Matthäus 11,28
Andachten
Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.
Wie viele Mühselige und Beladene gibt es in dieser Welt! Gehören wir nicht auch zu ihnen? Ist es nicht auch dein Bekenntnis: „Ich bin die Welt durchgangen, dass ich fast müde bin?“ Sieh doch dein eignes Herz an! Liegt es nicht wie ein Gefangener in Ketten? Bricht es nicht in einsamen Stunden hervor, wie ein heimliches Schluchzen? Ist nicht in dir eine tiefe Leere, und was du auch hineinwirfst, Arbeit und Genuss, Menschenliebe, Alles, Alles füllt die Leere nicht aus, und du suchst und suchst und findest nimmer, und wirst müde und alt darüber! Und nun stellt sich der Herr hin vor all die unaussprechliche Mühsal der Erde und ruft: „Kommt her zu mir, ihr Alle! Ich will euch erquicken.“ Was er gerufen mit seinem ganzen Leben, was er gerufen in deinem ganzen Leben, er ruft es heute aufs Neue jedem gedrückten Pilger zu: „Kommt her zu mir, ihr Alle!“ O, saget der Tochter Zion, saget es allen Mühseligen und Beladenen: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig. „Der Heil und Leben mit sich bringt, der alle Not zu Ende bringt.“ Er kommt mit Gnade und Vergebung, mit Trost und Erquickung. Er nimmt die Last dir ab, wie sie heiße. So gehe zu ihm, deine Seele hat zu lange gelitten. (Adolf Clemen)
Christus hat allein die Macht, die Mühseligen und Beladenen zu erquicken. Und doch versucht man es zuerst mit jedem anderen Trost und Tröster, ehe man dem einen und rechten Raum gibt. Vielen Menschen darf man gar nicht von Christus reden; sie wittern gleich Bekehrungssucht oder Pietismus. Andere sind noch nicht mühselig und beladen genug; sie nippen noch gern an den Freudenbechern der Welt, auch mit einem halbkranken Herzen und einem halbgeschlagenen Gewissen. Andere erkennen wohl, dass es anders mit ihnen werden muss, aber nur heute nicht; morgen vielleicht, übermorgen gewiss. Und so geht der Freund der Mühseligen und Beladenen von einer Tür zur anderen, und findet doch keinen Eingang. Aber auch die sind zu beklagen, die ihre Mühen und Lasten in der Christenheit herumtragen und Fleisch für ihren Arm halten. Sie sind zu träge, an die Quelle zu gehen und mit dem HErrn selber ihre Sache ins Reine zu bringen. Sie lassen sich vorlesen, vorbeten, sie beichten dem einen und dem anderen, überlaufen ihre Seelsorger, und wenn sie dann wieder sich selber finden in ihrem Kämmerlein, sind sie noch eben so mühselig und beladen als zuvor. Der HErr will Seine Ehre keinem anderen geben; tue von dir deine silbernen und goldenen Götzen, deine menschlichen Stätten und Tröster, und ringe dich durch in die Gemeinschaft des HErrn, da findest du, was du. brauchst: Ruhe für deine Seele, Abnahme deiner Lasten, Tilgung deiner Schuld, Zustände der Erquickung, dass dein Friede wird sein wie ein Wasserstrom, deine Gerechtigkeit wie Meereswellen! Amen. (Friedrich Lobstein)
Eine jede mühselige und beladene Seele komme getrost und mit aller Zuversicht zu ihrem Heilande, denn er hat selbst gesagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Mit dieser Einladung dringe sie durch alle Bedenklichkeiten und Zweifel hindurch und lasse sich durch nichts, was in ihr, an ihr und außer ihr ist, zurückhalten und aufhalten, zu Christo zu kommen; denn er lädt ja grade die Mühseligen und Beladenen, und zwar alle Mühseligen und Beladenen zu sich ein, und verheißt ihnen allen Erquickung. Sollte er aber etwas reden und nicht tun, sollte er etwas sagen und nicht halten? Sollte er zu Schanden werden lassen, die ihm vertrauen? Sollte er einen, der auf sein Wort zu ihm kommt, hinausstoßen? Nein, gewiss nicht. Höre nur, was er Joh. 6,37. sagt: „Alles, was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir; und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ Es ist des Vaters Gnade und Gabe, dass Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen. Aber eben so ist es des Vaters Gnade und Gabe, wenn jemand zu Christo kommt, um sich von ihm selig machen zu lassen. Darum spricht er Joh. 6,44: „Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, dass ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat.“ Der Zug des Vaters zum Sohn, oder dass sich das Herz zu Christo hingezogen fühlt, ist eine Wirkung des Heiligen Geistes durch das Evangelium. Denn niemand kann Jesum einen Herrn heißen, ohne durch den Heiligen Geist. Darum glauben wir auch, dass wir nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesum Christum, unseren Herrn, glauben oder zu ihm kommen können, sondern der Heilige Geist hat uns durchs Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten. Wer nun das Evangelium hört und lernt, und fühlt sich zu Christo hingezogen, den gibt der Vater dem Sohn. Und wer nun also zu Christo kommt, den wird er nicht hinausstoßen. Einen solchen sieht der Herr Jesus an als einen ihm vom Vater zur Seligmachung Übergebenen und Überwiesenen, an dem er seines himmlischen Vaters Willen und Wohlgefallen vollführen soll, den er nicht hinausstoßen kann, ohne sich selbst zu verleugnen und seinem eigenen Wort zu widersprechen, da er bezeugt: „Das ist meine Speise, dass ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.“ O Herr Jesu, ich fühle mich mühselig und beladen, aber ich habe durch das Evangelium dich kennen gelernt als den Heiland aller Sünder, ich glaube, dass du bist, der du bist, und komme zu dir. Siehe, du hast auch mich eingeladen, und mein Herz hält dir vor dein Wort; so erquicke mich, wie du verheißen hast. Du wirst mich nicht hinausstoßen und beschämt stehen lassen, denn dein himmlischer Vater hat mich zu dir gezogen, hat mich zu dir gewiesen und dir übergeben, als dem, der da selig machen kann. Was meine mühselige und beladene Seele von dir begehrt, dessen bin ich zwar nicht wert; aber siehe an deines Vaters Willen und Wohlgefallen, und vollende auch an mir sein Werk. Du kannst es und willst es und wirst es, dass ich meine Lust an deiner Gnade sehe. Amen. (Carl Philipp Johann Spitta)
Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Wie ein schwerer Stein kann die Erinnerung an Gott auf unsere Seele fallen, so dass sie uns zur Last wird, die wir mühsam und keuchend schleppen. Auch für viele, die sich zur Kirche halten, ist ihr Anteil an ihr eine drückende Bürde, die man tragen muss, weil man sie nicht entbehren kann, aber nur mühsam trägt. Was würde aus dem Menschen, was würde aus unserem Volk, wenn es keine Religion mehr gäbe? Davor erschrickt man; aber schwer bleibt es doch, fromm zu sein, schwer, richtige Busse zu tun, schwer, mit Gott ins Reine zu kommen. Aus solchem Druck kann angestrengte Arbeit entstehen, die sich entschlossen und ernsthaft um die Erreichung des religiösen Ziels bemüht. In der Gemeinde, in der Jesus stand, waren solche „Arbeitende“ und „Lastträger“ zahlreich vorhanden. Weil sie im Aufblick zu Gott einzig an sein Gesetz dachten, bekam ihr Gottesdienst leicht Ähnlichkeit mit dem, was der Lastträger tut. Mich selber fromm zu machen ist freilich ein hartes Geschäft, das immer von neuem anfängt und nicht zum Ziele kommt. Kommt zu mir, sagt Jesus allen, die sich mit ihren religiösen Pflichten abmühen, allen, die nach Gerechtigkeit ringen und bei diesem Bemühen scheitern, allen, deren Frömmigkeit ein Suchen nach Gott blieb, das nicht zum Frieden kam. Bei ihm sehen wir eine andere Frömmigkeit als die der atemlos Arbeitenden, als die der Lastträger. Was Gott dem Volk verhieß, als er ihm den Sabbat gab, das war Jesu Eigentum. Er ruht und sein Ruhm gibt nicht nur der Hand, sondern der Seele die Ruhe. Was hilft es, wenn die Hände ruhen und die Gedanken toben und die Begehrung fiebert und das Herz mit wildem Stoß sich selbst bekämpft? Arbeitete denn Jesus nicht? Ich wirke, sagte er, denn der Vater wirkt. Trug er keine Last? Gottes Lamm trug die Sünde der Welt und trug sie an das Kreuz. Das zieht ihn aber nicht aus seiner Ruhe heraus; er hat sie in seinem Wirken und seinem Leiden. Was hat diesen völligen Unterschied hervorgebracht? In der mühseligen und belasteten Frömmigkeit beschaut der Mensch sich selbst, beschäftigt sich mit sich selbst und bleibt immer bei sich selbst. Bei Jesus wird Gott sichtbar und seine Gnade tut ihr Werk. Wenn Gott erscheint, entsteht Stille. Nun ruhen wir.
Weil ich mich oft mit mir selber beschäftige und plage und unter dem, was ich tun soll, müde und wund werde, höre ich, o Herr, mit tausend Freuden auf Deinen Ruf; Komm zu mir, die Ruhe findest du bei Mir. An der Herrlichkeit Deiner Sohnschaft Gottes sehe ich, was auch mir die Ruhe gibt. Amen. (Adolf Schlatter)
“Kommet her zu mir.“
Kommet! ist der liebliche Zuruf, den die evangelische Heilsbotschaft an uns richtet. Das alttestamentliche Gesetz befahl in strengem Tone: „Gehe, habe acht auf deine Tritte, dass du richtig wandelst. Brich das Gesetz, so wirst du umkommen; halte die Gebote, so wirst du leben.“ Das Gesetz war ein Bund der Schrecknisse, der die Menschen vor sich hintrieb wie mit Geißelhieben; das Evangelium zieht die Sünder mit Seilen der Liebe. Jesus ist der gute Hirte, der vor den Schafen hergeht, der sie Ihm nachfolgen heißt und sie zu den lieblichen Höhen des Himmels leitet mit dem süßen Lockruf: „Kommet.“ Das Gesetz verstockt, das Evangelium lockt. Das Gesetz offenbart die Kluft, die zwischen Gott und Menschen befestigt ist; das Evangelium überbrückt den schauerlichen Abgrund, und trägt den Sünder sicher hinüber.
Vom ersten Augenblick deines geistlichen Lebens an bis hinaus zu deinem Eingang zur ewigen Herrlichkeit lautet Christi Einladung an dich: „Komm, ja, komm her zu mir.“ Gerade wie eine Mutter, die ihrem Kindlein den Finger darreicht und es zum Gehen ermutigt mit den Worten: „Komm,“ so macht‘s auch der Herr Jesus. Er bleibt allezeit vor euren Augen und heißt euch Ihm nachfolgen, wie ein Krieger seinem Heerführer nachfolgt. Er schreitet unaufhörlich vor euch her, um euch den Weg zu bahnen und euren Pfad zu ebnen, und ihr vernehmt seine aufmunternde Stimme, wie Er euch durch euer ganzes Leben hindurch Ihm nachfolgen heißt; und in der feierlich ernsten Stunde des Todes ruft Er euch mit dem köstlichen Zuruf ab in die himmlische Heimat: „Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters.“ Aber dies ist nicht allein Christi Zuruf an dich, sondern, wenn du an Ihn glaubst, so ist‘s auch dein Sehnsuchtsruf nach Ihm: „Komm! ja, komm!“ Dich verlangt sehnlich nach seiner zweiten Zukunft; du rufst aus: „Komm bald; ja, komm, Herr Jesu!“ Du seufzest nach innigerem und herzlicherem Umgang mit Ihm. So wie seine Stimme dir zuruft: „Komm,“ so antwortet Ihm deine Stimme zurück: „Komm, o Herr, und bleibe bei mir. Komm, und nimm alleinigen Besitz von meinem Herzen, wohne und throne darin; herrsche darin unumschränkt und mit ungeteilter Gewalt, und heilige mich ganz zu Deinem Dienst.“ (Charles Haddon Spurgeon)
Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch Ruhe geben.
Wir, die errettet sind, finden Ruhe in Jesu. Die, welche nicht errettet sind, werden Ruhe empfangen, wenn sie zu Ihm kommen, denn hier verheißt Er, sie zu „geben“. Nichts kann freier sein, als eine Gabe; lasst uns fröhlich annehmen, was Er fröhlich gibt! Ihr sollt sie nicht kaufen noch borgen, sondern sie als eine Gabe annehmen. Ihr mühet euch ab unter der Peitsche des Ehrgeizes, der Habgier, der Lüste oder der Sorge: Er will euch aus dieser eisernen Knechtschaft befreien und euch Ruhe geben. Ihr seid „beladen“, - ja, schwer beladen mit Sünde, Furcht, Sorge, Gewissensangst, Todesfurcht, aber, wenn ihr zu Ihm kommt, will Er euch entlasten. Er trug die zermalmende Maße unsrer Sünde, damit wir sie nicht länger trügen. Er machte sich zum großen Bürdenträger, damit jeder Schwerbeladene aufhörte, unter dem furchtbaren Drucke sich zu beugen.
Jesus gibt Ruhe. Es ist so. Willst du es glauben? Willst du die Probe versuchen? Willst du das sogleich tun? Komme zu Jesu, indem du jede andre Hoffnung aufgibst, an Ihn denkst, Gottes Zeugnis über Ihn glaubst und Ihm alles anvertrauest. Wenn du so zu Ihm kommst, so wird die Ruhe, die Er dir geben wird, tief, sicher, heilig und immerwährend sein. Er gibt eine Ruhe, welche sich zum Himmel entwickelt, und Er gibt sie noch diesen Tag allen, die zu Ihm kommen. (Charles Haddon Spurgeon)
Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.
Jesus sagt: „Kommet zu mir, - nicht zu jemand anders, sondern zu mir.“ Er sagt auch nicht: „Hört eine Predigt über mich,“ sondern er sagt: „Kommet zu mir. Kommet zu mir, gleich und ohne Vermittler.“ Ja, kommt gleich zu Jesus, kommt zu Jesus selbst. Ihr braucht einen Vermittler zwischen Gott und euch, aber ihr braucht keinen Mittler zwischen euch und Christus. Jesus Christus ist der Mittler zwischen euch und dem Vater; ihr braucht niemanden, der zwischen euch und Christus steht. Zu ihm dürfen wir unmittelbar und mit unverhülltem Angesicht aufschauen, so sündhaft wir auch sein mögen. Erquickung und Herzensfrieden ist mehr wert als alles Gold. Friede zu haben, dar die Seele nicht mehr hin- und hergeworfen wird; sich sicher, fröhlich, glücklich zu fühlen, das ist besser als alle Schätze der Welt. Eines Menschen Leben besteht nicht darin, dass er die Fülle aller Güter hat; mancher Arme ist glücklicher als der Besitzer großen Gutes, denn nicht Reichtum, sondern Genügsamkeit gibt Frieden.
Das Kräutlein Seelenfrieden wächst oft in einem kleinen Garten; glücklich, wer es immer am Herzen trägt. Denn dieses Gut,. das Jesu allen verheißt, die zu ihm kommen, leuchtet heller als Perlen und Edelsteine. Unser Herr Jesus kann allen Mühseligen und Beladenen Ruhe geben. Er verheißt nicht mehr als er leisten kann. Du magst noch so schwarz und gräulich aussehen - er kann dich befreien, er kann es und er will es, zweifle nicht daran.
Kommet zu mir, sagt er, und ich will euch Erquickung geben. Das ist das Evangelium. Du sagst: „Herr, ich kann dir nichts geben.“ Er verlangt auch nichts. Er gibt. Nicht was du Gott gibst, sondern was er dir gibt, dient zu deiner Seligkeit. So komm doch und nimm; Gottes Gabe liegt offen vor dir. Wenn du auch als Jesu Jünger ihm dein ganzes Leben dientest, du machst ihn dadurch nicht reicher. Er ist für dich gestorben, kannst du ihm dass jemals vergelten? Er lebt im Himmel und bittet für dich und liebt dich; kannst du ihn dafür belohnen? Unsere Hoffnung liegt nicht in dem, was wir ihm etwa geben könnten, sondern in dem, was er uns gibt. Es kommt für uns alle ein Tag, wo wir uns nach Ruhe und Erquickung sehnen. Wir brauchen sie auch jetzt schon notwendig, und ohne sie führen wir ein trostloses Leben. Wenn wir auch haben, was unser Herz wünscht, fühlen wir doch, dass wir nicht glücklich wären ohne unseren Heiland. Wir alle müssen sterben, und was dann? Ein junger Mann sagte zu seinem Vater: „Es geht mir jetzt ausgezeichnet in meinem Geschäft; wenn es so weiter geht, wohin führt das schließlich?“ „Ins Grab,“ antwortete der Vater. Ja, so ist es. Alles Irdische endet hier auf Erden. Wären wir doch immer bereit zum Sterben! Wer recht zum Leben bereit ist, der ist auch bereit zum Sterben. Der Tod brauchte keinen plötzlichen Ruck in unsrem Dasein zu machen, das Leben sollte dahinfließen wie ein Strom, der ganz von selbst endlich ins Meer einmündet; aber das ist nur möglich, wenn es in dem rechten Bette dahinfließt. Wenn wir jetzt auf dem rechten Wege sind, auf dem Weg des Glaubens, der Liebe, der Gottesfurcht, und auf dem Weg beharren, so wird Jesus am letzten Gerichtstage wieder zu uns sagen: „Kommet her; kommet her, ihr Gesegneten meines Vaters, und ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.“ (Charles Haddon Spurgeon)
Kommt her zu Mir – so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Wenn ein Mensch vom Geist Gottes erweckt und angetrieben wird, für seine Seligkeit zu sorgen, so strengt er gemeiniglich aus Mangel des nötigen Lichts zuerst die Kräfte seiner Natur an, um fromm zu werden, und dadurch Ruhe für seine Seele zu erlangen. Nun ist zwar solches nicht ohne allen Nutzen, und der Geist Gottes wirkt unter die menschlichen Bemühungen auch hinein: doch wird der Mensch nach und nach inne, dass es nicht an seinem Wollen oder Laufen liege, sondern an Gottes Erbarmen, dass Christus die Wahrheit gesagt habe, da Er gesprochen habe: ohne Mich könnt ihr nichts tun, und dass diejenige Arbeit in der Bekehrung, wobei man nicht zu Christo kommt und an Ihn gläubig wird, keine Ruhe gewähre, sondern nur ermüde. Neben dieser Arbeit gibt es auch Lasten gesetzlicher Lehren und Menschen-Gebote (Matth. 23,4.), und andere Plagen, auch fühlt der Mensch seine Sünde als eine schwere Last. Was ist nun solchen Mühseligen und Beladenen zu raten? Sie sollen zu Christo kommen. Er ruft ihnen selber zu: kommet her zu Mir. Wie sollen sie aber zu Ihm kommen, da sie nichts vermögen? Sein Ruf gibt ihnen Kraft zum Kommen, und zieht sie zu Ihm. Wenn sie aber zu Ihm kommen, wie wird Er sich gegen ihnen erzeigen? So, wie Er Matth. 11,28. versprochen hat, da Er sagte: Ich will euch erquicken. Und fürwahr Er ist’s allein, der die müden Seelen erquicken kann, wenn er Sich mit Gnade zu ihnen wendet, sie der Vergebung ihrer Sünden vergewissert, sie freundlich anblickt, und Seine Liebe fühlen lässt. Sie sollen aber auch fromm und weise werden. Freilich: aber auch dafür will der freundliche und treue Heiland sorgen. Sie sollen’s durch Ihn werden; Er sagt deswegen: nehmt auf Mein Joch, lasst mich euren HErrn sein, unterwerft euch williglich dem sanften Regiment, das Ich durch Meinen Geist in euch führen will, damit ihr einen wohlgeordneten und heiligen Wandel führen könnt, und lernet von Mir, damit ihr weise werdet; denn Ich will euch das Verständnis öffnen, dass ihr die Schrift in allen nötigen Artikeln und bei allen vorkommenden Fällen verstehet. Allein solche Seelen sind blöde und schwach und sehr elend und verächtlich. Wohlan, der Heiland ist aber sanftmütig, und weiß die Blöden zu trösten und der Schwachen zu warten. Er zerbricht kein zerstoßenes Rohr, und löscht kein glimmendes Docht aus, sondern bringt beide durch eine sanftmütige Behandlung zurecht. Was entsteht endlich aus diesem Allem? dieses, dass die Kommenden Ruhe für ihre Seelen finden; diejenige Ruhe nämlich, welche ihnen ihre eigene Arbeit nicht verschaffen konnte, und woran sie die Lasten, die sie tragen müssen, gehindert hatten: das Joch oder Regiment Christi aber hindert sie nicht daran, denn es ist sanft, und Seine Last oder Seine Lehre stört sie ihnen nicht, denn sie ist leicht. Unter dem Joch Christi arbeiten sie auch, aber in der Ordnung und bei dem Genuss des Friedens Gottes, und Seine Last hält sie auch in den Schranken eines demütigen Gehorsams, lässt sie aber dabei eine erquickliche Seelenruhe empfinden. (Magnus Friedrich Roos)
Kommt her zu Mir, Alle, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch erquicken – Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig – ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen.
David sagt Ps. 23,1.2.3.: der HErr ist mein Hirt, mir wird nichts mangeln – Er führt mich zu den Wassern der Ruhe – Er erquickt meine Seele. Ps. 19,8. aber und in vielen Stellen des Ps. 119. preist er die erquickende Kraft des göttlichen Wortes. Das Hohe Lied aber ist eine sehr rührende Beschreibung geistlicher Erquickungen, so treue Seelen von dem Sohn Gottes empfangen. Jesaias gibt dieses als den Inhalt der Verheißungen und des Evangelii an, dass man zu den Menschen sage: so hat man Ruhe, so erquicke man die Müden, so wird man stille, wiewohl er hinzusetzt: aber sie wollen doch solcher Predigt nicht. Der HErr Jesus entdeckt aber Matth. 11,28. am deutlichsten, wer eine geistliche Erquickung gebe, und worauf es hierbei ankomme. Die Mühseligen und Beladenen, sagt Er, sollen zu Ihm kommen, Er wolle sie erquicken. Die Seele ist nämlich nicht nur ein denkendes, sondern auch ein empfindendes Wesen, und hat, wenn sie wiedergeboren ist, neue Sinnen, wodurch sich der HErr Jesus ihr zu genießen geben, und sie erquicken kann. Nach denselben kann sie schmecken und sehen, wie freundlich Er ist, Ps. 34,9. Wenn Er unsichtbar zu ihr nahet, so kann sie die angenehme Inbrunst fühlen, welche die Jünger auf dem Weg nach Emmaus empfunden haben. Ja wenn diese ihre geistlichen Sinnen recht erstarkt sind, so ist ihr nichts von allem demjenigen versagt, wovon Salomo im Hohen Lied zeugt. Dieses sind geheime Erfahrungen, wovon schon viele Heilige und Geliebte Gottes gezeugt haben, die man aber denen, welche sie nicht haben, mit Worten nicht begreiflich machen kann. Der HErr Jesus erquickt also die Mühseligen und Beladenen, wenn sie das erste Mal zu Ihm kommen, zum ersten Mal, hernach aber noch öfter, und richtet dadurch die Frucht des Geistes in ihnen an, welche das Gesetz nicht hervorbringen konnte; diese Frucht aber ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit, Gal. 5,22. Welch’ eine süße Frucht ist dieses, die gewiss aus einer süßen Wurzel hervorwachsen muss! Wenn also gleich diese Erquickungen nicht an Einem fort währen, so bleibt doch ihre Frucht beständig. Nach einer andern Vorstellung kann man sagen, dass solche Christen das Joch Christi, welches sanft ist, anstatt der vorigen Bürde auf sich lieben haben, das ist, von Ihm als ihrem HErrn freundlich regiert werden, und von Ihm täglich lernen, was sie glauben und tun sollen, folglich Seine leichte Last tragen, wie denn die Propheten ihre Lehre oder Weissagung eine Last des HErrn zu nennen pflegten. Hierbei dürfen sie sich nicht mehr mit den Kräften ihrer Natur zerarbeiten, wie vorher, weil die Last oder Lehre Jesu ihnen selbst geistliche Kräfte gibt. Weil sie schwach sind, kommt ihnen die Sanftmut Jesu, und weil sie gering und verächtlich sind, Seine herzliche Demut zu statten. Und so finden sie eine Ruhe für ihre Seelen, welche ein Angeld und Vorschmack der ewigen Ruhe ist. Sind wir nun zu Jesu gekommen? Und kommen wir, so oft wir uns mit irdischen Dingen bemüht, oder gar befleckt haben, täglich zu Ihm? Ach, es geschehe also; denn wir dürfen nicht meinen, dass Er bei Seiner unermesslichen Liebe unserer müde werde; wie Er denn selber Joh. 6,37. sagt: wer zu Mir kommt, den werde Ich nicht hinausstoßen. (Magnus Friedrich Roos)
Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.
Schöne Zeit, als der Herr vom Himmel noch auf Erden unter den Menschen wohnte! Es war in ihm eine unerschöpfliche Kraft und eine ebenso unerschöpfliche Liebe; eine Kraft, die jedem Elend gewachsen war, eine Liebe, die immer bereit war, das irdische Elend durch himmlische Kräfte zu lindern. Er rief: „Kommt her zu mir! kommt alle, ihr Mühseligen und Beladenen!“ Und der Ruf drang in die Hütten der Armut und des Elends; und sie kamen von allen Seiten; wer nicht allein gehen konnte, ließ sich hinführen; und wer sich nicht führen lassen konnte, ließ sich hintragen zu dem wunderbaren Mann, der sie so freundlich rief. Sehet den Herrn und diese Schar mühseliger, beladener Menschen um ihn her! Er verachtet keinen, er streckt seine Hand nach ihnen allen aus, und im Augenblicke weicht der langgetragene Schmerz, und die unheilbare Krankheit weicht, und wer trostlos getrauert hatte, sieht sich nun mit einemmale himmlisch getröstet und erquicket. Dieselben Augen, vor denen soeben noch undurchdringliche Finsternis gelegen hatte, sind nun dem süßen Lichtstrahl geöffnet, und ihr erster Blick fällt auf den Herrn. Wer noch nie ein Wort vernommen hatte, hört nun, und das erste ist ein Wort des eingebornen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit. Die Zunge, die bisher gebunden war, wird nun gelöst, und die ersten Worte, die sie ausspricht, sind Worte des Dankes für die empfangene Gnade. Die Gichtbrüchigen, denen Hände und Füße wie gefesselt waren, können nun niederfallen vor dem Heiland und die Arme gen Himmel ausbreiten in unaussprechlicher Freude. Sehet den Herrn und diese Schar erlöster, jubelnder Menschen um ihn her! War es nicht eine wundervolle Gnadenzeit, als er auf Erden unter den Menschen wohnte, als er die Mühseligen und Beladenen so freundlich zu sich rief? Und war es nicht wohlgetan, wenn die Leidtragenden sich aufmachten, dem Rufe zu folgen? Derselbe Heiland gehört der ganzen Welt, er gehört auch dir an, und sein freundlicher Ruf ergeht auch an dich. Er sieht dich, und dein Elend rührt ihm das Herz, und er spricht zu dir von Erquickung, von Ruhe der Seele. - Ruhe der Seele: weißt du unter allen Gütern der Welt eins, das diesem gliche? Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Ich will euch erquicken, sagt er, ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Wie es auch übrigens mit dir stehen möge, wenn nur der innere, verborgene Mensch des Herzens Erquickung fände und Ruhe, wärest du dann nicht ein seliger Mensch, nicht auf Erden schon wie im Vorhofe des Himmels? So soll es mit dir werden, das ist der gnädige Wille des Herrn. Darum ruft er noch jetzt ohne Unterlass: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ (Ranke.)
Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. ^Nehmt auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht!
Da Der Allermühseligste und Beladenste, der unter dem Kreuzes-Joch zusammenbricht, der die Last der Sündenstrafen aller Welt getragen hat, der ruft zu sich seine mühseligen und beladenen Brüder und bietet ihnen Erquickung. O, mein Jesu! wie wunderbar ist doch Dein Gemüt! kein Mensch hat Dir Erquickung geboten, als Du verschmachtetest, und da Deine Zunge war wie ein vertrockneter Scherben, haben sie Dir Essig geboten in Deinem großen Durst. Und nun willst Du Erquickung bieten Allen, die zu Dir kommen. Welche Erquickung mag das sein? Das ist es, mit Dir an Einem Joche tragen, Dein Kreuz-Geselle werden; denn durch solche Freundschaft und Gemeinschaft wird das Joch sanft und die Last leicht. Wie ist das möglich? Heilige Liebe tut es! Deine Liebe zu uns, die Dich getrieben, all' unsere Mühsal und Last auf Dich zu nehmen! ist es nicht tröstlich, Gefährten zu haben im Leiden? aber was sollen die menschlichen Leidensgefährten, abnehmen können sie's uns doch nicht. Aber du, vom Himmel gekommener Leidens-Gefährte, Du hast's uns abgenommen und nimmst es uns immerdar ab, denn Du trägst unsere Sünde, die furchtbarste Last und Plage. Sind wir die nur los, dann ist das Andere nicht schlimm. Denn da tritt nun unsere Liebe zu Dir ein, die sagt uns: nimm's nur getrost auf Deinen Rücken, es kommt von Ihm, dem Geliebten, dem mühseligen und beladenen Jesus! sieh' auf Seinen Rücken, auf Sein Kreuz, wie ist Er doch von Herzen sanftmütig und demütig, lerne von Ihm, es ist ein seliges Lernen und Lehren! kann Er's denn böse mit Dir meinen? merkst Du nicht, dass lauter Süßigkeit drin steckt, nämlich Seine einzige Liebe, womit Er Dich je und je geliebt hat und liebet, und will nichts anderes, als Dich zu sich ziehen. Es geht nur nicht anders, als unter Beschwerung. Ohne Gewicht steht die Uhr still, und ohne Kreuz keine Krone! (Nikolaus Fries)