Psalm 139,16
Andachten
Es waren alle Tage auf Dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, und derselben keiner da war.
Die Tage eines Menschen verfließen schnell und unvermerkt, und Gott hat die Erkenntnis desselben so eingeschränkt, dass er an keinem Morgen weiß, was ihm am selbigen Tag begegnen werde, und an keinem Anfang einer Woche oder eines Jahres, was ihm in selbiger Woche oder in demselben Jahre widerfahren werde, ja es führt oft eine Stunde, eine Minute, oder ein Augenblick etwas Neues mit sich, das man in der vorhergehenden Stunde, Minute oder Augenblick nicht vermutet hätte; weswegen auch meistenteils die angenehme Hoffnung, mit welcher man auf zufällige, künftige Freuden wartet, oder die Angst, mit welcher man ein künftiges Unglück fürchtet, vergeblich ist. Ein Mensch kann das Werk nicht finden, das unter der Sonne geschieht; und je mehr der Mensch arbeitet zu suchen, je weniger er findet; wenn er gleich spricht: ich bin weise, und weiß es, so kann er’s doch nicht finden, Pred. Sal. 8,17. Was man aber mit seinem Verstand nicht finden kann, kommt von einem Augenblick zum andern, von einem Tag zum andern ans Licht. Gott aber sind alle Seine Werke bewusst von der Welt her, Ap. Gesch. 15,18. Es ist Alles bloß und entdeckt vor Seinen Augen, Hebr. 4,13. Es waren, da wir noch unbereitet im Mutterleibe lagen, alle unsere Tage auf Sein Buch geschrieben, die noch werden sollten, da derselben noch keiner da war. Ohne Zweifel ist dasjenige, was hier von unsern Tagen gesagt wird, nicht nur von der Anzahl der Tage, sondern auch von allen Zufällen zu verstehen, welche in allen unsern Tagen vorkommen. Auch diese waren Gott vorher bekannt, und zwar sowohl diejenigen, welche ohne der Menschen Willen von Ihm verhängt werden, als auch diejenigen, welche unter Gottes Wohlgefallen oder Zulassung von der Menschen Weisheit oder Torheit, Treue oder Untreue, Liebe oder Hass bestimmt werden. Man bedenke, wie viele solche Begebenheiten der Heilige Geist den Propheten geoffenbart habe, und vorher verkündigen lassen; da man dann den richtigen Schluss machen kann: wenn Gott diese Begebenheiten vorher gewusst hat, so hat Er auch alle die übrigen, die nicht vorher verkündigt worden, gewusst, da ohnehin Alles in der Welt zusammenhängt. Gott hat diejenigen, die selig werden, erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, folglich hat Er sie selbst und ihren ausharrenden Glauben schon damals erkannt.
Wenn wir auf unsere verflossenen Lebenstage zurücksehen, so haben wir Gott Vieles abzubitten, und für Vieles zu danken. Es ist kein Weiser, der sich nicht seiner ehemaligen Torheit schämen, und kein Heiliger, der nicht begangene Sünden bereuen müsste. Wenn die Weisheit und Heiligkeit in dem Menschen anfängt reif zu werden, so ist er seinem Übergang in die selige Ewigkeit nahe; neben ihm aber fangen Andere ihren Lauf mit einem kindischen Unverstand an, oder setzen ihn mit einem jugendlichen Leichtsinn fort: und deswegen kann die Erde nie etwas Vollkommenes aufweisen, und muss immer ein Schauplatz einer mannigfaltigen Torheit und eines drückenden Elends bleiben. Dank sei aber dem großen Gott für Seine Geduld und Langmut, womit Er die armen Menschen trägt. Dank sei Ihm für die Wohltaten, die Er ihnen an Einem fort erzeigt. Der glücklichste Tag in unserem Leben ist der Tag unserer Begnadigung; unser Todestag aber soll besser sein als der Tag unserer Geburt. (Magnus Friedrich Roos)