Lukas 6,35
Andachten
“Euer Vater im Himmel ist gütig über die Undankbaren und Boshaftigen.“
Das ist ein merkwürdiger Spruch, weil so ausdrücklich gesagt ist, Gott sei gütig über die Undankbaren und Boshaftigen. Es ist eigentlich damit gesagt, dass im Grunde alle Menschen, auch die Besten, noch undankbar und boshaft seien. Denn beachten wir's, dass das Wörtlein „auch“ weggelassen ist. Wohl kann man immer noch einen Unterschied machen, wie ihn der HErr in der Bergpredigt macht, da Er sagt: „Er lässt Seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten, und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Aber warum, könnte man fragen, macht Gott keinen Unterschied mit Seiner Güte? Sicher darum, weil, wie unser Spruch uns belehrt, der Unterschied nicht so ist, dass an den Gerechten nichts von Ungerechtigkeit, an den Dankbaren nichts von Undankbarkeit, an den Guten nichts von Bosheit mehr wäre. Weil's so ist, muss Gott auch die eigentlich Undankbaren und Boshaftigen mit segnen, wenn Er nicht Allen zusammen Seine Güte entziehen wollte, wie das bei allgemeinen Landplagen oft zu sein scheint.
Dass es auch den Besten noch fehlt, geben diese, wenn wir sie dafür halten, selber zu. Denn gerade sie fühlen sich stets beschämt, wenn Gott ihnen eine besondere Güte zukommen lässt, indem sie sagen, sie seien so viel Güte nicht wert. Prüfen wir uns doch genau. Wer ist frei auch nur von Bosheit? ich meine eben vom Ärgsten, welches ist die Bosheit. Wer hat nicht, auch wenn er noch so gut scheint, noch etwas Boshaftiges in sich? Wie oft muss man nicht auch bei den Besten noch verwundert sagen: „Wie? so kann's der auch noch?“ Wenn daher Gott nach unsrer Bosheit aufhören wollte, gütig zu sein, was würde aus uns? Somit ist unser Spruch, dass Gott gütig sei über die Undankbaren und Boshaftigen, ein Trostspruch für uns, da wir erschrecken müssten, wenn es hieße: „Gott ist gütig über die Dankbaren, Guten und Unschuldigen.“ Wie zaghaft müssten wir da werden, auf die Güte Gottes zu hoffen!
Indessen ist‘s doch, wie schon bemerkt, ein Unterschied. Die Einen sind, was sie Böses sind, mit Gleichgültigkeit, Gewissenlosigkeit, Frechheit, Unbußfertigkeit; die Andern beugen sich über alles, was sie Böses an sich entdecken, und suchen sich zu reinigen. Den Letzteren wird Solches zur Gerechtigkeit gerechnet, so dass sie auch, unter Umständen, in besonderer Weise die Güte Gottes erfahren dürfen.
Wie aber machen's nun wir gegen die Undankbaren und Boshaftigen? Können wir diesen vergessen, was sie gegen uns sind, und doch noch vorkommenden Falls ihnen Gutes tun? Nehmen wir uns doch in Acht, und bedenken wir, dass eben darum der HErr von der Güte Gottes gegen Undankbare und Boshaftige redet, dass wir als Kinder unsres Vaters im Himmel es Ihm nachmachen sollen. Darum schließt Er mit den Worten: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ Um gütig zu sein, sollen wir nicht erst fragen, ob die Bedürftigen undankbar und boshaftig seien oder nicht, gleichwie der Vater im Himmel auch nicht danach fragt, wenn Er gütig ist, - sollen vielmehr einfach da barmherzig sein. Ja, gerade gegen die Undankbaren und Boshaftigen müssen wir vorzugsweise gütig sein lernen, wenn eine gewisse Zucht nicht scheinbare Zurückhaltung erfordert. Denn fangen wir an, selbstgerecht unser Herz zu verschließen, dann wird die Zeit kommen, da Gott Sein Herz auch gegen uns verschließen wird. Denn „mit eben dem Maße, damit wir messen, wird uns gemessen werden.“ (Christoph Blumhardt)
“Er ist gütig über die Undankbaren und Boshaftigen.“
Als ich einmal über diesen Spruch zu reden hatte, fragte ich die Zuhörer, ehe ich sagte, worüber ich sprechen wollte: Sagt mir einmal: Über wem ist der Vater im Himmel gütig?“ Da kamen allerlei Antworten zu Tag, wie: Über den Gerechten, über die, die Ihn lieb haben, über den Barmherzigen, über den Gütigen, über den Dankbaren usw. Endlich musste ich's ihnen sagen: Über den Undankbaren und Boshaftigen. Es heißt nicht: Er ist auch oder sogar auch gütig, sondern einfach: Er ist gütig gegen die Undankbaren und Boshaftigen, als wär Er's nur gegen die. Das kommt daher, weil wir alle zusammen undankbare und boshafte Leute sind. Wenn also Gott überhaupt gütig ist, so ist Er's gegen Undankbare und Boshafte. Will Eines von uns widersprechen, als ob's nicht unter die Undankbaren und Boshaftigen zu zählen wäre? Ja, wenn Gott gütig ist, müssen wir immer denken, wir seien's nicht wert. Das ist aber ein großer Trost, dass unser Undank und unsere Bosheit noch nicht macht, dass Gott keine Güte über uns beweisen will. Da meint Eins oft, es sei gar zu schlimm, habe gar zu böse Sachen gemacht, als dass Gott gütig über Ihm sein könne. Aber da steht das Gegenteil. Er ist sich sogar selber bewusst, dass wenn Er gütig sei, sei Er's gegen Undankbare und Boshafte, und ist dennoch gütig. (Christoph Blumhardt)
“Er ist gütig über die Undankbaren und Boshaftigen.“
Wenn wir hören und sehen, wie Gott auch gegen uns Undankbare und Boshafte gütig ist, so sollen wir's auch ein bisschen einsehen, dass wir's nicht verdient haben. Wenn wir das nicht tun, so kann's geschehen, dass Er den Brotkorb oft ein bisschen höher hängt, zur Erziehung. Aber so viel ist gewiss: sobald du's erkennst, du seiest's nicht wert, bist du der erste, dem Gott gütig ist, wie wir das bei Jakob sehen, der sagt: HErr, ich bin zu gering d. h. nicht wert aller Barmherzigkeit und Treue, die Du an mir getan hast (1. Mos. 32, 10). Nun, wir wollen die Einzelnen nicht undankbar und boshaft heißen, das ist Gottes Sache! aber so viel ist gewiss: wenn Gott nicht gegen die Undankbaren und Boshaftigen barmherzig wäre, so wäre Er gar nicht barmherzig. Er könnte gar nicht barmherzig sein, wenn Er's nicht auch da wäre, wo mans nicht erwartet. Ihr müsset auch ja nicht meinen, ihr seid gütig, wenn ihr's nicht auch gegen Undankbare und Boshafte sein könnt. Ihr dürft in diesem Fall gar nicht dran denken, dies Lob euch vor Gott zu verdienen. Ja es ist auch unter den Menschen so, dass wenn einer warten will mit seiner Güte bis einer kommt, der's verdient, so kann er lang warten, und muss er an Hunderten den Harten und Ungütigen spielen, bis er über Einen gütig sein kann. Drum sollen wir's aber eben auch unter uns machen, wie der Vater im Himmel. Es ist einem doch wohler dabei, wenn man gütig ist, als wenn mans nicht ist, sei's auch, dass man lauter Undankbare und Boshafte vor sich hat. (Christoph Blumhardt)