Johannes 4,46
Andachten
Und Jesus kam abermals gen Kana in Galiläa, da er das Wasser hatte zu Wein gemacht. Und es war ein Königischer, des Sohn lag krank zu Kapernaum. Dieser hörte, dass Jesus kam aus Judäa in Galiläa und ging hin zu ihm und bat ihn, dass er hinab käme und hilft seinem Sohne, denn er war todkrank.
Ein Vater, der einen kranken Sohn hat, eine Mutter, die ein liebes krankes Kind hat, das wiederholt sich tausend und abertausendmal. Wo wären aber in dieser Welt zartere, innigere und festere Bande zu finden, als es die zwischen Eltern und Kindern sind? Und wo ist ein Vater- ein Mutterherz verwundbarer als in seinen Kindern? Eltern leben in ihren Kindern ein zweites Leben. Sie genießen doppelte Freude, erfahren aber auch doppeltes Leid. Was den Kindern widerfährt, sei es Glück oder Unglück, das findet seinen Widerhall in den Herzen der Eltern. Es gibt daher an einem Vater- oder Mutterherzen mehr Punkte, an denen der Herr ihm beikommen kann, als bei einem andern. Eben deswegen ist der Ehestand ein gesegneter Stand; denn in dieser sündigen erlösungsbedürftigen Welt gehört das Leid auch mit zum Segen, weil es eine Ursache für die Seele werden kann, ihr Heil mit Ernst zu suchen und zu finden. Jener Hofbeamte des Königs Herodes war durch die schwere Krankheit seines Sohnes tief betrübt.
Und wer wollte verkennen, dass er in diesem Zustande die Kunde von der Nähe Jesu mit ganz anderem Interesse vernehmen musste, als wenn in seiner Familie Alles wohl gestanden hätte, dass die Gefahr, in welcher das Leben seines Sohnes schwebte, bewirkte, dass er in der Nähe Jesu den Rettungsanker erblickte, an welchen er sich noch klammern könne? Ja, das Leiden macht das Auge munter, um eine von irgendwo nahende Hilfe zu erblicken, und das Ohr scharf, irgendein tröstliches Wort zu vernehmen. Betrübte Herzen sind für die Tröstungen des Evangeliums am meisten empfänglich. Der Königische hatte gehört, dass Jesus schon Vielen geholfen habe. Würde Er nicht auch ihm noch helfen können, das Leben seines Sohnes zu erhalten, wenn es sonst auch Niemand vermöchte? Er fasst Mut, er macht sich auf, und kommt von Kapernaum nach Kana. Er findet Jesum, er wirft sich vor Ihm nieder und bittet Ihn, dass Er mit ihm komme und seinem Sohne helfe. Geistliches Bedürfnis, Angst um seine Seele, Durst nach göttlicher Erkenntnis und Wahrheit, das war es nicht, was ihn auf diesen Weg zu Jesu getrieben, das hätte ihn wohl daheim gelitten, aber die Angst um das Leben seines Sohnes, der verdankte er die Begegnung mit Jesu, aus welcher seiner Seele so viel Segen erwachsen sollte. Hüten wir uns daher, auf unser Leid zu schelten, benutzen wir es vielmehr dazu, unser Herz der Kunde von Jesu Nähe zu öffnen, und machen wir uns innerlich zu Jesu auf und klagen wir Ihm unsere Not. Sein Wort ist uns nicht fern; es wohnt unter uns und wird uns vielfach nachgetragen. Und Jesus wird unsere Stimme vernehmen, wenn sie aus der Tiefe des Herzens kommt, und wir werden Seine Nähe spüren und einen großen Segen davon haben, dass wir Sein Angesicht gesucht. Ach, dass wir es verständen, unser Leid in Kreuz zu wandeln, ach, dass die Züchtigungen des Herrn ihres Zweckes an uns nicht fehlten! (Anton Camillo Bertoldy)