Psalm 16,11
Andachten
Vor dir, o Gott, ist Freude die Fülle, und liebliches Wesen zu deiner Rechten ewiglich.
Wie langweilig, übergeistlich, übermenschlich und unbehaglich stellen sich doch die meisten Menschen das Leben im Himmel vor. Sie machen sich das meist selbst nicht recht klar; die Kleinen aber sind mit ihren Anschauungen in der Regel das sichere Echo der Großen. Wie oft aber hört man Kinder sich aussprechen, sie genierten sich eigentlich doch recht sehr in den Himmel zu kommen und hofften, dass zu der Zeit der liebe Gott gerade nicht zu Hause wäre. Aus solchen und ähnlichen Reden geht dann hervor, wie wenig man den Kindern in Gott den Vater gezeigt hat. Ja, ein englischer Knabe sagte ganz treuherzig zu seiner Mutter: „Nicht wahr, Mama, wenn wir erst im Himmel sind, dann darf ich doch Sonnabends-Nachmittags zuweilen in die Hölle gehen und spielen“? Es graute ihm also vor dem Himmel. Um spielen zu dürfen, musste er erst in die Hölle hinein, während er sich das himmlische Leben wohl als einen ins Endlose verlängerten hochkirchlichen Gottesdienst mit langen Predigten, Responsorien und liturgischen Formeln dachte. Da musste dem Kinde wohl der Himmel zur Hölle und die Hölle, wo man spielen darf, zum Himmel werden. Und doch hat schon der alttestamentliche Sänger erkannt, dass vor Gott Freude die Fülle ist und liebliches Wesen immer und ewiglich. Jetzt, bei so einer Beschreibung, wird Einem anders zu Mute. In der Tat wird nichts menschlicher sein, wie das himmlische Leben. Nicht nur ein neuer Himmel, sondern auch eine neue Erde steht uns in Aussicht. Und Alles, was in Wahrheit menschlich zu heißen verdient, jede edle Gabe und Kraft des Menschen, jede liebliche Anlage, jedes Talent, Alles, was das Menschenleben wahrhaft schön und erhaben, heilig und groß macht, - es wird in der Gemeinde der Erlösten gefunden werden. Auch Musik, Gesang, Poesie und alle edle Kunst weisen über sich hinaus in die Welt der Vollendung hinein; denn Jesus Christus ist der Erlöser des gesamten Menschenwesens. Wir werden's erfahren, (wenn wir uns in Ihm nur heiligen und erleuchten lassen durch und durch.) dass vor Gott Freude die Fülle ist und liebliches Wesen ewiglich.
Darum ist's auch recht, und durch und durch evangelisch, wenn man Kindern den Himmel mit den Farben, wie sie ihnen lustig sind, ausmalt. Wir treffen in der Sache das Richtige, wenn wir ihnen zeigen, wie hier ihre tiefsten und glühendsten Wünsche wunderbar erfüllt sind. Luther ist auch in dieser Beziehung unübertrefflich! Er malt seinem kleinen Hans den Himmel aus wie einen hübschen lustigen Garten, da ist große Kindergesellschaft. Sie tragen güldene Röcklein, spielen, essen, trinken, tanzen, schießen mit Armbrüsten nach Herzenslust, reiten auf schönen kleinen Pferden mit goldenen Zäumen und silbernen Sätteln usw. Aber nur die Kinder, die gerne beten, lernen und fromm sind, dürfen hinein und die dürfen sich dann noch einige Lieblingsgesellen mitbringen. So ist's wahrhaft kindlich gedacht und so ist's gewiss auch göttlich gedacht; denn auf Verklärung und Erleuchtung unserer Menschennatur zielen seine Wege mit uns. Freude die Fülle und liebliches Wesen sollen uns hier ewiglich umfangen; nur müssen wir erst „die göttliche Traurigkeit“ kennen lernen und über unserem hässlichen Wesen so recht in der Tiefe Buße tun. Dann aber dürfen und müssen wir uns auch das Leben des Himmels als ein Leben der Vollendung und seliger Fülle denken. Wir sprechen von der himmlischen Heimat; das ist ein schöner Ausdruck und er bezeichnet, was wir suchen, wir vielgehegten, unruhvollen Erdenpilger.
Der Seemann, der Monden lang auf dem sturmbewegten Ocean hin und her getrieben ist, der oft in großer Fährlichkeit und Angst schwebte und schier verzagte, seines Hauses Giebel wiederzusehen, - O, wie muss es ihm zu Mute werden, wenn ihn nun endlich, in den rollenden Ozean hinein, das Licht des Leuchtturms, der am heimatlichen Strand steht, freundlich winkend grüßt, wenn er sich nun sagen darf: „Morgen, wenn der Tag anbricht, bin ich bei Weib und Kind!“ Welches Glück muss ihn erfüllen, wenn er nun sagen kann: „Zu Hause“! Wie muss es dem Kriegsmann sein, der nach so langen Tagen der bitteren Entbehrung und stetiger Gefahr, umgeben von so viel rohem Gebaren wilder Gesellen und umgeben von so viel Jammer und herzzerbrechendem Wehe, - wie muss es ihm sein, wenn er nun am Weihnachtsabend in den reichen Kreis aller seiner Lieben tritt unter den Lichterbaum! Da mag's ihm ,“zu Hause“ wohl stundenlang vorkommen, als bliebe nichts zu wünschen übrig. Aber jeder Erdengemeinschaft folgt wieder die Trennung, und wie bitter das ist, es ist doch gut. Denn, so lange wir sind wie wir sind, gewährt keine Gemeinschaft dauernde Befriedigung. Überall stellen sich Mängel und Schäden heraus und jede Gemeinschaft hat ihre Grenzen, so gewiss alle Menschen unvollkommen sind. Es treibt hier unten den Menschen immer wieder auf ein Neues, Höheres hin, und selig, wer merkt, dass es ihn zu Dem will hintreiben, der die Verirrten zum Vater heimbringt. Da wo Christus, unser König, wohnt und waltet, da werden wir erst zu Hause sein; da erst ist Freude die Fülle und liebliches Wesen immer und ewiglich, aber da ist's auch. (O. Funcke)
In Ihm ist Freude und Fülle.
Der Gott des Himmels frohlockt über Seine Erretteten. Er sehnt sich nach dem Augenblick, da Er sie alle um Seinen Thron scharen kann. Aus dieser Seiner Freude Hießt Freude in die Herzen derer, die Ihm verbunden sind. Bei allem Ablegen und Anziehen, allem Entsagen und Überwinden, in aller Arbeit, Not und Angst des Bewährungsstandes soll der Herr unsere Freude sein. Es ist Wonne, Sein Eigentum und die Freude Seines Herzens zu bleiben! Wie Er sich über uns freut, so wollen wir über Ihn uns freuen. O Pilger im Lande des Staubes und des Todes, welche Gnade ist dir doch zuteil geworden, dass der Allerhöchste, dein Gott und Heiland, dich in Sein treues Herz geschlossen hat und nicht ruht, bis du bist, wo Er ist, bis du den König in Seiner Schöne, in Seiner Pracht und Herrlichkeit sehen kannst, bis du wohnest in den reinen Palästen! Der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, der Sieger über Satan, Sünde, Hölle und Tod; der Herr der Liebe und der Herrlichkeit hat uns für sich erwählt, dessen freuen wir uns. Sein Verhältnis zu uns und unser Verhältnis zu Ihm ist eine unversiegbare Quelle des Trostes, der Freude, der Kraft und des Mutes. In Ihm ist Freude die Fülle und liebliches Wesen zu Seiner Rechten ewiglich. Bis wir im Reiche der Herrlichkeit von Angesicht zu Angesicht Ihn schauen dürfen, soll Er im Bewährungsstande die Sonne sein, um die sich unser Denken und Tun, unser Hoffen und Sehnen bewegt. O Begnadigter, höre mit stiller Geistessammlung deinem Heiland zu. Er führt dich ein in die Herrlichkeit seines Hauses, wo ewige Freude wohnt. (Markus Hauser)