Matthäus 14,23
Andachten
Da er das Volk von sich gelassen hatte, stieg er auf einen Berg allein, dass er betete; und am Abend war er allein daselbst.
Christ, weißt du auch in deinem Christenleben von solchen Stunden einsamer Ruhe und Sammlung nach der Last und Arbeit des Tages, mehr: von Stunden der Flucht aus einer gottentfremdeten Welt und ihren auf dich eindringenden Versuchungen? Hat unser Meister solcher einsamen Stunden nicht entbehren mögen, wie dürfen wir, seine Jünger glauben, derselben entraten zu können? Wir, deren Kraft so leicht ermattet, denen im Gedränge der Arbeit, im Geräusch des Marktes, unter den Freuden der Gesellschaft so oft die rechte Stille des Herzens, der rechte Halt und die rechte Weihe verloren geht, die wir so leicht bald durch die Schmeicheleien, bald durch den Undank der Welt verführt, zwischen eitler Selbstgefälligkeit und falscher Traurigkeit hin und her schwanken! Leicht ist es doch nicht für einen Christen, als ein Christ in der Welt zu leben und sich in allen Dingen als Diener Gottes zu beweisen, mit den Traurigen traurig und mit Fröhlichen fröhlich zu sein, immer wieder nicht das Eigene zu suchen und in der Liebe zu bleiben und Widerstand zu tun wider die Versuchungen der Welt und ihres Fürsten.
Gewiss, da soll und muss es den Christen drängen, sich aus der Welt und ihrer Arbeit und Sorge und Versuchung heraus in die Stille und Einsamkeit zu flüchten, um sich über sich selbst zu besinnen und neue Kraft und Weihe für die Arbeit wie für die Leiden des Lebens zu suchen.
Heilige Stunden eines Jüngers Christi, wenn er nach dem Bilde des Meisters aus der Welt in die Gemeinschaft seines Gottes fliehen darf, und selige Frucht solcher einsamen Stunden, wenn nun der Vater, der ins Verborgene sieht, es dem Beter vergilt öffentlich!
Aus der Stille jener nächtlichen Gebetseinsamkeit trieb es den Meister hinaus zu seinen Jüngern, welche mitten auf dem Meer waren und von den Wellen Not litten. Wer weiß, während du in einsamer Stille der Nacht deine Seele im Gebete sammelst zu Gott, da fahren vielleicht die Winde schon brausend daher, und die Wellen heben sich und drehen das Schifflein deines Lebens - dich und die Deinen, welche deiner Liebe anvertraut sind zu verschlingen! Wohl dem, welcher da die Nacht nicht umsonst mit Gott gerungen hat im Gebet, und wenn die Morgenröte aufgeht und der Kampf und die Not des Lebens über ihn hereinbrechen, mit Jakob sprechen kann: Ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen. (1. Mos. 32, 30.) Dann braust daher, ihr Stürme! Dann mögen die Wellen hoch gehen! - Seid getrost, ich bin es; fürchtet euch nicht, spricht der Herr. (Matth. 14, 27.)
Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen? (Ps. 27, 4.) (Friedrich Peter Ludwig Luger)
“Und da er das Volk von sich gelassen hatte, stieg er auf einen Berg allein, dass er betete.“
Das hohepriesterliche Gebet, wie es uns Johannes berichtet, ist von unvergleichlicher Hoheit und Schönheit. Aber ich meine, es trägt seinen durchleuchteten Charakter von der Stunde, in der es gesprochen wurde. Da ist kein Satz, den man anders sich wünschen möchte. Vor der Finsternis seines Leidens konnte und musste Jesus nur so beten. Aber alle die früheren Gebetsstunden, die er mit seinem Vater zugebracht - was mögen sie enthalten haben? Es werden uns von den Evangelisten außer jenem großen Gebet nur einzelne, kurze Gebetsworte Jesu berichtet. Was mag er im Verborgenen mit dem Vater geredet haben? Wenn wir uns manches darüber denken, dürfen wir es doch nicht als sicher behaupten. Wollen wir uns daran genügen lassen, dass solche Erwähnung seines einsamen Ringens und Redens mit dem Vater ein ausgestreckter Finger ist, der uns erst recht in die Einsamkeit weist. Wir gehen sonst an dem lauten Treiben, auch dem frommen Andachtsbetriebe zugrunde, wenn unsere Seele es nicht lernt, in der Stille mit Jesus allein zu reden. Wenn wir das auf Erden weder kennen, noch können, noch mögen - was wollen wir mit der Ewigkeit anfangen, da wir beim Herrn sein werden allezeit?
Darum suche ich, Herr, dein Antlitz im Verborgenen. Lass dich finden, wenn mein Auge tränt zu dir. Mit Menschen habe ich zu viel geredet, mich dabei oft versündigt. Mit dir immer noch zu wenig! Ich will alle anderen Türen schließen und an deiner wachen, bis du auftust. Amen. (Samuel Keller)