Johannes 4,28
Andachten
Da ließ das Weib ihren Krug stehen und ging hin in die Stadt und spricht zu den Leuten: Kommt, seht einen Menschen, der mir gesagt hat alles, was ich getan habe, ob er nicht Christus sei! Da gingen sie aus der Stadt und kamen zu ihm.
Der Eindruck, welchen der Herr auf das samaritische Weib macht, nachdem es einmal gelungen, die Riegel ihres Herzens zu sprengen, war überwältigend. Sie vergisst, weshalb sie zum Brunnen gekommen, lässt ihren Krug stehen und eilt zu den Ihrigen, um ihnen von dem Großen Mitteilung zu machen, was ihr soeben begegnet. Sie muss sich aussprechen, das war bei ihr die Folge der Erweckung. Und das ist sie wohl in den meisten Erweckungsfällen. Wird das Herz unter irgendeinem Eindruck mächtig bewegt, so fühlt es einen unwiderstehlichen Trieb, sich Einem oder Vielen mitzuteilen, ja, man möchte dann der ganzen Welt erzählen, welche wunderbare Erkenntnis man erlangt, welch großes Geheimnis Einem offenbar geworden, welches Glück Einem widerfahren ist. Einen mächtigeren Eindruck auf das Menschenherz als Christus vermag aber Niemand zu machen, denn keine Erkenntnis kommt an Größe und Wichtigkeit der gleich, dass das Heil der Welt in Christo, dem Sohne Gottes erschienen ist, und kein größeres Glück kann es geben, als Gewissheit darüber zu erlangen, dass wir an uns selbst zwar verlorene Sünder, aber in Christo errettet, Gottes liebe begnadigte Kinder und Erben der ewigen Seligkeit sind. Wird nun eine Seele aus dem Schlafe weltlicher Gleichgültigkeit geweckt und geht ihr Christus als der helle Morgenstern auf, so tritt sie in ein neues bisher nicht geahntes Dasein voller Leben, Frieden und seliger Hoffnung ein, und voll von alle dem, was ihr widerfahren, erzählt sie es Jedem, der es hören will. Neubekehrte sind immer die eifrigsten Prediger. Jedoch nicht immer zu ihrem eigenen Vorteil. Nicht umsonst gebietet der Herr den meisten von denen, an welchen Er Wunder getan, dass sie es Niemand sagen sollten, denn Er wollte, dass die Bewegung ihrer Herzen nicht in die Breite, sondern in die Tiefe gehe, dass sie ihre Aufmerksamkeit nicht auf Andere, sondern auf das eigene Herz richteten. Und diese Gefahr, sich durch zu frühes und vieles Predigen zu verflachen, liegt stets den Neubekehrten nahe, und es sind ihr auch Viele unterlegen, welche einen guten Anfang gemacht haben. Und wenn es auch nicht möglich ist, dass der Mund nicht übergehen solle von dem, wes das Herz so voll ist, ist die Erinnerung doch sehr wichtig, dass man nicht mehr ausgebe, als man gesammelt hat, auf dass es nicht zum Bankrott komme, sondern dass man eifrig sein möge im Sammeln und mäßig im Austeilen. Kommt es doch vor, dass Manche eine gehörte Predigt gänzlich an Andre austeilen, und genau darauf sagen können, dass das für den, und jenes für jenen Andern war, für sich selbst aber gar nichts behalten. Nun befiehlt der Herr in Einem Falle allerdings auch, die Wohltat auszubreiten, die Er erwiesen, weil es auch solche Seelen gibt, welche eine natürliche Neigung haben, sich selbst zu verschließen, und dabei Gefahr laufen, in sich zu versauern oder in ihrer Enge zu ersticken. Solche Seelen müssen notwendig darauf hingewiesen werden, dass der Herr auch ein Bekenntnis verlangt, und andre Seelen es brauchen, denn auf das Weitergeben dessen, was man empfangen, ist schließlich doch die Ausbreitung des Reiches Gottes gebaut. Es kommt nur darauf an, dass wir eben so wenig der Bekenntnissucht, wie der Bekenntnisflucht verfallen, sondern allzeit bereit seien, gegen Jedermann, der Rechenschaft fordert von der Hoffnung, die in uns ist. (Anton Camillo Bertoldy)