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Kolosser 2,23

Kolosser 2,23

Andachten

Sie (die Irrlehrer) haben einen Schein der Weisheit durch selbsterwählte Geistlichkeit und Demut.
In der Gemeinde zu Kolossae waren Irrlehrer aufgetreten und hatten viel Unheil angerichtet. Sie hatten mit einem gewissen Schein der Wahrheit vorgebracht, dass man durch allerlei leibliche Übungen, Kasteiungen und Enthaltungen, sowie durch einen mystischen Verkehr mit Engeln eine besonders hohe Stufe des Christentums erreichen könne. Der Apostel nennt das selbsterwählte Geistlichkeit und warnt die Christen inständigst, dass sie sich dadurch doch nicht sollen das Ziel verrücken und aus der Einfalt in Christo herausrücken lassen. Er weiß es, dass solche gemachte Geistlichkeit nur in die schlimmste Fleischlichkeit hineinführt. Wo man so viele fromme Formen, Zeremonien und Reden einführt, da schlägt's in der Regel grade ins Fleisch. Ja, diese selbsterwählte Geistlichkeit fließt bereits aus den fleischlichen Sinn, der aus sich selbst etwas machen, über Andere sich erheben und an der unbequemen Selbstverdammung und Demut vorbeilotsen will. So ist's mit der gesamten Möncherei ergangen. Da man übergeistlich, den Engeln gleich, leben wollte in Ehelosigkeit und Fasten, in ewigem Kniebeugen, Kreuzschlagen, Psalmensingen, ist man grade ins Gegenteil gefallen und zum Spott der Welt geworden. Und so geschieht's allewege, wenn man weiser als Gott sein und sich in unnatürlicher Geistlichkeit über die Schranken der menschlichen Natur hinwegsetzen will.

Der selige Menken hat einmal gesagt: „Herr, du weißt, was für ein Gemächte wir sind, aber wir selbst wissen es sehr oft nicht.“ Ja, wir denken so oft nicht daran, dass wir staubgeborene Menschen sind, Fleisch von Fleisch geboren. Dieselben, die heute so jämmerlich klagen und am Boden liegen, können sich morgen in Wort und Werk so großartig gebärden, als ob sie aus lauter Heiligkeit zusammengesetzt wären. Dieselben, die so viel mit sich selbst zu tun haben, können oft Anderen gegenüber so hohe religiöse Forderungen stellen und ihnen schwere Lasten auflegen, die sie entweder selbst mit keinem Finger anrühren, oder die ihnen gar keine Lasten sind. Selbst in der Erziehung der eigenen Kinder - wie fordern da oft christliche Eltern ein religiöses Interesse, einen religiösen Ernst, Enthaltungen und Übungen, eine Feierlichkeit und Unanstößigkeit in ihrem Benehmen, die schließlich keinem Menschen natürlich, für Kinder aber ganz unnatürlich sind. Nachher wundert man sich dann, wenn der allzu straff gespannte Bogen total zerbricht, wenn an Stelle wahrer Frömmigkeit Ekel und Verbitterung gegen das Christentum oder gar unlauteres und fratzenhaftes Wesen zu Tage treten.

In manchen „christlichen Kreisen“ äußert sich die selbsterwählte Geistlichkeit vornehmlich in einem sauertöpfischen, engherzigen Wesen, da man sich denn fromm und frömmer wie Andere zu sein einbildet, wenn man sich mancher Dinge und Freuden enthält, die doch an und für sich rein und gut sind. Da meint Mancher wunder was zu sagen, wenn er spricht: „Ich lese nur die Bibel, kein Buch, keine Zeitung.“ Ober: „Ich interessiere mich für nichts mehr; die ganze Welt ist mir gleichgültig, - „nur selig“! das ist mein einziger Gedanke“. - Nicht selten sind solche Redensarten bewusste oder unbewusste Lügen, mit denen man gewissen urteilslosen Leuten imponieren will. Man findet dann wohl, dass Solche, die behaupten, sie interessierten sich für nichts, ganz verzweifelt am Geld hängen und über die kleinsten Verluste oder sonstigen Ärgernisse, die ihnen widerfahren, schier aus der Haut fahren.

Oft aber beruht auch diese selbsterwählte Geistlichkeit auf einer ungesunden Frömmigkeit, die in ehrlicher Weise so redet. Darum ist's aber doch ungesund und man soll nicht zu ängstlich sein, das auch zu bezeugen. Man soll bezeugen, dass ein Christ nicht nur das Recht, sondern die Pflicht hat, sich zu freuen an Allem, was die gute Hand Gottes uns auch im Äußeren, zum Beispiel in Natur, Kunst und Musik, darreicht, dass er auch die heilige Pflicht hat, sich für Alles, was in der Welt geschieht, zu interessieren, sich möglichst zu belehren und seinen Posten als Glied der kirchlichen und bürgerlichen Gemeinde und als Staatsbürger auszufüllen. Wie könnte er denn auch sonst „Licht und Salz“ der Erde sein?

Das Schlimmste aber bei solchen engherzigen Christen ist dann vollends, dass sie meinen, grade ihre Art sei die rechte und alles Andere sei „Welt“. Denen muss man ehrlich und deutsch widerstehen in der Liebe.

Ach, lieber Herr, wie ist's mit uns Menschen eine verdrehte Sache! Dem Einen hängt äußerlich die Welt an, dass er nicht zur Entschiedenheit und inneren Freiheit durchdringen kann; der Andere trägt in sich die Welt in Gestalt einer hochmütigen selbsterwählten Geistlichkeit! Wahrlich Herr, unser Keiner kommt ins Himmelreich, wenn du nicht an jedem ein Wunder tust. Denn wie du gesagt hast, so ist unser Herz bald ein trotzig und bald ein verzagtes Ding. Wir können es nicht ergründen, aber du kannst es. Und wir bitten dich: gründe, ergründe, ziehe, züchtige und demütige uns treulich, bis wir zur Einfalt gekommen und deine stillen, lauteren, frohen Kinder geworden sind. Amen.

Alle Freiheit geht in Banden,
Aller Reichtum ist nur Wind;
alle Schönheit wird zu Schanden.
Wenn wir ohne - Einfalt sind.

Wenn wir in der Einfalt stehen,
Wird es in der Seele licht,
Aber wenn wir doppelt sehen,
So vergeht uns das Gesicht. (Otto Funcke)

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nt/51/kolosser_2_23.txt · Zuletzt geändert: von aj
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