1. Mose 3,12
Andachten
Da sprach Adam: Das Weib, das Du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.
Wie doch die Sünde jedes Gemeinschafts-Verhältnis auf Erden zerrüttet und verwirrt! Da seht gleich hier in der ersten Sünde! Der Mann sollte des Weibes Herr und Haupt sein und siehe, er unterwirft sich ihrem gottwidrigen Willen, da er sündigt. Das Weib sollte die dienende Gehilfin des Mannes sein, und sie wird - die Verführerin, die ihn ins Todeswesen hineinzieht. Da ist Alles auf den Kopf gestellt! Wie es aber geschehen konnte, dass der Mann sich so leicht und schnell von dem Weibe fortreißen ließ, hat man oft gefragt. Sie gab - nahm - er aß - gerade als ob es nicht anders hätte sein können. Nun freilich hätte es anders sein können, aber es ist in der Regel nicht anders. Eheleute ziehen sich allermeist mit einander fort, sei es zum Guten oder zum Bösen; darum ist auch für das innere Leben kaum eine Wahl und Entscheidung wichtiger, als wenn es sich um eine eheliche Verbindung handelt. Die das Wesen der Ehe kennen, werden zugeben, dass grade da, wo die Ehe den Namen verdient, wo sie auf einer tiefen Neigung und einem starken Willen der Seele beruht, dass grade in solcher Ehe der eine Teil nicht leicht sein Schicksal von dem des andern trennt. Das ist auch etwas Großartiges und Herrliches, wenn beide Eheleute in einem höheren, heiligen Geiste ihren Wandel führen. Es ist aber unheilvoll ohne Gleichen, wo sie in den heiligsten Fragen des Menschenherzens verschiedenen Sinnes sind und nun der bessere Teil sich von dem niedriger gesinnten mit fortreißen lässt, damit nur die Einheit in der Ehe gewahrt bleibe.
Wir behaupten keineswegs, dass zum Glück einer Ehe notwendig sei, dass beide Teile entschiedene Christen seien. Stünde es so, dann würde es noch weniger glückliche Ehen geben, wie es wirklich gibt. Das Weib vornehmlich muss heutzutage nach dieser Seite hin sehr bescheiden in ihren Ansprüchen sein. Wo aber in den höchsten Dingen zwischen den Eheleuten eine unausfüllbare Kluft besteht, - wo z. B. der Mann spottet über das, was seinem Weibe das Heiligste ist - wo der eine Gatte eine Menge von Verhältnissen, Handlungen, Vergnügungen höchst unschuldig findet, die der andere als Sünde verdammt, in solcher Ehe ist ein harmonisches, ersprießliches Zusammenleben unmöglich. Denn entweder wird die Einheit der Liebe durch so schwerwiegende innere Verschiedenheiten gestört werden, - oder aber die innere Einheit wird hergestellt werden auf Kosten der Wahrheit und des inneren Friedens.
Aber auch bei solchen Opfern wie hier, - da Adam Gott ins Angesicht schlägt, um seinem Weibe zu folgen, da Adam das Ewige hingibt um des Zeitlichen, die göttliche Gemeinschaft um der menschlichen willen, - wird die gesuchte Einheit dennoch nicht erlangt. Denn die Sünde trägt überall in sich die Zerrissenheit, weil sie kalt und selbstsüchtig macht. Wie sehr auch das Streben nach Einheit vorhanden ist, - sobald es darauf ankommt, wer die Schuld tragen soll, da sucht sich jeder rein zu brennen auf Kosten des Andern, so in der Ehe, so in jeder Gemeinschaft.
Fühlest du, lieber Leser, nicht den kalten bitteren Ton: „Das Weib - das Du mir zugesellet hast, gab mir und ich aß.“ Wir merken, dass hier der erste eheliche Zwist keimt. Wie so gar anders klingt diese Rede Adams, wie der freudige Gruß, mit dem er sie einst empfing! (Cap. 2, 23. 24.) Kalt wälzt er die Schuld auf das Weib; mag sie zusehen, wie sie sich herausreißt, wenn er selbst nur der Strafe entnommen wird. Ach, dieselbe Sünde, in der die Eheleute einig wurden, dieselbe Sünde hat auch den zarten Liebeshauch von dem Verhältnis der Eheleute weggewischt.
So war's, so ist's; und nichts wie die wahrhaftige Demut, da jeder sich selbst richtet, - und nichts wie der kindliche Glaube, der in Gottes Gnade ankert und sich durch die Hand Gottes erziehen lassen will, wird fortan das volle Glück des ehelichen Lebens sichern. Und nicht nur den Ehestand, sondern jede Gemeinschaft. Die Sünde verzerrt und zerreißt, wohin sie kommt, jedes menschliche Band, das zarteste und das festeste. Der erste Sohn der Menschen mordet bereits seinen Bruder; bald erfüllt Hass, Streit und Blutvergießen die weite Welt; überall tönt die Klage über treulose Liebe und kalte Selbstsucht. Der Anfang allen Streites liegt in dem „das Weib gab mir“! Das Ende aller Zerrissenheit aber ist in dem Friedefürsten, der, obgleich heilig und unschuldig, die Schuld der Unheiligen auf seine Schultern nahm.(Otto Funcke)
Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.
Adam, wo bist du? hatte der Herr gerufen, da Er im Garten erschienen und Adam mit seinem Weibe sich versteckt hatte vor dem Angesichte Gottes. Und da Adam sich mit seiner Nacktheit entschuldigt, da fragt ihn der Herr, wer es ihm gesagt habe, dass er nackt sei, ob er nicht vom dem verbotenen Baume gegessen habe? Da entschuldigt sich Adam abermals, und schiebt die Schuld auf das Weib, das Gott ihm gegeben habe. Qui s'excuse, s'accuse, sagt ein französisches Sprichwort sehr treffend, - wer sich entschuldigt, gibt zu, dass er Schuld habe; Und so tuts auch Adam hier, aber nur halb und mit Widerstreben.
Zunächst sei das Weib schuld, das ihm die Frucht dargereicht, eigentlich aber und im Grunde Gott selbst, da Er ihm ein solches Weib an die Seite gegeben habe. Und so tun's alle Sünder, wenn sie von ihrem Gewissen oder von anderen Menschen zur Verantwortung gezogen werden. Die Tatsache des Ungehorsams gegen das göttliche Gebot kann man nicht leugnen, und insofern gibt man sich Schuld und nennt sich einen Sünder; aber nur, um hinzuzufügen, dass man gar nicht anders habe handeln können. Die Entschuldigung wird zu einer Beschuldigung unserer Umgebung, unserer Nächsten, ja sie wird schließlich allemal zu einer Anklage Gottes selbst, der uns in diese Verhältnisse hineingesetzt und uns so schwach geschaffen habe, dass wir nicht hätten Widerstand leisten können. Also eigentlich hat Gott alle Schuld, und wir haben gar keine. Adam bekennt, weil er nicht leugnen kann, aber nur halb, weil er sich vor der Strafe fürchtet; ein halbes Bekenntnis ist aber ein faules Bekenntnis, denn es birgt in sich den Hochmut, die Lüge und die Lieblosigkeit: den Hochmut, weil der Sünder sich dagegen sträubt, die Stufe einzunehmen, die ihm als Sünder gebührt, die Lüge, weil er die ganze Wahrheit verschweigt oder verdreht, die Lieblosigkeit, weil er andern Menschen die Strafe zuschieben will, ja Gott seinen Herrn, die reinste Liebe selbst, beschuldigt. So hat die Sünde, welche, äußerlich betrachtet, Ungehorsam gegen Gottes heiliges Gebot war, innerlich aber, Misstrauen gegen den liebreichen Gott, des Menschen Herz vergiftet. Die Herzensgemeinschaft mit dem Schöpfer, welche auf gemeinsamer Gesinnung beruht, ist zerrissen, das Schuldbewusstsein treibt den Menschen fort von Gott, die Furcht vor der verdienten Strafe lässt ein rundes, volles Bekenntnis der Schuld nicht zu und gibt dem Sünder ein, sich gegen Gott zu sehen, mit Ihm zu rechten und aus einem Angeklagten sein Ankläger zu werden. Das ist die Feindschaft wider Gott, von der Paulus (Röm. 8, 7) redet, und in der wir Alle von Natur befangen sind. Erst wenn uns Christus und seine Heilandsliebe in unserem Herzen als der helle Morgenstern aufgehet, erst wenn die Liebe zu Ihm und durch Ihn zum Vater in unser Herz einzieht, erst wenn uns Christus das Lamm Gottes wird, welches der Welt Sünde trägt, erst dann wird die Furcht vor Gott und seinem Gerichte aus unserem Herzen ausgetrieben, erst wenn wir eine Zuversicht durch Christum zum Vater bekommen haben, erst dann wird es uns möglich, ein volles und ganzes Bekenntnis unsrer Schuld vor Gott abzulegen, und gar keine Entschuldigung mehr vorbringen zu wollen und zu sagen: Nicht mein Weib, nicht mein Bruder, auch nicht die Verhältnisse, noch viel weniger Gott, sondern ich, ich bin Schuld, ich habe übertreten und bin abgewichen, ich habe verdient von Gottes Angesicht verworfen und verdammt zu werden; ich habe im Gerichte nichts anders vorzubringen, als meine gänzliche Schuld- und Christi, meines Heilandes, völlige Gerechtigkeit und seine Strafe, die Er an meiner Statt gebüßt. Darum sage ich aber auch kühn: Christi Blut und Gerechtigkeit, Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, Damit will ich vor Gott besteh'n, Wenn ich zum Himmel werd' eingeh'n.. (Anton Camillo Bertoldy)