Christ sein heißt nicht gut-reformiert oder -lutherisch sein, heißt nicht Christo nachsprechen, heißt nicht: Inspirationen, Erfahrungen, Entzückungen haben, heißt nicht diese und jene Werke treiben, nein, Jesu Nachfolger sein durch Kraft der Jesusliebe, das heißt Christ sein. Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Lasst uns mit Jesu ziehen,
Seinem Vorbild folgen nach.
In der Welt der Welt entfliehen
Auf der Bahn, die Er uns brach;
Immer fort zum Himmel reisen, \ Irdisch noch schon himmlisch sein,
Glauben recht und lieben fein,
In der Lieb' den Glauben weisen,
Treuer Jesu, bleib bei mir,
Gehe vor, ich folge dir! (Otto Funcke)


Er war ihnen untertan.'

Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu. Lukas 16,10. Die verschiedenen Verehrer Christi legen gar auf verschiedene Seiten seiner Person und seines Wirkens den Hauptton. Die Einen sprechen immer nur von der neuen heiligen Lehre, von der Aufklärung über Gott und Menschen, die er uns gebracht habe. Andere können nicht schnell genug auf Golgatha ankommen; hört man sie, so ist's, als ob Jesus nur gelebt hätte, um zu sterben. Davon, dass Jesus, ehe er lehrte und ehe er öffentlich wirkte und litt, schon in aller geräuschlosen Stille fort und fort ein wahrhaftes, Heilig-menschliches, gottgefälliges Leben seinen Mitmenschen vorgelebt und durch seinen Wandel dargestellt hat, davon wird selten geredet. Und doch hat Jesus, um das Volk zu lehren, nur drei Jahre gebraucht, dreißig Jahre aber dazu, Tag um Tag, durch den Wandel ohne Wort, der Welt zu beweisen, was das heiße: Mitten in der Welt, doch allewege sein in dem, was des Vaters ist

Nachdem Jesus so drei Jahrzehnte lang dargestellt hatte, was Tugend sei, darnach sprach er: „Folget mir nach!“ Nachdem er sich so lange begnügt hatte nur mit Werken zu reden und sonst zu schweigen, begann er nun auch mit Worten zu zeugen. Was das heißt: „Im kleinen treu sein, um für das Größte tüchtig zu werden,“ - zu diesem seinem späteren Wort hat Jesus selbst durch sein sanftmütiges, geduldiges, freudiges Stillleben in den unscheinbarsten Verhältnissen, Arbeiten, Umgebungen zu Nazareth die beste Auslegung geliefert.

Wie Mancher denkt: Ach, ich bin nicht in den rechten Kreisen; ich werde nicht verstanden, nicht anerkannt, man taxiert mich nicht hoch genug; - wie Mancher denkt: Ich habe nicht den rechten Posten und Beruf in der Welt; stünde ich da und da, ah, wie ganz anders könnten sich meine Talente entfalten, wie ganz anders könnte ich etwas schaffen! - Was sagt Solchen der Herr Jesus, der sich dreißig Jahre in Nazareth, dem ordinären Bauerndorf, gefallen ließ? Antwort: Sei treu im Kleinen! fülle die Stelle, wo du von Gott hingestellt bist, erst recht aus; werde deinem Beruf, mag er auch noch so gering sein, erst einmal gerecht, beweise deine Sanftmut, Geduld, Beharrlichkeit und Dankbarkeit, - dann wird sich das Weitere finden. So grade wirst du fürs Große reif werden und dein Vater im Himmel wird wohl die Zeit ersehen, dich dahin zu führen.

Das war der Sinn, den Jesus bewies. Er sprach mit Samuel: „Gehorsam ist besser denn Opfer“. Ihm schien es göttlicher und heiliger in Nazareth getreulich die Kindespflichten zu erfüllen und sich als einen fleißigen Zimmermann und getreuen Nachbarn zu beweisen, als, im Widerstreit gegen diese Pflichten, sich hochbegeistert an den glänzenden Tempelgottesdiensten zu beteiligen und sich im Verkehr mit den großen Gelehrten und Kirchenfürsten theologisch zu bilden. „Gehorsam ist besser denn Opfer,“ so sagte er und so tat er. Er lebte den Nazarenern vor, wie man bei saurer Arbeit doch ein Leben mit Gott führen und sein Herz für die tiefsten und heiligsten Dinge immerdar offen haben könne; er lebte ihnen vor, wie man der liebenswürdigste Mensch sein und doch keines Menschen Knecht sein könne; wie man ganz und gar zufrieden sein und dabei doch ein viel Höheres erstreben könne; usw.

So lebte Jesus erst dreißig Jahre lang, was er dann lehrte. Wenn er nun sprach zum Beispiel: „Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihr ihnen;“ oder: „Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu“; „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist,“ - so mussten Alle, die ihn gesehen hatten oder eben jetzt sahen, sagen: Was Er sagt, das ist Er auch. Die Sanftmut, die Herzensreinheit, das Hungern und Dürsten nach der Gerechtigkeit, das Alles war nie in einem Menschen also wie in Ihm, und dass es selig und frei und glücklich macht, das hat man auch je und je an Ihm gesehen. Ja, wahrlich, Er hat Recht so zu sagen.

Uns aber ermahnt der Apostel Petrus: „Geht hin und verkündigt die großen Tugenden Des, der Euch berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.“ Wie denn verkündigen? Ich sage weiter nichts; ich weise auf Jesum hin: Erst darstellen und schweigen, dann verkündigen und zeugen!

Stiller Jesu, wie dein Wille
Dem Willen deines Vaters stille
Und bis zum Tod gehorsam will;
Also mach auch gleichermaßen
Mein Herz und Willen dir gelassen,
Und stille meinen Willen gar;
Mach' mich dir gleichgesinnt
Wie ein gehorsam Kind,
Still und folgsam, Jesu, Jesu,
Hilf mir dazu,
Dass ich fein stille sei wie Du. (Otto Funcke)


Und Seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.
In dem Entwicklungsgange eines Kindeslebens offenbart sich uns eine Welt der Zukunft, der das junge Gemüt entgegenwächst. Es ist notwendig, dass wir diesen Offenbarungen lauschen, um aus ihnen Weisungen zu entnehmen, welche Bedürfnisse in dem jungen Herzen befriedigt werden wollen, und auf welche Richtung seine Gaben und Kräfte hinzulenken sind. Maria hatte reichen Anlass, die wunderbaren Erscheinungen, welche den Lebensgang des heiligen Kindes begleiteten, zum Gegenstand ihres betenden Nachdenkens zu machen; da das Verständnis derselben ihr anfangs noch verborgen blieb, so mussten die Umstände, unter denen ihr einst die Geburt des Kindes durch des Engels Mund verkündigt ward, die wunderbaren Ereignisse, die Seinen Eintritt in die Welt begleiteten, der Eindruck, den die Hirten von dem Kinde empfingen, die Anbetung der Weisen aus Morgenland, Symeons weissagende Rede von Seiner Zukunft, die wunderbare Errettung Seines durch Herodes gefährdeten Lebens - Alles musste ihr dazu dienen, die Gotteshand zu erkennen, die schützend und vorsorgend über dem Kinde waltete; und dieses Sein erstes Wort, welches ihr die Richtung Seines Inneren aufdeckte und sie Seine künftige Bestimmung ahnen ließ, musste in ihrem Herzen die Gewissheit bestätigen, dass der Herr dies Kind für eine große Zukunft aufgespart habe. Das Alles hat den Blick ihrer Liebe geschärft, sie in dem Werke der Erziehung treuer und gewissenhafter gemacht, sie aber auch gedrungen, nicht nur in sich selber immer aufs Neue durchzudenken, was dem Kinde Not tue, sondern Sein wahres Wohl auch in steter Fürbitte dem himmlischen Vater an das Herz zu legen. - Ein jedes Kind, das in die Welt geboren, und durch die Taufe unter die Obhut des guten Hirten gestellt wird, ist auch ein Gegenstand Seiner besonderen Fürsorge; jedes hat von Ihm seine eigentümliche Richtung empfangen; jedes hat Er mit besonderen Gaben und Kräften ausgestattet; die Natur eines jeden ist aber auch besonderen Gefahren und Versuchungen ausgesetzt. So wie das geistige Leben des Kindes erwacht, fängt auch die verborgene Welt seines Inneren an, sich vor uns zu entfalten; oft ist Ein bedeutsames Wort der Ausdruck einer vorherrschenden geistigen Richtung; in Freud' und Schmerz, im Verkehr mit den Geschwistern, beim Spiel, in den kleinsten Gewöhnungen offenbart sich oft bedeutsam die Eigentümlichkeit des Charakters; die Unbeugsamkeit des Willens, oder seine Lenksamkeit; die Richtung auf das Äußere, oder Neigung zur Innerlichkeit; Anlagen zum Guten, wie zum Schlimmsten; Gaben des Geistes und Herzens, und die ihnen ganz nahe liegenden Gefahren: dieser Besonderheit seiner Natur will Rechnung getragen sein; die Weise, an der Ein Kind genommen sein will, eignet sich nicht für das Andere; das Eine ist glücklicher angelegt, das Andere hat mit größeren Hindernissen in seiner körperlichen und geistigen Anlage, selbst in seiner sittlichen Natur zu kämpfen; darum tut's Not, dass des Vaters und der Mutter Auge die Erscheinungen, in denen das innere Leben ihres Kindes sich kund gibt, bei jedem Einzelnen genau beachten, Späteres mit Früherem vergleichen, dass sie dem Gottes-Gedanken nachsinnen, der nach dem Willen Gottes dereinst sich in diesem Kinde erfüllen soll, und dass sie vor Allem dies ihr Kind alle Tage aufs Neue in der Fürbitte dem Herrn befehlen. Wir können es ja deutlich inne werden, wie die Gotteshand, die das Leben des Jesuskindes schirmte, auch über unseren Kindern waltet, und gläubige Eltern sind es sich freudig bewusst, dass Gottes Engel ihren kleinen Lieblingen schützend zur Seite stehen; aber diese Zuversicht des Glaubens, dass die Kleinen dem Herrn so lieb sind, macht sie auch eifrig in der Pflicht, jedes ihrer Kinder Tag für Tag dem Herrn aufs Neue zu befehlen, Ihm die Freuden, Ihm die Sorgen und Schmerzen auszusprechen, die dem Vater- und Mutterherzen aus der Erziehung des Kindes erwachsen, und vor Seinem Angesichte sich immer aufs Neue der wahren Bestimmung bewusst zu werden, zu der die Kinder erzogen werden sollen, mit all' ihren Gaben und Kräften dereinst in den Dienst Gottes einzutreten, und in Seinem Worte wie auf Seinen Wegen allezeit treu erfunden zu werden. (Julius Müllensiefen)


Und er ging mit ihnen hinab und kam gen Nazareth und war ihnen untertan.
Das ganze Leben des Heilandes ist groß und anbetungswürdig, aber ich muss sagen: das ist eine seiner größten Taten, die ich mir denken kann, dass er bis in sein dreißigstes Jahr keine besondere Taten getan hat, sondern stille und ruhig geblieben ist. Dazu gehörte ein Maß von Geduld und Ergebung in den Willen seines Vaters und von kindlichem Gehorsam, das wir uns gar nicht vorstellen können. Was soll es aber uns lehren?

Das soll es uns lehren, dass es keinen Beruf auf Erden gibt, der sich nicht mit einem wahren Christenleben vertrüge, es sei denn man habe den Beruf eines Diebes oder Räubers oder Mörders oder einen anderen erwählt wozu der Teufel beruft und lockt. So gut der Heiland, der eingeborne Sohn Gottes bis in sein dreißigstes Jahr dem Beruf eines Zimmermanns nachgehen konnte, so gut können auch wir, mag uns nun Gott einen Beruf zugewiesen haben, welchen er will, in diesem Beruf Christen, Nachfolger des Heilandes sein und bleiben. Es will sich oft der Eine oder andere damit entschuldigen, er habe eine so schwere Berufsarbeit, er könne sich nicht so sehr auf geistliche Dinge legen. Ei der möge doch in die Zimmermannshütte hineinsehen, in welcher der Sohn Gottes arbeitet, und sich fragen, ob er sich werde vor Gott entschuldigen können, der seinen Sohn 30 Jahre lang alle Lasten des gewöhnlichen Lebens hat tragen lassen. - Andere glauben, wenn sie zu einem wahrhaftigen geistlichen Leben durch den Geist Gottes aufgeweckt worden, jetzt können sie nimmer in ihrem bisherigen Beruf bleiben, er sei zu geräuschvoll, sie kämen dadurch zu sehr in den Verkehr mit anderen Menschen usw. Mein lieber Mensch, in dem, wozu dich Gott verordnet hat, da bleibe, und ist das Leben dir zu geräuschvoll, so lasse es dich antreiben, desto mehr in dich selbst einzukehren und den verborgenen Menschen des Herzens unverrückt und im Stillen unter allem Geräusche der Welt zu nähren und zu pflegen. Auf den Beruf und die treue Verwaltung desselben hat Gott einen besonderen Segen gelegt, denn wer im Geringen treu ist, den kann er über viel setzen, wer aber im Geringen untreu ist, der ist auch im Großen untreu.! (Ludwig Hofacker)


Er ging mit ihnen hinab und kam gen Nazareth, und war ihnen untertan.
Zu der Geschichte vom zwölfjährigen Jesus bemerkt ein alter Ausleger: „Ein junger Baum, der zeitig anfängt, mit Blumen und Früchten seinen Gärtner zu erfreuen“. Zu diesen Früchten gehört sein Gehorsam gegen seine irdischen Eltern. Welch' ein Zeugnis seiner Erniedrigung, seiner Demut! Der Schöpfer wird dem Geschöpfe untertan, dem alle Engel und Erzengel gehorchen, wird seinen Eltern gehorsam. Das hat er alles uns getan, sein groß Lieb' zu zeigen an. Von Jerusalem nach Nazareth, vom Heiligtum seines himmlischen Vaters ins Haus und in die Werkstatt seines Pflegevaters diesen Weg geht Jesus. Zweierlei soll uns damit ins Herz geschrieben werden. Einmal dies, dass Gehorsam ein gottgefälliges Opfer ist, das von jeglichem Christenmenschen, wes Alters und Standes er ist, dargebracht werden. soll wie dringt vorab das Exempel Jesu alle Kinder im Hause, ob sie nun klein oder groß sind, zum Gehorsam gegen die Eltern und alle, welche ihnen Gott der Herr vorgesetzt hat! Durch die Sünde der Menschen lockern und lösen sich da und dort die Bande, welche Gott geknüpft hat, es lüstet Alle nach Freiheit, nach der falschen Freiheit, nach welcher einst auch der Teufel in seinem Hochmut begehrt hat und durch die er zu Fall gekommen ist. Jesu heiliges Exempel der Erniedrigung und des Gehorsams strafe und tilge solch' Gelüsten! Sodann aber lasst uns von Jesu lernen, wie er gearbeitet und dadurch unsere Arbeit geheiligt und gesegnet hat. Von Jerusalem nach Nazareth - den Weg müssen wir ihm nach auch gehen, hinauf zu beten, hinab zu arbeiten. Guter Wind und wohl gerudert, das hilft dem Schifflein fort. Ein guter Christ und ein treuer Arbeiter in dem gottgeordneten Berufe, dies verträgt sich wohl zusammen, ja es muss beisammen sein, wenn's gesundes Christenleben ist, sonst macht man dem Christennamen Schande. Gott lehre uns beides in feine Eintracht bringen, dass dadurch sein Name geehrt werde unter den Leuten. (unbekannt)


Und Er ging mit ihnen hinab, und kam gen Nazareth, und war ihnen untertan.
So frühe schon hat der Herr die hohe Aufgabe Seines Lebens begriffen, Dienst und Gehorsam zu üben. Und die Fülle des Geistes, die in Seines Vaters Hause über Ihn gekommen war, hat Ihm nicht gewehrt, alsbald in die engen Schranken der demütigen Kindespflicht zurückzukehren. So wie hier in der Kindheit, so ist Er auch später am Schlusse Seines Lebens von dem Berge der Verklärung willig in das Tal Gethsemane hinabgestiegen, und hat die hellen Gesichte und den Himmelsglanz gegen das Dunkel der Todesnacht eingetauscht. Hier liegt das Geheimnis Seiner Größe und Herrlichkeit; die Demut des Kindesgehorsams war der Boden, aus dem die Himmelsblüte dieses einzigen Lebens erwuchs; die stille Verborgenheit des ärmlichen Elternhauses in Nazareth war der befruchtende Sonnenstrahl, der sie zu so wunderbarer Herrlichkeit entfaltete. - Die Aufgabe des Lebens ist noch jetzt keine andere, und Dienst und Gehorsam bilden die einzig festen Unterlagen, auf denen es sicher sich aufbaut. Wohl ist das Leben mit seinen Schicksalen und Führungen so angetan, dass es die Arbeit dieser Grundlagen immer aufs Neue begehrt, aber in der frühesten Jugend muss diese Arbeit beginnen, und Eltern können ihren Kindern keine größere Liebe erweisen, als indem sie die mannigfachsten Übungen demütigen Gehorsams in das junge Leben hinein verflechten. Mit dem Gehorsam muss alles Leben und Glauben beginnen; darauf deutet schon das Wort hin, denn es wird abgeleitet von „horchen“, das heißt: genau hören, Acht geben auf das Wort, durch das der Herr zu der Seele des Menschen spricht; in diesem Sinne sagt auch die Schrift: „So kommt nun der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber aus dem Worte Gottes.“ (Röm. 10, 17.); und an einer anderen Stelle: „Das aber auf dem guten Lande sind, die das Wort hören und behalten in einem feinen und guten Herzen, und bringen Frucht in Geduld.“ (Luk. 8, 15.) Dem Kinde aber wird Gottes Wort durch des Vaters und der Mutter Mund vermittelt; sie sind ihm die Stellvertreter Gottes, die von Gott bestellten Hüter und Wächter, und ihr Wort ist dem Kinde das erste Evangelium. Wie viel Sorge und Mühe wendet ihr daran, lieben Eltern, um euren Kindern einmal ein gesichertes Durchkommen zu verschaffen, und wenn sie zum ersten Male das Vaterhaus verlassen, um sich in der Welt zu versuchen: wie bange blickt ihr ihnen dann nach, und bewegt die Frage in eurem Herzen, ob sie auch das ersehnte Glück finden und den ungleichen Kampf mit den Mächten dieser Welt bestehen werden; o, wenn ihr's doch wissen wolltet, wie viel von dem künftigen Lebenslose eurer Kinder Gott in eure Hände gelegt hat! Habt ihr sie frühe darin geübt, Gehorsam und Dienst zu beweisen, nicht sich zu leben, und ihr Glück darin zu finden, Anderen Liebe und Dienst zu erweisen, dann sind sie wohl ausgerüstet, den Ansprüchen des Lebens zu begegnen; tausend bittere Täuschungen bleiben ihnen dann erspart, denn sie werden sich bald und leicht in Gottes Wege schicken, die alle auf den Gehorsam und die Selbstverleugnung abzielen; und wo Menschen mit ungebrochenem Eigenwillen über das Elend des Lebens klagen, da werden die in Gehorsam und Entsagung, in Dienst und opferfreudiger Hingabe Geübten über dem Bemühen, das Elend Anderer zu mildern, der eigenen Not nicht inne werden, und den reichsten Segen Gottes erfahren, von dem jedes uneigennützige Wirken begleitet ist. - Und ihr, lieben Kinder, die ihr diese Worte leset, auch wenn ihr schon über die jungen Jahre hinaus seid, lasst euch von dem besten und frömmsten Kinde zum freudigen und willigen Gehorsam gegen Vater- und Mutter-Gebot ermuntern; schämt euch nicht, ihr liebe Jünglinge, den Trotz eures Eigenwillens zu brechen, wenn das Gefühl eurer Kraft und ein falscher Freiheits-Dünkel euch über das Gebot des strengen Vaters erbittern möchte; und ihr, liebe Töchter, überwindet die reizbare Empfindlichkeit über den Tadel der Mutter; lasst euch gerne weisen und beraten, auf dass es euch dereinst wohl gehe auf Erden, und gedenket, dass Gott der Herr Segen und Fluch über euch in der Eltern Hände gelegt hat, denn des Vaters Segen baut den Kindern Häuser, aber der Mutter Fluch reißt sie nieder.“ (Julius Müllensiefen)


Und er ging mit ihnen hinab, und kam gen Nazareth, und war ihnen untertan.
Jesus war seinen Eltern untertan. Das ist nur ein kurzer aber bedeutungsvoller Zug aus dem heiligen Jugendleben des Heilandes. Er war der ewige Sohn Gottes, und er wusste es. Das bezeugt sein Wort im Tempel zu Jerusalem: „Muss ich nicht sein in dem, das meines Vaters ist?“ Er stand durch diese Erkenntnis ganz anders zu seinen irdischen Eltern, als sonst ein Kind zu seinen Eltern steht. Er war ihr Kind und doch zugleich ihr Gott und Herr. Aber dennoch ging er mit ihnen hinab, und war ihnen untertan. „Ehre Vater und Mutter.“ Das ist Gottes Gebot für die Kinder. Und wie das ganze Gesetz, so hat er auch dies Gebot in seinem heiligen Leben vollkommen erfüllt. Da erkennen wir auch, was not ist, wenn wir unsere eigenen Kinder recht und christlich erziehen wollen. Gehorsam ist die eigentliche Kindertugend. Die Kinder zum Gehorsam zu erziehen, das ist die Hauptsache aller Erziehung. Obwohl der Sohn Gottes, ordnet sich das Jesuskind doch seinen irdischen Eltern unter, und erfüllt ihren Willen gern und willig. So ist's mit unsern Kindern nicht immer. Aber sie sollen dazu erzogen werden, dass sie dem Jesuskinde ähnlich werden, sich unterordnen lernen, dienen lernen und gehorsam sein in allen Dingen, wenn's nötig ist, mit aller Strenge. Dabei aber darf ein anderes nicht vergessen werden. Von den Eltern Jesu heißt es: „Sie gingen alle Jahre gen Jerusalem auf das Osterfest.“

Das war ein Weg von mehr als 20 Meilen. Aber sie scheuten den weiten Kirchweg nicht. Es herrschte also Gottes Ordnung in dem Hause, in welchem das Jesuskind aufwuchs, und die heilige Sitte des Volkes Gottes. Es wird auch an der Sabbatfeier nicht gefehlt haben, an der Beschäftigung mit dem Worte Gottes, an dem täglichen Gebet. Und das ist ein wichtiger Fingerzeig für alle, welche ihre Kinder christlich und zu Christen erziehen wollen. Das Christentum will weniger gelehrt, als vorgelebt werden. Wenn ein Kind sieht, wie seine Eltern täglich dem Irdischen nachjagen und um Gottes Wort sich nicht kümmern: wird es da nicht in dies weltliche Treiben hineingezogen werden trotz alles christlichen Unterrichtes, und dem nachleben, was es von dem Vater und von der Mutter sieht? Wo aber ein Kind christliche Sitte und christliche Ordnung im Elternhause sieht, da lebt es von selbst sich in dieselbe hinein. Wie die Eltern Gottes Wort lieb haben, so werden auch die Kinder das Wort Gottes lieben lernen. Darum lasst uns sorgen, dass christliche Ordnung und Sitte in unserm Hause herrsche, und halten auf pünktlichen und willigen Gehorsam. Dies beides ist das Haupterfordernis einer rechten und christlichen Erziehung.

Lasst uns beten: Herr Jesu Christe, heilige Du selbst unser Haus, dass es ein rechtes Christenhaus werde. Hilf, dass christliche Ordnung und fromme Sitte immer mehr bei uns herrsche und gewahrt werde. Den Kindern aber gib, dass sie ihren Eltern untertan seien in willigem und treuem Gehorsam, wie Du Deinen Eltern untertan gewesen bist gern und willig. Uns alle aber stärke durch Deinen Heiligen Geist, dass wir immer mehr rechte Kinder werden des himmlischen Vaters, dass es uns eine heilige Gewohnheit werde, ja dass wir nicht anders können, als bleiben in seinem Wort und Willen, damit wir einst Erben seien Deines Reiches. Amen. (Alfred Meyer)

Predigten

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