Matthäus 5,31
Andachten
Es ist auch gesagt: Wer sich von seinem Weibe scheidet, der soll ihr geben einen Scheidebrief. Ich aber sage euch: Wer sich von seinem Weibe scheidet, (es sei denn um Ehebruch) der macht, dass sie die Ehe bricht; und wer eine Abgeschiedene freit, der bricht die Ehe.
Moses hat euch erlaubt, euch zu scheiden von euren Weibern, von eures Herzens Härtigkeit wegen; von Anbeginn aber ist es nicht also gewesen (Matth. 19, 8). Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden (v. 6) - so belehrte der Herr die Pharisäer, als sie Ihn fragten, ob es recht sei, dass sich ein Mann scheide von seinem Weibe um irgendeine Ursache. Es ist also nicht der Wille Gottes, dass der eheliche Bund, welchen ein Mann und ein Weib mit einander geschlossen haben, wieder aufgelöst werde; vielmehr ist es Gottes Wille, dass einzig und allein in diesem Bunde die geschlechtliche Vermischung stattfinden solle. Die Ehe ist nach Gottes Absicht unauflöslich. Einzig die Hurerei, als der tatsächliche Ehebruch, löst das Band von selbst, und kann daher eine solche Scheidung zur Folge haben, dass der unschuldige Teil eine andere Ehe eingeht, ohne gegen Gottes Willen zu verstoßen; denn nach jüdischem Gesetze wurde der Ehebruch mit dem Tode durch Steinigen bestraft, und kam also die Lösung der Ehe durch Hurerei der Lösung derselben durch den Tod gleich. Diese Unauflöslichkeit der Ehe hebt Jesus in der Bergpredigt als den eigentlichen Willen Gottes hervor, damit diejenigen, welche das Licht und das Salz der Erde sein sollten, hierüber nicht im Dunkeln blieben. Denn schon Moses hatte bei seinem Volke eine ganz andere Sitte vorgefunden, und, weil sein Gesetz zugleich ein bürgerliches war, so hatte er um der menschlichen Herzenshärtigkeit willen, nicht auf der unbedingten Durchführung des göttlichen Willens bestanden, weil dadurch leicht noch Schlimmeres herbeigeführt werden konnte, als die Auflösung der Ehe. Diese Worte des Herrn sind nun ohne Zweifel nicht ohne Einfluss geblieben auf den Sinn, welcher in der christlichen Kirche in Bezug auf die Ehe herrscht. In keiner andern religiösen Gemeinschaft wird die Ehe so hoch gehalten und kommt sie ihrem Vorbilde so nahe, als in der christlichen Kirche. Allein es gibt eben auch in ihr, wie bei den Juden, noch viel Herzenshärtigkeit, um derentwillen auch heute noch als bürgerliches Gesetz diese Unauflöslichkeit der Ehe nicht festgehalten werden kann, es sei denn, dass noch größeren Übeln Tür und Tor geöffnet werde. Die wahren Jünger Jesu, das Licht der Welt, das Salz der Erde, die scheiden sich nicht, es sei denn um Ehebruch des anderen Teiles willen, welchen zu vergeben ihnen aber doch noch frei steht, da derselbe nicht mehr mit dem Tode bestraft wird; der große Haufe aber derer, welche auch den Namen Christi tragen, aber Christi Sinn nicht haben, scheidet sich oder möchte sich doch scheiden-um irgendeine Ursache. Indes die christliche bürgerliche Gesetzgebung hat allzu großem Leichtsinn in dieser Beziehung eine heilsame Schranke gefekt, und gestattet die Scheidung nur in den Fällen des Ehebruchs, beharrlicher böslicher Verlassung und andern Fällen, die an Gewicht diesen beiden gleichkommen. Sie gestattet auch die Wiederverehelichung dem unschuldigen Teile, wenn auch hier die bestehenden Ordnungen vielfach zu schlaff sind, und eine größere Strenge heilsam wäre. Allein all dies gilt eben dem großen Haufen derer, die in Herzenhärtigkeit dahin wandeln. Ein bekehrter Christ, dem die Erfüllung des göttlichen Willens Bedürfnis, ja Lebensbedingung geworden ist, der scheidet sich nicht; er trägt aber sein Ehejoch als ein heilsames Kreuz, und sucht, wo möglich, das andere Teil durch seine Sanftmut und Demut auch für das ewige Leben zu gewinnen. Wie Luther einmal sagt: „Wie wenn hie Eines christlicher Stärke wäre, und trüge des Andern Bosheit und Übel, das wäre wohl ein fein selig Kreuz und ein richtiger Weg zum Himmel: denn ein solch Gemahl erfüllt wohl eines Teufels Amt und fegt den Menschen rein, der es erkennen und tragen kann.“
„Ihr habt weiter gehört, dass den Alten gesagt ist: Du sollst keinen falschen Eid tun, und sollst Gott deinen Eid halten. Ich aber sage euch, dass ihr allerdinge nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Stuhl, noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel, noch bei Jerusalem, denn sie ist eines großen Königs Stadt. Auch sollst du nicht bei deinem Haupte schwören, denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein; was darüber ist, das ist vom Übel.“
Nach diesen Worten des Herrn ist jeder Eid, als der über das einfache „Ja“ oder „Nein“ hinausgeht, vom Übel, und nach Gottes Willen sollte nie und nirgends geschworen werden. Denn der Eid ist eine Beteuerung unter Berufung auf den unsichtbaren aber allsehenden Gott als Zeugen für die Wahrheit dessen, was man aussagt, und eine Einsetzung der eigenen ewigen Seligkeit als Unterpfand dafür. Wo nun eine solche Beteuerung der Wahrheit und mit solchem Unterpfande für notwendig erachtet wird, wenn man der Aussage Glauben schenken soll, das einfache „Ja“ oder „Nein“ dazu aber nicht mehr ausreichend erklärt wird, da erscheint doch das Vertrauen auf die menschliche Wahrhaftigkeit aufs tiefste erschüttert und der Ausspruch des Psalmisten (116, 11) gerechtfertigt: Alle Menschen sind Lügner. Gottes Wesen aber ist Wahrhaftigkeit und Treue, und sein Wille ist, dass auch wir, seine Kinder, wahrhaftig und treu sein sollen, sein Wille muss daher auch sein, dass unsre Glaubwürdigkeit der Bekräftigung durch einen Eid nicht bedürfe, sondern dass unser einfaches, „Ja“ oder „Nein“ dazu ausreiche. - Aber gleichwie die Ehescheidung im Alten Testamente um der menschlichen Herzenshärtigkeit willen zugelassen war, obgleich die Ehe nach Gottes Willen unauflöslich sein sollte, so war aus derselben Ursache auch der Eid zugelassen, obgleich nach Gottes Willen die Menschen auch ohne Eid glaubwürdig sein sollten. Ehescheidung und Eid werden aber dann erst abgeschafft werden können, wenn die Herzenshärtigkeit der Menschen wird aufgehört haben, weil dieselbe ohne Ehescheidung und ohne Eid noch größere Übel herbeiführen würde. Auch ein wahrer Jünger Jesu wird daher nicht umhin können, einen Eid zu leisten, wenn er dazu von der Obrigkeit aufgefordert wird, da er nur auf diese Weise dem menschlichen Misstrauen gegen die menschliche Wahrhaftigkeit begegnen kann. Und er kann dies umso unbedenklicher tun, als Gott im Alten Bunde bei sich selbst geschworen hat und sein Meister Jesus Christus auf die Eidesformel, welche der Hohepriester Ihm vor dem Hohen-Rate vorlegte, selbst eingegangen ist, beides nämlich in Rücksicht auf das nun einmal vorhandene Misstrauen gegen Gott und seinen Gesandten. Und daher, so lange das Reich Gottes noch nicht gekommen ist, in welchem Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen, so lange muss der Wahrhaftige schwören, um den Unglauben Anderer zu überwinden, und der Unwahrhaftige schwören, um dadurch Glaubwürdigkeit zu erhalten. Wenn nun auch diejenigen irren, welche auf Grundlage des obigen Ausspruches Christi den Eid für unbedingt verboten halten, so ist doch andererseits jenes Wort des Herrn ein laut redendes Zeugnis gegen die Leichtfertigkeit, mit welcher in den Gerichtssälen der Eid sowohl abgefordert als auch geleistet wird, ein Schade, durch welchen die Herzenhärtigkeit nur ins Ungemessene gesteigert werden kann, des unbedachten und unnötigen Schwörens im gewöhnlichen Leben ganz zu geschweigen. An den Jüngern Jesu aber ist es, die Glaubwürdigkeit der Menschen an ihren Personen wieder so weit zu Ehren zu bringen, dass ihr, „Ja“ und ihr „Nein“ als ein „Ja“ und als ein „Nein“ auch bei der Welt Geltung erhalte. (Anton Camillo Bertoldy)