Matthäus 5,14
Andachten
Ihr seid das Licht der Welt. Es mag die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an, und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter, so leuchtet es denen allen, die im Hause sind.
Die Jünger Christi, die von dem ewigen Lichte, das in Christo erschienen ist, erleuchtet sind, werden dadurch selbst ein Licht in dem Herrn für die finstere Welt umher. Ja, sie leuchten mit dem hellen Licht ihres Lebens und Zeugnisses in die finstere Welt hinein und verscheuchen die Nacht. Sie decken wie ein helles Licht alle Finsternis, alles ungöttliche, verkehrte Wesen, allen Irrtum, Wahn, Aber- und Unglauben, den ganzen verzweifelt bösen Schaden der Welt auf, verbreiten die reine, lautere Wahrheit nach allen Seiten hin und locken und ziehen die empfänglichen Herzen zur Wahrheit hin. So wird die Welt, die weiland Finsternis war, durch sie, d. h. durch ihre menschliche Vermittlung, zum Licht, und was es in der Welt als solcher von Licht und Erkenntnis der Wahrheit gibt, es kommt von ihnen. Die Welt gewinnt von ihrem Licht, zieht Nutzen davon, ohne dass sie es weiß und wissen will. Sie meint das Licht aus sich selbst zu haben, aber sie hat es in der Tat von ihnen. Sie sind das Licht der Welt, sind selbst durch die Wahrheit erleuchtet, erkennen im Lichte der Wahrheit die Dinge, erforschen sie tief und gründlich, und von ihnen geht nun das Licht aus über die finstere Welt und erleuchtet sie mehr oder weniger.
Aber, das Licht leuchtet nicht bloß, es wärmt auch. Die Jünger des Herrn wärmen auch die Welt; es geht von ihnen eine wohltuende, segnende Wärme aus auf die Welt. Die Welt an sich ist kalt in ihrer Selbstsucht; jeder sucht das Seine und sieht auf seinen Weg. Was in der Welt von Liebe, von einer wärmenden Macht der Liebe ist, es kommt vornehmlich von den Jüngern des Herrn. Sie selbst sind durch das Licht, die Sonne der ewigen Liebe, die ihnen in Christo aufgegangen ist, warm geworden, darum wärmen sie auch die Welt. Die Liebe der Jünger des Herrn geht wie ein warmer Hauch über die arme, kranke, elende Welt und schützt und rettet die geistlich und leiblich Armen, die Kranken, die Blinden, die Gefangenen, die Elenden, und macht sie für Liebe empfänglich und weckt auch in ihnen Liebe. Aber das Licht leuchtet und wärmt nicht bloß, es hat auch eine verzehrende Kraft, es verbrennt auch, was ihm nahe gebracht wird. Auch in diesem Sinne sind die Jünger des Herrn ein Licht. Sie decken mit ihrem Licht nicht bloß das Böse in der Welt auf, bringen es nicht bloß ans Licht, sondern strafen es auch, und damit hemmen, hindern, unterdrücken und zerstören sie es auch. Was für eine ganz andere Macht noch würde das Böse in der Welt sein, wenn nicht die Jünger des Herrn als solch ein scheinendes, warnendes, strafendes Licht demselben gegenüber ständen! Wieviel mehr Böses würde aufkommen! Wieviel Böses wagt sich um ihretwillen nicht an das Licht, bleibt unausgesprochen und unausgeführt! Wieviel Böses wird auch wirklich in Kraft ihres leuchtenden Wandels und Zeugnisses als Böse erkannt, bereut, abgetan! Welch eine Gewalt hat ein lautes Zeugnis der Wahrheit, ein kühnes, entschiedenes Bekenntnis derselben, ein wahrhaft christliches Verhalten dem Bösen in der Welt gegenüber! So sind die Jünger des Herrn das Licht der Welt. Das ist ihr hoher Beruf.
Ach, Herr, gib uns Kraft und Weisheit, diesen unseren Beruf immer treuer und besser zu erfüllen! (Ludwig Josephson.)