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Johannes 4,45

Johannes 4,45

Andachten

Da er nun in Galiläa kam, nahmen ihn die Galiläer auf, die gesehen hatten alles, was er zu Jerusalem auf dem Fest getan hatte; denn sie waren auch zum Fest gekommen.
Es gibt eine dreifache Aufnahme Jesu. Man kann Ihn erstens mit dem Verstande aufnehmen. Denn die Lehre vom christlichen Glauben ist eine Wissenschaft wie alle andern, ebenso umfangreich, ebenso in sich geschlossen und streng gegliedert, und mit ebenso scharfen Bestimmungen. Der Gegenstand dieser Wissenschaft ist Christus. Dieselbe ist am kürzesten dargestellt im Katechismus, und am weitesten in der Dogmatik. Wie alles Wissen wird auch das christliche Wissen mit dem Erkenntnisvermögen oder dem Verstande aufgenommen und mit dem Gedächtnis festgehalten. Aber sein Gegenstand, Christus, ist der Art, dass Er dem Herzen, unsrer Liebe, nicht gleichgültig bleiben will und darf. Wir sollen Jesum nicht mit dem Verstande allein, sondern sollen Ihn zweitens auch mit dem Herzen aufnehmen. Manche bezeugen für das christliche Wissen wohl ein lebhaftes Interesse, aber es ist kaum andrer Art, als es der Botaniker für seine getrockneten Kräuter hat, oder der Mineraloge für seine Steine. Man kann ganz interessante Gespräche über christliche Dinge führen und sich sogar bei der Verteidigung der richtigen Lehre ereifern, aber das Herz kann bei alle dem doch ganz unbeteiligt sein. Was nützt aber die Klarheit der Erkenntnis Jesu ohne die Wärme der Liebe zu Ihm? Das Wissen blähet auf, sagt der Apostel, aber die Liebe bessert. Und sogar bei der Welt hat sich die tote Rechtgläubigkeit in einen gerechten Misskredit gebracht. Orthodoxismus ist eines ihrer gehässigsten Stichwörter geworden. Freilich der Pietismus nicht weniger. Und auch nicht weniger mit Recht, wenn unter demselben eine Gefühlsschwärmerei oder eine Frömmigkeit ohne Tatkraft verstanden wird. Denn es ist allerdings noch nicht genügend, den Herrn Jesum recht zu erkennen und eine warme Zuneigung zu Ihm zu empfinden, oder doch die Liebe zu Ihm ist nicht rechter Art, wenn Er nicht zugleich auch in das Leben aufgenommen wird, wenn wir unsere Handlungsweise nicht nach Seinem Willen und Seinem Vorbilde einrichten. Der Mittelpunkt der rechten Aufnahme Jesu bleibt freilich die Liebe zu ihm; aber dieselbe kann ohne eine richtige Erkenntnis Seiner Person und Seines Werkes nicht völlig sein, und ohne eine Betätigung derselben im Leben beruht sie entweder auf Täuschung oder sie ist kraftlos. Wollte aber Jemand meinen, es sei genügend, wenn er nur Jesu im Leben nachfolge, was er von Seiner Person und Seinem Werke glaube, und ob er beständig an Ihn denke oder nicht, das sei gleichgültig, der irrt gar sehr; denn so wahr es ist, dass nicht Alle, welche Herr, Herr, zu Jesu sagen, ins Himmelreich kommen werden, sondern nur die, welche den Willen Seines Vaters im Himmel tun, so wahr ist es auch, dass auf einem argen Baume keine guten Früchte wachsen können, und dass man von den Dornen keine Feigen und von den Disteln keine Trauben lesen kann. Was ist aber ein Herz ohne brünstige Liebe zu Jesu anders als ein wilder unveredelter Baum, als ein unfruchtbarer Dorn, eine stachlichte Distel? Jesus erst durch Seine Liebe wandelt es um, und gibt ihm süße Früchte. (Anton Camillo Bertoldy)

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